11.02.2012 08:09 | Meine Presse Merkliste0

Spekulation ist die Schwäche des Systems

GASTKOMMENTAR VON ANDREAS SCHIEDER (Die Presse)

Unregulierte Finanzmärkte sind die größte Gefahr für die Volkswirtschaft. Eine Replik auf Wilhelm Molterer.

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Von konservativer Seite wird in den letzten Tagen versucht, eine merkwürdige Interpretation der Ereignisse rund um die Euro-Rettung zu streuen: Wir alle – also die Menschen in Österreich und Europa – hätten in den letzten Jahren über unsere Verhältnisse gelebt, deshalb stecken wir jetzt in der Krise. Wie zynisch muss dieses Argument in den Ohren all jener klingen, die an der Armutsgrenze leben, oder in den Ohren jener Arbeitnehmer, die sich trotz harter Arbeit jede Ausgabe zweimal überlegen müssen.

Das Argument ist auch ökonomisch falsch: Nicht die Schulden haben die Krise verursacht, sondern umgekehrt. Die Krise hat erst zum Explodieren der Staatsschulden geführt. Der Staatshaushalt ist nicht wegen zu hoher Ausgaben für Kindergärten, Sozialleistungen, Schulen oder Pensionen unter Druck, sondern, weil die Blase aus zügelloser Spekulation auf vollkommen regellosen Finanzmärkten geplatzt ist.

Das sei nur kurz am Beispiel Österreichs erläutert: 2008 betrug das österreichische Defizit 0,4 Prozent, 2009 wuchs es in Folge der Krise auf 3,4Prozent, 2010 wird es 4,7Prozent ausmachen. Die Kosten der Krise sind aber noch weit höher: Einbruch des Wachstums von vier Prozent auf minus zwei Prozent, steigende Arbeitslosigkeit und damit verbundene soziale Kosten – nicht nur finanzieller Natur. Das alles führt dazu, dass die Menschen das Vertrauen in das Wirtschaftssystem verlieren und um ihre Altersvorsorge und ihre Arbeitsplätze fürchten.


Wenige Profiteure

Es stimmt: Hohe Staatsschulden sind ein Problem, weil die Zinszahlungen und die Abhängigkeit von den Finanzmärkten steigen und die Möglichkeiten für Zukunftsinvestitionen beschränkt werden. Der Staat muss seinen Handlungsspielraum erhalten, um nachhaltige Politik machen zu können. Die sozial ausgewogene Konsolidierung des Budgets hat deshalb oberste Priorität. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass von der Blase vor der Finanzkrise einige wenige sehr profitiert haben: Banken, vermögende Aktienbesitzer und Manager.

Das war in den USA, aber auch bei uns der Fall. Wenn wir über Konsolidierung des Budgets sprechen, ist es nur gerecht, wenn dieser Sektor einen Beitrag zur Stabilisierung der Staatsfinanzen leistet. Vor allem aber geht es jetzt darum, Lehren aus der Krise zu ziehen.

Die wichtigste davon lautet: Die größte Gefahr für die Volkswirtschaften sind unregulierte Finanzmärkte. Keynes stellte dazu in Bezug auf die Große Depression fest, was auch für die heutige Situation gilt: „Der Wirtschaftsmotor war in gutem Zustand, nur ein wichtiges Bauteil, das Finanzsystem, funktionierte nicht.“ Genau hier müssen wir ansetzen und künftigen Krisen durch effektive und möglichst lückenlose Regulierung den Nährboden entziehen. Dazu gehört es etwa, Hedgefonds an die kurze Leine zu nehmen, wie das zur Stunde auf EU-Ebene von progressiven Kräften vorangetrieben wird.

Genauso wie eine Stärkung der Aufsichtsbehörden, eine Regulierung der monopolartigen Ratingagenturen und ein Verbot hochspekulativer Produkte sowie die Eindämmung von kurzfristiger Spekulation durch Einführung einer internationalen Finanztransaktionssteuer. Rund um Letztere hat die Debatte in den letzten Tagen und Nächten stark an Dynamik gewonnen. Sowohl der Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker als auch die deutsche Bundesregierung sprechen sich für eine Finanztransaktionssteuer aus. Mit dem Ja der größten europäischen Volkswirtschaft kommen wir der europäischen Finanztransaktionssteuer einen entscheidenden Schritt näher. Diese Dynamik zeigt, dass – allen Unkenrufen zum Trotz – der Einsatz für Regulierung auf internationaler Ebene Früchte trägt.

Aber wir müssen auch unseren Spielraum auf nationaler Ebene nutzen. Das heißt etwa mehr Kompetenzen für die FMA, Umsetzung des lange diskutierten Bankeninsolvenzrechtes und eine Reform der Anlageberaterberufe – oder wie es Joseph Stiglitz formuliert: „No country can fully insulate itself, but the best protection is a good regulatory structure at home.“


Systemschwäche kurieren

Wilhelm Molterer hat vor einigen Tagen an dieser Stelle in einem Gastkommentar ausgeführt, die Krisenschuld bei Spekulanten zu suchen wäre eine faule Ausrede, spekuliert würde nur dort, wo Schwächen liegen würden. Es stimmt, dass in Schwierigkeiten geratene Volkswirtschaften zusätzliche Spekulanten anlocken, die die Situation noch verschärfen. Das grundlegende Problem heißt aber nicht, es wird spekuliert, wo Schwächen liegen, sondern Spekulation ist die Schwäche des Systems. Wir sind es den Menschen in Österreich und Europa schuldig, diese Systemschwäche zu kurieren: durch Regulierung und Kontrolle der Finanzmärkte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2010)

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10 Kommentare
Gast: Snoddergons
01.06.2010 17:14
0 0

....

selten zuvor habe ich solchen Unsinn in der Presse lesen müssen, wie kann ein vernunftbegabter Mensch annehmen, dass der Staat permanent mehr Geld ausgeben kann, als er einnimmt, dadurch eine Krise verursacht - und den Märkten/Spekulanten die Schuld dafür gibt . . .

Nadja Shah
25.05.2010 20:17
0 0

Es ist mir völlig unverständlich,

was vernünftige Menschen gegen eine Transaktionssteuer haben können. Diese Steuer trifft die Zocker, die davon leben, dass sie permanent kaufen und verkaufen und die teilweise mit übler Manipulation Kurswerte hinauf oder hinunter treiben, um ihre Wetten zu versilbern oder zu vergolden. Jede/r der hier gegen eine Regulierung der Finanzmärkte redet, hat meines Erachtens entweder null Ahnung worum es eigentlich geht oder er/sie gehört zu besagter Egotruppe, die meint, es gehe immer nur um sie selber.
Wer dann noch behauptet, es gehe um Bankomataktionen oder Rentenüberweisungen, der offenbart sich als geistiges Nackerbatzl oder versucht den Menschen Sand in die Augen zu streuen, damit er ungestört weiter zocken kann - auf Kosten der Gemeinschaft, die - wie derzeit schön ersichtlich - sämtliche negative Folgekosten tragen soll - nach dem Motto privatisiert die Gewinne, verstaatlicht die Verluste ... wird Zeit, dass jene, die uns das alles eingebrockt haben, es endlich auslöffeln müssen.

Gast: marcel
24.05.2010 00:51
0 0

Finanztransaktionssteuer

Ich bin mir sicher Ihre Pläne alle Finanztransaktionen, also auch Bankomataktionen und Rentenüberweisungen zusätzlich zu besteuern werden Ihnen gelingen. Zum Dank für diese Belastungen wünsche ich Ihnen, daß Sie möglichst bald das politischeSchicksal Ihres Freundes Molterers teilen. Wäre ein Segen für Österreichs.

Gast: ET
22.05.2010 13:41
0 0

Ausgeblendetes Kernproblem!

Es geht in 1. Linie nicht um die "Reichen", es geht auch nicht um den Zinssatz. Die gewünschte Umschuldung würde nichts anderes bedeuten, dass die Versagerpolitiker, welche die Riesenschulden dem Land ungehängt haben aus der Verantwortung genommen werden.

Die Finanzprobleme der Länder kommen, bei genauerer Betrachtung, nicht durch die Zinsen, die Probleme kommen alleine dadurch, dass die Politiker über Dekaden ein Netzwerk an Organisationen mit Riesenkosten aufgebaut haben und schon lange die Kontrolle darüber verloren haben. Die Probleme kommen auch daher, dass die Politiker die Steuermittel als anonyme Einnahmenquelle verstehen und sich selbst daran bedienen als wäre es ein Goldesel. Es wird einfach nicht anerkannt, dass hinter den Zwangsabgaben eine reale Leistung der Menschen steht, welche erbracht werden muss. Es wird auch nicht anerkannt, dass die Schulden, entstanden durch Korruption und Selbstbedienung, dann von Österreichs Kindern durch reale Leistungen abgearbeitet werden müssen.

Wie kann es ein bekennender Sozialdemokrat nur ausblenden, dass der Staat Österreich den Pragmatisierten Ruhegenießern zwischen 30.000.- und bis über 70.000.- Euro Ruhegenüsse auszahlt, die Arbeiter aber ein Einkommen weit darunter haben, diese Genüsse aber mitfinanzieren müssen.

Solange diese Regierung diese Umverteilung (menschenverachtender Vertrauensschutz!) respektiert und Leben erhält ist jede weitere Diskussion über Umverteilung Schwachsinn.

Nur ein politisches Versagen!

0 0

Re: Ausgeblendetes Kernproblem!

Sinnvoll sparen könnte der Staat, würde er sich endlich ernsthaft um das kümmern, worauf der jährliche Rechnungshofbericht seine Finger in schwärende Wunden legt: Da findet man groteske Kostenüberschreitungen bei öffentlichen Ausschreibungen ebenso, wie an sich schon sinnlose Prestigeprojekte; aber auch staatliche Förderungen von dubiosen Vereinen aus Steuermitteln sind dabei, deren einzige Existenzberechtigung darin besteht, daß es sich hiebei meist um Vorfeldorganisationen von politischen Parteien handelt. Angeblich kann dieser Subventionsregen nicht gesotppt werden, weil dies gesetzlich unmöglich sei....

Gast: Hubertus
21.05.2010 22:21
2 0

Völliges Unverständnis

Der obige Kommentar zeigt nur ,daß Schieder nichts verstanden hat. Der Auslöser der krise war die Subprime krise, also Betrug im US-Finanzsystem. Die dummen Europäer haben triple A papiere der Spezialvehikel gekauft ohne genau zu hinterfragen, warum die Triple A Tranche 80 BP mehr zahlt als ein deutsche Staatsanleihe. Die griechische Blase wäre früher oder später sowieso geplatzt, unabhängig davon ob der Finanzcrash stattgefunden hätte. Wieder war Betrug am Werk. Die Überdehnung von Raiffeisen, Erste und Unicredit in Osteuropa war jedem klar, nur unseren politikern nicht. Die Aufsichtsbehörden trauten sich nichts zu sagen, da sonst karrierechancen vernichtet worden wären. zB Christl in der oeNB ,ein Grasser mann, pribil bei der FMA saß seinerzeit im Vorzimmer von schüssel,. Traumüller ein Grasser mann. Die derzeitigen Vorschläge bringen nicht viel. Gem.Basel II müssen zB kredite an die VÖEst mit 4% Eigenkapital unterlegt werden. kredite an Griechenland mit Null. Und das wird sich nicht ändern. Das Leverage der banken kann damit in ungeahnte Höhen getrieben werden. jetzt sind auf einmal die Spekulanten schuld. Nein wie eingangs erwähnt. Betrüger und unfähige(oder korrupte )Aufsichtsbehörden, wie der fall madoff exemplarisch zeigte und dumme Poltiker, die der deregulierung das Wort redeten(wegen des Effizienzgewinnes). Wenn Europa streng reguliert, was schon UK nicht zulassen wird, dann werden halt die CDS und andere hochspekulative geschäfte woanders gemacht.

Antworten periskop
22.05.2010 16:55
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Re: Völliges Unverständnis

Die Subprime Krise ist deshalb Ursache der derzeitigen Krise, weil die ohnedies schon hoch verschuldeten EU-Staaten zur Bankenrettung weitere Schulden machen mussten, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Was wir heute erleben, hat nichts mehr mit schlechten Schuldnern in den USA zu tun, sondern ist die Gefahr, dass die ganze EU wegen zu großer Schuldenlast selbst zum schlechten Schuldner wird!
Ein Schuldenabbau in der EU ist dringend nötig! Natürlich wird dadurch das Wachstum beeinträchtigt und der Wohlstand der Bürger gesenkt, aber es ist der einzige Weg, um die sonst in wenigen Jahren eintretende Hyperinflation, die auch zum Wirtschaftszusammenbruch führen würde, zu vermeiden!
Was Faymann, Cap und jetzt auch Rieder machen, nämlich den Menschen vorzugaukeln, dass die Schulden gar nicht der Grund der Krise sind, ist grob fahrlässig! Eine Abkehr von der Schuldenpolitik wäre jetzt zwar schmerzhaft, aber gerade noch möglich. Je länger man das hinauszögert, umso schwieriger wird es und umso sicherer wird der wirtschaftliche Totalabsturz, der uns alle verarmen lassen würde und nebenbei auch die EU zerreissen und den Euro zur Geschichte werden ließe!
Hört nicht auf die SPÖ-Verführer, sie wollen uns zu Lemmingen machen!

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Re: Re: Völliges Unverständnis

Mit Sparen allein wird man keine Schulden "abbauen". Genau aus diesem Grund hat sich jetzt Spanien bei der Ratingagentur Fitch eine Zurückstufung eingehandelt: Weil die Amis der Meinung sind, daß die Madrider Regierung auf diese Weise die eh nur zarte Konjunktur endgültig abwürgen würde. Seriöse Experten sind allesamt der gleichen Meinung: Wenn ALLE EU-Staaten nur noch in heller Panik sparen, statt ihre Konjunktur anzukurbeln, wird die eh schon angespannte Situation nur noch schlimmer...

Antworten Antworten periskop
27.05.2010 14:29
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Re: Re: Völliges Unverständnis

Ich muss mich bei allen Menschen, die Rieder heißen, entschuldigen: In der ersten Zeile des 2. Absatzes muss es natürlich nicht Rieder, sondern Schieder heißen!

Antworten Arethas
21.05.2010 22:47
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Re: Völliges Unverständnis

Gute Analyse. Ich bezweifle nur, dass die Europäer tatsächlich aus Dummheit "triple A papiere der Spezialvehikel gekauft" haben," ohne genau zu hinterfragen, warum die Triple A Tranche 80 BP mehr zahlt als ein deutsche Staatsanleihe."
Ich kann mir eine derartige "Dummheit" bei hoch qualifizierten Spezialisten nicht vorstellen. Das ganze war ein Fischzug mit europäischen Kollaborateuren. Und wir zappeln im Schuldennetz...

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