25.05.2012 19:47 | Meine Presse Merkliste 0

Auch im Leid nie allein

KLAUS KÜNG (Die Presse)

Die Legalisierung der Sterbehilfe würde in die falsche Richtung führen.

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In den letzten Tagen hat eine neue Studie der Med-Uni Graz aufhorchen lassen. 62% der Befragten sind für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe (2000 waren es erst 49%). 62% der Österreicher meinen also, wenn ein Mensch zu sehr an seinen Krankheiten leidet, sollte ihm die Möglichkeit gegeben werden, mit ärztlicher Hilfe „Schluss zu machen“.

Einerseits ist diese Haltung verständlich. Wir leben heute viel länger als früher, und trotz aller medizinischer Fortschritte ist für viele Menschen das Alter mit Schmerzen und Leiden verbunden. Was läge da näher, als jedem selbst die Entscheidung darüber anheimzustellen, wann es „genug ist“? Ich kann diese Position gut verstehen.

Und doch warnt die katholische Kirche aufs Dringlichste vor diesem Schritt. Denn er ist nur der erste. Wie groß kann der Druck auf alte und kranke Menschen werden, ihren Angehörigen nicht mehr endlos zur Last zu fallen, wenn aktive Sterbehilfe üblich geworden ist? Wie häufig sind es gar nicht mehr die Kranken selbst, die letztendlich eine Entscheidung über Leben und Tod treffen müssen – sondern oft wohlmeinende Angehörige? Wie bald werden sich Pflegefälle vielleicht gar nicht mehr wehren können gegen eine mitleidsvolle „Euthanasierung“, so wie in Holland, wo alte Menschen angeben, in gewisse Krankenhäuser gar nicht erst gehen zu wollen, denn da gehe es oft ganz schnell.

Zudem: Es ist leicht, eine solche Ansicht bei einer Umfrage zu vertreten. Wer jedoch selbst nahe Angehörige pflegt, denkt oft schon anders. Ob man zudem immer um die genauen Wünsche eines Kranken weiß, ist fraglich. Dieser Tage erschüttert uns das Beispiel des bekannten Intellektuellen Walter Jens in Deutschland, der sich stets rückhaltlos für Sterbehilfe eingesetzt hat, sobald ein intellektueller Austausch nicht mehr möglich sei– und der jetzt, im Stadium schwerer Demenz, verzweifelt um sein Leben fleht: „Nicht totmachen“, ruft er immer wieder. So bezeugt es seine Frau Inge.


Berührende Bilder

Hinter der Diskussion um aktive Sterbehilfe steht letzten Endes unser aller Bild vom Menschen – vor allem vom Leidenden und Sterbenden. Ist noch Platz für diese Realität des Lebens, die aus Werbung, Film und öffentlichem Bewusstsein ganz verdrängt wird – und doch jeden von uns immer wieder einholt? Wie brutal erschienen damals die Bilder des kranken Papstes Johannes Paul II. in den Medien – und wie tief berührten sie doch hunderttausende von Jugendlichen?

Das ist die Tiefe der christlichen Botschaft: Auch im Leid, auch im Sterben ist der Mensch nie allein, er ist zutiefst in der Hand Gottes, hier kann ihm Christus so nahe kommen wie sonst selten im Leben. Das Leiden hat einen Sinn, gehört zum Menschen dazu.

Zugegeben, man kann auch in ein anderes Extrem verfallen. In unserem hoch entwickelten Gesundheitswesen werden oft gigantische Mittel aufgewendet, um das Leben um jeden, auch jeden übertriebenen Preis zu verlängern. Solch ein Leben, das mit Ausschöpfung aller Möglichkeiten künstlich verlängert wird, ein Leben, das dem natürlichen Sterben keinen Raum lässt, ist auch kein Ausdruck der Würde des Menschen. Papst Johannes Paul II. sprach in diesem Zusammenhang von „medizinischem Übereifer“. Ohne Zweifel bedeuten manche Situationen eine hohe Herausforderung für Ärzte, die die Verhältnismäßigkeit mancher Therapien sehr wohl abwägen müssen, niemals aber töten dürfen. Die Zulassung der aktiven Sterbehilfe würde eine Straße eröffnen, die in eine verhängnisvolle Richtung führt.

Darum geht es letzen Endes: Das Leben hat seine Würde von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod. Denn es ruht letztlich in Gottes Hand.

DDr. Klaus Küng (geb. am 17. September 1940 in Bregenz) ist Diözesanbischof in St. Pölten. Er war Österreich-Chef des Opus Dei.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2010)

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4 Kommentare
Gast: schlÄchter
23.02.2010 10:19
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sg exzellenz, sg herr bischof küng!

respekt vor dem mmn sehr guten gastkommentar. ihre argumentation ist stichhaltig, zutiefst einfühlsam - eines kirchenmannes sehr würdig und aus sicht der kirche mmn auch richtig. danke.

mein leiser laien-widerspruch: durch patientenverfügungen wäre mmn schon eine gewisse absicherung und bei komapatienten eine erlösung über angehörige und zb gerichtsprüfung ebenfalls eine mißbrauchskontrolle des sterberechtes im ausrecihenden maße möglich.

überhaupt denke ich - auch als katholik - schon, dass durch die medizin einerseits eben eine lebensverlängerung möglich ist, die weit über die bisherige natürliche lebenserwrtung hinausführt - sohin auch losgelöst vom natürliche-gottgegebenen leben liegt. die verwendung der medizin wird ja auch nicht als blasphemisch angesehen-wer medizin zur schmerzenslinderung nimmt, handelt doch nicht gegen gottes willen. wenn jemand nicht merh leben will - oder soviel medizinische hilfe in anspruch nehmen will, dass er gänzlich von schmerzen erlöst wird-sprich eine letale dosis: nun ist das nicht auch eine form von medizinischer schmerzbehandlung. ich will hier nicht selbstmord schönreden-aber so mancher selbstmörder beweist durch seine tat großen mut und auch verantwortungsbewußtsein gegenüber seinen nächsten, wenn sein ehrliches bestreben (auch) darin liegt, diese nicht zb in den finanziellen ruin zu treiben, mit seinem leiden unnötig zu belasten usw.?

das wird unser herr schlußendlich zu beurteilen haben?

mf christ.kat.g.
s.

Gast: Keoma
21.02.2010 08:27
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Keine Ablenkung

@Christdemokrat:
Bischof Küng ist in der österreichischen Bischofskonferenz der Zuständige für alle Fragen des Lebensschutzes und reagiert auf eine brandaktuelle Umfrage (vor drei Tagen). Ich glaube nicht, daß ein kleiner Kommentar in der Presse von den aktuellen Mißbrauchs-Diskussionen ablenken soll oder auch kann...

Gast: Christdemokrat
21.02.2010 02:18
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Ehrlichkeit

Dieses Thema - werter Herr Diözesanbischof Dr. Küng - ist wichtig, es wird auf uns zukommen, ich selbst bin auch davon überzeugt, dass die Frage "selbstbestimmtes" Sterben auch mit dem Abbruch von entstehendem Leben in einem ethischen Zusammenhang zu sehen ist. Bei alle diesen Fragen ist Ehrlichkeit und sorgfältiger Umgang mit der Suche nach Annähruung an die Wahrheit wichtig. Wir sollten also nicht übersehen, dass die Vertreter der Kirche aktuell zu einer wichtigen anderen Frage Stellung zu beziehen hätten, nämlich zum Umgang mit Sexualität und vor allem zum Umgang mit der Sexualität von Menschen die in jungen Jahren sich zum zölibatären Leben verpflichtet haben. Werter Herr Diözesanbischof, ich hoffe dass dieser Gastkommentar nicht ein Versuch ist von diesem aktuellen Thema mit einer anderen Frage abzulenken. Dann wäre dies nämlich ein weiterer Versuch des Zudeckens und Verdrängens, wie sie leider in unserer gemeinsamen Heimat der römisch - katholischen Kirche so lange schon bei sehr wichtigen Fragen tut.

Gast: Glückspächter
19.02.2010 20:19
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Tut mir leid,

aber gehen Sie nicht ein bisschen zu weit mit ihren Befürchtungen? Man müsse nur gegen solche "Mitleidstäter" aufs Schärfste vorgehen. Ein Arzt, der seinen Patienten gegen dessen Einwilligung tötet, sollte einfach schärfer bestraft werden (d.h. die Untergrenze für Mord in so einem Fall anheben).

Hinweis

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