25.05.2012 19:44 | Meine Presse Merkliste 0

Freiheitskämpfer rehabilitieren!

ALBERT STEINHAUSER (Die Presse)

Die Dollfuß-Ära muss aufgearbeitet werden. Faymann sieht das nicht so.

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Die Opfer des Austrofaschimus sind nach wie vor nicht rehabilitiert. Justizpolitisch sind die standgerichtlichen Todesurteile und Kerkerstrafen, die über die verfolgten Widerstandskämpfer gegen den Austrofaschismus verhängt wurden, nie aufgehoben worden. Niemand hat bis jetzt ausgesprochen, dass diese Urteile Unrechtsurteile einer Diktatur waren.

Alleine infolge der Erhebung der Arbeiterschaft gegen die Bedrohung der Demokratie um den 12. Februar 1934 wurden 21 standgerichtliche Todesurteile gefällt und mehr als 10.000 Menschen aus politischen Motiven eingesperrt. Im Herbst letzten Jahres hat der österreichische Nationalrat die Justizopfer des Nationalsozialismus umfassend rehabilitiert. Die Opfer der Ära Dollfuß müssen auf diesen Schritt noch warten. Jenseits der formalen Rehabilitierung geht es aber auch um eine Signalwirkung. Das Eintreten für den Erhalt der Demokratie ist in unserer Republik historisch und gegenwärtig ein Wert.


SPÖ-Kronjuwelen

Im Parlament haben mein Kollege Harald Walser und ich einen Antrag gestellt, der sich mit der justizpolitischen Aufarbeitung dieser Ära beschäftigt. Ziel ist es, dass die Justizopfer des Austrofaschismus, insbesondere jene, die wegen Handlungen zur Verteidigung der Demokratie und des Rechtsstaates verurteilt wurden, gesetzlich rehabilitiert werden.

Die Rehabilitierung wird eine justizpolitische Herausforderung werden. In der Ära Dollfuß wurden auch Nationalsozialisten aus politischen Gründen verurteilt. Für den Erhalt der Demokratie sind sie aber bekanntlich nicht eingetreten. Es gibt wenig justizgeschichtliche Forschung zu dieser Epoche; für die Beantwortung dieser heiklen Fragen wird sie aber notwendig sein.

Der Widerstand gegen Dollfuß und seine autoritäre Politik gehört bei der SPÖ zu den parteigeschichtlichen Kronjuwelen. Wie wichtig ist ihr die Rehabilitierung ihrer Freiheitskämpfer aber tatsächlich? Neben einigen Signalen von aufgeschlossenen SPÖ-Politikern hat Bundeskanzler Faymann mit seinen Aussagen für Verwunderung gesorgt. „Ich bin mit Historikern in regelmäßigen Gesprächen auch über diese Fragen. Aber momentan ist keine eigene Initiative dazu geplant“, hat der SPÖ-Vorsitzende aus Anlass der Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Februarkämpfe verlauten lassen. Da stellt sich schon die Frage, welche Historiker das waren und was sie dem Kanzler tatsächlich empfohlen haben.

Die sozialdemokratischen Freiheitskämpfer gegen den Austrofaschismus gelten justizpolitisch nach wie vor als verurteilte Verbrecher, da müsste ein SPÖ-Vorsitzende doch Bedarf an einer Aufarbeitung sehen.


Optimismus ist erlaubt

Die Ära Dollfuß war eine spezifisch österreichische und klerikale Interpretation des aufkommenden Faschismus – ein dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte. Nüchtern betrachtet sollten das auch „Bürgerliche“ eingestehen können. Eine Partei wie die ÖVP, die sich heute uneingeschränkt der Demokratie verpflichtet fühlt, sollte ihre Geschichte umfassend aufarbeiten können. Es ist der ÖVP zumutbar, dass sie ihr Geschichtsbild weiterentwickelt, statt die Dollfuß-Schuschnigg-Ära unkritisch schön zu reden.

Optimismus ist aber erlaubt. Aus beiden Parteien gibt es Signale, dass man sich diesem Stück österreichischer Geschichte ohne Scheuklappen annähern will. Das lässt hoffen – einfach wird es aber nicht. Einerseits ist es ein symbolischer Schritt, aber andererseits bringt es Klarheit, wie es die Republik mit ihrer Geschichte hält.

Mag. Albert Steinhauser (* 15. 10. 1971 in Wien)

ist Jurist und seit 2007 Justizsprecher der Grünen im Parlament.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2010)

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18 Kommentare
Knieriem
15.02.2010 17:08
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"sozialdemokratischen Freiheitskämpfer?"

Diese sozialistischen Freiheitskämpfer waren damals durchaus zumindest zeitlich nicht allzuweit vom russischen, bolschewistischen Mordpöbel von 1917, von Kämpfern der diversen Räterepubliken und ihrer Untaten entfernt. Zumindest fürchteten das die Bürgerlichen in Österreich. Die Beispiele waren ja da und vor kaum 20 Jahren geschehen. Eine Angst, die viele Bürger in Europa hatten. Möglicherweise einer der Gründe, warum damals europaweit "faschistische" Bewegungen entstanden. Und im Linzer Programm von 1926 neben durchaus vernünftigen Dingen die "Diktatur des Proletariats" zu fordern, mag auch nicht gerade vertrauensbildend gewesen sein. Jedenfalls bestanden die paramilitärisch gegliederten Verbände des austro-marxistischen Schutzbundes nicht nur aus Hütern der Demokratie, und sie waren auch die ersten, die schossen! Noch origineller empfinde ich, wenn man die Marxisten, die gegen das sogenannte austro-faschistische Regime kämpften, rehabilitieren will, gleiches aber den Mitgliedern der ebenfalls illegalen NSDAP verwehren will. Zumindest von der Warte 1934 aus wäre das ungerecht, denn was ein paar Jahre später passieren wird, konnte damals niemand ahnen, nicht einmal die meisten Nazis. Vor allem wenn man bedenkt, daß beide Gruppen, im Gegensatz zu den Christlich-Sozialen, einen Anschluß Österreichs an das Reich bertrieben, also de facto hochverräterisch agierten.

0 0

Die Dollfuß-Ära muss aufgearbeitet werden. Faymann sieht das nicht so

faymann wird das schon so sehen, wenn sein pröll es will.
wo kämen wir denn hin, wenn nicht das herrl dem pudel, sondern der pudel dem herrl das geschehen diktiert?

Gast: Ratio
15.02.2010 15:08
0 0

Na da tobt sich der austrofasch. Mob wieder aus


... armselig

Antworten Knieriem
15.02.2010 16:49
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Re: Na da tobt sich der austrofasch. Mob wieder aus

Was ist Ihr Problem? - mangelndes Demokratie- und Geschichtsverständnis?

Geldfux
14.02.2010 20:10
0 0

die Erste Republik Östereichs,

war kein demokratisches Vorzeigemodell. Die Heimwehr und der Schutzbund hätten spätestens drei bis vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg auf-gelöst gehört. Bewaffnete Parteiarmeen sind in ener Demokratie eine Katastrophe. Die Heimwehr war defcto eine faschistische Organisation, ganauso wie der Schutzbund eine kommunistisch ausgerichtete Kampftruppe war.
Seit dem Brand des Justizpalastes hätte die Aussöhnung und Verständigung die erste Aufgabe für die Parteiführung der Christlichsozialen, wie für die Parteiführung der Sozialdemokraten sein müssen. Die Selbstlähmung des Parlamentspräsidiums im Jahre 1933, durch den Rücktritt der drei Nationalratspräsidenten war ein unverzeihlicher Fehler. Die Beützung dieses Rücktritts zur Selbstauflösung des Parlaments war ein Verbrechen. Dafür hätten Bundespräsident Miklas und Bundeskanzler Dollfuss die Todestrafe verdient! Dieses Verbrechen hat dann zur Auflösung der Sozialdemokratischen Partei und dann zum Schusswechsel im Hotel Schiff in Linz geführt, der dann zum Vorwand für den Bürgerkrieg genommen wurde. Am Bürgerkrieg im Februar 1934 waren beide Parteien mitschuldig. Das "siegreiche Ende" dieses Aufstands,und seine Folgen für Österreich, hätte nicht mit Todesurteilen, sondern mit Gefängnisstrafen für die Anführer des Schutzbundes und durch gleichzeitige Gespräche der beiden Parteiführungen miteinander gelöst werden müssen. Nur ein geeintes Österreich hätte sich gegen Hitler wehren können.!!

Antworten Gast: Nahuixtelotzin
24.02.2010 18:05
0 0

Re: die Erste Republik Östereichs,

Der Schutzbund hätte gar nicht ein paar Jahre nach dem 1. WK aufgelöst werden können, weil er erst 1923/24 als Antwort auf die zunehmenden Aktivitäten der Heimwehren gegründet wurde.
Die revolutionäre Gesinnung der Basis stand auch in einem Widerspruch zur deutlich gemäßigteren Handlung der Schutzbundführung (die ja noch im Feber 34 die Kämpfe verhindern wollte), während die Heimwehrführer Fey und Starhemberg beide extrem militant und offensiv waren.

Ansonsten stimme ich aber im Wesentlichen zu.

Antworten Tom93
15.02.2010 17:29
0 0

Re: die Erste Republik Östereichs,

wenn der schutzbund "kommunistisch" war,wieso waren die dann alle nicht bei der kpö?

und wieso hat sich die sozialdemokartie immer zur demokartischen republik bekannt? und wieso hat sie den schutzbund "republikanisch" genannt, wenn sie so böse bolschwistisch waren, wie sie behaupten? und wieso haben sie denn nicht überhaupt 1918/19 eine "sowjetdiktatur" errichtet, wo sie es gekonnt hätten?

nein, die sozialdemokratie war die einzige partei, die auf dem boden der demokratie stand. das dollfuß/schuschnigg -regime hingegen hat der sp nicht entgegenkommen wollen, hat die österr. demokratie und das parlament vernichtet und lieber mit den nazis paktiert, und hitler am ende österreich geopfert. so schauts aus!

Gast: Moment
13.02.2010 14:10
1 0

Geht es da um ALLE OPfer

oder nur um die, die der einäugigen grünen Weltsicht in den Kram passen?

Gast: Albert Steinhauser
13.02.2010 10:26
0 0

Andres Khol ist schon weiter

Wenn man die Kommentare liest, glaubt man, dass wir das Jahr 1936 schreiben. Andres Khol ist da schon weiter. Auf einer Diskussionsveranstaltung letzten Donnerstag hat er sich positioniert:
- "Dollfuß-Regime war eine Diktatur"
- "Die standgerichtlichen Urteile, insbesondere die Verlängerung um zwei Tage, um den NR-Abg Koloman-Walisch zu ermorden waren ein Verbrechen."
Natürlich beurteilt er die Ära insgesamt ("... war kein Faschismus") anders als ich - er ist aber bereit jenseits klassischer Geschichtsbilder die Ereignisse zu reflektieren.

Antworten Gast: Leser
14.02.2010 16:58
0 1

Re: Andres Khol ist schon weiter

Als Parlamentarier sollte man aber schon wissen, dass der angesprochene Herr "AndreAs" mit Vornamen heißt.

Antworten Knieriem
13.02.2010 15:10
0 0

"Er ist aber bereit jenseits klassischer Geschichtsbilder, die Ereignisse zu reflektieren?"

Dann wäre es vielleicht angebracht, wenn auch sie das tun würden!

Antworten periskop
13.02.2010 15:08
0 0

Re: Andres Khol ist schon weiter

Es stimmt schon, dass die "Vaterländische Front" nicht demokratisch war, mit "Faschismus" hatte sie aber nichts zu tun!
Auch die paramilitärische Organisation "Schutzbund" war ja mit einer Demokratie unvereinbar, diese Leute als "Freiheitskämpfer " zu stilisieren, stimmt nur insofern, als sie um ihre eigene Freiheit kämpften. Sonst war auch für sie die Sowjetunion das "Arbeiterparadies", und Menschen, die nicht links waren, befürchteten das Schlimmste. Auch die Schreckensherrschaft des Bela Kun (Kohn) in Ungarn war damals noch in frischer Erinnerung!
Es ist leicht, vom heutigen sicheren Standpunkt über die damalige Zeit zu urteilen, gerecht ist es nicht!


Antworten Arethas
13.02.2010 12:10
0 0

Re: Andres Khol ist schon weiter

"...er ist aber bereit jenseits klassischer Geschichtsbilder die Ereignisse zu reflektieren. "
Er schon, Sie aber nicht (so Sie tatsächlich der Autor sind).
Sie reflektieren Geschichte nach Art der Schafe in "Animal Farm": Linksterroristen sind Freiheitskämpfer, als rechts diffamierte Verurteilte hingegen zu recht verurteilt. Und das aus der sicheren, bequemen moralischen Warte einer jahrzehntelangen Friedenszeit.

Antworten Arethas
13.02.2010 12:06
0 0

Re: Andres Khol ist schon weiter

Wallisch: Ein Einzelfall, den man durchaus diskutieren kann.
Im gleichzeitigen (1934) Sowjetregime, mit dem die Herren Dr. Bauer, Deutsch und Co. sympathisierten und dem (als ausgleichende Gerechtigkeit?) wesentlich mehr österreichische Kommunisten zum Opfer fielen als dem Dollfuss-Regime, wäre das ein Mord unter Millionen gewesen. Totalitäre Regimes waren damals in Europa nicht selten, und nota bene, auch die westlichen Demokratien hatten Menschenrechtsstandards, die heute als völlig unzureichend gesehen würden (zB. Segregation in den USA oder die Stellung Einheimischer in britischen Kolonien).

Antworten Ophicus
13.02.2010 11:29
0 0

Re: Andres Khol ist schon weiter

Wie man es nennt ist eigentlich zweitrangig. Es spricht aber schon einiges dagegen den Ständestaat und die Nazi-Herrschaft unter dem gleichen Begriff zusammen zu fassen. Die beiden Richtungen waren sich spinnfeind, auch wenn beide von Demokratie und Grundrechten nicht viel gehalten haben (was aber etwa auch für die marxistischen Diktaturen galt, die man auch nicht faschisch nennt).

Unzweifelhaft ist aber, dass das Dollfuß-Regime eine Diktatur und das entsprechende Kapitel ein dunkles war. Eine Aufarbeitung könnte da wirklich nicht schaden.
Umgekehrt muss man sich aber schon auch die Frage stellen ob die Sozialdemokraten und der Schutzbund seinerzeit wirklich so idealistisch für die Freiheit und Demokratie eingetreten ist. Denn die Ziele der Partei waren damals (wie überall in Europa) auch recht radikale. Man muss der SDAP dabei zugute halten, dass sie den Bürgerkrieg nicht angefangen hat und auch grundsätzlich demokratische Mittel zur Beseitigung der Klassenfeinde anwenden wollte. Allerdings hatte sie bei den damaligen Kräfteverhältnissen kaum eine Wahl.

Langer Rede kurzer Sinn: Pro Aufarbeitung, so lange echte Aufarbeitung gemeint ist und nicht propagandistische Schwarz-Weiß-Malerei.

Gast: Lausbub
13.02.2010 03:54
1 0

Da schaust aber! Die Christlich-sozialen hätten sich offenbar kampflos den Links- und Rechtsfaschisten ergeben sollen!

Ist der Herr Magister noch zu retten?
Die Leute hatten vor den bewaffneten marxistischen und nationalen Revolutionären Angst! Es war niciht so, daß der Schutzbund erst wegen der Ausschaltung des Parlaments aufgestellt und bewaffnet wurde, sondern schon viele Jahre vorher eine bewaffnete Privatarmee einer Partei mit revolutionären Parolen waren. Nach meinem Rechtsverständnis wäre der Schutzbund auch heutzutage aufzulösen und deren Mitglieder strafrechtlich zu verfolgen.

Dass gerade eine Partei, die so massiv gegen privaten Waffenbesitz auftritt, den Schutzbund glorifiziert!! Absurd!


Logos21
13.02.2010 00:54
3 0

1.) Die Urteile 1934 ..

.. sind schon einmal aufgehoben worden: von Adolf Hitler und der NSDAP 1938. Die entscheidenden Richter sind von den Braunen Sozialisten in Dachau ermordet worden - zu ihrer Genugtuung, Herr Steinhauser?!
2.) "Demokratie" war für die SDAP (SPÖ) ein Übergangsweg, eine METHODE zur Errichtung der Diktatur des Proltariats.
3.) "Erhebung der Arbeiterschaft": waren Täter (Terroristen), keine Opfer.

Arethas
12.02.2010 23:55
1 0

Bitte nicht

Seit wann verkommt die "Presse" zur grünen Parteipostille? Oder ist das der Beitrag zum Fasching, zuerst Walser, dann Steinhauser?
Wie wollen denn diese Leute mit Verurteilten verfahren, die im Februar 1934 für die SDAPÖ und im Juli für die N-SDAP gekämpft haben?
" Allerdings erklärte er (Josef Gerl) später in der Gerichtsverhandlung, dass er "nicht mehr so fest im Rahmen der Sozialdemokratie" sei, sondern mit den Nationalsozialisten sympathisiere.[1]"(Wikipedia)

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