Alles ist erlaubt? Über das Hass-Posten

Gastkommentar. Die Onlineforen österreichischer Medien sind zu geschützten Werkstätten für antiislamische Schmähungen geworden.

Islam ist in Mode gekommen. Die Welt zerfällt in Islamophile und Islamophobe, der Islam lässt viele nicht kalt. Kein anderes Thema polarisiert dermaßen, kein anderes Thema provoziert ähnlich kontroversielle Meinungen.

Als geschützte Werkstätte für antiislamische Übergriffe profilieren sich derzeit die Onlineforen österreichischer Medien. Da können Interessierte unter Berufung auf die Freiheit des Wortes jegliche Rassismen und Beleidigungen von sich geben. Viel zu selten schreitet die Administration ein und entfernt die Beiträge.

Betrachtet man hingegen überregionale deutsche Zeitungen (beispielsweise „SZ“, „FR“, „FAZ“, „Zeit“) und verfolgt deren Praxis hinsichtlich des Postens und Petzens, stellt man überrascht fest: Der Ton ist höflicher, das Bildungsniveau weit höher, die Diskussion sachlich und weniger emotional. Rassistisches, Islamophobes, Antisemitisches wird unverzüglich entfernt, ebenso Diskriminierendes, Beleidigendes, Obszönes.

Entweder schließen diese Blätter nachts und an Wochenenden ihre Kontaktzonen und verhindern dergestalt das unkontrollierte Wuchern verbaler Entgleisungen. Oder sie überwachen sie bei einzelnen Artikeln rund um die Uhr.

 

Die Anzahl der Klicks

Weiters sind bei einschlägigen Themen weit weniger Postings als in Österreich, obwohl Deutschland über nahezu die zehnfache Einwohnerzahl verfügt. Es sieht also ganz danach aus, als ob das ethisch höher stehende Format, das die Werte von Respekt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden hochhält, gewisse Schreiberlinge fernhielte, weil es eben kein Forum bietet, um Meinungen hart an der Grenze des Medienrechtlichen und jenseits journalistischer Ethik zu veröffentlichen.

In Österreich aber dürfen sich die Leute austoben. Hier werden nur die übelsten Ausschreitungen gelöscht. Wir haben schließlich keine Zensur. Das lässt die Anzahl der Postings ebenso in die Höhe schnellen wie die Anzahl der Klicks darauf, die wiederum die Werbeeinnahmen nach oben treiben. Denn Letztere werden unter anderem nach dem Verkehr auf einer Seite berechnet.

Viel Frequenz ergibt sich aber nur, wenn es Spannendes zu lesen gibt. Daher ist es ganz im Sinne der Verantwortlichen solcher virtuellen Unflaträume, wenn die Parteien einander befetzen. Was abendländischer Anstand, Knigge und Etikette lange Zeit verpönten, nämlich das Absenden anonymer Texte, wird als Netiquette in den Foren nicht nur nicht geächtet, sondern ist sogar erwünscht. Islam sells in Mitteleuropa – wer hätte das vor zehn Jahren gedacht?

 

Viel zerschlagenes Porzellan

Die gesellschaftspolitische Verantwortung, die Medien für sich reklamieren, wenn es ihnen gerade dienlich ist, nehmen sie beim Betreiben der Onlineforen im Dienste der Profitmaximierung nicht wahr. Ganz im Gegenteil: Wie die beschimpften Muslime und Musliminnen sich fühlen müssen, wenn sie derartige Schmähungen über sich und ihre Religion lesen, daran wird nicht gedacht. Ebenso wenig wird berücksichtigt, wie viel Porzellan dabei im interkulturellen Zusammenleben zerschlagen wird.

Zwar gibt es dagegen jetzt die Facebook-Seite „A comment a day“, deren Angehörige täglich einen positiven Kommentar schreiben und auch fleißig twittern. Aber das wird nicht genug sein.

Höchste Zeit, dass auch von offizieller Seite Maßnahmen gegen solche Texte der Verhetzung vorgenommen werden! Die gesetzliche Handhabe dazu gibt es. Im Übrigen müssten simple Menschlichkeit, Kinderstube oder christliche Gesinnung eigentlich ausreichen, um zu wissen: Die Freiheit jedes Einzelnen hört dort auf, wo die Freiheit der anderen beginnt.

Ingrid Thurner ist Mitglied der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/
tmb) und Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2010)

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