11.02.2012 18:17 | Meine Presse Merkliste0

Willkommen, Frau Minister!

GASTKOMMENTAR VON THOMAS SCHMIDINGER (Die Presse)

Um die Unis aus der Krise zu holen, braucht man Geld. Aber nicht nur.

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Die gute Nachricht ist, dass wir endlich wieder eine Wissenschaftsministerin haben, die hoffentlich mehr als ein EU-Kommissar im Wartestand ist. An den Universitäten erwarten viele von Beatrix Karl, dass sie nun endlich ernsthaft auf die Krise der Universitäten reagiert und diese nicht nur aussitzt.

Wenn sie dabei in ihrem ersten Fernsehinterview betont, dass Geld nicht alles ist, so ist dies zwar richtig. Ohne mehr Budget– da ist man sich von den Rektoren bis zu den Studierenden einig – wird es allerdings auch nicht gehen. Tatsächlich könnten einige Reformen jedoch auch sofort in Angriff genommen werden. Ein nicht unwesentlicher Teil der Probleme der Universitäten stellt die Entdemokratisierung der Unis in der Folge des Universitätsgesetzes (UG) 2002 dar. Das UG hat nicht nur die alte Beamtenuniversität zum neoliberalen Unternehmen umgebaut, sondern auch die inneruniversitäre Demokratie massiv beschädigt. Wer die Krise des tertiären Bildungssektors konstruktiv bewältigen will, muss allerdings zunächst eine Redemokratisierung der Universitäten vorantreiben.


Zweiklassenuniversität

Nur so können real vorhandene Probleme rechtzeitig zur Sprache kommen und alle Beteiligten in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. In einer demokratischen Universität hätten sich die Rektoren der Universität Wien und der WU wohl auch kaum zu ihrem fürstlichen Gehalt noch leistungsbezogene Prämien sichern können, während ihre Studierenden keine Plätze in überfüllten Hörsälen finden und Nachwuchswissenschaftler nicht wissen, wie sie finanziell über die Runden kommen. Der neuen Ministerin muss hier wohl noch einiges mehr einfallen, als über eine Wiedereinführung der Studiengebühren nachzudenken und damit die soziale Selektion der Studierenden unter Umständen noch weiter zu verschärfen.

In der Folge des UG 2002 hat sich eine Zweiklassenuniversität herausgebildet, in der jüngere Wissenschaftler nur noch in zeitlich befristete Anstellungsverhältnisse ohne Verlängerungsmöglichkeiten kommen. Es ist kaum mehr möglich, langfristige Anstellungen zu bekommen. Die Zahl der Lektoren, die jeweils nur Semesterverträge erhalten, hat sich hingegen vervielfacht. In einigen Studienrichtungen wird bereits ein Großteil der Lehre von Lektoren gehalten, die insbesondere in sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern auch außerhalb der Universität oft nur über kurzfristige Projekte ihren Lebensunterhalt finanzieren können. Obwohl Lektoren in einigen Studienrichtungen mehr als die Hälfte der Lehre abdecken, sind sie kaum in die universitären Strukturen eingebunden. Dabei lehren eine ganze Reihe von Lektoren seit Jahren bis zu acht Semesterwochenstunden. Ihre Verträge erhalten sie trotzdem immer nur für ein Semester.

Wenn vonseiten der jeweiligen Institute überhaupt Infrastruktur zur Verfügung gestellt wird, sind dies allenfalls Kopierkarten, Institutsschlüssel oder ein Postfach. Kaum irgendwo steht ein Schreibtisch zur Verfügung. Eine angemessene Infrastruktur und längere Verträge für alle Lektoren, die längerfristig vier oder mehr Semesterwochenstunden lehren, gehören seit Langem zu den Minimalforderungen der IG externe Lektoren und freie Wissenschafter.

Für die Dauer ihrer Anstellung sind zwar Projektmitarbeiter aus drittmittelfinanzierten Projekten wesentlich besser abgesichert. Sie, die ihre Projektgelder meist selbst beantragen und damit wesentlich zum Budget der Universitäten beitragen, stehen allerdings nach spätestens sechs Jahre vor dem Aus. Die sogenannte „Kettenvertragsregelung“ erlaubt keine weitere Verlängerung befristeter Verträge, und die Universitäten weigern sich, unbefristete Verträge zu schließen. Auch beim neuen Mittelbau (bei den verschiedenen Formen von Universitätsassistenten bzw. Prä- und Postdoc-Stellen) zwingt der Umgang der Universitäten mit der Kettenvertragsregelung jüngere Wissenschaftler entweder zur Abwanderung oder zum Abbruch der wissenschaftlichen Karriere.

Die entdemokratisierten Strukturen der Universitäten führen jedoch dazu, dass die Anliegen von Lektoren und neuem Mittelbau kaum mehr gehört und formuliert werden. Zum von Minister Hahn einberufenen „Hochschuldialog“ wurden Vertreter von Lektoren und neuem Mittelbau nicht einmal eingeladen. Während an einigen Universitäten einzelne Rektoren oder Uniratsmitglieder durchaus an einem ernsthaften Dialog interessiert waren, gab es vonseiten des Ministeriums bisher keine Bereitschaft, auch auf die Interessen von Lektoren, Projektmitarbeitern und neuem Mittelbau einzugehen.


Stark verschulte Studienpläne

Ohne sich Illusionen hinzugeben, hätte die neue Ministerin doch zumindest die Chance auf einen Neuanfang. Spätestens im März hätte Frau Karl die Chance, sich an einer kritischen Revision des Bologna-Prozesses zu beteiligen. Vom 11. bis 12. März werden die Bildungsminister von 46 europäischen Staaten zur Zehnjahresjubiläumskonferenz des Bologna-Prozesses in Wien erwartet. Obwohl der Bologna-Prozess selbst an seinen eigenen Zielsetzungen gescheitert ist und die stark verschulten Studienpläne sogar zu einem Rückgang der Mobilität der Studierenden in Europa geführt haben, ist bislang jedoch wenig Selbstkritik zu hören. Die Verschulung des Bachelors und die zunehmende Verengung der Master- und PhD-Studien zu Eliteprogrammen werden zwar an den Universitäten, nicht aber in der Politik debattiert. Es wird sich zeigen, ob die neue Ministerin die Anliegen des geplanten Gegengipfels von Studierenden, Lehrenden und Forschenden ernst nimmt oder lieber eine fehlgeschlagene Reform mitabfeiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2010)

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7 Kommentare
Gast: Niederösterreich
04.02.2010 01:45
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Die Tätigkeit als Universitätsassistent ist sicher keine Lebensaufgabe.

Das Ärgste wäre wohl, wenn der Einstieg in die wissenschaftliche Laufbahn durch pragmatisierte Assistenten, die bis zur Pensionierung auf ihrer Planstelle hocken, blockiert wäre. Entweder man kommt auf der Karriereleiter weiter oder man sucht sich einen anderen Beruf!
Viel brennender sind die Probleme, die sich den frisch ausgebildeten Akademikern stellen: es werden zwar Zeitungswissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen, Juristen etc. weit über den Bedarf "produziert", mit den adäquaten Posten hapert es aber dann. Es ist zynisch, in dieser Situation zu behaupten, daß man durch Weiterbildung leichter eine Anstellung bekommt. Oder war damit der Posten eines akademisch gebildeten Tankwarts oder einer Häuselfrau gemeint, die den Hilfsarbeitern vorzuziehen wären? Der Gipfel der Frechheit ist es wohl, wenn man die auf Postensuche befindlichen Jungakademiker damit tröstet, daß sie durch ihre jahrelanges Studium "etwas für die persönliche Bildung" getan hätten. Zu soviel Zynismus können sich wohl nur "basisdemokratisch" orientierte ÖH-Funktionäre versteigen!

Antworten Gast: Oswald Ebenseer
04.02.2010 08:26
0 0

Re: Die Tätigkeit als Universitätsassistent ist sicher keine Lebensaufgabe.

Völlig richtig. Da es zu viele Akademiker/ Nachwuchswissenschaftler bzw. zu wenig adäquate Arbeitsplätze gibt, ist das Gerangel um die miserabel bezahlten Lektorenstellen dermaßen groß.
Da aber die Zahl der MaturantInnen von Jahr zu Jahr steigt, wird sich die Situation wohl noch verschlechtern und das Lohndumping wird auch bei den höher gebildeten Arbeitnehmern munter voranschreiten.
Wie lange werden sich die Arbeitnehmer diese unhaltbaren Zustände noch gefallen lassen?

Gast: gast
03.02.2010 15:28
1 0

lieber hugo

bin auch deiner meinung, voll und ganz! das problem ist jedoch, dass die meisten so feige sind, dass sie nichtmals bereits sind, über ihre extrem prekäre lage in der öffentlichkeit zu sprechen. a) weil viele der lektoren den schein aufrecht erhalten wollen, dass es ihnen eh besser geht als den reinigungskräften (was nicht stimmt wenn man den stundenlohn hernimmt), und b) weil sie sich vor öffentlicher kritik fürchten, und zwar fürchten sie keine lehraufträge mehr zu bekommen und schwierigkeiten mit der spl undem rektorat. feigheit ist hierzulande leider weit verbreitet, auch unter lektorInnen.

Antworten Gast: Waldemar
03.02.2010 17:51
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Re: lieber hugo

Völlig richtig: Derzeit ist es tatsächlich so, dass eine Reinigungskraft mehr verdient als ein externer Lektor an der Uni Wien, der pro Semester mit 1600 Euro brutto auskommen muss!!!


Antworten Antworten Gast: gast
03.02.2010 20:10
1 0

Re: Re: lieber hugo

für einen lehrauftrag bekommt man als lektorIn pro monat knapp über die geringfügigkeit bezahlt. also knapp über 360 euro!!!
ohne büro, ohne computer, ohne sicherheit im nächsten semester wieder unterrichten "zu dürfen"!!!!! das ist wahnsinn, sonst gar nix. und daher fände ich es wichtig, dass die externen lektorInnen allesamt streiken. doch wie gesagt sind leider die meisten viel zu feige dazu.

Antworten Antworten Antworten Gast: Hugo
03.02.2010 22:29
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Re: Re: Re: lieber hugo

Es wäre die Aufgabe von Schmidinger als Vorsitzender der IG externe Lektoren und freie Wissenschafter den Streik der Lektoren vorzubereiten und nicht ständig über die schlechte "Bezahlung" zu jammern.
Es müssen endlich Konsequenzen folgen, wobei zu befürchten steht, dass es aufgrund der vielen Anwärter auf einen Lehrvertrag en masse Streikbrecher geben würde, die sich liebend gern ausbeuten lassen, in der Hoffnung irgendwann einmal eine Festanstellung an der Uni zu kriegen.

Gast: Hugo
03.02.2010 08:04
1 0

Auch die externen Lektoren müssen umdenken!

Solange die externen Lektoren bereit sind, für eine Hungerlohn Lehrveranstaltungen an den Universitäten abzuhalten, wird sich an dieser Misere wenig ändern.
Obwohl die Bezahlung der Lektoren einem Hohn gleich kommt, müssen angesichts der vielen Bewerber, welche sich als externe Lektoren versuchen wollen, sogar Leute abgewiesen werden.
Da die Wirkung ungleich größer wäre, sollten anstelle der Studenten die externen Lektoren streiken, um diese menschenunwürdigen Zustände zu beenden.

Hinweis

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