25.05.2013 01:20 Merkliste 0

Sein Liebesbrief an die Welt

GASTKOMMENTAR VON LEO-M. MAASBURG (Die Presse)

Mutter Teresa war die Missionarin einer grenzenlosen Liebe.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Mutter Teresa, die gestern 100 Jahre alt geworden wäre, fasziniert auch 13 Jahre nach ihrem Tod zahllose Menschen. Das zeigt in diesen Tagen die breite Beschäftigung der Medien mit dieser kleinen Ordensfrau albanischer Abstammung, die in Kalkutta zum „Engel der Armen“ wurde. Nie wollte sie selbst im Mittelpunkt stehen, und doch wurde sie mit dem Friedensnobelpreis, mit zahllosen Orden und Auszeichnungen gewürdigt. Alles, was sie sagte und leistete, sollte ganz demütige Erfüllung des Willens Jesu sein, und doch wird sie von Menschen unterschiedlichster Nation und Religionszugehörigkeit als Vorbild, Heilige und leuchtendes Beispiel selbstlosen Dienstes am Nächsten gerühmt.

In dieser Bewunderung liegt sicher viel Sehnsucht, viel Ahnung des Guten und Heiligen. Und doch zeigen die Lebensporträts und Würdigungen, die in diesen Tagen präsentiert werden, auch manche Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Da wird Mutter Teresa einerseits als Sozialarbeiterin oder Entwicklungshelferin dargestellt, andererseits als ehrgeizige Missionarin, deren soziales Wirken „nur“ dem Ziel diente, Menschen zu bekehren. Beides geht an der Tiefe der Persönlichkeit und ihrer Berufung vorbei. Wer sie und ihr Lebenswerk verstehen will, muss auf ihre Beziehung zu Jesus blicken: Was immer sie tat, sollte ganz und gar „Sein Werk“ sein.

 

Bleistift in Gottes Hand

Tatsächlich erkennen wir, wenn wir die Brille unserer eigenen Vorurteile ablegen, in ihrem Leben und Wirken das Design eines liebenden Gottes, der durch sie ein paar Zeilen in „Seinem Liebesbrief an die Welt“ weiterschreiben wollte. Dieses Bild hat Mutter Teresa selbst verwendet, um zu erklären, sie selbst sei nur „ein Bleistift in Gottes Hand“, der nicht seinen eigenen Text schreibt, sondern den Gott führt. Aus einem Ostblockstaat zurückgekehrt, berichtete sie uns freudestrahlend: „Wir haben Jesus einen neuen Tabernakel gegeben.“ Das war ihre Bezeichnung für die Gründung einer neuen Niederlassung. Sie sah sich nicht selbst als Gründerin, geschweige denn als Managerin eines expandierenden Großunternehmens, auch wenn die „Missionarinnen der Nächstenliebe“ nach außen wohl diesen Eindruck erweckten. Immer sollte alles „Sein Werk“ sein.

Sie war die Missionarin einer grenzenlosen Liebe: grenzenlos in ihrer geografischen Weite wie die Aussendung der Apostel, grenzenlos in ihrer geistigen Tiefe wie das eine, neue Gebot Jesu: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“ Ihre Familie und die Pfarre waren die ersten Orte, an denen sie eine persönliche Beziehung zu Gott aufbaute, besonders in der Herz-Jesu-Verehrung: „Von Kindheit an war das Herz Jesu meine erste Liebe.“ Mit 18 Jahren folgte sie ihrer Sehnsucht, „in die Welt zu ziehen und das Leben Christi den Menschen weiterzugeben“: Sie trat in den Loreto-Orden in Irland ein, um ihren Herzenswunsch, als Missionarin nach Indien gesandt zu werden, bald erfüllt zu sehen. Gott führte sie aber nicht nur geografisch weit hinaus in die Welt, sondern auch den geistigen Weg in die Tiefe.

 

Quälende Gottferne

Sie hatte in Kalkutta viele Jahre als Loreto-Schwester in der Bildung der indischen Jugend gewirkt, als Jesus sie 1946 einen Schritt weiter führte, in die geografische Weite wie auch in eine neue, unbekannte mystisch-spirituelle Tiefe. In einer Offenbarung Seines Durstes, Seiner Sehnsucht nach Liebe („Mich dürstet“, Johannes-Evangelium 19,28) forderte er ihr Einverständnis zu Seinem Plan. Mutter Teresa verlässt auf Sein Wort hin die Sicherheit ihres Ordens und vertraut sich ganz Gottes Führung an. So gründet sie die „Missionarinnen der Nächstenliebe“, die Jesu Licht zu den Ärmsten der Armen in den Slums Kalkuttas und später in die materiellen, sozialen und spirituellen Slums der ganzen Welt bringen sollten.

Der Weg in die geistige Tiefe nimmt für Mutter Teresa in den folgenden Jahren eine unerwartete, dramatische Wende. In einer Jahrzehnte währenden „Nacht der Seele“ lässt Jesus sie an Seinem Leiden in mystischer, aber sehr realer und schmerzhafter Weise teilnehmen und Seine Gottverlassenheit am Kreuz („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, Markus-Evangelium 15,34) erfahren. Während ihr neuer Orden sich über die ganze Welt ausbreitet, erfährt sie durch eine quälend empfundene Gottferne den Schmerz der dürstenden Sehnsucht der Liebe nach Erwiderung dieser Liebe.

 

Abgrundtief spirituell

Ihr wird klar, dass der Ort, an dem der Durst Jesu nach Liebe gestillt werden kann, nur die Hungrigen, die Durstigen, die Nackten, die Heimatlosen sein können – mit einem Wort: „Jesus in der schrecklichen Verkleidung der Ärmsten der Armen“, in den Slums der Welt und in den geistigen Slums der Herzen aller Menschen. So ist sie zur Missionarin der Nächstenliebe, zur Mutter der Ärmsten in Kalkutta, ja zur Mutter der Bedürftigen aller Welt gereift. Wie kaum ein Missionar oder eine Missionarin in der Geschichte der Kirche ist sie zugleich grenzenlos sozial und abgrundtief spirituell. In einer erstmaligen Massenglobalität der Erde wird in dieser unscheinbaren Frau die Mission der ganzen Kirche und das Ziel jedes Menschen, unabhängig von Rasse und Religion, klar: „als Kind Gottes zu lieben und geliebt zu werden“.

LEO-M. MAASBURG ist Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke

Ausstellung: „100 Jahre Mutter Teresa“: 27. 8.–26. 9., Krypta der Peterskirche, 1010 Wien, Eintritt frei.

SMS-Aktion: SMS mit dem Kennwort „Mutter Teresa“ an 0676 8 007 007 senden und ein Jahr lang wöchentlich gratis ein Zitat von Mutter Teresa erhalten.

Weitere Informationen zu Ausstellung und SMS-Aktion unter www.missio.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

6 Kommentare

Was hat "Mutter Teresa" konkret für Sterbende getan?

"Auch Leo Maasburg, Nationaldirektion von Missio, betonte in einem Nachwort zur Predigt, dass Mutter Teresa vor allem die kleinen Dinge in Liebe getan habe. Das von ihr gegründete Heim für die Sterbenden in Kalkutta sei kein großes Spital gewesen, in dem sie alle Menschen gesund machen wollte. "Sie wollte sie an ganz kleinen Dinge gesund werden lassen, zum Beispiel in ihrer Würde." Wenn die Kranken in das Haus kamen, so wurden ihre Namen in ein Buch eingetragen, damit habe sie den Menschen gezeigt, dass sie für sie "keine Nummer" waren. "Die Menschen, die ein Leben lang in der Gosse gelegen sind, haben plötzlich einen Namen gehabt", so Maasburg, der viele Jahre an der Seite Mutter Teresas arbeiten durfte."
http://stephanscom.at/news/0/articles/2010/08/26/a18951/

Natürlich haben die beiden Hand in Hand gearbeitet, denn es ging nicht zuletzt um Missionierung. Hindus bekamen "ihre Würde zurück", indem man sie noch schnell taufte.

Hatten die Sterbenden denn vorher keinen Namen? Gibt es Hospize, die nicht die Namen der Aufgenommenen registrieren? Im großen Saal waren sie Nummern, und die standen groß über jeder Pritsche.

Der ganze Mutter-Teresa-Kult ist widerlich und typisch für die Verlogenheit der römisch-katholischen Kirche, die sich auch im Umgang mit der Bibel, mit ihrer blutigen Geschichte, bei der internationalen Pädophilie-Vertuschung und im Umgang mit ihren Finanzen zeigt.

Ein Interview mit Leo Maasburg

Leo Maasburg war ein Vertrauter von Agnes Gonxhe Bojaxhiu. Er hat sie sieben Jahre lang auf Reisen begleitet. In dem folgenden Interview geht er auf ihre Beziehung zu Jesus ein.
http://www.missio.at/fileadmin/media_data/downloads/maasburg/maasburg-interview-zenit-20070904.pdf

Falls die folgenden Aussagen echt sind, war sie im Prinzip eine Atheistin, denn das Folgende geht doch deutlich über das übliche Zweifeln hinaus. Es scheint kennzeichnend gewesen zu sein für die letzten 35 Jahre ihres Lebens.

Sie schrieb 1958: „Mein Lächeln ist wie eine grosse Wolke, die viele Schmerzen verbirgt. Weil ich immer lächelte, glaubten die Leute mein Glaube, meine Hoffnung und Liebe sei überwältigend und dass meine Gottesnähe und Gottes Wille mein Herz fülle. Wenn diese nur wüssten...“

Sie schrieb in einem Brief: „Die verdammte Hölle leidet ewige Qualen weil sie mit dem Verlust von Gott experimentierten. In meiner Seele fühle ich einen schrecklichen Schmerz des Verlustes. Ich fühle, dass Gott mich nicht will und dass Gott nicht Gott ist und dass es ihn nicht wirklich gibt.“

„Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer.“

„Wenn es keinen Gott gibt, kann es auch keine Seele geben. Wenn es keine Seele gibt, dann Jesus bist du auch nicht mehr.“

„In meinem Herzen gibt es keine Liebe, kein Glauben, kein Vertrauen.“

Aber es gibt ja kaum etwas, was ein geübter Theologe nicht um 180 Grad drehen kann.

0 1

Mutter Teresa ist eine sehr beeindruckende Person!

Wer weiß, welche Härten und Opfer sie in Ihrem Leben auf sich genommen hat, kann ihr kein doppeltes oder falsches Spiel unterstellen. Der Vorwurf, dass sie alles durch nur für Jeses getan habe und Seelen gewinnen wollte, ist, wenn er an eine katholische Ordensschwester gerichtet ist, seltsam.

Gast: Paul Z.
27.08.2010 07:52
1 0

Zum Autor

Ist es zu viel verlangt, eine kleine Notiz hinzuzufügen wer der Autor ist und was er tut? Immerhin ist es ein Gastkommentar, da ist der Standpunkt nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Unabhängig davon ist Hilfe für die dritte Welt die an missionarische Tätigkeit gekoppelt ist scheinheilig und respektlos. Scheinheilig weil sich der Helfende damit "näher zu gott/Jesus" fühlen kann und respektlos vor dem gewachsenen Glauben der Region.

Bevor wir uns zu sehr in einer unrealistischen und metaphysischen Betrachtungsweise verlieren,

sollte man vielleicht darauf hinweisen daß nach dem Bericht eines vertrauenswürdigen Jounalisten in den Heimen dieser Person niemals wirkliche Medikamente verabreicht wurden. Und auch keine medizinischen Tests durchgeführt wurden.
Glaubwürdigen Berichten nach war es in Sterbeheimen für AIDS Kranke verboten Freunde von Versorbenen zu Beerdigungen zuzulassen.
Kranke in solchen Sterbeheimen durften keinen Besuch empfangen (in San Franzisko) sonst wurden sie rausgeschmissen.
Und viele weitere Vorkommnisse die ernste Zweifel am Charakter dieser Einrichtungen erwecken müssten.

Die unbarmherzige Schwester Teresa

Ich halte den Teresa-Kult für völlig überzogen. Nachdem was ich hier gesehen http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5256520 und dort gelesen habe http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15888/1.html war Schwester Teresa in erster Linie mit sich selbst und ihrer Beziehung zu Jesus beschäftigt. Die sterbenden Hindus, die ihr als Kulisse dienten, dürfte es wenig interessiert haben, was sie für Probleme mit Jesus hatte. Nächstenliebe war das nicht, sondern religiöses Rumgetue und demütige Wichtigtuerei.

Immerhin war sie eine gute Schauspielerin und sozial geschickte Spendensammlerin. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass von dem Geld viel bei den Armen angekommen ist. Was die katholische Kirche und ein großer Teil der Medien als Nächstenliebe bezeichnen, war in Wirklichkeit unterlassene Hilfeleistung.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News