25.05.2012 19:43 | Meine Presse Merkliste 0

Von der Torheit der Regierenden

GASTKOMMENTAR VON ANDREAS MÖLZER (Die Presse)

Ist ein Dacapo der blau-schwarzen Wenderegierung denkbar?

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Nein, regierungsfähig sei diese FPÖ unter dem Politkrawallisten Heinz-Christian Strache heute gewiss nicht, heißt es immer, wenn aus Anlass des Zehnjahrjubiläums des Regierungsantritts von Blau-Schwarz im Jahre 2000 die Frage nach einer neuerlichen „bürgerlichen“ Koalition erhoben wird. Damals, das sei doch etwas ganz anderes gewesen, die Haider-FPÖ habe immerhin originelle Ideen eingebracht (so jüngst Andreas Khol), und die Wende weg von der ausgelaugten rot-schwarzen Großen Koalition sei in der Luft gelegen. Und außerdem war da ja noch der Wählerwille...

Und heute? Heute ist die große rot-schwarze Restkoalition innovativ, dynamisch und reformfreudig? Heute ist der Wählerwille ganz anders? Sind es nicht weit über 50Prozent, die ein insgesamt nichtsozialistisch regiertes Österreich goutieren würden?

Ach, wie sich die Bilder in Wahrheit gleichen: Die Freiheitlichen, allzumal nach dem Beitritt der Kärntner FPK und dem zu erwartenden Abschwellen der einigermaßen gekünstelten medialen Empörung, werden über kurz oder lang eine ähnliche Stärke haben wie die Haider-FPÖ Ende der 90er-Jahre. Der Überdruss an der Großen Koalition wird wachsen, denn nichts deutet darauf hin, dass das Duo Faymann-Pröll sich zu Reformgiganten auswachsen könnte. Und jene Probleme, in denen die breite Mehrheit der Bevölkerung der Strache-FPÖ die Meinungsführerschaft zugesteht, eben die Frage der Zuwanderungsgesellschaft und die Dramatik der Sicherheitssituation, sie werden immer dringlicher.


Der „Verfassungsbogen“

Wie sollte es da verhinderbar sein, dass andere Regierungsoptionen unter Einbeziehung der Freiheitlichen ins Gespräch kommen, allzumal dann, wenn bei den kommenden Wahlen in den Ländern der Wählerwille entsprechende Möglichkeiten offenlässt beziehungsweise sogar nahelegt.

In den späten 90er-Jahren gab es da den Verfassungsbogen, dessen Copyright-Inhaber, Andreas Khol, ex cathedra erklärte, wer sich darunter befinde und wer außerhalb. Haiders FPÖ jedenfalls blieb außerhalb – bis zu dem Tag, an dem der Wähler im Herbst 1999 die Option einer blau-schwarzen Koalition auftat.

Ähnlich wird es sich wohl mit der gegenwärtig allenthalben diagnostizierten Regierungsunfähigkeit der Strache-FPÖ verhalten. Diese wird für die Parteizentralen von SPÖ und ÖVP an genau jenem Tage enden, an dem sich die reale Möglichkeit einer Regierungskoalition eröffnet, bei der die parteitaktischen Vorteile für eine der angeblich so staatstragenden und damit regierungsfähigen Parteien offenkundig ist.

Wenn man sich aber von derlei allzu opportunen Überlegungen freimacht und mit nüchternem Blick auf die österreichischen Parlamentsparteien, deren Personal und deren Programmatik die Frage stellt, welche Partei sich als ebenso regierungsfähig wie regierungswürdig erwiese, dann sieht es traurig aus. Die politischen Eliten der Republik sind im freien Fall, was Ethos, Bildung und handwerkliche Fähigkeiten betrifft.

Gemäß dem „ehernen Gesetz der Oligarchie“ beherrschen mediokre Parteiapparate und mit ihnen verhaberte Medienmacher unterdurchschnittliche Politrepräsentanten, deren Opportunismus umso größer ist, je näher sie an den Machtzentren angesiedelt sind. Womit die Regierenden eindeutig schlechtere Karten haben als die Oppositionellen. Was wieder gegen Faymann und Pröll spricht und für Glawischnig, Bucher und Strache. Was aber nur ein relatives Urteil ist und kein absolutes in Hinblick auf Kenntnisse und ethische Bindung.

Die viel zitierte „Torheit der Regierenden“ manifestiert sich hiermit also insgesamt in der politischen Klasse und das nicht nur in Österreich, sondern gewiss quer durch Europa. Regierungsfähigkeit von ÖVP und SPÖ ist allenfalls dadurch im höheren Maße gegeben, dass es abhängige und damit willfährige Medien gibt, die das Agieren beider Parteien schönschreiben und schönreden und dass es im Rest des rot-weiß-roten Kammerstaats institutionelle Strukturen gibt, die ein Minimum von fachlicher Zuarbeit garantieren. Was die angebliche Regierungsunfähigkeit oppositioneller Parteien betrifft, so ist es allenfalls das Fehlen dieser beiden Faktoren, welche dieselbe ausmachen.

Eine Lehre allerdings ist aus den politischen Entwicklungen des Winters 1999/2000 wohl zu ziehen: Der Wechsel von der Fundamentalopposition hin zu zumeist allzu pragmatischer Regierungstätigkeit ist mühsam und mit der Akzeptanz schmerzhafter Verluste bei kommenden Wahlen verbunden. Jede politische Partei, die kurz- oder mittelfristig regieren will, wird daher gut daran tun, ein Minimum an politischer Vernunft und Realisierbarkeit im Hinblick auf ihre Programme zu gewährleisten. Wer allen alles verspricht, jedem Wählersegment das konträr zu den Bedürfnissen des jeweilig anderen Stehende, riskiert nicht nur seine aktuelle Glaubwürdigkeit, er garantiert ein allzu rasches Scheitern, sollte er jemals an die Regierung kommen. Angesichts anstehender Wahlen mag dies für eine oppositionelle politische Bewegung zweitrangig sein, klug ist es nicht. Das muss sich auch eine erfolgreiche Oppositionspartei wie die FPÖ ins Stammbuch schreiben lassen.

Andreas Mölzer (geboren am 2.Dezember 1952 in Leoben) ist ein österreichischer Publizist und Abgeordneter im Europaparlament.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2010)

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13 Kommentare
Geldfux
06.02.2010 14:01
0 0

Es gab nie eine Wende-Regierung,

sondern nur einen Wechsel der Schauspielerpuppen, die die einzelnen Regierungsämter besetzten. Denn die für Österreich typische Staatsform ist ein klerikal-sozialistischer Ständestaat, der sich am besten mit einer großen Koalition führen lässt.
Erst die vorletzte rot-schwarze Koalition hat auch die Kammern in die Verfassung einbetoniert. Nun führt die rot-schwarze Koalition gemeinsam mit den Kammern, mit den Gewerkschaften, den Bauernbündlern und dem allgegenwärtigen Segen der katholischen Amtskirche die Sozialpartnerschaft fast konfliktfrei.

Ob nun die Schüsselpuppe oder die Klimapuppe diese Regierung leitet ist völlig egal. Auch Faymann und Pröll können dieses Spiel festlich begleiten, nur wenn es gilt die seit 1955 kontinuierlich aufgebauten Staatsschulden zu reduzieren, versagen alle, ob Grasser, ob Molterer, ob Pröll, oder vorher Klima, wie Edlinger, es gab und gibt defacto keinen Unterschied!!

Gast: ???
06.02.2010 12:33
0 0

nichtsozialistisch?

Leider kann ich Ihre Sichtweise nicht ganz nachvollziehen:

"Sind es nicht weit über 50Prozent, die ein insgesamt nichtsozialistisch regiertes Österreich goutieren würden?"

Genau da bin ich mir nicht sicher. Zumal die FPÖ ja auch eindeutig sozialistische Ziele verfolgt und ebenda sehr häufig mit der SPÖ übereinstimmt. Siehe zum Beispiel gemeinsam beschlossenen Wahlzuckerln vor der letzten Nationalratswahl ...

Ich zähle mich eindeutig zu dem Wähleranteil, der ein nichtsozialistisch regiertes Österreich goutieren würde - allein mir fehlt die entsprechende Partei ...

Gast: andreas maier
05.02.2010 19:42
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Die Wende - Teil 2

Werter Herr Mölzer!

Ich muss Ihnen in ihren Ausführungen vollkommen recht geben.
Es ist leicht zu durchschauen, dass die beiden großen Parteien in diesem Land, die FPÖ, solange sie noch unter 20 % der Wählergunst liegt, als primitive Stammtischpartei abtun, die nur durch Deutschtümelei auffällt.
Da ist es nur umso faszinierender, dass der Wähler es doch besser weiß, und gerade er, das dritte Lager, in spätestens zwei Legislaturperioden, wieder zu alter Stärke verhelfen wird.
Da bleibt für jeden nur zu hoffen, dass bei der nächsten Wende, neben der FPÖ, ein Koalitionspartner steht, der wirklich daran interessiert ist Politik für dieses Land zu betreiben, und nicht berechnend anstiftet, und zerstört.

Gast: schlÄchter
05.02.2010 12:29
0 0

sg herr mölzer!

(gewohnt) guter gastkommentar - hut ab.

den zustand der bedauerlichenösterreichischen (oder in ihren grundzügen auch europäischen) politischen verhältnisse haben sie mmn sehr gut herausgearbeitet - auch gefällt mir. dass sie die fpö nicht aussparen und einen eintrag ins satmmbuch vornehmen.

die regierungsfähigkeit der fpö zum derzeitigen zeitpunkt zweifle ich als blau-sympathisant und dauerwähler auch an: gerade im wirtschafts- und außenpolitischenbereich mangelt es fatal an entsprechenden fachleuten.
diese sitzen mmn entweder in der privatwirtschaft oder wenn schon am ehesten bei der övp-zumindestens in dritter oder vierter reihe. dort haben sie aber aufgrund der dortigen internen strukturen und netzwerke vermutlich nie eine chance jemals in die erste reihe zu kommen.
denen gilt es eine neue polit. heimat zu geben, neue chancen zu eröffnen - wertepolitisch müsste das möglich sein, die werte-politik muss mmn auch die klammer zw. künftiger wirtschaftspolitik und notwendiger, aber realistischer-finanzierbarere sozialpolitik sein.
ich kann nur etwas versprechen, das ich auch finanzieren kann, alles andere ist schlußendlich betrug. trauen sie sich das auch zu sagen-der wähler wirds verstehen.

und bitte: als erstes beispiel für "reife" könnte man eine aussöhnung und einen zivilisierten umgang zw. fpk, fpö und bzö erwarten- knittelfeld lässt grüßen, der Österreicher ist ein konsensmensch!
schönes we+
mfg
s.

Antworten Gast: pour le merite
05.02.2010 14:15
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Re: sg herr mölzer!

Ob es in ihrem Unvermögen liegt, die deutsche Groß- und Kleinschreibung anzuwenden, kann ich nicht ermessen,

vielleicht liegt es auch an Ihrer Geringschätzung der deutschen Sprache im allgemeinen,

eine Unart sondergleichen ist es aber allemal, da die Groß- und Kleinschreibung unter anderem den Sinn hat, die Texte klar verstehbar und lesbar zu halten.

Also, auch wenn ihnen dabei auch der eine oder andere Fehler unterläuft, bemühen sie sich wenigstens!


Antworten Antworten Gast: schlÄchter
06.02.2010 17:36
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Re: Re: sg herr mölzer!

sg plm!

ich habe ja nicht ihnen geschrieben, sie müssen meine "ergüsse" nicht lesen.
ich bin ein übler tipper, nehme mich aber nicht so wichtig eine sekretärin zu engangieren oder mehr zeit als nöig fürs abtippen zu investieren-muss auch einen anderen job erledigen.

übrigens man schreibt den orden auf den sich ihr nick offensichtlich beziehen soll richtig so:
Pour le Mérite

zu thema komt auch was - nein-dann schönen tag noch

s.


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Re: Re: sg herr mölzer!

Und sonst? haben sie sonst noch was eizutragen? fällt ihnen sonst noch was ein? irgend einen klugen kommentar?
Nichts?
schwach, äusserst schwach

Antworten Antworten Antworten Gast: schlÄchter
06.02.2010 17:38
0 0

Re: Re: Re: sg herr mölzer!

sg verzweifler!
danke!schöne grüße nach china!
mfg
s.

Gast: pour le merite
05.02.2010 11:35
0 1

Mölzer hat den Nagel akkurat auf den Kopf getroffen!

Doch sieht es so aus, als wenn die Strache FPÖ ala long die Haider FPÖ von 1999 noch weit übertreffen könnte.

Die weltweite Finanzkrise, die wirtschaftliche Situation Österreichs, der Niedergang der EU und des Euros, die damit einhergehenden Spannungen mit den Ausländern, die Bankrotterklärung der 68er Bewegung und last but not least die Sympathie HC Straches bei der Jugend lassen erahnen, wohin die Reise geht.

So wie ganz Europa das Zwangskorsett EU eher früher wie später abstreifen wird, können sich die Schwarzen oder Roten darauf gefaßt machen, mit den Freiheitlichen regieren zu müssen und umso mehr sind die Blauen gefordert, sich um einiges besser darauf vorzubereiten als 1999.


Gast: boogie
05.02.2010 11:25
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Torheit der Regierenden und Großkopferten....

ja stimmt sicher, durch die "torheit der regierenden und großkopferten" wie sie herr abgeordneter mölzer in ihrem artikel schreiben, nicht nur in österreich - sondern auch in anderen ländern europas - hoffentlich bald eine neue politische ära beginnen!!!
die menschen werden hoffentlich bald aufwachen und sich nicht mehr länger durch politisch gefärbte "willfährige medien" und "die kammerdiener ihres herrn" sand in die augen streuen lassen (nicht nur in österreich der fall)......die FPÖ verspricht nicht nur etwas zum besseren zu verändern, sondern ich bin überzeugt, dass es ihr unter hc strache auch gelingen wird, endlich wieder GLAUBWÜRDIGE POLITIK zu machen. Man muss sie nur mal "ranlassen"! die zeit ist reif......

Gast: Prinzesschen
05.02.2010 10:39
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Wahre Worte

Es wäre dringend an der Zeit, dass in Österreich ein frischer Wind durch die Regierung weht! Ich halte es für komplett falsch, die Oppositionsparteien - allen voran die Freiheitlichen - als regierungsunfähig darzustellen, nur weil vor 10 Jahren nicht alles fehlerfrei abgelaufen ist. Viele dürften vergessen, dass die heutige FPÖ nicht die damalige ist. Bei Strache scheint mir der Drang, sein eigenes Werk zu zerstören, nicht vorhanden, bei Haider war er augenscheinlich ziemlich ausgeprägt – nur als ein Beispiel für eine der vielen Veränderungen in der Partei. Außerdem: was ist mit den permanenten Verfehlungen der Rot/Schwarzen Regierungen - und das schon über Jahrzehnte? Immer wieder werden wir dank ihr im Ausland zur Lachnummer (aktuelles Beispiel: das Werbevideo des Heeres, von dem Herr Darabos angeblich erst durch einen Anruf „seines“ Bundeskanzlers erfahren hat!).
Danke Herr Mölzer, für die immer sehr treffenden, aber auch kritischen und warnenden Worte an die eigenen Reihen!

Tom93
05.02.2010 10:27
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mölzer kennt seine pappenheimer...

...er weiß genau, welche karotte man der konservativen journaille hinhalten muß, um etwaige bedenken gegen eine fpö-regierungsbeteiligung zu zerstreuen: ein "nicht-sozialistisches österreich"!

mölzer kann sich drauf verlassen, dass, wenn es so weit ist, die fleischhackers, pinks, nowaks und salomons der fpö prima-1-a-regierungsfähigkeit zugestehen werden, wurscht wie korrupt, unfähig oder rechtsextrem diese auch sein mag, egal: das "nichtsozialistische österreich" (wie sozialistisch ist es denn jetzt?) ist ein zu schöner traum, da sind ein paar wehrsportler und schlagende burschenaschafter als minister nicht zu viel verlangt um das wirklichkeit werden zu lassen.

dann kann wieder mal "neu regiert" werden...

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Re: mölzer kennt seine pappenheimer...

wurscht wie korrupt, unfähig oder linksextrem diese auch sein mag, egal: das "sozialistische österreich"
Was man nicht alles durch Verändern oder weglassen einiger Buchstaben umschreiben kann.
Erstaun Erstaun
Da schaut der Faymann und der Laie wundert sich

Hinweis

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