10.02.2012 15:24 | Meine Presse Merkliste0

Die Schwachen vor den Faulen schützen

GASTKOMMENTAR VON DETLEF KLEINERT (Die Presse)

Solange derjenige, der Arbeitslosengeld bezieht, finanziell besser dasteht als der arbeitende Nachbar, ist keine Lösung in Sicht.

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Wer über Sozialpolitik spricht, sollte eines vorausschicken: Es gehört zu den größten Errungenschaften des modernen Staates, dass niemand durchs soziale Netz fällt. Wer unverschuldet in Not geraten ist, darf sich darauf verlassen, dass der Staat ihn auffängt. Was in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit durchaus auch jemandem passieren kann, der sein Leben lang tüchtig und erfolgreich gearbeitet hat.

Nur: Die Menschen sind halt nicht alle Engel. Leider gibt es auch eine Minderheit, die sozialen Beistand ausnützt, die Hilfe als Einladung für die soziale Hängematte missversteht. Eine Minderheit, gottlob, aber ohne Zweifel zu viele, als dass man angesichts solcher Unmoral zur Tagesordnung übergehen kann. In Zahlen: Wenn man davon ausgeht, dass rund zehn Prozent der Sozialhilfeempfänger (und dies scheint eher der untere Wert zu sein) die Ämter betrügen, dann kostet dieser Missbrauch den deutschen Staat rund fünf Milliarden Euro im Jahr.

Das Problem ist, dass Politiker aller Parteien sich hüten, den Missbrauch anzusprechen, aus Angst, damit Wähler zu verlieren und vom politischen Gegner (und von den Medien) der „sozialen Kälte“ und des „Klassenkampfes“ bezichtigt zu werden. Man könnte freilich auch eine andere Rechnung aufmachen: Da jedermann weiß, dass staatliche Leistungen nur Gelder des Steuerzahlers sind und immer mehr Menschen eine soziale Schieflage beklagen – sind das keine Wählerstimmen?

Niemand wird jedem Arbeitslosen staatliche Zuwendungen vorwerfen, zu viele Arbeitsplätze sind ins Ausland verlagert worden, zurück bleiben oft Menschen, die gerne arbeiten würden, aber in der Tat keine Arbeit finden, insbesondere diejenigen, die über 50Jahre alt sind. Diese übergroße Mehrheit als arbeitsscheu zu diffamieren wäre billige Hetze.

Das darf jedoch nicht von der Frage abhalten, ob der Staat genügend Anreize bietet, damit Arbeitslose wirklich wieder Arbeit suchen. Die OECD hat jüngst in einer Studie dazu klare Worte gesprochen: Es gibt zu wenig Anreize, einen Job zu suchen, die Arbeitsaufnahme lohnt sich kaum, denn mit „Stütze“ kommt man auf den nahezu gleichen Betrag, den der Arbeiter nach Hause bringt. Österreich ist hier weniger großzügig als Deutschland, wo dem FDP-Vorsitzenden Westerwelle nun Vorwürfe gemacht werden, weil er öffentlich gesagt hat: „Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet“, und: „Leistung muss sich wieder lohnen!“

Und es gibt leider genügend Beispiele dafür, dass dieser Grundsatz verletzt wird. Jeder in Österreich ebenso wie in Deutschland kennt Fälle, dass Arbeitslose sich bei einer Firma vorstellen (damit sie den Stempel für die Jobvermittlung bekommen), aber deutlich machen, dass sie nicht arbeiten wollen. Offenbar hat die Sozialhilfe zur Folge, dass eine Reihe von Menschen zwar arbeitsfähig, aber nicht arbeitswillig ist – auf Kosten der Allgemeinheit. Erst dieser Tage wurde wieder der Fall eines Mannes bekannt, der seit 36 Jahren von der „Stütze“ lebt, und es ist erst einen Monat her, dass im Fernsehen einer auftrat, etwa 55 Jahre alt, der damit protzte, seit 25 Jahren nicht zu arbeiten und dies auch künftig nicht tun zu wollen. Und jeder Arbeitsvermittler kennt jene Fälle, bei denen sich Paare pro forma trennen, weil sie als getrennt Lebende mit Kindern unter dem Strich mehr Geld erhalten.


Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern

Fatalerweise werden solche Beispiele in der öffentlichen Diskussion verschwiegen, da sorgen sich dann Caritas und andere darum, dass die Debatte zulasten der Arbeitslosen und Kranken geführt würde. Doch das tut niemand. Im Gegenteil, meint Westerwelle, man müsse die Schwachen vor den Faulen schützen. Was wohl auch dahingehend richtig ist, dass die wirklich Bedürftigen eben nicht in den Ruch des Asozialen kommen dürfen. Wobei auch nicht vergessen werden darf: Eine Reihe von wirklich Bedürftigen scheut sich, ist zu stolz, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Frage stellt sich also: Was ist zu tun, dass sich Schmarotzer nicht in den Sozialsystemen ausruhen können und andererseits die Hilfe für Bedürftige auch finanzierbar bleibt (in Deutschland summieren sich die Sozialleistungen auf fast 800 Mrd. Euro). Es führt kein Weg daran vorbei, dass der Staat die Bereitschaft zum Arbeiten stärker fördern muss – und sei es durch finanzielle Daumenschrauben. Die in Österreich übliche Frühpension (bei der Bahn mit 52 Jahren) ist ebenso fatal wie die in Deutschland weitverbreitete Methode, „mit Stütze“ und Schwarzarbeit die regulär Arbeitenden zu Deppen zu stempeln.

Der Einstieg in die Arbeitswelt muss für Arbeitslose erleichtert werden, und eine Möglichkeit wäre hier wohl eine Tätigkeit im gemeinnützigen Bereich. Die Gemeinde- und Stadtverwaltungen wären froh um jede helfende Hand, und auch Geringqualifizierte (denn um die geht es ja in erster Linie) könnten sich da nützlich machen. Solange aber derjenige, der Hilfe aus den Sozialsystemen bezieht, finanziell besser (oder auch nur genauso) dasteht wie der Vollzeit und legal arbeitende Nachbar, ist keine Lösung in Sicht.

Ach ja, und auch dies verstößt gegen die politische Korrektheit: In Deutschland haben 14,2% der Migranten keinen Schulabschluss (zum Vergleich: 1,8% der Deutschen), in Österreich 34% nur einen Pflichtschulabschluss (76% der Türken). Was im Klartext heißt: Es findet eine erhebliche Zuwanderung in die Sozialsysteme in Deutschland und Österreich statt. Und dies wiederum bedeutet: Wir können uns die Sozialsysteme im bisherigen Umfang nicht mehr leisten, soll der Staat nicht bankrottgehen und damit auch die Hilfe für die wirklich Bedürftigen entfallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2010)

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14 Kommentare
Gast: schatzlmutzane
03.03.2010 00:43
0 0

Arbeitslosen-Geld

Ich kenne viele Fälle wo der Sozialstaat Österreich versagt!
Menschen die nach hunderten von Bewerbungen
und Schulungen, keine Arbeitsstelle bekommen und mit Euro 500,- im Monat das Leben fristen müssen!
Wo ist die Sicherung, das Mindesteinkommen???
Niemand fühlt sich zuständig wenn man um Hilfe bittet!
Nur die Banken bekommen Millionen gesponsert!
Es gibt viele Arbeitslose die unverschuldet in diese geraten sind, wer unterstützt diese?????

presseabo
02.03.2010 18:17
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Zynisch-meine ich-1 Angebot für 16 BewerberInnen

Das darf jedoch nicht von der Frage abhalten, ob der Staat genügend Anreize bietet, damit Arbeitslose wirklich wieder Arbeit suchen. Die OECD hat jüngst in einer Studie dazu klare Worte gesprochen: Es gibt zu wenig Anreize, einen Job zu suchen, die Arbeitsaufnahme lohnt sich kaum, denn mit „Stütze“ kommt man auf den nahezu gleichen Betrag, den der Arbeiter nach Hause bringt.
Vielleicht sind die Löhne zu niedrig - bei einem Mindestlohn von 1200.-€ könnte die Differenz zur "Stütze" schon mehr Anreiz sein. Bei 25 000 angebotenen Arbeitsstellen und 400 000 Arbeissuchenden, kann die Frage des "Anreizes" aber nicht wiklich verändernde Auswirkung haben!
W.Rijs


Gast: guenterkrammer
02.03.2010 10:43
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polemische Berichterstattung

Mag dieses Problem nicht ganz aus den Fingern gesogen sein, allerdings besteht es nicht in dem hier beschriebenen Ausmaß. Diese Berichterstattung ist polemisch und setzt erste Schritte zur pauschalen Verunglimpfung der Schwachen und Ärmsten.

In Zeiten von Rekordarbeitslosikeit sollte auch die Presse einfühlsamer und weniger populistisch dieses Thema behandeln. Zu schnell kann daraus von den Neidern und selbsternannten "Anständigen und Fleißigen" Lösungsvorschläge abgeleitet werden, die aus unverschuldet in Not geratene zu Opfern machen.

Gast: mike
02.03.2010 09:50
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Vielleicht ist die Frage angebracht,

warum die - vor noch nicht langer Zeit blühende und "brummende" Wirtschaft "working poor" - Löhne bezahlt.
Zur Gewinnmaximierung der ohnedies schon Begüterten ?
Und die Gewerkschaft, die eigentlich das natürliche Gegengewicht gegen - natürliches - Gewinnstreben sein sollte, ist so damit beschäftigt, ihren eigenen Besitzstand zu bewahren, daß sie für anderes keine Zeit hat.
Oder kein Interesse ..
Daß der nimmersatte Staat die Netto-Lohnkosten mehr als verdoppelt, macht das Ganze nicht besser ..

Gast: CK
02.03.2010 08:56
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Der Umkehrschluss

Immer darüber zu schimpfen dass die Armee der Sozialschmarotzer die es anscheinend gibt mehr verdient als der arbeitende Bürger ist eine feine Sache. Bequem. Die Frage ist nun: sollen wir denen die ohnehin schon wenig haben noch was streichen oder sollten sich unsere Wirtschaftstreibenden vielleicht überlegen faire Löhne zu zahlen?

Beispiel: Meiner Frau wäre nach der Karenz in der Arbeitslosen mehr Geld übriggeblieben (Lohn abzgl. Aufwand für die Betreuung in der Kindergrippe) als es mit 25 Stunden im Reisebüro der Fall war. Da läuft doch was schief würde ich mal sagen.

Kleiner Nachsatz: als brave Bürgerin ist sie dennoch ins Berufsleben zurückgekehrt um Menschen wie dem Verfasser dieses Artikels nicht auf der Tasche zu liegen.

Nachsatz 2 Richtung Pravda: Sie ist gebürtige Rumänin ;-)

Antworten Gast: Gast
02.03.2010 11:20
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Re: Der Umkehrschluss

Natürlich können wir mehr zahlen, aber sie wären wahrscheinlich auch einer derjenigen, die jammern, sollte plötzlich alles um 50 - 100% mehr kosten. Tja schon blöd wenn halt Löhne uU die Stückkosten eines Wirtschaftsgutes beinflussen.

Gast: Pravda
02.03.2010 03:22
0 0

Vom Kopf auf die Füße gestellt:

Und dies wiederum bedeutet: Wir können uns die Massenzuwanderung nicht leisten.
Sie zerstört (nicht nur) das Sozialsystem.


Steininger
02.03.2010 03:08
1 0

Geringqualifizierte, soziale Hängematte, Schmarotzer, Unmoral

Alles wunderbare Schlagwörter. Gut geeignet für gefälligen Populismus.
Feindbilder aufbauend.
Es geht doch nichts über ein gesundes Feindbild, vor allem für die "Leistungsträger"!

Bankdirektoren also, die als Gegenleistung für eine Vertragsaufläsung gleich 4,5 Millionen Euro bekommen!

Da lässt es sich gleich viel leichter über die üppige soziale Hängematte vorn 500 Euro im Monat schwadronieren, mit dem Glas Bordeaux in der Hand.

Angesichts von 400.000 Arbeitslosen in Österreich ist das auch sicher angebracht. Jeder von diesen ist schließlich an seiner/ihrer Lage selber schuld.
Denn..., wer Arbeit haben will findet auch eine. Selbst wenn er als "Minderleister" für so wenig Geld arbeiten soll daß er/sie davon nicht leben kann!

Es lebe der Neid. Geiz ist geil. und so weiter!

Antworten Murray
02.03.2010 08:24
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Re: Geringqualifizierte, soziale Hängematte, Schmarotzer, Unmoral

Haben sie schon einmal Ihren Lohnzettel angesehen?

Antworten Antworten Gast: Die Schmarotzer sitzen in den Chefetagen
02.03.2010 10:52
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Re: Re: Geringqualifizierte, soziale Hängematte, Schmarotzer, Unmoral

Unser Steuergeld wird nicht durch Sozialhilfeempfänger vernichtet. Die Bösen sitzen auf fetten Lederdrehstühlen in den Chefetagen oder gleich in den Regierungen. 6 Mio hier für Josef Martinz' privaten Steuerberater, 4,5 Mio dort an Pinkl für 9 Monate Arbeit als Hypochef. Abfangjägerdeal, Bankenversenkung, Stadionbau, Staatsbürgerschaftsverkauf für Parteispenden etc. Die Anprangerung des Missbrauchs von Sozialleistungen erscheint mir da als billiges Ablenkungsmanöver.

Antworten Antworten Antworten Murray
02.03.2010 13:20
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Re: Re: Re: Geringqualifizierte, soziale Hängematte, Schmarotzer, Unmoral

Ok, ich ergänze: haben Sie

a) einen Blick auf Ihren Lohnzettel geworfen?

b) sich jemals mit dem Budget der Republik Österreich befasst?

c) sich jemals die Frage gestellt, warum ein so hoch gerüsteter Staat wie Preußen um 1900 mit einem Einkommensteuerhöchstsatz von 5% ausgekommen ist?

Antworten Antworten Antworten Antworten Steininger
02.03.2010 14:05
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Re: Re: Re: Re: Geringqualifizierte, soziale Hängematte, Schmarotzer, Unmoral

Hm, ich bin mir nicht sicher was die Situation des Königreichs Preussen mit der jetzigen Diskussion zu tun hat.
Übrigens, damals starben Kinder noch an der Schwindsucht. Lungenentzündung war Todesursache Nr. 1.
Das Durchschnittsalter erreichte nur 49 Jahre.
Was an so einem Unrechtsstaat erstrebenswert gewesen sein soll erschließt sich mir nicht!

tarrant
01.03.2010 20:16
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Endlich

Bravo für diesen Artikel. Und Herr Kleinert tut mir jetzt schon Leid wegen der Anfeindungen und Beschuldigungen als neokonservativer Rechtsextremist, die er erhalten wird.

Antworten Steininger
02.03.2010 03:45
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Re: Endlich

Und die werden alle verdient sein!

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