25.05.2012 19:56 | Meine Presse Merkliste 0

Der Minoritenplatz in Ankara

THOMAS SCHMIDINGER (Die Presse)

Warum türkische Schulen kein Problem, aber auch keine Lösung für die vorhandenen Probleme sind.

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Ein fast nebenbei hingeworfener Satz des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl sorgte vergangene Woche für Aufregung. Häupl erklärte auf einer Pressekonferenz mit dem türkischen Botschafter, dass er sich eine türkische Schule nach dem Vorbild des Lycée Français vorstellen könne, also eine Eliteschule, die von Kindern wohlhabender türkischer Eltern besucht würde, die sich entsprechendes Schulgeld auch leisten könnten. Für die überwiegende Mehrzahl türkischer Kinder hätte diese Schule keinerlei Relevanz, und die Idee ist nicht so neu, dass sie die Aufregung rechtfertigen würde.

Türkisch ist österreichischen Schulen keineswegs fremd. Das Abendgymnasium Henriettenplatz in Wien bietet schon seit 2004 Türkisch als Wahlpflichtfach an. In Wien gab es bis 2005 eine bilinguale türkisch-deutsche Schule. Aber auch islamische Privatschulen verwenden Türkisch teilweise als Unterrichtssprache, und die aus der Türkei stammende Bewegung der Nurculuk um den Prediger Fethullah Gülen hat 2007 in Wien das Phönix-Realgymnasium eröffnet. In vielen Städten Österreichs sind die Nachhilfeinstitute der Gülen-Bewegung die einzigen privaten Lernhilfeinstitute, die sich speziell um lernschwache Schüler aus der Türkei kümmern.


Doppelt schwer

Auch andere Bewegungen des politischen Islam wie Milli Görüş oder die Süleymancılar sind längst im Bereich der Nachhilfe und Bildung tätig. Hätte sich der österreichische Staat rechtzeitig und ausreichend um die Bildung der Kinder und Jugendlichen der zweiten und dritten Generation türkischer Einwanderer gekümmert, wären ideologisch-religiös motivierte Bewegungen auf diesem Feld nicht erfolgreich gewesen.

Tatsächlich hat das österreichische Bildungswesen nie die Muttersprachen der Migranten wertgeschätzt und gefördert. Während die Gesellschaft Italienisch, Spanisch und Französisch zumindest noch als sexy betrachtet, werden Türkisch, Arabisch, Serbokroatisch, Romanes oder Kurdisch bis heute nicht als Chance, sondern als Bedrohung gesehen. Der muttersprachliche Unterricht, der an Schulen angeboten wird, umfasst viel zu wenige Stunden und wird großteils von Lehrern abgehalten, die weder dafür ausgebildet noch in ihre Schulen integriert sind. Dabei hat die Sprachwissenschaft schon vor 30Jahren bewiesen, dass nur die gute Beherrschung der Erstsprache die Basis für den Erwerb einer Zweit- oder Drittsprache darstellt.

Kinder mit Eltern aus der Türkei haben es nicht nur aufgrund des oft niedrigen Bildungsgrades ihrer Eltern doppelt schwer, sondern auch, weil sehr viele von ihnen eigentlich sprachlichen Minderheiten der Türkei angehören, die bereits im Herkunftsland unterdrückt wurden. Viele vermeintliche „Türken“ sprechen eigentlich Kurdisch, Zaza, Lasisch, Tscherkessisch, Aramäisch, Armenisch oder Arabisch. Kurdisch und Zaza wurden in der Türkei über Jahrzehnte verboten und unterdrückt. Wenn wir also über ein mehrsprachiges Bildungswesen nachdenken, dann sollte nicht nur über Türkisch debattiert werden, sondern insbesondere auch über die Minderheitensprachen Kurdisch und Zaza. Obwohl rund ein Drittel der „Türken“ eigentlich diesen Minderheiten angehören, gibt es keinerlei muttersprachlichen Unterricht in diesen Sprachen. Sie zu pflegen, an den Schulen und auch an den Universitäten zu verankern, wäre ein Ziel, das auch für die deutsche Sprachkompetenz der Betroffenen von unschätzbarer Bedeutung wäre. Die türkische Botschaft ist dafür jedoch nicht der richtige Partner, dafür müsste schon Österreich etwas investieren.

Thomas Schmidinger ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien und Vorstandsmitglied der Hilfsorganisation LeEZA.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2010)

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14 Kommentare
Arethas
22.04.2010 13:59
0 0

Übrigens

Bezeichnend auch, dass Herr Dr. Schmidinger die kleinasiatischen Sprachen fein differenziert, aber vom "Serbokroatischen" spricht.
Da schwingt wohl noch die Trauer um das vergangene Jugoslawien mit.

Antworten Gast: gast
06.05.2010 16:09
0 0

Re: Übrigens

richtig. und deshalb wird mir herr schmidinger auch immer sympathischer.
jugoslawien hätte nie zerfallen dürfen, und SO schon gar nicht.
nationalisten aller welt: gehts sch.....!

Gast: ako
17.04.2010 20:59
0 0

find den kommentar gut.

Aber was für ein kurdisch sollte da denn unterrichtet werden? Nicht dass ich irgendwie leugnen wollte dass es kurdisch gibt, aber meines Wissens existiert (noch) keine einheitliche Hochsprache....stelle mir das praktisch ziemlich schwierig vor.

"Ihr werdet euch noch wundern ......... "
Bei Leuten wie dir wunder ich mich tagtäglich.

Antworten Gast: Thomas Schmidinger
18.04.2010 10:43
0 0

Re: find den kommentar gut.

Es ist Richtig, dass es kein einheitliches Hochkurdisch gibt, allerdings haben sich in den letzten 15 Jahren mehrere Standardvarietäten herausgebildet, die in den verschiedenen Teilen Kurdistans relativ gut verstanden werden und auch als Schriftsprachen benutzt werden. Einerseits ist dies das mit einer Variante des lateinischen Alphabets geschriebene Kurmanji der Türkei, andererseits das mit einer Variante der persisch-arabischen Schrift geschriebene Sorani im Irak und im Großteil des Iran. Korrekter wäre es insofern gewesen von Sorani und Kurmanji zu schreiben, was für einen Zeitungskommentar aber wohl zu unverständlich gewesen wäre. Dazu kommt noch, dass Zaza von vielen Kurden als kurdischer Dialekt betrachtet wird, von anderen als eigene Sprache. Es gibt natürlich auch noch weitere Varietäten, die oft zu Kurdisch gezählt werden: Gorani/Hawrami, Lori und Laki. In Österreich gibt es davon aber nur sehr wenige SprecherInnen. Mit Kurmanji, Zaza und Sorani wären 95% der kurdischsprachigen (im weiteren Sinne) abgedeckt. Es handelt sich dabei nicht um kleine Gruppen, sondern um mehrere tausend SchülerInnen. Nähere Infos zu(r) kurdischen Sprache(n) finde Sie auf meiner Website u.a. unter http://homepage.univie.ac.at/thomas.schmidinger/php/texte/ethnologie_kurdische_sprache.pdf
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Zum Unsinn anderer Poster mag ich mich hier nicht äußern. Ihre Nachfrage wollte ich aber beantworten. Bei weiteren Fragen können Sie sich gerne bei mir melden.

Gast: unbeteiligter
17.04.2010 15:11
2 0

ist das ein Auszug aus dem Wahlprogramm

der Grünen oder eine Belangsendung der vereinigten Gutmenschen?

Ihr werdet euch noch wundern .........

Antworten galli leo
20.04.2010 16:34
0 0

"Ihr werdet euch noch wundern ........."

bist du der hatse???

der hat auch sinngemäß gesagt: "wenn ich mal an der macht bin, dann müssen sich einige fürchten..."

aber ich wundere mich heute schon. darüber dass es noch leute gibt, die "gutmensch" verwenden: mega-out und ein eindeutiges zeichen, dass der verwender ein vorgestriges kellerkind ist!

jetzt noch ein kleines "links-link" und schon kannst dir eine der vielen bunten psychopillen ersparen.

Antworten Gast: Gast
17.04.2010 17:22
2 2

Re: ist das ein Auszug aus dem Wahlprogramm

äääähmm, aus dem Wahlprogramm der Grünen?

Die Grünen haben explizit keinen kurdischen Unterricht gefordert (in der PK letzte Woche forderten sie ausschließlich: Serbisch, Türkisch, Kroatisch, Ungarisch, Tschechisch und Slowakisch), weil sie sich vor den türkischen WählerInnen fürchten.

Also leider: der Artikel entstammt offensichtlich GAR keinem Wahlprogramm. Stellen Sie sich vor, es gibt in österreich parteiunabhängige DenkerInnen. Wow, noch nie gehört geh? Weils so gaaaar nicht in die Kategorien "Gutmensch/Grüner/Trottel" versus "superGscheite" diverser Leuchten passt, gell?

Antworten Antworten Gast: unbeteiligter
17.04.2010 22:03
4 0

Re: Re: ist das ein Auszug aus dem Wahlprogramm

wow- wohl den Lichtertanz gegen rosenkranz mitorganisiert und noch frustriert was ?

Arethas
16.04.2010 22:31
2 0

Witzig

Lernen wir also Zaza oder Lasisch...
Obwohl ich persönlich Huzulisch attraktiver finde. Oder Tungusisch.
Grusinisch soll ja auch ganz schön sein.

Was heißt eigentlich "Geldschei*er" in all diesen Sprachen?
Und wo gibt es so etwas in Österreich?

Antworten galli leo
20.04.2010 16:37
0 0

solange

der geldscheisser noch genügend geld ausspuckt, um damit hatse-comic zu finanzieren, wird wohl ein bisserl was auch für das erlernen von sprachen übrig sein.

hatse-comic verblöden nämlich, hingegen ist das erlernen einer sprache (völlig egal welche) gehirnjogging vom feinsten!

Antworten Antworten Arethas
22.04.2010 13:44
0 0

Re: solange

Sie haben durchaus recht. Welche Sprachen jeder privat sprechen oder erlernen will, ist doch jedem freigestellt.
Aber erstens sind Sprachen unterschiedlich bedeutsam (und die Bedeutung des Deutschen verhält sich zum Lasischen, Zazaki oder ähnliche Dialekten wie der Pazifik zur Langen Lacke) und zweitens ist die ganze Thematik auch eine Frage der Gerechtigkeit (Wird das eine mongolische Kind in der Klasse dann auf Mongolisch unterrichtet oder hat es einfach Pech gehabt in Bezug auf muttersprachliche Förderung? Werden Kinder aus China in Mandarin oder Regionalsprachen unterrichtet? etc.)

Antworten Antworten Antworten Arethas
22.04.2010 13:47
0 0

Re: Re: solange

Was die angesprochenen Comics betrifft, gebe ich Ihnen recht:
Die Parteienförderung ist zu üppig.
Kann mich aber nicht erinnern, dass da ein Aufschrei aus der linken Ecke kam, als diese wieder einmal erhöht wurde.

Antworten Gast: gast
17.04.2010 10:59
1 4

Re: Witzig

Ich glaube in Ihrem Fall, Arethas, sollten Sie zunächst alphabetisiert werden. In Ihrer Muttersprache, welche auch immer das ist.

Im Artikel wird MUTTERSPRACHLICHER UNTERRICHT gefordert, und nicht, dass Kinder mit deutscher Muttersprache Zaza, Lasisch oder eine andere Sprache lernen sollen. Oder jeder dahergelaufen Depp, der hier postet.

Abgesehen davon, dass es natürlich immer eine Bereicherung für Menschen ist, Sprachen zu lernen, aber darum geht es in diesem Artikel NICHT.

Also vielleicht lernen Sie, Arethas, zunächst mal Schreiben und LESEN, dann könnten Sie auch ansatzweise, und eventuell, wenn Sie nicht trotzdem zu blöd dazu sind, die Aussage von Artikeln verstehen.


Antworten Antworten Arethas
18.04.2010 14:00
1 0

Re: Re: Witzig

Im Artikel steht ganz klar, dass Österreich für Unterricht in Zaza oder Lasisch Geld locker machen soll. "An Schulen und Universitäten verankern" ist nämlich nicht kostenlos.
Das halte ich für Unfug.

Dahergelaufen sind im übrigen Sie als nichtregistrierter "gast" und dass Sie mangels Argumenten lediglich mit Beschimpfungen auf kinidschem Niveau reagieren, bestätigt nur die Richtigkeit meiner Ansicht.

Also gilt Ihnen mein herzlicher Dank!

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