25.05.2012 19:45 | Meine Presse Merkliste 0

Nicht diese Töne, Herr Steinhauser!

ANDREAS KHOL (Die Presse)

Der Bundeskanzler hat recht. Gesicherte Erkenntnisse fehlen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

In der „Presse“ vom 13.Februar tritt der grüne Albert Steinhauser vehement für eine „Rehabilitierung“ der Opfer des „Austrofaschismus“ ein. Gleichzeitig greift er den Bundeskanzler an, der eine solche Initiative nach Gesprächen mit Historikern „derzeit nicht plant“. Zu Recht, Herr Bundeskanzler. Wort und Ton des Antrags von Steinhauser, dass für das, was er „Rehabilitierung“ nennt, gesicherte Erkenntnisse und bei den Antragstellern die richtige Grundeinstellung fehlen.

Steinhauser sitzt über die Vergangenheit zu Gericht. Die Wahl des Begriffs „Austrofaschismus“ und die damit verbundene völlig einseitige Betrachtung eines tragischen Kapitels unserer Geschichte sind von Vorurteilen geprägt.

Der Zeitgeschichtler Dieter Binder spricht von einer „Amalgamierung des Opferbegriffs, der verfolgte Sozialdemokraten mit illegalen Nationalsozialisten auf eine Stufe stellt und durch eine groteske Dämonisierung des ,Austrofaschismus‘ den Nationalsozialismus verharmloste“. Dan Diner, Professor für Zeitgeschichte in Leipzig und Jerusalem spricht von „Funktionsdikaturen“: autoritäre Regime, wie die Regierung Dollfuß, deren wesentliches Ziel die Erhaltung des Landes war. Stanley Payne, der bedeutendste Faschismusforscher unserer Zeit wörtlich in seinem Standardwerk: „So waren in Österreich – anders als in Deutschland – die nichtfaschistischen Kräfte der Rechten in der Lage, vorbeugend eine eigene autoritäre Regierung zu errichten und den Nazis den Weg zur Macht zu versperren, was vor allem ... auf die entschlossene Führung des zum Märtyrer gewordenen Dollfuß zurückzuführen war.“

Steinhauser lässt völlig außer Acht, dass viele österreichische Historiker wie Payne der Meinung sind, Dollfuß habe die parlamentarische Demokratie in seinem Staatsstreich gleichsam aus Notwehr beseitigt. Ähnlich wie in Deutschland drohte auch in Österreich eine nationalsozialistische Machtergreifung. Das wollte Dollfuß verhindern.

Unzweideutigkeit ist auch angebracht, wenn es um die Beurteilung jener geht, die gegen die Regierung Dollfuß mit der Waffe in der Hand vorgingen. Der Linzer Professor Roman Sandgruber dazu: „Auf der anderen Seite sind auch die Konzepte, die jene Exponenten des Austromarxismus, wie etwa Richard Bernaschek, die für den Ausbruch des Bürgerkriegs den Anlass boten, 1933/1934 vorlegten und vertraten, von der Demokratie oder ihrer Wiederherstellung weit entfernt und sind in ihrer Nähe zum Nationalsozialismus einerseits, zu Kommunismus und bolschewistischer Diktatur andererseits kritisch hervorzuheben...“ Sie rehabilitieren?


Einzelprüfung

Die Frage, ob Handlungsbedarf besteht, ist offen. Ein Gesetz im Jahre 1945 hatte alle Verfahren eingestellt und die Rechtsfolgen beseitigt. Es wurde missverständlich Amnestiegesetz bezeichnet, es beabsichtigte aber nicht Amnestie, sondern Beseitigung. Als es um die Rehabilitierung der Deserteure im NS-Staat ging, haben tiefgehende Untersuchungen von Historikern gezeigt, dass ebendieses Gesetz zur Beseitigung des Unrechts nicht ausreicht. Ernsthafte Diskussionen waren auf einer gesicherten Faktenlage möglich. Eine allgemein akzeptierte Regelung wurde im Nationalrat erarbeitet und beschlossen.

In einer ähnlichen Vorgangsweise wären zuerst einmal die historischen Fakten für die Dollfuß-Zeit genau zu untersuchen. Wenn sich dann noch Handlungsbedarf zeigt, dann muss man über eine Einzelprüfung wahrscheinlich weniger Fälle reden. Im Geiste jener Grundeinstellung, wie sie die Parteiobleute von ÖVP und SPÖ, Gorbach und Pittermann, durch ihren gemeinsamen Besuch der Gräber von Opfern beider Seiten im Jahre 1964 ausdrückten.

Univ.-Prof. Dr. Andreas Khol war von 2002 bis 2006 Nationalratspräsident und ist nun Obmann des Seniorenbunds der ÖVP.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

10 Kommentare
Gast: olivia rathkolb
16.02.2010 23:07
0 0

olivia rathkolb

so bitte nicht herr khol. gibts probleme in der övp? dann können sie uns das ruhig mitteilen, und müssen nicht auf die grünen einhämmern. ich nehme an die niederösterreicher sind nicht glücklich mit dieser geschichte. oder irre ich mich andreas?

diogenes
16.02.2010 22:10
0 1

Sagt der Hase zum Steinhauser:

Wenn due was werden willst in der Politik musst du Kohl fressen!

Gast: regimentskommandeur 1190
15.02.2010 21:51
0 2

Ach Herr Khol...

warum denn so ein Rhababer? In ihrem Alter?!

Tom93
15.02.2010 21:50
0 2

"den Nazis den Weg zur Macht zu versperren"

jawohl, das hat das dollfuß-schuschnigg-regime ja sehr erfolgreich betrieben. darum gab es dann auch nazi-minister und die kampflose übergabe österreichs an nazi-deutschland.

diese feige auslieferung österreichs, diese schmähliche kapitulation als "den nazis den weg zur macht versperren" zu bezeichnen ist ein hohn, ein schlag ins gesicht aller opfer der nazi-diktatur, die in österreich nur dank des ständestaates zur macht kam!

aber bernaschek darf natürlich nicht rehabilitiert werden, der von den nazis im kz mauthausen grausam ermordete schutzbündler war ja laut khol selber nazi UND bolschewist. dollfuß/schuschnigg hingegen, die österreich hitler auf dem silbertablett serviert haben, waren märtyrer und großartig!

danke für diesen einblick in ihr verlogen-wirres geschichtsbild herr "professor" (wovon eigentlich? der engelbert-dollfuß-apologeten- liga?) khol.

Antworten Gast: Niederösterreicher
16.02.2010 01:38
1 0

Re: Faktum ist, daß Dollfuß seine Leben für Österreich geopfert hat.

Ein Freund von mir trat als gestandener Deutschnationaler der SPÖ unter dem Motto bei: "Lieber die Roten am Arsch, als die Schwarzen im Gesicht !".

Für die militanten Austromarxisten, die schon lange vor Dollfuß ihre Privatarmee "Schutzbund" für den revolutionären Kampf gegen das Bürgertum bewaffneten, galt das umgekehrte Motto: "Lieber die Nazis am Arsch als die Schwarzen im Gesicht!".

So gesehen könnte man mit Fug und Recht sagen, daß der christlichsoziale Dollfuß den Kampf für ein selbständiges Österreich verlor, weil ihm die Roten in den Rücken fielen. Schließlich ist ja allgemein bekannt, daß Schutzbundformationen geschlossen zur SS od. SA "übertraten"!

Die Christlichsozialen gründeten im Gegensatz zu den Sozis ihre Ideologie nicht auf eine "Diktatur des Proletariats" oder auf den "Kampf gegen eine bestimmte Klasse", sondern auf die Sozialenzyklen des kath. Kirche! Und die enthalten keinerlei Hinweis auf einen bewaffneten Kampf! Ganz im Gegenteil: sie wollen den Klassenkampf überwinden!

Die Christlichsozialen und ihre Exponenten wie etwa Leopold Kunschak als faschistisch zu diffamieren ist eine bewußte Geschichtslüge!

Das Bürgertum sollte solchen Unterstellungen die Stirne bieten!

Antworten Antworten Gast: ein notwehrrecht gegen die demokratie gibt es nicht
16.02.2010 12:08
0 0

Re: Re: Dollfuß ist ein Märtyrer nicht für Österreich, sondern für den Austrofaschismus

Dollfuß hat Österreich nicht repräsentiert.

Er hat die Demokratie beseitigt und hatte daher auch keine Legitimität in der Breite der Bevölkerung.

Dass Dollfuß von weitaus brutaleren Faschisten ermordert wurde, ist für Anhänger des Austrofaschismus bestürzend.

Es macht Dollfuß aber trotzdem nicht zu einem Märtyrer für Österreich.

Dollfuß hat vielmehr das demokratische Österreich verraten.

Im österreichischen Parlament, das von Dollfuß ausgeschaltet wurde, kann sein Foto daher nur als gefährliche Drohung einer Gesinnungsgemeinschaft verstanden werden, die sich ein "Notwehrrecht" gegen die Demokratie vorbehält.


Antworten Antworten Antworten Geldfux
18.02.2010 08:27
0 0

Re: Re: Re: Dollfuß ist ein Märtyrer nicht für Österreich, sondern für den Austrofaschismus

Ich teile ihre Meinung, dass Dollfuß kein Märtyrer für Österreich war, sondern ein machtgieriger vielleicht auch ein wenig christlich geprägter Politiker, aber eben auch der Begründer des Austrofaschismus. Kohlmeiers Ansicht:" dass viele österreichische Historiker wie Payne der Meinung sind, Dollfuß habe die parlamentarische Demokratie mit seinem Staatssreich gleichsam aus Notwehr beseitigt" ist ein Unsinn, den ich erstmals von Herrn Kohlmeier gelesen habe. Den Historiker Payne kenne und kannte ich nicht, vielleicht ist "Payne" nur der Namensgeber für den Begriff "peinlich". Schärfer kann ich es leider nicht definieren, denn mein letzter Kommentar wurde schon zensuriert!! Ein Faktum ist es aber, dass der kurze aber blutige und Österreich tief spaltende Bürgerkrieg des Februar 1934 durch die Auflösung des Parlaments und durch das Verbot der Sozialistischen Partei mitverursacht wurde. Wer das wollte, kann nicht zum Märtyrer gemacht werden. Dollfuß war ein grausamer Sieger nach dem Sieg im Februar 1934, gnadenlos hat er sozialistische Aufständische, die durch die Kämpfe schwer verwundet worden waren, sofort aufhängen lassen. Das war sicher nicht christlich oder barmherzig. Einen Tag vor seiner eigenen Ermordung hat Dollfuß den Josef Gerl, Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, der am 20. Juli 1934 einen Sprengstoffanschlag auf eine Signalanlage der Donauuferbahn gemacht hatte, am 24. Juli 1934 vom Standgericht zum Tode verurteilen und am selben Tag hängen lassen!

Antworten Antworten Antworten Antworten Geldfux
20.02.2010 11:43
0 0

Re: Re: Re: Re: Dollfuß ist ein Märtyrer nicht für Österreich, sondern für den Austrofaschismus

Warum Kohlmaier statt Kohl ?

Bedauerlicher Weise muss ich meinen Beitrag korrigieren. Ich habe Herrn Universitätsprofessor Dr. Kohl dann in meinem Text zweimal den Namen Kohlmaier gegeben. Das tut mir leid. Zu meiner Entschuldigung möchte ich nur hinzufügen, dass ich bei meiner Kritik an Herrn Prof. Dr. Kohl in meinem Unterbewusstsein nicht an ihn gedacht hatte, sondern an den Altpolitiker der ÖVP Herrn Dr. Kohlmeier. Aber wenn ein Herr Universitätsprofessor wie ein Herr Maier argumentiert, dann kann es eben zu so peinlichen Verwechslungen kommen. Bedaure Ihr Geldfux


Antworten Antworten Tom93
16.02.2010 11:19
0 2

laß mich das zusammenfassen...

...die sozialdemokarten, seit 1920 nicht mehr an der regierung, seit 1933 immer stärker durch staatliche repression geschwächt, wurden 1934 in einem blutigen , von der regierung provozierten bürgerkrieg vernichtet, die partei, alle ihre unetrorganisationen, die freien gewerkschaften wurden verboten. ihre gelder, ihr über jahre durch mitgliedbeiträge zusammengekommenes vermögen wurde beschlagnahmt, also gestohlen.

ihre führer wurden hingerichtet, eingesperrt, gefoltert, beschimpft (als "jüdische bolschwisten"), ins exil getrieben.

und diese unterdrückten, erniedrigten, machtlosen, gedemütigten sind jetzt also schuld, dass das dollfuß/schuschnigg-regime mit den nazis paktiert hat? nazis in die regierung aufgenommen hat? und den nazis das land KAMPFLOS ausgeliefert hat? nein, für diese feigheit und niedertracht ist das regime schon selber verantwortlich.

Antworten Antworten Antworten Knieriem
16.02.2010 18:05
0 0

Re: laß mich das zusammenfassen...

Ich kann nicht erkennen, daß Dollfuß oder Schuschnigg mit den Nazis paktiert hätten. Abgesehn von der Ermordung von Dollfuß, wollen Sie mir doch nicht weißmachen wollen, daß Dachau ein Sommer-Camp für österreichische Politiker im III.Reich war? Dorthin wurde eben neben österreichischen Bolschewisten und Marxisten, die meisten führenden Politiker und Funktionäre des Ständestaats und der Heimwehr gebracht (u.a. Maleta, Gorbach, Figl, Schuschnigg, etc.). Sie verbrachten dort genau die Zeit, die der ach so verehrte Austro-Marxist Renner, der den Anschluß befürwortete, in Gloggnitz bei Gartenarbeit verbrachte. Jedenfalls agierten Nazis und Austro-Marxisten bis zumindest 1938 großdeutsch und damit hochverräterisch. Hingegen war das Ziel der Christlich-Sozialen ein eigenständiges Österreich!

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News