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Ein schlechter Tag für politische Unterläufel

18.06.2010 | 19:18 | GASTKOMMENTAR VON PETER A. ULRAM (Die Presse)

Hans Dichands Tod ist keine Ausrede, über die Schäden hinwegzusehen, die er Politik und Medien zugefügt hat.

De mortui nil nisi bene – was bei vielen Menschen ein Ausdruck der Ehrfurcht und des Mitgefühls mit den Angehörigen von Verstorbenen war und ist, hat (nicht erst heute) auch einen ziemlich üblen Beigeschmack erhalten. Dass die Menschen nicht nur im Leben (außer in der Theorie, in der Wahlzelle und angeblich vor dem Gesetz) nicht gleich sind, sondern auch im Tod nicht, hat sich in den ersten Reaktionen auf das Ableben von Hans Dichand überdeutlich gezeigt. Der Tod jedes Menschen ist für seine/ihre Angehörigen und engen Freunde zumeist ein furchtbares oder tragisches Ereignis – und das gilt selbstverständlich ebenso im Falle von Dichand. Ebenso gilt aber auch, dass der Tod eines Menschen keine wie auch immer geartete Rechtfertigung für das darstellt, was dieser in seinem Leben getan hat.

Bleiben wir beim üblen Beigeschmack: Das Gros der öffentlichen Reaktionen auf den Tod von „Krone“-Herausgeber Hans Dichand ist von einer geradezu widerlichen, wenngleich im Einzelfall rational, aber nicht moralisch, nachvollziehbaren Schleimigkeit gekennzeichnet gewesen. In der Politik hat Dichand denn auch vermutlich den größten Flurschaden angerichtet. Durchaus im Verein mit PolitikerInnen beinahe jeder Coleur. Praktisch alle Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte haben medienpolitisch versagt – sei es indem sie eine massive Pressekonzentration hingenommen haben, sei es indem sie (nicht ganz uneigennützig) der scheibchenweisen Demontage der Informationsqualität des ORF zugesehen, wenn nicht überhaupt sie gefördert haben (mit Ausnahme von Nischen- und Spätabendprogrammen stellt der öffentlich-rechtliche Rundfunk mitnichten ein „Gegengewicht“ zur „Krone“ dar).

Die Medienkrise weist eine Parallele zur Finanz- und Wirtschaftskrise auf – beide wären ohne massives Politikversagen nicht möglich gewesen. Damit wurde der Boden zur großflächigen Kapitulation vor bzw. zur verbreiteten Komplizenschaft mit der „Krone“ aufbereitet. Die Aufwartung bei Dichand gehörte zum politischen Ritual, das Schielen auf die „Krone“ zum politischen Alltag, das Antichambrieren (manchmal auch durch Familienangehörige oder andere Boten) zum täglichen Geschäft. Einige wenige haben sich dem entzogen (wie Wolfgang Schüssel), andere haben es bis zum Exzess getrieben – ein amtierender Kanzler und ein Kanzler in spe haben sich dem „Krone“-Herausgeber so tief von hinten genähert, dass sie danach vorne als dessen Sprachrohr wieder herausgekommen sind. Dichand war nicht im Vorzimmer der Macht, die vermeintlichen Machthaber haben oft genug in seinem Vorzimmer gewartet. Manchmal hat er ihre Unterwürfigkeit belohnt, ihnen von Zeit zu Zeit demonstriert, „wo Gott wohnt“. Eine bewusste Strategie – Liebesentzug ist von Zeit zu Zeit nötig (Faymann im Vorjahr), damit die Unterwerfung sichergestellt wird. Der Kampagne-Journalismus der „Krone“ war in der Tat „legendär“ (insofern stimmt die Wortwahl der ZiB1, wenn sie auch nicht so gedacht war). Wobei das demokratiepolitische Problem nicht primär darin besteht, dass Dichand/„Krone“ eine bestimmte politische Richtung/bestimmte Politiker gepuscht haben, sondern wie das geschehen ist. In der letzten Zeit durch eine Kombination von Häme (gegen die einen) und Huldigung (der anderen), paradigmatisch im Falle der Anti-EU- und Pro-Faymann-Kampagnen 2008, die in Vorgangsweise und Sprache durchaus Orwell'sche und damit totalitäre Züge aufwiesen. Dichands Tod war in der Tat ein schlechter Tag für seine politischen Unterläufel.


Ansatzweise totalitäre Züge der „Krone“

Dichand ist dabei auch über politische Leichen gegangen. Im letzten Jahrzehnt über die von Erhard Busek, Heide Schmid, Ursula Plassnik und Wilhelm Molterer (sie waren nicht die Einzigen). Und was immer der eine oder die andere vielleicht verdient haben mögen, das hatten sie so nicht verdient. Zu den politischen Leichen zählt übrigens auch die direkte Demokratie. Sie war ursprünglich (vielleicht naiv) als Ergänzung und Watchdog der repräsentativen Demokratie gedacht. Geendet hat sie als Instrument eines medial-politischen Populismus. Dichand war auch ein großer politischer Korrumpierer. Er hat Politiker korrumpiert und noch öfters dieses versucht (wohlwollende Berichterstattung gegen politisches Wohlverhalten) – von der EU-Politik bis zum Semmering-Tunnel in der Steiermark. Dass sich so viele korrumpieren ließen, ändert nichts an seiner Rolle. Diese Form der – rechtlich nicht erfassten – Korruption hat natürlich auch ihre finanziellen Seiten gehabt (Inseratenvergabe). Gewiss, das betraf und betrifft auch andere Medien – am Aas der politisch-medialen Moral tun sich viele Geier gütlich, nur variiert halt die Größe der Happen, die man sich einverleibt

In letzter Instanz ist es Dichand (und „seiner“ „Krone“) nicht wirklich gelungen, die österreichische Demokratie ernsthaft zu beschädigen. Dazu war und ist sie zu robust, selbst wenn sie ein paar Schrammen und Dellen erhalten hat. Schon mehr beschädigt wurde der österreichische Journalismus. Die ansatzweise totalitären Züge der „Krone“-Kampagnen-Strategie haben sich zum einen im Inneren des Mediums niedergeschlagen. Vom vorauseilenden Gehorsam bis zur eisernen Faust gegenüber „Dissidenten“. Manche(r) ist gegangen oder wurde gegangen (erinnern Sie sich noch an Rudi und seinen Hund?). Dafür haben die Wasserträger des Zaren Karriere gemacht oder ihre Position gefestigt. Ein schlechter Tag auch für sie – sprich, nicht alle Anhänger des alten Regimes werden die Diadochenkämpfe und den/die neue(n) Zaren/in unbeschadet überstehen. Zum anderen haben viele mediale Konkurrenten dazu geschwiegen, das Problem verdrängt oder unter „ferner liefen“ abgehandelt. Und viele JournalistInnen haben daraus „gelernt“.


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