19.05.2013 02:49 Merkliste 0

Risken eliminieren statt reduzieren!

JAN STEJSKAL (Die Presse)

Wieso der Faktor „Treue“ bei der Aids-Bekämpfung eine wesentliche Rolle spielt.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Aus ärztlicher Sicht stellt sich die Frage, ob Armut und Diskriminierung tatsächlich die Hauptgründe für die weltweit 2,7 Millionen HIV-Neuinfektionen pro Jahr sind. Immerhin hat sich im „reichen“ Europa die jährliche Rate an Neuinfektionen seit 2000 wieder mehr als verdoppelt und ist von 44 auf 89 Fälle pro Million Einwohner gestiegen.

Selbstverständlich ist HIV-Positiven wie Aids-Patienten mit Nächstenliebe und Respekt zu begegnen, sie dürfen weder sozial noch beruflich diskriminiert werden. Jeder Aids-Kranke sollte Zugang zu einer angemessenen Therapie bekommen! Doch ist zu bemerken, dass bei der Welt-Aids-Konferenz die Themen „sozialer Ausschluss“ und „Prävention“ in einer Weise vermischt zu werden scheinen, die eher Verwirrung schafft, als dass sie hilfreich für die Bekämpfung der Krankheit ist.

Es ist zwar unbestritten, dass Armut den Zugriff auf Aids-Therapien einschränkt. Auch treibt soziale Not in manchen Gegenden Frauen in die Prostitution. Trotzdem scheint der Faktor Armut bei der Ausbreitung der Krankheit überbewertet. So ist in Afrika eine höhere Prävalenz der Infektion in reicheren Staaten wie Südafrika oder Kenia zu beobachten, und diese macht auch nicht vor den vermögenderen Schichten halt.

Aus epidemiologischer Sicht ist demgegenüber längst erwiesen, dass der Hauptgrund für die Ausbreitung von HIV weltweit ein promiskuitives Sexualverhalten ist. Doch gerade in diesem Punkt wird die Aids-Politik leider allzu oft zu einem ideologischen Schlachtfeld, auf dem das Wohl der Patienten aus dem Blick gerät.


Aids als Sonderfall

Aids scheint nämlich ein epidemiologischer „Sonderfall“ zu sein: Es ist die einzige bevölkerungsmedizinisch relevante, entscheidend von Verhaltensfaktoren beeinflusste Erkrankung, bei der im Rahmen der Prävention kaum auf Verhaltensänderung, sondern vor allem auf Risikominimierung gesetzt wird. Werden Herzinfarktpatienten von Ärzten ohne Umschweife dazu angehalten, sofort mit dem Rauchen aufzuhören und ihre Ernährung grundlegend umzustellen, behilft man sich bei HIV lediglich mit einer „Risikominimierung“ durch die Empfehlung, Kondome zu verwenden, während der Aufruf zu einer grundlegenden Änderung des Sexualverhaltens als „Moralisieren“ gebrandmarkt wird.

Dabei hat nach allen Untersuchungen die Propagierung und Verteilung von Kondomen weltweit nicht zur Senkung der HIV-Prävalenz beigetragen. Dagegen konnte die sogenannte ABC-Kampagne (abstinence, being faithful, condom use), die zentral auf Verhaltensänderung und erst als letzten Ausweg auf Kondome setzt, in Ländern wie Uganda in den 1990er-Jahren überzeugende Erfolge feiern – mit einer Senkung der HIV-Prävalenz in der Bevölkerung von 20 auf 6,7% in 15 Jahren.

Gleichzeitig zeigen Forschungsergebnisse überzeugend, dass die antiretrovirale Dreifachtherapie nicht nur die Aids-Mortalitätsrate entscheidend senkt, sondern auch Neuinfektionen verhindert. Studien untermauern, dass in festen Partnerschaften das Risiko der HIV-Übertragung wesentlich geringer ist als bisher angenommen – wobei der Faktor „Treue“ ausschlaggebend ist.

Die Forschung liefert heute immer mehr Anhaltspunkte dafür, dass mit der Kombination „Verhaltensänderung und antiretrovirale Therapie“ die Ausbreitung von HIV weltweit massiv eingedämmt werden könnte. Warum setzt die internationale Aids-Bekämpfung immer noch hauptsächlich auf Risikominimierung bei riskantem Verhalten statt auf die Eliminierung ebendieses riskanten Verhaltens – wie es etwa bei Tabakkonsum oder Übergewicht schon längst Usus ist?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

8 Kommentare
Gast: Charly1234
28.07.2010 00:23
0 0

Läuft doch gleich ab wie beim Drogenkonsum!

Nicht die Vermeidung von Problemen, sondern die Verwaltung derselben ist das Ziel der Politik!
Abhängige, Kranke haben einen Vorteil: sie sind keine Gefahr für den Staat, sie verursachen keine Revolution - es fehlt ihnen die Kraft dazu! Sie verursachen Kosten, diese werden auf die Anderen abgewälzt, Solidarität heißt das.
Wie war die Politik doch geschockt von der 68er Generation (ich war nur eine Spur zu jung dafür). Darauf folgte eine kiffende, saufende "No Future" Jugendbewegung. Die Kritiker waren ruhig gestellt, wer wollte konnte dennoch Karriere machen.
Bei AIDS ist es nicht anders - AIDS wird von Regierungsstellen nicht als Bedrohung der Bevölkerung, des Staates, sondern als Kostenfaktor gesehen. Wie beim Drogenkonsum etabliert sich eine Art Sekundärmarkt (illegal gehandeltes Substitol), in manchen Ländern kommt auf nur 3 Einwohner eine gratis abgegebene Spritze pro Jahr - diese reduziert Hepatitis und AIDS Infektionen, der Drogenkonsum läuft unbehelligt weiter!
Es lebe das selbst entscheidende Individuum, keiner "muß" die Risikofaktoren "geniessen".

0 0

Sehr guter und wichtiger Kommentar!!


Ich könnte diesem Kommentar

nicht mehr zustimmen ... ist er denn auch die Begründung dafür, wieso Events wie der Lifeball genau das Gegenteil dessen propagieren, was zur Senkung der weltweiten Aids-Rate beitragen würde.

Der Anteil der Aidspatienten in afrikanischen Ländern,

ist umgekehrt proportional zum Anteil der Christen!

Der Artikel bestätigt, was die katholische Kirche seit Jahr und Tag schon sagt und wofür Papst Benedikt XVI. vom Europäische Parlament, beinahe als Verbrecher gebrandmarkt werden sollte, weil er gewagt hat die dumme zeitgeistige politische Korrektheit, durch eigenes Denken zu durchbrechen.

Man fasst sich an den Kopf mit Blick auf dieses Europäische Parlament: Mit 253 zu 199 Stimmen bei 61 Enthaltungen hat das Europäische Parlament auf Initiative der Christdemokraten einen Antrag der Liberalen Fraktion abgelehnt, Papst Benedikt XVI. wegen dessen Aussagen zur Aids-Bekämpfung zu verurteilen. Also wieder: Äpfel werden mit Birnen verwechselt: Ist der Papst der Weltgesundheitsminister? Ein vereiteltes Attentat auf die Religionsfreiheit – trotzdem: Hauptsache, „irgendetwas“ bleibt wieder hängen.

Gast: Glücklich ohne Hormone
25.07.2010 21:30
2 0

DANKE

Ich habe schon nicht mehr gehofft, so etwas zum Thema Aids in einer Zeitung zu lesen. Endlich!!!

Es war höchste Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen, statt Veranstaltungen wie den Life Ball hochzujubeln, die Werbeveranstaltungen für promiskuitives Verhalten sind.

Möge das ABC-Programm, das in einigen afrikanischen Ländern zu beachtlichen Erfolgen geführt hat, sich weltweit durchsetzen!

Selbstkritik nicht in Sicht

Mit der Propagierung von Kondomen wird riskantes Verhalten noch gefördert, dadurch steigen Neuinfektionen, was einen guten Vorwand für immer noch penetrantere Charity-Events gibt.
Die Linksradikalen steht vor den Scherben ihrer Ideologie sowohl was die Wirtschafts-, als auch was die Gesellschaftspolitik betrifft. Daher wird aus Trotz umso schriller getrötet und die Schuld bei anderen gesucht. Ganz unmöglich kann man zugeben, dass etwa die katholische Kirche das bessere Rezept hat.

Gast: Lemans
25.07.2010 18:48
3 0

Und wenn der Papst doch recht hat ???

VIELEN DANK für den Kommentar !
Und wie wurde und wird auf Papst Johannes Paul II. und Papst Benedkit geschimpft...
Sie tun doch nichts anderes als zu einem veränderten und verantwortlichen Sexualverhalten aufzurufen...


Gast: mens sana
22.07.2010 22:48
4 0

Weil nicht sein kann was nicht sein darf

Dass AIDS vor allem durch ein promiskuitives Sexualverhalten ausgebreitet wird, passt halt leider nicht ins Weltbild derjenigen, die "sexuelle Freiheit" für eine Errungenschaft halten.

Im ansonsten exzellenten Gastbeitrag bleibt nur ein wichtiges Faktum unerwähnt: dass das Risiko, sich anzustecken, bei Homosexuellen noch fünfmal höher ist. Aber wahrscheinlich hätte die 'Presse' den Artikel dann nicht gebracht...

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News