Mutter Teresa, die gestern 100 Jahre alt geworden wäre, fasziniert auch 13 Jahre nach ihrem Tod zahllose Menschen. Das zeigt in diesen Tagen die breite Beschäftigung der Medien mit dieser kleinen Ordensfrau albanischer Abstammung, die in Kalkutta zum „Engel der Armen“ wurde. Nie wollte sie selbst im Mittelpunkt stehen, und doch wurde sie mit dem Friedensnobelpreis, mit zahllosen Orden und Auszeichnungen gewürdigt. Alles, was sie sagte und leistete, sollte ganz demütige Erfüllung des Willens Jesu sein, und doch wird sie von Menschen unterschiedlichster Nation und Religionszugehörigkeit als Vorbild, Heilige und leuchtendes Beispiel selbstlosen Dienstes am Nächsten gerühmt.
In dieser Bewunderung liegt sicher viel Sehnsucht, viel Ahnung des Guten und Heiligen. Und doch zeigen die Lebensporträts und Würdigungen, die in diesen Tagen präsentiert werden, auch manche Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Da wird Mutter Teresa einerseits als Sozialarbeiterin oder Entwicklungshelferin dargestellt, andererseits als ehrgeizige Missionarin, deren soziales Wirken „nur“ dem Ziel diente, Menschen zu bekehren. Beides geht an der Tiefe der Persönlichkeit und ihrer Berufung vorbei. Wer sie und ihr Lebenswerk verstehen will, muss auf ihre Beziehung zu Jesus blicken: Was immer sie tat, sollte ganz und gar „Sein Werk“ sein.
Bleistift in Gottes Hand
Tatsächlich erkennen wir, wenn wir die Brille unserer eigenen Vorurteile ablegen, in ihrem Leben und Wirken das Design eines liebenden Gottes, der durch sie ein paar Zeilen in „Seinem Liebesbrief an die Welt“ weiterschreiben wollte. Dieses Bild hat Mutter Teresa selbst verwendet, um zu erklären, sie selbst sei nur „ein Bleistift in Gottes Hand“, der nicht seinen eigenen Text schreibt, sondern den Gott führt. Aus einem Ostblockstaat zurückgekehrt, berichtete sie uns freudestrahlend: „Wir haben Jesus einen neuen Tabernakel gegeben.“ Das war ihre Bezeichnung für die Gründung einer neuen Niederlassung. Sie sah sich nicht selbst als Gründerin, geschweige denn als Managerin eines expandierenden Großunternehmens, auch wenn die „Missionarinnen der Nächstenliebe“ nach außen wohl diesen Eindruck erweckten. Immer sollte alles „Sein Werk“ sein.
Sie war die Missionarin einer grenzenlosen Liebe: grenzenlos in ihrer geografischen Weite wie die Aussendung der Apostel, grenzenlos in ihrer geistigen Tiefe wie das eine, neue Gebot Jesu: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“ Ihre Familie und die Pfarre waren die ersten Orte, an denen sie eine persönliche Beziehung zu Gott aufbaute, besonders in der Herz-Jesu-Verehrung: „Von Kindheit an war das Herz Jesu meine erste Liebe.“ Mit 18 Jahren folgte sie ihrer Sehnsucht, „in die Welt zu ziehen und das Leben Christi den Menschen weiterzugeben“: Sie trat in den Loreto-Orden in Irland ein, um ihren Herzenswunsch, als Missionarin nach Indien gesandt zu werden, bald erfüllt zu sehen. Gott führte sie aber nicht nur geografisch weit hinaus in die Welt, sondern auch den geistigen Weg in die Tiefe.
Quälende Gottferne
Sie hatte in Kalkutta viele Jahre als Loreto-Schwester in der Bildung der indischen Jugend gewirkt, als Jesus sie 1946 einen Schritt weiter führte, in die geografische Weite wie auch in eine neue, unbekannte mystisch-spirituelle Tiefe. In einer Offenbarung Seines Durstes, Seiner Sehnsucht nach Liebe („Mich dürstet“, Johannes-Evangelium 19,28) forderte er ihr Einverständnis zu Seinem Plan. Mutter Teresa verlässt auf Sein Wort hin die Sicherheit ihres Ordens und vertraut sich ganz Gottes Führung an. So gründet sie die „Missionarinnen der Nächstenliebe“, die Jesu Licht zu den Ärmsten der Armen in den Slums Kalkuttas und später in die materiellen, sozialen und spirituellen Slums der ganzen Welt bringen sollten.
Der Weg in die geistige Tiefe nimmt für Mutter Teresa in den folgenden Jahren eine unerwartete, dramatische Wende. In einer Jahrzehnte währenden „Nacht der Seele“ lässt Jesus sie an Seinem Leiden in mystischer, aber sehr realer und schmerzhafter Weise teilnehmen und Seine Gottverlassenheit am Kreuz („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, Markus-Evangelium 15,34) erfahren. Während ihr neuer Orden sich über die ganze Welt ausbreitet, erfährt sie durch eine quälend empfundene Gottferne den Schmerz der dürstenden Sehnsucht der Liebe nach Erwiderung dieser Liebe.
Abgrundtief spirituell
Ihr wird klar, dass der Ort, an dem der Durst Jesu nach Liebe gestillt werden kann, nur die Hungrigen, die Durstigen, die Nackten, die Heimatlosen sein können – mit einem Wort: „Jesus in der schrecklichen Verkleidung der Ärmsten der Armen“, in den Slums der Welt und in den geistigen Slums der Herzen aller Menschen. So ist sie zur Missionarin der Nächstenliebe, zur Mutter der Ärmsten in Kalkutta, ja zur Mutter der Bedürftigen aller Welt gereift. Wie kaum ein Missionar oder eine Missionarin in der Geschichte der Kirche ist sie zugleich grenzenlos sozial und abgrundtief spirituell. In einer erstmaligen Massenglobalität der Erde wird in dieser unscheinbaren Frau die Mission der ganzen Kirche und das Ziel jedes Menschen, unabhängig von Rasse und Religion, klar: „als Kind Gottes zu lieben und geliebt zu werden“.
LEO-M. MAASBURG ist Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke
Ausstellung: „100 Jahre Mutter Teresa“: 27. 8.–26. 9., Krypta der Peterskirche, 1010 Wien, Eintritt frei.
SMS-Aktion: SMS mit dem Kennwort „Mutter Teresa“ an 0676 8 007 007 senden und ein Jahr lang wöchentlich gratis ein Zitat von Mutter Teresa erhalten.
Weitere Informationen zu Ausstellung und SMS-Aktion unter www.missio.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2010)















