Klar, die Mutter ist schuld. Sie war nicht da, als die Kinder sie brauchten– weil sie im Job war, ihre Kinder in einer Kinderkrippe. Und genau deshalb hat ihr Sohn nun den dritten Selbstmordversuch hinter sich.
Ist es das, was uns Frau Kattnig, sehr verkürzt, mit ihrem Gastkommentar sagen will, wenn sie feststellt, dass die Selbstmordrate bei Kindern exorbitant gestiegen ist und Bindungsforscher hier einen Zusammenhang mit einer zu frühen Trennung von der Mutter sehen wollen? Will sie uns mitteilen, dass die Berufstätigkeit der Mutter und die allzu frühe Fremdunterbringung der Kinder zu labilen Seelenzuständen und in der Folge zu Selbstmord führen könnten? Man könnte dann ja auch noch die steigenden Zahlen an Drogenabhängigen, an Jugendlichen mit Alkoholproblemen heranziehen und diese in Beziehung zu erwerbstätigen Müttern stellen. Die Lösung, die Kattnig dafür vorschlägt, klingt dabei so verlockend einfach: Die Mütter bleiben zu Hause, bekommen dafür ein Gehalt, und alles wird wieder gut.
Aber war da nicht noch was? Waren da vielleicht noch Väter, die nicht unmaßgeblich an der Zeugung der Kinder beteiligt waren? Wo sind die Studien, die belegen, wie viel seelischer Schaden Kindern bereits zugefügt wurde, weil Generationen von ihnen ohne eine wirkliche Betreuung durch ihre Väter aufgewachsen sind?
Keine Siegerinnen
Wir sind ganz offenkundig in eine Sackgasse geraten, in eine Situation, die nur Verlierer kennt: Im Streit zwischen berufstätigen Müttern und Vollzeitmüttern kann es keine Siegerinnen geben. Denn Kinder und Karriere sind keine Frauenfrage. Es geht nicht um die Selbstverwirklichung von Frauen oder die ökonomische Notwendigkeit, etwas dazuzuverdienen – es geht um Chancengleichheit und das Recht für alle, einem selbst gewählten Beruf nachzugehen und finanziell unabhängig zu sein. Und es geht um eine vernünftige Familienpolitik, die genau auf diese Ansprüche entsprechend reagiert.
Die Realität sieht allerdings anders aus, sie ist von eklatanter Ungleichheit geprägt: Von Halbe-Halbe sind wir meilenweit entfernt. Zwei Drittel der unbezahlten Arbeit leisten Frauen, dazu gehören die Hausarbeit, die Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen.
Die Forderung nach einem Müttergehalt ist daher bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Sind doch die Leistungen von Frauen in der Gesellschaft nach wie vor nicht nur unbedankt und oft unbemerkt, sondern auch unbezahlt – und dennoch selbstverständlich. Dieses Bild ergänzen die Zahlen zur Erwerbstätigkeit: Etwa 43% der Frauen arbeiten Teilzeit, jedoch nur neun Prozent der Männer. Studien zeigen, dass Männer mit Kindern sogar mehr Überstunden machen als Männer ohne Kinder. Bei Frauen ist das nicht so. Warum bloß?
Natürlich müsste das, was Frauen für die Gesellschaft leisten, entsprechend anerkannt werden. Nur: Ganz so einfach wie sich Müttergeld-Verfechter die Sache vorstellen, ist sie freilich nicht. Welche Kriterien sollten als Grundlage eines Gehaltes für die Vollzeittätigkeit im Haushalt herangezogen werden? Was würden die vielen Müttergeld-Bezieherinnen, wenn sie nach jahrelanger Unterbrechung ihrer Erwerbstätigkeit wieder in den Beruf einsteigen, wollen? Einen Job zu finden wird mit zunehmendem Alter bekanntermaßen immer schwieriger. Aber vielleicht ist für diese Lebensphase von den Müttergeld-VerfechterInnen ja einfach eine Verlängerung des gesellschaftlichen Ehrenamtes angedacht. Und wenn, das soll vorkommen, der Vater der Kinder mittlerweile eine andere Frau und vielleicht erneut Kinder hat? Pech gehabt! Von Luft und Mutterliebe lebt es sich bekanntlich ganz gut.
Wer hat übrigens je umgekehrt berechnet, was eine Hausfrau der Gesellschaft kostet? Was es kostet, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten, in deren Bildung der Staat investiert hat? Faktum ist zudem, dass Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit länger unterbrechen, unverhältnismäßig öfter von Armut betroffen sind als Frauen, die relativ früh wieder in den Beruf einsteigen. Wahlfreiheit besteht somit für Frauen weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Dazu kommen jede Menge Schuldgefühle, an denen unterschwellige Vorwürfe wie die von Frau Kattnig nicht unbeteiligt sind. Die Einschätzung, dass die Fremdbetreuung von Kindern, ganz unabhängig von ihrer Qualität, per se eine schreckliche Sache mit fatalen Folgen für die Entwicklung eines Kindes sei, hält sich hartnäckig.
Verantwortung der Männer
Eine zeitgemäße Mutterschaft und eine zeitgemäße Vaterschaft erfordern zeitgemäße Modelle, die Elternschaft auch leben zu können. Politisch wurde diesbezüglich – vom nach wie vor nicht umgesetzten Papamonat einmal abgesehen – in den letzten Jahren zwar einiges ermöglicht. Die verschiedenen Karenzmodelle sollten mittlerweile theoretisch auch für Väter attraktiv genug sein. Dass derzeit trotzdem nur knapp fünf Prozent aller Eltern, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, Väter sind, zeugt aber von weiterem Handlungsbedarf.
Da sind Investitionen in die Familienfreundlichkeit von Betrieben gleichermaßen gefragt wie eine massive Qualitätsverbesserung bei den Kinderbetreuungseinrichtungen, die Einführung eines Rechts auf Teilzeit wie die Unterstützung von Unternehmen bei der Umsetzung von qualifizierter Teilzeit. Und nicht zuletzt muss endlich der Kopf dem Körper folgen: Auch Männer tragen Verantwortung für ihre Kinder!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2010)















