25.05.2012 20:09 | Meine Presse Merkliste 0

Liebe und Disziplin: Kein Widerspruch

GASTKOMMENTAR VON ANDREA VANEK-GULLNER (Die Presse)

Wie ist das nun, brauchen Kinder klare Regeln oder nicht? Und – falls ja – welchen Inhaltes sollen sie sein? Dürfen Lehrerinnen disziplinieren?

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Gleich vorweg ein klares Wort: Disziplinierung von Schülern, der Versuch, ihr Verhalten an Regeln zu binden, hat nur dann mit Machtmissbrauch zu tun, wenn wir Lehrer Verhaltensregeln ohne Begründung vorgeben, die Heranwachsenden zur Einhaltung zwingen und – im schlimmsten Fall – bei Missachtung Strafe androhen.

Die Bedeutung argumentativer Auseinandersetzung, des Dialogs für die Legitimation von Regeln, ja Disziplinierung vor dem Hintergrund einer Erziehung zur Mündigkeit wird – andererseits – gemeinhin immer noch zu wenig bedacht: Gefahr und Gewinn jeder Disziplinierungsmaßnahme sind an der Frage festzumachen, inwieweit der Beachtung des dialogischen Prinzips Rechnung getragen wurde und wird; in dem Augenblick nämlich, da wir uns mit unseren Schülern im Gespräch auseinandersetzen, wir Regeln begründen, hinterfragen lassen, wir also mit der Vernunft unserer Kinder rechnen, ja sogar an sie appellieren, sie herausfordern, nimmt der Königsweg der Erziehung ihren Anfang: Die Erziehung zu Bindung des eigenen Handelns an Werte und Normen aus Einsicht, die Erziehung zu Selbstdisziplinierung, dem letzten und höchsten Ziel der Erziehung.

Gerade in einer Demokratie ist dann der Ruf nach Disziplin nicht nur mitzutragen, sondern explizit zu fordern – dann nämlich, wenn sie eine harmonische Verbindung eingeht mit dem Dialog, wenn im Lehrer-Schüler-Gespräch Raum ist für Argumentation, Sachlichkeit, kritischen Geist. Der erzieherische Wert jeder Verhaltensvereinbarung, Regel und auch Disziplinierungsmaßnahme steht und fällt mit der Bereitschaft der Lehrenden, diese gemeinsam mit den Kindern altersgemäß zu „erarbeiten“.

Konkret: Regeln und Disziplinierungsmaßnahmen, auch etwaige Konsequenzen gefährdenden Verhaltens sind Heranwachsenden zu erklären und begründen – und auch in ihrer Notwendigkeit erlebbar zu machen. Wenn Schüler zum Beispiel nicht schimpfen sollen, müssen wir Schimpfwörter thematisieren, sie ansprechen, auch aussprechen, erklären, uns wahrhaft auseinandersetzen. Gemeinsam hinspüren, wie es sich anfühlt, beschimpft zu werden. Gemeinsam darüber reflektieren, wann jeder von uns schon einmal geschimpft hat. Platz schaffen für Umkehr, eigene Ängste überwinden. Enttabuisieren.

Ja, mutig müssen wir Lehrer sein, uns kritischer Hinterfragung stellen und in der jeweils konkreten Situation erlebbar machen, weshalb diese oder jene Forderung für ein soziales Miteinander wichtig ist.

Und die beste Situation dafür ist ein aktueller Konflikt. Gerade ängstigendes Verhalten eines Mitschülers setzt Fragezeichen, die beantwortet werden wollen, fordert das Denken heraus, macht die Notwendigkeit gedanklicher und dialogischer Auseinandersetzung spürbar, lässt – im Gespräch – erleben, dass Anschauen und Ansprechen hilft und manchmal auch heilt. Macht deutlich, dass gutes Miteinander die Achtung vor dem anderen, liebevolle Hinwendung zum Du, ja Verzeihen braucht. Und schafft so letztlich jenen Raum, in den wertebewusstes Handeln hineinwachsen kann. Schafft Raum für Haltung.


Übungsfeld Schule

In diesem Sinne fordert das Miteinander mit „schwierigen“ Schüler nicht nur die sozialen Fähigkeiten aller heraus, sie kann sie auch fördern. Die Beachtung des dialogischen Prinzips erhebt selbst handgreifliche Auseinandersetzungen zu echten Chancen.

Die spätere Bereitschaft der Heranwachsenden, das eigene Verhalten an Werte und Normen zu binden, bedarf eben eines breiten Übungsfeldes in der Schule. Das gilt natürlich auch in besonderer Weise für jene, die zur Bedrohung für andere werden. Bei geballter Gewalt, Gefahr im Verzug.

Ständige „Querschießer“ müssen erleben dürfen, dass wiederholtes „dissoziales“ Verhalten zum (kurzzeitigen und beaufsichtigten) Ausschluss aus der Gruppe führen kann. Im konkreten Gewalt-Fall gilt es dann, zuvor im Dialog festgesetzte Konsequenzen mit Courage und Mut durchzusetzen (Im Krisenfall brauchen Kinder mitunter liebevollen Halt – nicht nur im übertragenen Sinn.)

Auch klare Konsequenzen widersprechen nicht der Wahrung der Freiheitsrechte der Schüler – dann nämlich nicht, wenn sie im Vorfeld hinreichend Gelegenheit haben, die Maßnahmen zu verstehen und zu hinterfragen – und wissen, womit zu rechnen ist. Und sicher sein können, dass gemeinsam vereinbarte Konsequenzen die „Braven“ ebenso wie die Sorgenkinder treffen können. Nur dann besteht die Chance, dass Disziplinierungsmaßnahmen in ihrer „sachlichen Notwendigkeit“ – und nicht als persönliche Attacke des Lehrers – verstanden werden. Und so auch für die verletzte Kinderseele annehmbar sind.

Unsere „sachliche“ Gerechtigkeit als Vertreter der Interessen der Gemeinschaft muss einhergehen mit der Liebe zum Kind, unserer bedingungslosen Annahme des Menschen, mit dem wir zu tun haben. Mit unserer Bereitschaft, den „weichen Kern“ des vermeintlich Bösen zu entdecken und hier „dranzubleiben“. „Wenngleich ich aus sachlichen Gründen dein Verhalten nicht gutheißen kann – meine pädagogische Liebe zu dir steht fest“, das ist das Ziel. Da müssen wir hin.

Der Schritt von rigiden Regeln zu dialogischer Disziplin ist ein scheinbar kleiner, in Wahrheit sehr bedeutungsvoller, der die pädagogische Führung auf den sicheren Boden der Wahrung der Freiheitsrechte des Kindes zurückstellt.

Disziplin und Demokratie, das passt. Vor dem Hintergrund des dialogischen Prinzips. Und der pädagogischen Liebe zum Kind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2010)

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