19.06.2013 05:14 Merkliste 0

Was Tunesiens Demokraten von Osteuropa lernen können

FLORIAN BIEBER (Die Presse)

Gastkommentar. Auch wenn es einem Volk gelingt, einen Diktator von der Macht zu vertreiben, ist eine Revolution noch längst nicht gelungen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der Zusammenbruch des Ben-Ali-Regimes in Tunesien und der jetzige Aufruhr in Ägypten erinnern an die demokratischen Revolutionen in Osteuropa vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten und die Reihe von demokratischen Umbrüchen, die im vergangenen Jahrzehnt autoritäre Regierungen wie jene von Milošević in Serbien bis zu jener von Akajew in Kirgisistan hinweggefegt haben.

Nicht immer war „people power“ erfolgreich. Auch wenn es gelingt, den Diktator zu vertreiben, ist die Revolution noch längst nicht gelungen. Oftmals folgt nur ein neuer autoritärer Herrscher nach.

So geschah es in Kirgisistan, als nach der „Revolution der Tulpen“ 2004 der neue Präsident Kurmanbek Bakijew autoritärer herrschte als sein Vorgänger Askar Akajew. Erst erneute Massenproteste im vergangenen Jahr konnten ihn aus seinem Amt vertreiben.

Ähnlich in Georgien, wo das korrupte Regime von Eduard Schewardnadse 2003 in der „Revolution der Rosen“ durch Michail Saakaschwili abgelöst worden ist. Auch wenn er (noch) kein Diktator ist, hat er die Macht auf gefährliche Weise auf sich konzentriert und durch seinen aggressiven Politikstil im August 2008 einen Krieg mit Russland um Abchasien und Südossetien vom Zaun gebrochen.

Tunesien, im Gefolge vielleicht auch Ägypten, haben somit erst den ersten Schritt auf dem langen Weg zur Demokratie unternommen. Doch wie lässt sich eine Rückkehr zur Diktatur verhindern?


Revolution und Wohlstand

Der amerikanische Politikwissenschaftler Larry Diamond argumentiert, dass der Erfolg der Revolution stark mit dem Wohlstand des Landes zusammenhänge. Ab einer Schwelle des Pro-Kopf-Einkommens von etwa 9000US-Dollar ist heute ein Rückfall in die Diktatur unwahrscheinlich. Obwohl wohlhabender als die meisten Nachbarländer, lag in Tunesien das Pro-Kopf-Einkommen 2008 bei weniger als der Hälfte, nämlich bei 4000US-Dollar. Wie Kritiker jedoch betonen, sollte Wohlstand nicht überbewertet werden, und mit Sicherheit besteht kein Automatismus zwischen Armut und Diktatur.

Wenn man die erfolgreichen Demokratisierungen und Rückfälle in die Diktatur über die vergangenen Jahrzehnte jedoch vergleicht, ist unübersehbar, dass ein höherer Wohlstand die Chancen erhöht, dass sich die Demokratie durchsetzen kann.

Es ist fast schon ironisch, dass einer der Auslöser der Demokratisierungsbewegung in Tunesien wie auch anderswo eine wirtschaftliche Krise ist, jedoch der Erfolg eben jener Demokratisierung durch das Gegenteil, nämlich höheren Wohlstand, begünstigt wird.

Wohlstand alleine vermag jedoch die Erfolgsaussichten für die Demokratisierung nicht erklären. Es kommt auch auf die Nachbarschaft an. Als am 5.Oktober 2000 die Bevölkerung Serbiens durch eine Massendemonstration Slobodan Milošević zum Rücktritt zwang, war Serbien ein Nachzügler in einer demokratischen Region. Sofort wurde Serbien gemeinsam mit Montenegro als Bundesrepublik Jugoslawien in den Stabilitätspakt aufgenommen und mit Krediten für den demokratischen Wandel belohnt. Ganz anders in Kirgisistan: Dort schlug den neuen Eliten die Feindseligkeit der zentralasiatischen Diktatoren von Turkmenistan bis Usbekistan entgegen.

Die Chancen für Tunesien, sich zu einer Demokratie zu entwickeln, wird somit stark davon abhängen, ob auch Algerien, Marokko, Ägypten, Jordanien oder Libyen Schritte in Richtung Demokratie einschlagen, oder ob die Despoten stattdessen die Demokratie in ihrer Mitte isolieren.

Neben den Nachbarn ist auch das weitere geopolitische Umfeld von entscheidender Bedeutung. In Serbien konnte sich die demokratische Regierung behaupten, weil die junge Demokratie von der EU und den USA vorbehaltlos unterstützt wurde, während in Russland Wladimir Putin gerade erst die Macht übernommen hatte und sich kaum einmischte.


Faktoren des Erfolges

In Georgien, Kirgisistan und der Ukraine hingegen sabotierte Russland die Demokratisierungsbewegung – aus Angst, geopolitischen Einfluss zu verlieren und wegen der Vorbildfunktion für Russland selbst. Zudem überwogen für die USA und die EU strategische Überlegungen in Zentralasien (z.B. Truppenversorgung in Afghanistan) und in der Ukraine (Transitland für russische Gaslieferungen).

Die bisherige westliche Akzeptanz arabischer Potentaten ist somit für Tunesien kein gutes Omen. Nur wenn die Angst vor Islamismus und Instabilität für Europa und die USA nicht weiter Vorwand bleibt, sich mit autoritären Herrschern zu arrangieren, wird die Demokratie in Tunesien eine Chance haben. Letztlich hängt der Erfolg der Demokratisierung Tunesiens aber nicht von externen Faktoren ab, die die Demokraten in Tunesien nur wenig beeinflussen können, sondern von der Konsensfähigkeit der politischen Elite.


Orange Selbstdemontage

In der Ukraine lag sich die kurz nach der „orangen Revolution“ 2004 an die Macht gekommene Opposition schon bald in den Haaren. Auch hatten die alten Machtstrukturen, verkörpert durch den heutigen Präsidenten Viktor Janukowitsch, nie wirklich die Beliebtheit unter einem Großteil der Wähler eingebüßt. Somit haben die ehemaligen Revolutionsführer ihre eigene Revolution demontiert und Weg für eine Rückkehr alter Machtstrukturen geebnet.

In Serbien oder Kroatien hingegen gelang es, die ehemaligen Regierungsparteien so lange auszugrenzen, bis diese einen Wandel vollzogen hatten und ohne Risiko für die Demokratisierung zurück an die Macht gelangen konnten.

Einen derartigen demokratischen Konsens herzustellen ist leichter, wenn es ein einigendes Ziel gibt, etwa den Beitritt zur EU. Die tiefe Spaltung zwischen säkularen und islamistischen Parteien in vielen Ländern der arabischen Welt ist somit ein Stolperstein auf dem Weg zur Demokratisierung.

Revolutionen sind ansteckend. Ohne den Kollaps des Kommunismus in Poland und Ungarn hätten sich kaum Hunderttausende in Prag und Leipzig im Herbst 1989 auf die Straßen gewagt. Der Sturz von Milošević diente als Modell in Georgien, wo vor dem Fall von Schewardnadse ständig Dokumentarfilme über Serbien gezeigt wurden, während georgische Oppositionsgruppen Widerstandstechniken von der serbischen Protestbewegung „Otpor“ lernten.


Worauf die Despoten hoffen

Ohne Zweifel wird Tunesien auch die arabische Welt inspirieren. Ob die Demokratisierung Tunesiens jedoch gelingen wird, hängt nicht nur von der Reaktion der Regime der Region, sondern auch davon ab, ob sich eine stabile Demokratie überhaupt entwickeln kann.

Kommt es hingegen zu einer zerstrittenen Herrschaft fragwürdiger und korrupter Demokraten wie in der Ukraine, kommt es zum Aufstieg eines neuen Diktators wie in Kirgisistan, oder kommt es zu Pogromen gegen Minderheiten wie in Südkirgisistan letztes Jahr, werden die Despoten in der Nachbarschaft mit Genugtuung auf die Ereignisse schauen und dürfen auf weitere Jahre an der Macht hoffen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

5 Kommentare
Gast: Stefan G
11.02.2011 13:59
0 0

Was an diesem Beitrag wichtig ist

Der Artikel ist eine Zusammenfassung bestimmter Faktoren, die einen positiven Einfluss auf die Demokratisierung eines Landes ausüben können. Das heisst: Wohlstand, Nachbarschaft, 'Zuckerle' eines EU Beitritts, Struktur der Eliten im Land erhöhen die Chance, dass ein Land den Sprung von einem diktatorialen System zu einer Demokratie schaffen kann. Auf Kultur als Faktor der Demokratisierung wird weniger eingegangen (Kommentar von SchlÄchter). Das macht den Beitrag optimistisch: Dadurch kann man nämlich argumentieren, dass internationale Akteure Demokratisierungsprozesse in Ländern fördern können und, so würde Bieber wahrscheinlich argumentieren, auch sollen. Diese Argumentation ist an sich nicht falsch, da man nach dem 2. Weltkrieg glaubte, aus Deutschen oder Japanern könnte man nie Demokraten machen. Diese Prozesse dauern in Ländern im arabsichen Raum wahrscheinlich länger; oder vielleicht werden sie auch nie ganz stattfinden. Wichtig ist aber die Richtung der Transformation und wichtig an Biebers Beitrag ist, dass unsere westlichen Staaten in diesen Transformationsprozessen eine wesentliche Rolle spielen können; und auch sollen.

Gast: Keintraumtänzer
31.01.2011 01:50
1 1

Wie sich das der kleine Moritz vorstellt!

Hat er denn nicht die Bilder im Fernsehen gesehen? War dem wilden aufgebrachten Haufen von Revoluzzern auch nur ein Quentchen "Demokratie" anzumerken? Ich habe da nichts gesehen.
Naivlinge glauben an die eigenen Vorstellungen. Wenn der Diktator weg ist, wird alles Besser?!
Und der gescheite Amerikaner (Politdummschwätzer) schwatzt etwas von einem Prokopfeinkommen von 9000 US-Dollar? Wer soll das den Egyptern zahlen? Vielleicht gar die EU?
Vielleicht würden wir einmal glücklich sein, wenn wieder ein moderater Diktator den Laden auf Vordermann gebracht hätte und nicht die Mullahs, Alkaidas und sonstige "Ehrenmänner das Sagen haben.

0 1

Ist halt ein Kommentar

damit was geschrieben ist.Ein paar nebulöse Zahlen dazugeworfen und siehe da: es ist eine "Analyse".Das ist Geschwafel!!!

Gast: Gast: Leser
29.01.2011 15:36
0 1

Poland

"Ohne den Kollaps des Kommunismus in Poland..."
Ja, Poland - wo liegt das schnell? Vielleicht sollte der Herr Bieber zuerst einmal die deutschen Ländernamen studieren und erst dann einen Artikel darüber schreiben? Oder will er vielleicht zeigen, wie gut er Englisch kann?

Gast: schlÄchter
28.01.2011 23:23
1 1

sg herr bieber!

"Tunesien, im Gefolge vielleicht auch Ägypten, haben somit erst den ersten Schritt auf dem langen Weg zur Demokratie unternommen."

woher nehmen sie die gewissheit, dass der weg zur "demokartie" beschritten wurde, können sie sich nicht vorstellen, dass eine völlg neue staatsform - angepasstan die kulturellen traditionen einer nichtwestl. gesellschaft und getragen von dieser - eine staatsform sui generis herauskommen kann ? erschreckt sie das ?

m nachdenklichen g
s.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News