Kaum ein Tag, an dem nicht ein Schuldbekenntnis publiziert wird – und dazu eine Entschuldigung. Das neueste Sorry kommt von David Cameron: Die Toten des Bloody Sunday 1972 waren unschuldig. Die Regierung und der neu angelobte Regierungschef bedauern das Unrecht. Allerdings erst nach dem Bericht der Untersuchungskommission – fast 40 Jahre nachher.
Der Papst hat sich auch erst kürzlich die längst eingeforderte Entschuldigung für sexuelle Missetaten katholischer Geistlicher abgerungen – auf einen analogen Untersuchungsbericht wird man vermutlich lange, wenn nicht vergebens warten.
Folgt man den Medienberichten, fällt auf, dass Bischof Elmar Fischer wie schon hinsichtlich seiner wissenschaftlich inkorrekten Aussagen über Homosexualität auch zu den von ihm ausgeteilten Kraftwatschen formuliert, „Wenn sich jemand durch ihn verletzt gefühlt habe, dann tue es ihm leid“ – ob es ihm, wie nach neuer Rechtschreibung richtig zu schreiben wäre, auch „Leid“ täte, ist bei dieser konjunktivierenden Wortwahl zu bezweifeln. Sie erinnert mich an Jörg Haider, der sich nach mehrmaligen Aufforderungen mit Sätzen wie „Wenn Sie wollen, dann ist es halt Massenmord“ oder „Dann entschuldige ich mich halt meinetwegen“ enttarnte. „Meinetwegen.“ Genau.
Ähnliches vermute ich ebenso bei Otto Mühl, der just zur Eröffnung einer Ausstellung einen Entschuldigungsbrief verlesen lässt – dass ihn die Aussagen der Jugendlichen hinsichtlich seiner „sexuellen Überrumpelungen“ „fassungslos“ gemacht hätten. „Fassungslos.“ Das kann auch als Befremden über den Mut verstanden werden, gegen den „Übervater“ aufzutreten. Und dass er sich als solcher schon lange vor der Gründung der Kommune Friedrichshof gerierte – und damit vatergeschädigte Zwanzigjährige anzog – , weiß ich als Zeitzeugin nur zu genau, saß ich doch oft genug bei seinen „Audienzen“ im Café Savoy, als „höheres Töchterl“ still staunend, dabei, wenn er gegen die bürgerliche Moral agitierte.
Sprache schafft Wirklichkeiten. Es bewirkt einen Unterschied im Denken der Leser- oder Zuhörerschaft, ob eine sogenannte Autorität objektiv Schuld feststellt oder sich subjektiv schuldig bekennt. Es macht einen Unterschied, ob jemand um Verzeihung bittet oder um Entschuldigung. Es macht auch einen Unterschied, ob sich jemand selbst entschuldigt. Und es macht besonderen Unterschied, ob aus der Stimme der sprechenden Person echte Reue herauszuhören ist oder bloß die bemühte Wiedergabe der Rededisposition ihres jeweiligen Spin Doctors.
Presseerklärungen sehe ich bestenfalls als Absichtserklärungen, den echten Leidtragenden einen Schritt entgegenzukommen. Sie beseitigen weder Schuld noch beweisen sie Schuldgefühl. Erstere gehört wohl vor Gericht, Zweiteres auf die psychotherapeutische Couch, aber beides gehört in die direkte Konfrontation der Schädiger durch ihre Schadtragenden.
Schuldgefühle können als verschobene Aggressionen gedeutet werden: Man will eigentlich etwas ganz anderes, als man tun soll, und die Wut über dieses Tunmüssen und nicht zur eigenen Wahrhaftigkeit zu stehen, löst das Schuldgefühl aus – und weil sie diese Diskrepanz sehr wohl spüren, reagieren die meisten Menschen dann auch mit Ärger oder Unverständnis. Echtes Eingeständnis von Schuld hingegen bewirkt Reue und auch das Bedürfnis nach Buße, und diese besteht nicht im Ableisten irgendwelcher Reparationshandlungen, sondern im Ertragen des schmerzhaften psychischen Wachstumsprozesses der Selbstüberwindung.
Stellvertretende Entschuldigungen heilen ebenso wenig wie Schadenersatz oder andere Wiedergutmachungsversuche – sie bringen die äußere und die innere Wahrheit nicht in Einklang. Sie lenken nur ab von dem notwendigen Reinigungsprozess, die gewohnten Wahrnehmungstrübungen, Selbstschonungen, Imageschutzvorkehrungen und Sündenbocksuchen aufzugeben und stattdessen die eigene Schuld zu suchen, um sie zu kennen und zu bekennen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2010)















