25.05.2012 19:57 | Meine Presse Merkliste 0

Drei Gründe für neue Hoffnung im Nahen Osten

GASTKOMMENTAR VON ROGER COHEN (Die Presse)

Erzählen Sie mir nicht, dass Israelis und Palästinenser niemals Frieden schließen und Iraner und Amerikaner einander niemals die Hände reichen können.

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Zerrbilder auszuräumen ist schwere Arbeit. Aber es steht für die Welt zu viel auf dem Spiel im Nahen Osten, um die zermürbende Suche nach einer gemeinsamen Basis aufzugeben. Ich sehe drei wesentliche Gründe zur Hoffnung:

Der erste ist der palästinensische Premier Salam Fayyad, 58, ein schmächtiger, präziser, in den USA ausgebildeter Mann mit einem geordneten Verstand. Ich habe kürzlich 90Minuten lang mit ihm gesprochen. Er redet in langen, verschachtelten Sätzen mit einem Hang zum Akademischen und verwendet gern Wörter wie „axiomatisch“. Er hat seine Arbeit in der Weltbank mit jener in der West Bank getauscht. Er ist alles andere als ein Hitzkopf, und bewaffneter Kampf war nie seine Sache. Aber im Moment ist er ein Mann mit einer Mission.

Diese Mission ist ein Zweijahresprogramm, das vergangenen August begonnen hat. Es soll Palästina bis zur zweiten Jahreshälfte von 2011 auf die Eigenstaatlichkeit vorbereitet haben. Anders als die bisherigen palästinensischen Misserfolge baut es auf Gewaltlosigkeit auf – „ein ehernes Bekenntnis, nicht eine vorübergehende Marotte“, sagt er zu mir – und ist auf unaufregende Dinge wie den Institutionenaufbau (Polizei, Schulen, Rechtssystem, Straßen und ein Wirtschaftssystem) fokussiert und nicht auf exaltierte Proklamationen.

Dieses Programm hat die ausdrückliche Rückendeckung der USA, Russlands, der EU und der UNO. Letztere hat im vergangenen Monat aufgerufen zu „einer Einigung innerhalb von 24Monaten, die die 1967 begonnene Besatzung beendet und in das Entstehen eines unabhängigen, demokratischen und lebensfähigen palästinensischen Staates mündet, der Seite an Seite in Frieden und Sicherheit mit Israel leben kann“.

Die 24Monate der Welt und jene von Fayyad sind nicht deckungsgleich, aber sie sind es so weit, dass die Absicht klar ist. Fayyad genießt die volle Unterstützung Präsident Barack Obamas. Nächstes Jahr, wenn der Präsidentschaftswahlkampf in den USA richtig einsetzt, ist die kritische Zeit. Werden Fayyads Programm, das Fortschritte macht, und die Verhandlungen, die das nicht tun, dann auf einen Nenner kommen? Ich weiß es nicht, aber Fayyad ist seit Langem die größte Hoffnung für Palästina.

Das einfachste Argument gegen Fayyad ist seine politische Isolation: Die Hamas in Gaza lehnt ihn ab, und die alte Garde der Fatah in der West Bank betrachtet ihn mit Argwohn. Das Argument für ihn ist, dass er Dinge umsetzt, die Lebensbedingungen verbessert und die Palästinenser es müde sind, immer auf der Stelle zu treten.

Vor allem anderen ist Fayyad der lähmenden Forderungen der Vergangenheit müde. „Erlauben wir uns nicht den Luxus, in alle Ewigkeit als Opfer aufzutreten“, sagt er. „Dies ist ein Fall von zwei gegensätzlichen historischen Narrativen. Und wenn das den Kurs in der Zukunft bestimmt, werden wir nicht sehr weit kommen. Es ist Zeit, das aus dem Weg zu räumen und den Konflikt zu beenden. Gehen wir vorwärts, schauen wir wirklich nach vorn.“


Irans Opposition zeigt dritten Weg auf

Ich glaube, dass die Vereinigten Staaten und der Western durch zwei Kriege ernüchtert sind – Irak und Afghanistan –, und das ist mein zweiter Grund für vorsichtigen Optimismus. Der Westen und die islamische Welt haben gelernt, was die Kluft zwischen ihnen kostet. Den Muslimen die Hand auszustrecken ist nicht zufällig ein Herzstück der Außenpolitik Obamas.

Der politische Islam, triumphierend in der iranischen Revolution 1979 und seitdem mehr oder weniger unaufhaltbar, ist als religiöse Gegenreaktion auf die säkulare Moderne entstanden. Er richtet sich gegen das, was der iranische Schriftsteller Jalal Al-e-Ahmad die „Westoxification“ genannt hat – das Aufzwingen westlicher Werte und ökonomischer Logik. Hinter dieser Bewegung steht die Unruhe, ja der Zorn entwurzelter muslimischer Gesellschaften, in denen die nationalen Identitäten sich den „amerikanischen Lakaien“ wie dem Schah im Iran gebeugt haben. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, aber die Bestürzung des Westens ist kaum abgeflaut. Er hat auf die politische und ideologische Anziehungskraft des Islam mit einer großen Maß an Unverständnis reagiert und träumt davon, dass eines Tages die Säkularen über die vermeintlichen Kräfte der Finsternis siegen. Natürlich verschaffen die dumme Holocaust-Leugnung und die nicht akzeptablen Auslöschungsdrohungen des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad dem Zivilisation-gegen-Barbarei-Refrain eine gewisse Nahrung. Aber ein solches binäres Denken ist vollkommen unangemessen. Schließlich geht jetzt eine breite demokratische Reformbewegung im Iran auf die Straße – mit dem kaum antireligiösen Ruf: „Gott ist groß!“

Die Opposition ist generell nicht säkular, wie manche im Westen und in Israel es gern hätten. In Wirklichkeit eröffnen der Oppositionsführer Mir-Hossein Moussavi und die Millionen junger Demonstranten hinter ihm einen wichtigen Blick auf einen dritten Weg zwischen politischem Islam und Säkularismus – einen Weg, der der Phrase der „Islamischen Republik“ echten Sinn geben könnte. Moussavi hat sowohl diejenigen verurteilt, die wie Ahmadinejad die islamische Herrschaft als eine „Tyrannei der Gerechten“ ansehen, wie auch jene, für die der Islam „ein Hindernis für die Realisierung des Republikanismus“ ist. In derlei hybriden Auffassungen liegen mögliche Auswege aus der globalen säkular-religiösen Spaltung.

Letztendlich könnte das beste Gegengift gegen die Attraktion des Islamismus als politische Philosophie sein, ihn im Alltag zu leben – was der Iran seit 30Jahren tut. Während für mich jeder echte Sieg des westlichen Liberalismus oder Säkularismus über den politischen Islam im Nahen und Mittleren Osten undenkbar erscheint, ist der postrevolutionäre Iran ein Anschauungsmaterial für die Art der Kompromisse, die möglicherweise unausweichlich sind. Wenn man den Iran auf der Basis eines Kompromisses aus seiner Isolation holen könnte, wäre sein Beitrag zur Überwindung der Kluft zwischen Islam und dem Westen wegweisend.

Mein dritter Grund ist Obama selbst. Es ist etwas von einem Journalisten in ihm. Er mag es, Grenzen zu neuem Verständnis zu überschreiten. Seine ganze Lebensgeschichte dreht sich darum.

Es ist leicht zu verzweifeln, wenn der Konflikt unauflösbar scheint, aber Europa lehrt uns, dass sogar die bittersten Feindschaften nicht ewig halten. Sagen Sie daher nicht, dass eine grausame Geschichte nicht überwunden werden kann. Sagen Sie nicht, dass Israelis und Palästinenser niemals Frieden schließen können und Iraner und Amerikaner einander niemals die Hände reichen. Es ist möglich, das andere Ufer zu erreichen, Mauern niederzureißen, Stereotype aufzubrechen, die Ketten der Geschichte abzuschütteln und vorwärts zu gehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2010)

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5 Kommentare
Gast: Gast
15.05.2010 13:30
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Gast

Und wieder mal zensiert die Presse. Lag es an meinen beiden Sätzen, daß ´Israel eine gewalttätige Politik gegenüber den Palästinensern macht´? Und ´daß Kritik dieser Art an Israel als Antisemitismus denunziert wird´? Zensur ist Faschismus. (Und die Welt ist ein Spiegel.)

Arethas
14.05.2010 16:49
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Präzedenz

„Erlauben wir uns nicht den Luxus, in alle Ewigkeit als Opfer aufzutreten“, sagt er.

Warum nicht?
Bei anderen funktioniert das doch auch ganz gut.

Gast: NiederösterreicherD
13.05.2010 18:59
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Warum kritisiert Cohen nur die palästinensische Seite?

Das Haupthindernis für den Friedensschluß und die Errichtung eines Heimatstaates für die Palästinenser liegt doch eher in der expansionistischen Politik Israels, das auf weiteren Landgewinn aus ist, sowie in dessen Beharren auf einen nationalreligiösen Staat. Sollte Israel von diesem Kurs (dem sich die USA immer wieder beugen) einmal abgehen, dann könnte es vermutlich sehr schnell zum Staat Palästina kommen! Daß Israel von dieser Politik einmal abgehen oder die Palästinener in diesen Punkten nachgeben werden, darf mit Fug bezweifelt werden!

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Re: Warum kritisiert Cohen nur die palästinensische Seite?

mögen alle Staaten "nationalreligiös" sein wie Israel, besonders aber die Staaten im Nahen Osten!

Antworten Antworten Gast: Lausbub
17.05.2010 21:58
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Re: Re: Warum kritisiert Cohen nur die palästinensische Seite?

Leider können sich andere Staaten im Nahen Osten nicht leisten "nationalreligiös" zu sein, weil sie nach der Pfeife jener STaaten, die dort das Sagen haben, tanzen müssen.

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