25.05.2012 20:09 | Meine Presse Merkliste 0

Familie ist nicht Frauensache

GASTKOMMENTAR VON JUDITH SCHWENTNER (Die Presse)

Eine zeitgemäße Familienpolitik erfordert mehr als zu Hause anwesende Mütter. Replik auf den Gastkommentar „Frauen, Familien und die Gleichstellung“ von Gudrun Kattnig, 12.August.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Klar, die Mutter ist schuld. Sie war nicht da, als die Kinder sie brauchten– weil sie im Job war, ihre Kinder in einer Kinderkrippe. Und genau deshalb hat ihr Sohn nun den dritten Selbstmordversuch hinter sich.

Ist es das, was uns Frau Kattnig, sehr verkürzt, mit ihrem Gastkommentar sagen will, wenn sie feststellt, dass die Selbstmordrate bei Kindern exorbitant gestiegen ist und Bindungsforscher hier einen Zusammenhang mit einer zu frühen Trennung von der Mutter sehen wollen? Will sie uns mitteilen, dass die Berufstätigkeit der Mutter und die allzu frühe Fremdunterbringung der Kinder zu labilen Seelenzuständen und in der Folge zu Selbstmord führen könnten? Man könnte dann ja auch noch die steigenden Zahlen an Drogenabhängigen, an Jugendlichen mit Alkoholproblemen heranziehen und diese in Beziehung zu erwerbstätigen Müttern stellen. Die Lösung, die Kattnig dafür vorschlägt, klingt dabei so verlockend einfach: Die Mütter bleiben zu Hause, bekommen dafür ein Gehalt, und alles wird wieder gut.

Aber war da nicht noch was? Waren da vielleicht noch Väter, die nicht unmaßgeblich an der Zeugung der Kinder beteiligt waren? Wo sind die Studien, die belegen, wie viel seelischer Schaden Kindern bereits zugefügt wurde, weil Generationen von ihnen ohne eine wirkliche Betreuung durch ihre Väter aufgewachsen sind?

 

Keine Siegerinnen

Wir sind ganz offenkundig in eine Sackgasse geraten, in eine Situation, die nur Verlierer kennt: Im Streit zwischen berufstätigen Müttern und Vollzeitmüttern kann es keine Siegerinnen geben. Denn Kinder und Karriere sind keine Frauenfrage. Es geht nicht um die Selbstverwirklichung von Frauen oder die ökonomische Notwendigkeit, etwas dazuzuverdienen – es geht um Chancengleichheit und das Recht für alle, einem selbst gewählten Beruf nachzugehen und finanziell unabhängig zu sein. Und es geht um eine vernünftige Familienpolitik, die genau auf diese Ansprüche entsprechend reagiert.

Die Realität sieht allerdings anders aus, sie ist von eklatanter Ungleichheit geprägt: Von Halbe-Halbe sind wir meilenweit entfernt. Zwei Drittel der unbezahlten Arbeit leisten Frauen, dazu gehören die Hausarbeit, die Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen.

Die Forderung nach einem Müttergehalt ist daher bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Sind doch die Leistungen von Frauen in der Gesellschaft nach wie vor nicht nur unbedankt und oft unbemerkt, sondern auch unbezahlt – und dennoch selbstverständlich. Dieses Bild ergänzen die Zahlen zur Erwerbstätigkeit: Etwa 43% der Frauen arbeiten Teilzeit, jedoch nur neun Prozent der Männer. Studien zeigen, dass Männer mit Kindern sogar mehr Überstunden machen als Männer ohne Kinder. Bei Frauen ist das nicht so. Warum bloß?

Natürlich müsste das, was Frauen für die Gesellschaft leisten, entsprechend anerkannt werden. Nur: Ganz so einfach wie sich Müttergeld-Verfechter die Sache vorstellen, ist sie freilich nicht. Welche Kriterien sollten als Grundlage eines Gehaltes für die Vollzeittätigkeit im Haushalt herangezogen werden? Was würden die vielen Müttergeld-Bezieherinnen, wenn sie nach jahrelanger Unterbrechung ihrer Erwerbstätigkeit wieder in den Beruf einsteigen, wollen? Einen Job zu finden wird mit zunehmendem Alter bekanntermaßen immer schwieriger. Aber vielleicht ist für diese Lebensphase von den Müttergeld-VerfechterInnen ja einfach eine Verlängerung des gesellschaftlichen Ehrenamtes angedacht. Und wenn, das soll vorkommen, der Vater der Kinder mittlerweile eine andere Frau und vielleicht erneut Kinder hat? Pech gehabt! Von Luft und Mutterliebe lebt es sich bekanntlich ganz gut.

Wer hat übrigens je umgekehrt berechnet, was eine Hausfrau der Gesellschaft kostet? Was es kostet, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten, in deren Bildung der Staat investiert hat? Faktum ist zudem, dass Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit länger unterbrechen, unverhältnismäßig öfter von Armut betroffen sind als Frauen, die relativ früh wieder in den Beruf einsteigen. Wahlfreiheit besteht somit für Frauen weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Dazu kommen jede Menge Schuldgefühle, an denen unterschwellige Vorwürfe wie die von Frau Kattnig nicht unbeteiligt sind. Die Einschätzung, dass die Fremdbetreuung von Kindern, ganz unabhängig von ihrer Qualität, per se eine schreckliche Sache mit fatalen Folgen für die Entwicklung eines Kindes sei, hält sich hartnäckig.

 

Verantwortung der Männer

Eine zeitgemäße Mutterschaft und eine zeitgemäße Vaterschaft erfordern zeitgemäße Modelle, die Elternschaft auch leben zu können. Politisch wurde diesbezüglich – vom nach wie vor nicht umgesetzten Papamonat einmal abgesehen – in den letzten Jahren zwar einiges ermöglicht. Die verschiedenen Karenzmodelle sollten mittlerweile theoretisch auch für Väter attraktiv genug sein. Dass derzeit trotzdem nur knapp fünf Prozent aller Eltern, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, Väter sind, zeugt aber von weiterem Handlungsbedarf.

Da sind Investitionen in die Familienfreundlichkeit von Betrieben gleichermaßen gefragt wie eine massive Qualitätsverbesserung bei den Kinderbetreuungseinrichtungen, die Einführung eines Rechts auf Teilzeit wie die Unterstützung von Unternehmen bei der Umsetzung von qualifizierter Teilzeit. Und nicht zuletzt muss endlich der Kopf dem Körper folgen: Auch Männer tragen Verantwortung für ihre Kinder!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

13 Kommentare
0 0

wo beginnt die Diskriminierung?

Die Diskriminierung beginnt ja schon viel früher. So ist es wohl keine unbekannte Tatsache, dass insbesondere in führenden Positionen Frauen seltener fest angestellt werden als Männer. Klar, kann sich ja auch kein Unternehmen leisten für x Monate einen wichtigen Arbeiter in Urlaub zu schicken. Da fängt es doch schon an! Es wundert mich jedenfalls nicht warum Statistiken behaupten, dass insbesondere Frauen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen tätig sind wie man in einem älteren Presseartikel nachlesen kann: http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/576124/index.do

Familie ist doch Frauensache – jedenfalls nach der Trennung!

Teil 1: Ein Vater hat in Österreich nicht den Funken einer Chance, zu seiner Pflicht zur ganzen Alimentezahlung auch noch das Recht auf halbe Obsorge für sein Kind zu bekommen. Eine freiwillige Vereinbarung, die von der Kindesmutter jederzeit ohne Begründung aufgehoben werden kann, soll hier nicht als Recht bezeichnet werden. Seine Zahlungen werden auch weder zum Einkommen der Mutter dazugezählt  noch von seinem Verdienst abgerechnet, wenn er etwa um Sozialleistungen vorstellig wird.
Wir leben in Zeiten der Arbeitsteilung, und wenn der Vater in aufrechter Partnerschaft der Familie die finanzielle Existenz sichert und die Mutter sich um Kinder und Haushalt kümmert, dann ist das Halbe-Halbe. Die Linken – und Österreichs Grüne sind ein Teil davon – können nicht aufhören, den Menschen ihre Lebensplanung vorschreiben zu wollen und ihre Arbeit zu bewerten. Das Recht für alle, einem selbstgewählten Beruf nachzugehen, muss auch für Hausfrauen und Mütter gelten. Und ob die finanzielle Abhängigkeit
vom Supermarktleiter leichter zu ertragen ist als jene vom Familienvater, hat ebenfalls jede Frau selbst zu entscheiden.

Familie ist doch Frauensache – jedenfalls nach der Trennung!

Teil 2: Investitionen in die Familienfreundlichkeit von Betrieben und Unterstützung von Unternehmen bei der Umsetzung von qualifizierter Teilzeit sind natürlich
immer richtig, denn es muss endlich klar werden, dass die Wirtschaft für die Menschen da ist, und nicht umgekehrt. Familiensplitting und eine höhere
Pensionsanrechnung der Teilzeitarbeit bei Kindererziehung abhängig von der Anzahl und bis zur Mündigkeit der Kinder würde Gerechtigkeit zwischen
Kinderlosen und Eltern herstellen und könnte  die Geburtenrate deutlich erhöhen. Die Wahl des jeweiligen Lebensmodells muss jedoch den mündigen
Bürgern überlassen bleiben.
Die Grünen mögen endlich aufhören, das alte kommunistische Modell des Männer und Frauen in die Fabrik, Kinder in die Krabbelstube, Senioren ins Heim als zeitgemäß zu bezeichnen.

1 0

Man muss nicht in Allem mit Gudrun Kattnig übereinstimmen.

Doch die Absurditäten von Frau Schwentner machen nachdenklich. Und zwar nicht in dem Sinn, in dem sich Frau Schwentner dies vorstellt. Nachdenklich, weil linke Ideologie - während ihrer Russlandaufenthalte hat sie vermutlich nostalgisch Marx und Lenin, Stalin und Trotzki beweint - so wie jede Ideologie, Tatsachen ausblendet und das Denken zuerst verbietet; bis es verlernt wurde. Was wird da von Müttergehalt gefaselt während noch immer Alleinverdienerfamilien vom Steuersystem bestohlen werden.

Gast: muttermitkindern
18.08.2010 20:41
1 0

schade, frau schwentner!

frau kattnig hat einen wunderschönen artikel über die bedürfnisse von KINDERN geschrieben. und sie schreiben über die wichtigkeit der selbstverwirklichung von frauen. themenverfehlung. warum darf sich eine frau nicht selbst entscheiden, ob sie selbst für ihre kinder sorgt? warum wird sie schief angeschaut, wenn sie keinen beruf angeben kann? und besonders grotesk: wenn sie einige jahre später in pension geht, wird sie von allen beglückwünscht ... machen sie sich hier auch sorgen, was es kostet, auf das "potenzial" eines pensionisten verzichten, frau schwentner?

Ophicus
18.08.2010 13:42
3 0

Missing Link

In solchen Argumentationen fehlt immer ein Schritt.

Wenn die Wahlfreiheit das Ziel ist, dann ist es nicht grundsätzlich ein Problem, wenn Frauen überdurchschnittlich oft zu Hause bleiben, die Karriere unterbrechen oder sonst wie aus dem statistischen Rahmen tanzen. Ein Problem ist es nur, wenn sie darauf keinen Einfluss haben - bzw. weniger als Männer.
Das wird aber lieber übergangen. Ist die Statistik nicht ausgeglichen, dann ist das schon der Beweis, dass die Chancen nicht gleich sein können. Denn dass Frauen sich überdurchschnittlich oft entscheiden (!) irgendwelche unbezahlten Arbeiten wie etwa Pflege von Angehörigen zu übernehmen ist völlig undenkbar, oder auch wieder Zeichen von Ungleichbehandlung, weil es gegen die Chancengleichheit spricht, wenn eine Frau eine andere Einstellung zu Familie und Beruf hat als ein Mann.
Was jetzt aber mit der Frage wie positiv es für Kinder ist von der Mutter betreut zu werden nicht viel zu tun hat.

Antworten Gast: vaclav
18.08.2010 16:39
3 0

Re: Missing Link

Eben: wenn Frauen und Männer unterschiedliche kulturelle Vorlieben haben, unterschiedliches Wahlverhalten, unterschiedliche Werthaltungen etc., warum sollten sie sich dann gerade in den Bereichen Arbeit und Familie gleich verhalten bzw. die gleichen Entscheidungen treffen?

Gast: gleichstellungswünscherin
18.08.2010 08:08
0 4

ja, definitiv!

vielen dank für diese umfassende entgegnung! die lektüre des vorwöchigen kattnig-artikels veranlasste zu heftigem kopfschütteln und beinahe-resignation über die ewig erzkonservative haltung der presse, die sich mit solchen gastkommentaren schmückt. die schwentner-replik denkt weiter, und das tut wirklich gut zu lesen.
klar sollte jede/r die wahlfreiheit haben wieviel beruf und wieviel familie er/sie sich wünscht, nur gibt es diese wahlfreiheit nur dann, wenn die bedingungen dafür vorhanden sind. solange männer in aller regel (sogar in gleichwertigen jobs) mehr verdienen, stellt sich die frage aber oft nicht wirklich, wer in der partnerschaft den großteil der kinderbetreuung übernimmt.
und zum schluss: hut ab, vor jeder frau (und natürlich auch vor den derzeit noch wenigen männern), die sich (freiwillig) für haushalt und kinder entscheiden! viele von uns teilzeitmüttern mit vollzeitjobs und karenzkindesvätern könnten das nicht.

Arethas
17.08.2010 21:02
2 0

Unterhaltung

Ein hübsche Humoreske.

"Faktum ist zudem, dass Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit länger unterbrechen, unverhältnismäßig öfter von Armut betroffen sind als Frauen, die relativ früh wieder in den Beruf einsteigen."

Ist aber bei Männern nicht anders...

"Dass derzeit trotzdem nur knapp fünf Prozent aller Eltern, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, Väter sind, ZEUGT aber von weiterem Handlungsbedarf."

Woran denkt die bloß beim Schreiben?

gms_
17.08.2010 20:07
7 0

Re.: " .. zeugt aber von weiterem Handlungsbedarf."


Es reicht offensichtlich nicht, bloß triviale Fakten zu ignorieren - um eine wirklich gute und brave Feministin zu sein muß diese Ignoranz noch mit dem Begehr verknüpft werden, die eigene Selbstverwirklichung und jene für die man vorgeblich spricht solle von Dritten ermöglicht werden und dafür bedürfe es ganz dringend der Eingriffe in das Leben der Bürger.

Wenn Sie, Frau Schwentner, Handlungsbedarf verspüren, dann handeln Sie. Aber lassen Sie damit jenen Teil der Menschheit in Ruhe, denen Ihr missionarischer und erkenntnisresistenter Eifer und die daraus abgeleitete Gesellschaftsklempnerei gewaltig auf den Geist gehen. Sie und Ihresgleichen haben in kindischer Hybris bereits genug Schaden angerichtet - auch und insbesondere weil niemand wagte zu widersprechen.

Die Zeit, wo jedes Spielen der Opferkarte zwangsweise einen feministischen Stich bedeutete, sollten ein für allemal vorbei sein. Alles andere ist unverantwortlich.

Falscher Ansatz

Wir wollen kein "Müttergeld" oder sonstige staatliche Almosen, die man uns nur vorher aus den eigenen Taschen gezogen hat. Wir wollen keine Frauenpolitik und keine Familienpolitik. Wir wollen überhaupt nicht die Haustiere des Staates sein, die gegängelt, bevormundet und abgezockt werden. Wir wollen nicht, daß unser Privatleben politisch ist und wir daher samt und sonders verstatlicht und rund um die Uhr in Reichweite von Behörden und Bürokraten sind.
Laßt uns einfach in Ruhe. Wir entscheiden selbst, ob wir Hausfrauen oder berufstätig sind und wir wollen nicht, daß die Bürokratie und kinderlose Feministinnen das ständig kommentieren..
Wir wollen mehr Freiheit.

Antworten Gast: Briseis
18.08.2010 17:38
1 0

Re: Falscher Ansatz

Dem kann ich nur zustimmen!

Antworten WAB
18.08.2010 07:29
1 0

Re: Falscher Ansatz

bravo!

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News