Die Kenntnis des Lateinischen unter Journalisten nimmt ab, die Verwendung von Redewendungen mit lateinischen Wörtern erfreut sich aber ungebrochener Beliebtheit. Das muss zu Pannen führen.
Pro futurum, sagte ein sehr bekannter Musikkritiker im ORF. Pro verlangt den Dativ, es muss also heißen pro futuro. Per dringlicher Anfrage. Der umgekehrte Fall. Per verlangt den Akkusativ, es heißt daher: per dringliche Anfrage.
Eine weitere Crux, die geknackt werden muss, las ich in einer politisch und auch sonst rosaroten Zeitung. Die Nuss, die die Redewendung meint, heißt aber lateinisch nux. Es ist, wie gesagt, eine crux mit dem Lateinischen.Bei eine Personalia liegt eine Verwechslung von Singular und Plural vor. Es müsste richtig entweder eine Personalieoder ein personalium heißen. Personalia ist der Plural von personalium.
Die geneigten Leser werden schon bemerkt haben, dass ich an dieser Stelle immer noch einen Kampf führe, den ich schon längst verloren habe. Es ist der gegen Redewendungen aus dem in Deutschland gesprochenen Deutsch.Ich wiederhole hier einige, habe aber keine Hoffnung, damit irgendetwas auszurichten.
Sie sind zur Schule gegangen. In Österreich heißt es: in die Schule gegangen. Hier unterscheidet die österreichische Sprache nicht zwischen dem Gebäude und der Institution. Wie wird das Wetter an den Weihnachten? Ob Sie's glauben oder nicht: Diese grauenhafte Formulierung habe ich wirklich gelesen. Bei uns heißt es immer noch: zu Weihnachten.
In dieser Zeitung habe ich unlängst die Wendung gelesen: Er würde die Gestalt gerne außen vor lassen. Kann mir ein Leser mitteilen, was das bedeuten soll?
Ab und an. Es heißt bei uns ab und zu.
Das Christkind klopft gegen die Scheibe. Wenn es überhaupt klopft, dann klopft es an die Scheibe.Ein von mir außerordentlich geschätzter stellvertretender Chefredakteur schrieb: Als junge Erzieher auch schon malOhrfeigen ausgeteilt haben. Gemeint hat er: Auch einmal.
Mal wieder. Muss das wirklich sein? Wem bringt das was? Wieder einmal ist nicht nur richtig, es ist auch schöner. Gerade einmal. Es ist mir ein Rätsel, was man an dieser blöden Wendung findet, wo es das schöne deutsche Wörtchen nur gibt.
Denkste schrieb ein „Presse“-Autor, der sonst auf sein Österreichertum stolz ist.
Wie oft muss man eigentlich noch darüber klagen, dass kosten den Akkusativ verlangt? Die Lehrer kosten nicht dem Steuerzahler viel Geld, sondern den Steuerzahler. Die Sozialhilfe kostet. Was kostet sie? Wie viel kostet Sie? Wen kostet sie etwas? Margot Käßmann wirft hin. Was wirft sie hin? Dem Hund einen Köder? Es reißt immer mehr die Unsitte ein, Verben, die eine Apposition verlangen, einfach wie Torsos stehen zu lassen.
17-Jährige beklaute einen Rentner. Klauen ist nicht schöner, ausdrucksvoller oder präziser als unser stehlen oder bestehlen.
Pensionär. Das auch noch! Mir reicht es eigentlich schon, ein Pensionist zu sein.
Komm zu mir! Was ist daran falsch? Nichts, was Sie sehen und lesen können. Aber die Betonung. In Österreich betont man diesen Satz auf mir und nicht auf zu.
Telefon wird in Österreich Telefon betont und nicht Telefon. Viele Fleischer versalzen die Wurst. Fleischhauer bitte! Das ist ein Streitpunkt mit meiner Frau: Sie, sudetendeutscher Herkunft, sagt Januar und Feber, ich, geborener Steirer, sage dagegen Jänner und Februar. Ich habe recht.
Die Berichterstattung über die Missbrauchsfälle in der Kirche sei tendenziell, berichtete der ORF, meinte aber, sie sei tendenziös. Gerade der ORF müsste das wissen!Robert Geyer freut sich auf Kollege Dominique Meyer. Wenn er sich schon auf die Konkurrenz freut, dann muss er sich auf Kollegen Meyer freuen.
Wir bandeln das, erklärte mir kürzlich eine junge Dame. Ich verstand nicht, was sie meinte und hatte die Assoziation von anbandeln. Da sie aber eine Deutsche ist, wird sie dieses Wort nicht kennen, dachte ich mir und wartete auf weitere Erklärungen. Schließlich kam ich drauf, dass bandeln überhaupt falsch geschrieben ist, es muss nämlich heißen bundeln. Das ist die deutsche Form des englischen Verbums to bundle. Warum ihr das deutsche Wort bündeln nicht gut genug ist,ist mir unerklärlich.
Wenig Asylwerber, stand in einer Überschrift in dieser traditionsreichen Qualitätszeitung zu lesen. Der Arme! , dachte ich mir, dass von ihm nach langer, sicher entbehrungsreicher Flucht nur noch wenig Asylwerber da ist. Beim Weiterlesen war ich schnell beruhigt, es sollte mir nämlich mitgeteilt werden, dass es im vergangenen Jahr nur noch wenige Asylwerber gegeben habe.
Der Präsident vom Faschingsbund. Diese, sagen wir es schmeichelhaft, volkstümliche Bildung des Genetivs verbreitet sich vor allem auf den Online-Seiten von Zeitungen, die das in ihren gedruckten Ausgaben nicht verwenden würden.
In Haiti ist auch die deutsche Sprache verschüttet worden. Dreißig Österreicher haben den Erdstoß unbeschadet überstanden. Gemeint war natürlich unbeschädigt. Unbeschadet bedeutet soviel wie unabhängig von. Wie oft muss man das eigentlich noch sagen?
Der vereitelte Terroranschlag hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Wie, frage ich, kann ein Anschlag, der gar nicht stattgefunden hat, Entsetzen auslösen? Der verhinderte Coup sorgt für Chaos. Wie kann ein Coup, der gar nicht stattgefunden hat, weil er verhindert wurde, ein Chaos auslösen? Sagen wollte der Autor, die Verhinderung des Coups habe ein Chaos ausgelöst. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, was er damit gemeint hat, aber wenigstens wäre es korrekt deutsch gewesen.
Für und wider dieser Steuer. Für und wider verlangen den Akkusativ, also für und wider diese Steuer.
Die Kollegen vom Wetterbericht im Radio muss ich leider immer wieder apostrophieren, weil sie trotz verschiedenen Eingaben und freundschaftlichen Hinweisen an einigen Fehlern obstinat festhalten: Es heißt nicht,der Schneefall wird weniger. Der Schneefall kann schwächer, stärker, heftigerusw. werden, weniger wird nur etwas, das in Zahlen ausgedrückt werden kann. Also: Es gibt heuer weniger Asylwerber. Die Wolken werden mehr ist gleichermaßen falsch. In 2000 Meter Höhe wird auch dadurch nicht richtig, dass wir es täglich dutzendemal hören. Es muss heißen in 2000 Metern Höhe.
Einer der meistgefürchtetsten Politiker unter Saddam Hussein. Das ist doppelt zuviel: Einer der gefürchtetsten reicht oder meistgefürchtet. Eine neue Landmark. Ist es nur Faulheit und Hilflosigkeit im Ausdruck, oder kommen sich die Kollegen, die solche Begriffe aus dem Englischen übernehmen, irgendwie chic vor?
Darüber geht die Meinung auseinander.Bei manchen Leuten geht die Meinung ja wirklich auseinander wie ein Germteig.
Regierung nähert sich im Asylstreit an. Wem? Es kam zu einem Streit zwischen dem Ehepaar. Und wem? Zwischen Weihnachten.Und?
Ohne konkretem Ergebnis. Wie oft muss ich das noch sagen, Herr Minister, Frau Abgeordnete, Herr Redakteur, Frau Kollegin, Frau Lehrerin, Frau Kindergärtnerin! Ohne verlangt den Akkusativ, falls Sie wissen, was das ist.
Das Wort Sommersale habe ich zweimal lesen müssen, bevor ich draufgekommen bin, dass es sich um den Sommerschlussverkauf handelt. Aus unkaputtbarem Material. Gegen dieses Wort, das uns die „Presse“ beschert hat, sträubt sich sogar das Rechtschreibprogramm des PC.
P.S. Wie Sie merken, stehe ich mit der neuen Rechtschreibung auf Kriegsfuß. Ich akzeptiere sie nur selektiv.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2010)















