25.05.2012 20:05 | Meine Presse Merkliste 0

Diese Crux müssen wir knacken

 (Die Presse)

Wie jedes Jahr im Frühsommer auch heuer wieder ein Deutsch-Sprachkurs für Fortgeschrittene. Als Lektüre für verregnete Tage.

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Die Kenntnis des Lateinischen unter Journalisten nimmt ab, die Verwendung von Redewendungen mit lateinischen Wörtern erfreut sich aber ungebrochener Beliebtheit. Das muss zu Pannen führen.

Pro futurum, sagte ein sehr bekannter Musikkritiker im ORF. Pro verlangt den Dativ, es muss also heißen pro futuro. Per dringlicher Anfrage. Der umgekehrte Fall. Per verlangt den Akkusativ, es heißt daher: per dringliche Anfrage.

Eine weitere Crux, die geknackt werden muss, las ich in einer politisch und auch sonst rosaroten Zeitung. Die Nuss, die die Redewendung meint, heißt aber lateinisch nux. Es ist, wie gesagt, eine crux mit dem Lateinischen.Bei eine Personalia liegt eine Verwechslung von Singular und Plural vor. Es müsste richtig entweder eine Personalieoder ein personalium heißen. Personalia ist der Plural von personalium.

Die geneigten Leser werden schon bemerkt haben, dass ich an dieser Stelle immer noch einen Kampf führe, den ich schon längst verloren habe. Es ist der gegen Redewendungen aus dem in Deutschland gesprochenen Deutsch.Ich wiederhole hier einige, habe aber keine Hoffnung, damit irgendetwas auszurichten.

Sie sind zur Schule gegangen. In Österreich heißt es: in die Schule gegangen. Hier unterscheidet die österreichische Sprache nicht zwischen dem Gebäude und der Institution. Wie wird das Wetter an den Weihnachten? Ob Sie's glauben oder nicht: Diese grauenhafte Formulierung habe ich wirklich gelesen. Bei uns heißt es immer noch: zu Weihnachten.

In dieser Zeitung habe ich unlängst die Wendung gelesen: Er würde die Gestalt gerne außen vor lassen. Kann mir ein Leser mitteilen, was das bedeuten soll?

Ab und an. Es heißt bei uns ab und zu.

Das Christkind klopft gegen die Scheibe. Wenn es überhaupt klopft, dann klopft es an die Scheibe.Ein von mir außerordentlich geschätzter stellvertretender Chefredakteur schrieb: Als junge Erzieher auch schon malOhrfeigen ausgeteilt haben. Gemeint hat er: Auch einmal.

Mal wieder. Muss das wirklich sein? Wem bringt das was? Wieder einmal ist nicht nur richtig, es ist auch schöner. Gerade einmal. Es ist mir ein Rätsel, was man an dieser blöden Wendung findet, wo es das schöne deutsche Wörtchen nur gibt.

Denkste schrieb ein „Presse“-Autor, der sonst auf sein Österreichertum stolz ist.

Wie oft muss man eigentlich noch darüber klagen, dass kosten den Akkusativ verlangt? Die Lehrer kosten nicht dem Steuerzahler viel Geld, sondern den Steuerzahler. Die Sozialhilfe kostet. Was kostet sie? Wie viel kostet Sie? Wen kostet sie etwas? Margot Käßmann wirft hin. Was wirft sie hin? Dem Hund einen Köder? Es reißt immer mehr die Unsitte ein, Verben, die eine Apposition verlangen, einfach wie Torsos stehen zu lassen.

17-Jährige beklaute einen Rentner. Klauen ist nicht schöner, ausdrucksvoller oder präziser als unser stehlen oder bestehlen.

Pensionär. Das auch noch! Mir reicht es eigentlich schon, ein Pensionist zu sein.

Komm zu mir! Was ist daran falsch? Nichts, was Sie sehen und lesen können. Aber die Betonung. In Österreich betont man diesen Satz auf mir und nicht auf zu.

Telefon wird in Österreich Telefon betont und nicht Telefon. Viele Fleischer versalzen die Wurst. Fleischhauer bitte! Das ist ein Streitpunkt mit meiner Frau: Sie, sudetendeutscher Herkunft, sagt Januar und Feber, ich, geborener Steirer, sage dagegen Jänner und Februar. Ich habe recht.

Die Berichterstattung über die Missbrauchsfälle in der Kirche sei tendenziell, berichtete der ORF, meinte aber, sie sei tendenziös. Gerade der ORF müsste das wissen!Robert Geyer freut sich auf Kollege Dominique Meyer. Wenn er sich schon auf die Konkurrenz freut, dann muss er sich auf Kollegen Meyer freuen.

Wir bandeln das, erklärte mir kürzlich eine junge Dame. Ich verstand nicht, was sie meinte und hatte die Assoziation von anbandeln. Da sie aber eine Deutsche ist, wird sie dieses Wort nicht kennen, dachte ich mir und wartete auf weitere Erklärungen. Schließlich kam ich drauf, dass bandeln überhaupt falsch geschrieben ist, es muss nämlich heißen bundeln. Das ist die deutsche Form des englischen Verbums to bundle. Warum ihr das deutsche Wort bündeln nicht gut genug ist,ist mir unerklärlich.

Wenig Asylwerber, stand in einer Überschrift in dieser traditionsreichen Qualitätszeitung zu lesen. Der Arme! , dachte ich mir, dass von ihm nach langer, sicher entbehrungsreicher Flucht nur noch wenig Asylwerber da ist. Beim Weiterlesen war ich schnell beruhigt, es sollte mir nämlich mitgeteilt werden, dass es im vergangenen Jahr nur noch wenige Asylwerber gegeben habe.

Der Präsident vom Faschingsbund. Diese, sagen wir es schmeichelhaft, volkstümliche Bildung des Genetivs verbreitet sich vor allem auf den Online-Seiten von Zeitungen, die das in ihren gedruckten Ausgaben nicht verwenden würden.

In Haiti ist auch die deutsche Sprache verschüttet worden. Dreißig Österreicher haben den Erdstoß unbeschadet überstanden. Gemeint war natürlich unbeschädigt. Unbeschadet bedeutet soviel wie unabhängig von. Wie oft muss man das eigentlich noch sagen?

Der vereitelte Terroranschlag hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Wie, frage ich, kann ein Anschlag, der gar nicht stattgefunden hat, Entsetzen auslösen? Der verhinderte Coup sorgt für Chaos. Wie kann ein Coup, der gar nicht stattgefunden hat, weil er verhindert wurde, ein Chaos auslösen? Sagen wollte der Autor, die Verhinderung des Coups habe ein Chaos ausgelöst. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, was er damit gemeint hat, aber wenigstens wäre es korrekt deutsch gewesen.

Für und wider dieser Steuer. Für und wider verlangen den Akkusativ, also für und wider diese Steuer.

Die Kollegen vom Wetterbericht im Radio muss ich leider immer wieder apostrophieren, weil sie trotz verschiedenen Eingaben und freundschaftlichen Hinweisen an einigen Fehlern obstinat festhalten: Es heißt nicht,der Schneefall wird weniger. Der Schneefall kann schwächer, stärker, heftigerusw. werden, weniger wird nur etwas, das in Zahlen ausgedrückt werden kann. Also: Es gibt heuer weniger Asylwerber. Die Wolken werden mehr ist gleichermaßen falsch. In 2000 Meter Höhe wird auch dadurch nicht richtig, dass wir es täglich dutzendemal hören. Es muss heißen in 2000 Metern Höhe.

Einer der meistgefürchtetsten Politiker unter Saddam Hussein. Das ist doppelt zuviel: Einer der gefürchtetsten reicht oder meistgefürchtet. Eine neue Landmark. Ist es nur Faulheit und Hilflosigkeit im Ausdruck, oder kommen sich die Kollegen, die solche Begriffe aus dem Englischen übernehmen, irgendwie chic vor?

Darüber geht die Meinung auseinander.Bei manchen Leuten geht die Meinung ja wirklich auseinander wie ein Germteig.

Regierung nähert sich im Asylstreit an. Wem? Es kam zu einem Streit zwischen dem Ehepaar. Und wem? Zwischen Weihnachten.Und?

Ohne konkretem Ergebnis. Wie oft muss ich das noch sagen, Herr Minister, Frau Abgeordnete, Herr Redakteur, Frau Kollegin, Frau Lehrerin, Frau Kindergärtnerin! Ohne verlangt den Akkusativ, falls Sie wissen, was das ist.

Das Wort Sommersale habe ich zweimal lesen müssen, bevor ich draufgekommen bin, dass es sich um den Sommerschlussverkauf handelt. Aus unkaputtbarem Material. Gegen dieses Wort, das uns die „Presse“ beschert hat, sträubt sich sogar das Rechtschreibprogramm des PC.

P.S. Wie Sie merken, stehe ich mit der neuen Rechtschreibung auf Kriegsfuß. Ich akzeptiere sie nur selektiv.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2010)

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14 Kommentare
Gast: Wasweißtduden
26.06.2010 21:41
0 0

Prinzipiell hat er recht

Grundsätzlich hat Herr Schulmeister mit seiner Kritik recht. Das Deutsch, das einem in Presse und Rundfunk vorgesetzt wird, ist in der Tat erbärmlich. Über Germanismen und Anglizismen kann man großzügig hinwegsehen, denn das eigentliche Problem ist die absolute Nichtbefolgung selbst der einfachsten Regeln. Daß "wegen, trotz, dank,.." den Genitiv verlangen, ist völlig unbekannt (leider auch Herrn Schulmeister: "weil sie trotz verschiedenen Eingaben"...). Daß der Genitiv ein -s verlangt, ebenfalls. Im ORF hat es sich mittlerweile eingebürgert, das Genitiv -s ohnehin einfach wegzulassen, insbesondere nach "des". "Des Iran, des Irak, des Quantum,...", "der Direktor des Schauspielhaus" - oh Graus! (Schulmeister: "..des PC") Daß die indirekte Rede einen Konjunktiv verlangt, ist gestrichen. Verb im Passiv? Gestrichen, auch wenn das Vertauschen von Subjekt und Objekt noch so sinnentstellend ist. Die Worte Ziel, Aufgabe, Problem gibt's nicht mehr. Das sind nun Zielsetzung, Aufgabenstellung, Problemstellung. Daß das etwas völlig anderes bedeutet, ist noch niemandem aufgefallen. Die Aufzählung kann beliebig fortgesetzt werden.

(Das unerträgliche Binnen-I verdient gesonderte Behandlung. Dazu hat wohl ohnehin jeder Leser/jede Leserin seine/ihre eigene Meinung, die er/sie dem/der RedakteurIn mitteilen möge.)

Die Rechtschreibprüfung von Word ist kein Ersatz für einen Lektor. Schlechtes Abschneiden in Deutsch beim PISA-Test ist durchaus auch ein fragwürdiges Verdienst von Presse und ORF.

mcmil
22.06.2010 21:18
1 0

Die wahre Crux scheint zu sein, wenn ein Steirerbock zum Sprachgärntner gemacht wird...

... und es ist schon seltsam, daß jemand, der sich selbst die Freiheit nimmt, orthographisch zwischen alter und neuer Schreibweise zu "wildern", anderen Vorschriften machen will, an welche Regeln sie sich zu halten haben... Noch dazu an Regeln, die der Verfasser selbst erstellt: "Bei uns" - seine Lieblingsredewendung. Wer ist da "wir"? Offenbar jemand, der nicht anerkennen will, daß verschiedene Ausdruckweisen zulässig sind und der allen Österreichern vorschreiben will, wie er selbst zu reden. Und deshalb darf man nicht Fleischer sagen? Sch. verwechselt offenbar sein -begrenztes - Deutsch mit dem hierzulande Üblichem, Möglichem und Erlaubtem.

Grundsätzlich sollte etwas korrekt sein, nicht unbedingt an eine lokale Herkunft gebunden sein.

Und dann die diskutablen Behauptungen. Über den Ablativ-Lapsus wurde schon geschrieben. Ich füge noch an: Das mal bedeutet hier wohl eher manchmal als einmal. Personen überstehen Katastrophen eigentlich nicht so sehr unbeschädigt als vielmehr unversehrt oder ohne Schaden.

Merke im übrigen: Intoleranz ist eine Untugend, und der Reichtum einer Sprache besteht auch darin, daß man verschiedene Wendungen erlaubt. Deshalb darf man sowohl stehlen als auch klauen sagen, sowohl ab und zu wie ab und an verwenden. Es reicht schon, wenn man die grammatikalischen, orthographischen und stilistischen Fehler anprangert, deren Zahl Legion ist; ein regionaler oder nationaler Minderwertigkeitskomplex ist fehl am Platz.

Gast: Gernot Pichlbauer
21.06.2010 14:20
0 0

Diese Crux müssen wir knacken

Danke lieber Paul Schulmeister. Da gäbe es noch viel zu schreiben. Z.B. über "Das macht Sinn". Das hieß doch einmal : Das ergibt einen Sinn oder es hat Sinn etc. Oder: "Vor Ort". Das kommt doch aus der Sprache der Bergleute oder Mineure. Es klingt noch immer besser: An Ort und Stelle. So gäbe es noch viel über "die Akte", den "Heiligabend" etc.
Allerdings: Es kann mehr oder weniger Wolken geben, denn Wolken sind einzelne Erscheinungen. Anders verhält es sich mit der Bewölkung.
Es kann zwar nicht weniger Schneefall, aber weniger Schnee oder weniger Schneefälle geben.

Antworten Ch. Seidl
21.06.2010 16:49
0 0

Re: Diese Crux müssen wir knacken

Dass Redewendungen und Wörter aus der Sprache einer Berufsgruppe in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen werden, ist nun wirklich nicht ungewöhnlich, man denke nur an die ganzen kriegerischen Metaphern wie "an vorderster Front" bzw. an Seemannsausdrücke wie "bugsieren" oder "abgetakelt" oder an landwirtschaftliche Wendungen wie die "g'mahte Wiesen".

Antworten Antworten Gast: Prof. Ernst Genau
25.06.2010 19:19
0 0

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich!

"Vor Ort" bedeutet in der Bermannssprache nicht an Ort und Stelle, sondern bezeichnet das Ende einer Abbaustelle, also jenen Punkt, bis zu dem sich die Bergleute vorgearbeitet haben. Wer "vor Ort" ist, der befindet sich dort, wo gerade gebohrt, gegraben oder geschaufelt wurde - also meistens unter Tage, mitten im Geschehen. Der männliche Vorname "Ortwin" bedeutet nicht
"Freund des Ortes und der Stelle", sondern "Freund (der Spitze [des
Schwertes]". Meine Großmutter sagte oft zu mir: "Iss doch auch des Ort (das
Scherzel [vom Brot], das Randstück [vom Strudel]".
http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,345416,00.html

diogenes
21.06.2010 11:07
0 0

Wer mag wohl der Verfasser dieses Gastkommentars sein?

Ich manns nicht finden?

Antworten diogenes
22.06.2010 13:35
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Re: Wer mag wohl der Verfasser dieses Gastkommentars sein?

Armer herr Schulmeister, wenn er es wirklich war. Auch ich habe Latein gelernt, und wieder viel vergessen....

,das Sprachgefühl ist aber das Gleiche wie Ihres! Man muss sich ja nicht mit grammarikalischen Tiraden einlassen, es genügt, wenn einem die "Schreibe" oder "Sage" den Magen umdreht!

diogenes
21.06.2010 11:04
0 0

Was ist nur aus der TECHNIK geworden

Es hat sich eingebürgert und stösst mir ständig auf: das Wort TECHNOLOGIE statt TECHNIK zu verwenden.

Logie heisst Lehre. Mit einer neuen Technologie lässt sich höchstens ein Lehrstuhl gründen, aber niemals etwas bewegen.

Gast: GL
21.06.2010 10:53
0 0

Der Wille zählt fürs Werk ...

Auch wenn Hr. Schulmeister für den sechsten Fall nicht unbedingt einen Sinn hat, so hat er doch einen 6. Sinn gegen so manchen Unsinn ...

Danke, trotz (menschlicher) Fehlbarkeit!

Antworten Ch. Seidl
21.06.2010 13:44
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Re: Der Wille zählt fürs Werk ...

Es ist halt schon reichlich entlarvend, wenn einer hier den Oberfachmann in sprachlichen Dingen raushängen lässt und gleichzeitig seine Halbbildung in ebendiesen Dingen offenbart.

Antworten Ch. Seidl
21.06.2010 13:44
0 0

Re: Der Wille zählt fürs Werk ...

Es ist halt schon reichlich entlarvend, wenn einer hier den Oberfachmann in sprachlichen Dingen raushängen lässt und gleichzeitig seine Halbbildung in ebendiesen Dingen offenbart.

Gast: Robert
21.06.2010 10:38
0 0

Diese Crux ...

`pro ´verlangt den Ablativ und nicht den Dativ. Entschuldigen Sie sich wie einst Heinz Fsicher bei Ihrem Lateinprofessor

komajo
21.06.2010 07:06
0 0

Eines freut mich

Kirgisien schreibt man in der Presse Kirgisistan (wie im Brockhaus) und nicht Kirgistan wie im ORF und anderen Blättern.

Ch. Seidl
20.06.2010 20:20
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Wer im Glashaus sitzt...

Der verehrte Korrektur gibt seine profunden Lateinkenntnisse zum besten – hätte er nur geschwiegen, denn: 1. gibt es keine lateinische Präposition, die den Dativ verlangt; auch "pro" regiert nicht diesen Fall, sondern den Ablativ. 2. der angebliche lateinische Singular "Personalium" ist ein Unding, denn merke: Nicht alles, was einen Plural auf -a hat, hat einen Singular auf -um; wenn es die Personalie im Latein schon gegeben hätte, hätte sie das "personale" geheißen.

Hinweis

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