25.05.2012 20:11 | Meine Presse Merkliste 0

Beginnt Bildung im Kindergarten?

GASTKOMMENTAR VON MARIAN HEITGER (Die Presse)

Replik auf eine fatale Vorwahlzeit-Behauptung der Gemeinde Wien.

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Die Gemeinde Wien verkündet in einer ihrer Mitteilungen, Heft Nr.9 2010, dass sie die Kindergartenplätze ausbaut. Das ist erfreulich. Auf dem Deckblatt ist eine scheinbar pädagogische Wahrheit zu vernehmen: „Bildung beginnt im Kindergarten.“ Diese Behauptung ist fatal.

Bildung beginnt, wenn man das Kind ernst nimmt und nicht als Objekt politischer oder ökonomischer Interessen begreift, mit dem Augenblick seines Menschseins, wenn nicht schon im pränatalen Zustand. Allerdings wird man Bildung anders verstehen, als es in diesem Slogan leichtfertig formuliert wird. Bildung meint die Entfaltung aller im Menschsein des Kindes angelegten Möglichkeiten und lässt sich nicht auf gesellschaftliches Funktionieren beschränken. Dazu bedarf das Kind einer umfassenden Sorge und Liebe durch Vater und Mutter. Es wäre ein gefährlicher Irrtum, dem Kind die nötige pädagogische Zuwendung bis zur Kindergartenzeit zu versagen.

Vor mehr als 25 Jahren hat der Kinderarzt und Psychologe René Spitz seine Studien zum Hospitalismus vorgelegt, wonach die Kinder vor allem im Säuglingsalter in einer engen Beziehung zur Mutter körperlich und seelisch am besten gedeihen, selbst wenn sie mit der Mutter in einer Haftanstalt leben. Bildung bedarf eben einer umfassenden, individuellen Zuwendung. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen diese Voraussetzungen für eine umsorgende Liebe nicht gegeben sind. Hier hat der Staat subsidiär einzugreifen, aber es wird bedenklich, wenn er diese Schwächen zum Anlass nimmt, um sich und öffentliche Einrichtungen als bessere Erzieher oder „Bildner“ zu empfehlen.

Der zu kritisierende Slogan formuliert, wenn auch unbewusst und nicht bedacht, eine diskriminierende Vorstellung von der Familie. Will man sie tatsächlich auf die Produktion und physische Versorgung des Nachwuchses reduzieren? Das wäre ein fataler ideologischer Irrläufer, und die jüngere Geschichte hat dessen verheerende Folgen nachhaltig gezeigt. Wenn man eine der Bildung förderliche pädagogische Reform ernsthaft will, so hätte diese mit einer guten Familienpolitik zu beginnen.

Das ist kein Votum gegen die Berufstätigkeit von Frauen, sondern ein Votum dafür, beides zu ermöglichen. Es ist bemerkenswert, wie die Gemeinde Wien mit diesem Slogan glaubt, Wahlwerbung machen zu können. Natürlich ist es gut und begrüßenswert, wenn die Gemeinde Wien mehr Kindergärten schafft, aber doch nicht als Ersatz für die Verantwortung der Väter und Mütter. Manchem mag diese Dimension der Kritik übertrieben erscheinen; aber gerade jene so selbstverständlich und unbedacht gemachten Äußerungen zeigen die Anmaßung der öffentlichen Institutionen, die vorwiegende Zuständigkeit für Bildung zu behaupten.

Wie gerade dieser Anspruch nicht erfüllt wird, zeigt ein Vorfall, über den die „Aktion Leben“ berichtet; von einer Frau in ihrer zweiten Schwangerschaft. Sie lebt mit einem psychisch erkrankten Mann, macht sich Sorgen um ihren eineinhalbjährigen Sohn und dessen Versorgung während ihres Spitalaufenthaltes, sie wendet sich an das Jugendamt der Gemeinde Wien. Von ihm wird ihr empfohlen, beim Einsetzen der Wehen das Kind von der Polizei holen zu lassen und es dann bei wechselnden Bezugspersonen unterzubringen. Diese Art des Agierens zeigt ein klägliches Versagen gegenüber dem behaupteten Anspruch der besonderen Zuständigkeit für pädagogische Fragen.

Dr. Marian Heitger, geboren 1927 in Deutschland, ist Erziehungswissenschaftler und emeritierter Professor an der Universität Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2010)

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1 Kommentare
Gast: Anfrage
07.09.2010 11:40
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Quelle Bericht Aktion Leben

Habe kurz recherchiert (vielleicht unzureichend?), aber den im Artikel angesprochenen Vorfall - berichtet von "Aktion Leben" - nicht gefunden. Falls Ihn jemand hat wäre ich dankbar für den Link, danke vorab.

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