Anleitung zu mehr Weltoffenheit

SUSANNA REISKOPF (Die Presse)

Gastkommentar. Ein Experiment zeigt: Wir alle haben unterschiedliche Zugehörigkeitsgefühle. Geografische Nähe spielt dabei häufig keine Rolle.

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Sehr geehrte Leser! Es stört Sie, dass Menschen in Ihrer Umgebung einen anderen Kleidungsstil bevorzugen als Sie? Oder dass sie sich einer Religion zugehörig fühlen, von der Sie höchstens denken, sie zu kennen? Dass diese eine Sprache sprechen, die Sie nicht verstehen, oder dass sie sich für Geschehnisse in einem anderen Land scheinbar mehr interessieren als für ihr Grätzel?

Darf ich zu einem kleinen Experiment einladen? Dazu braucht es lediglich Papier, Stift, einige Minuten Zeit und die Bereitschaft, etwas in sich zu gehen. Zeichnen Sie in der Mitte des Blattes einen Kreis und um diesen herum zwei weitere – jeweils groß genug für Beschriftungen. Nach Belieben können Sie weitere Umkreisungen verwenden, die bereits bestehenden unterteilen oder am Blattrand Inseln hinzufügen.

In den innersten Kreis schreiben Sie den Ort, die Stadt oder den Bezirk, wo Sie sich zu Hause fühlen. Sie können gerne mehrere Orte eintragen, wenn das Ihrem Heimatgefühl entspricht. Je nach empfundener Wichtigkeit notieren Sie nun von den innersten Kreisen weg alle Gegenden, die einen wesentlichen Bestandteil Ihres Lebens darstellen, wie etwa eigene Wohnsitze, die Heimat von Freunden und Verwandten oder von Ihnen bereiste Gegenden.

Gönnen Sie sich einige Minuten, um Ihre persönliche Landkarte der Zugehörigkeit so aufzuzeichnen, dass Sie sich damit identifizieren können.

 

Wo wir uns zu Hause fühlen

Nun kommen wir zum wesentlichen Teil des Experiments. Sehen Sie sich die Orte in den Kreisen an. Wie viele davon liegen geografisch nicht in Ihrer Nachbarschaft, grenzen somit nicht direkt an Ihren Heimatort? Überlegen Sie, wie viele oder welche Ortschaften, Bezirke, Städte oder gar Länder dazwischen liegen. Weshalb haben Sie aber diese nicht in Ihrer persönlichen Landkarte notiert, obwohl Sie doch näher wären?

Wir alle haben unterschiedliche Zugehörigkeitsgefühle. Geografische Nähe spielt dabei häufig keine Rolle. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, jedoch oft nicht im Bewusstsein verankert. Wir fühlen uns dort zu Hause, wo wir Freunde haben, viel Zeit verbringen oder besondere Erlebnisse hatten, wo wir unsere tägliche Arbeit verrichten oder uns in Träumen hinsehnen. Wir wollen über Geschehnisse an diesen Plätzen Bescheid wissen – sei es durch Gerüchteküche und Dorftratsch oder über Fernsehen, Zeitung und Internet.

Egal, ob Sie bereits Ihr Leben lang in Wien oder in einem Dorf in Tirol leben, oder ob Sie von Deutschland, Ägypten oder einem anderen Flecken dieser Welt dorthin migriert sind – es ist die innere Verbundenheit, die uns Orte nah erscheinen lässt.

Oft sind es größere Distanzen, oft kleinere, was aber nicht unbedingt mit Migration zusammenhängen muss und im Grunde keinen Unterschied macht. Reisen, Auslandsaufenthalte sowie Internetforen eröffnen uns ebenfalls die Welt. Und es würde sich wohl niemand – und das völlig zu Recht – absprechen lassen, diese persönlichen Orte aktiv ins Leben einzubeziehen: nicht Sie, nicht ich, nicht unsere Nachbarn oder Freunde, kein Mensch auf dieser Welt.

Mag. Susanna Reiskopf ist Kultur- und Sozialanthropologin und Mitglied der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb/)


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2011)

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4 Kommentare

Auch sie,

sehr geehrte Frau Reiskopf, drücken sich um das Hauptproblem mit der Weltoffenheit herum. Sie gehen nämlich stillschweigend davon aus, dass sämtliche Weltanschauungen - politisch sehr korrekt - völlig gleich zu werten sind.
Und genau das sind sie nicht.
So kann man natürlich problemlos tolerieren, wenn etwa jemand aus religiösen Gründen bestimmte Speisen ablehnt.
Man kann aber schon nicht mehr tolerieren, wenn dieser jemand sich dadurch überhöht und auf alle anderen herabblickt.
Denn spätestens da tut Wertung not - nur weil sich jemand 5x am Tag Irrationales einredet macht ihn das nicht zum besseren Menschen.
Genau dieser Relativismus, die Scheu davor, wertend Stellung zu beziehen, bringt die Probleme, vor denen Europa steht. Im Zeichen der Weltoffenheit und Toleranz können nämlich buchstäblich jedwede "Werte", seien sie auch rassistisch oder mit dem Rechtsstaat unvereinbar, plötzlich salonfähig werden.

Weltoffenheit?!

"Weltoffenheit" ist schon allein begrifflich ein hirnrissiges Konzept. Leider wird es von den meisten Menschen unreflektiert nachgeplappert und von den durchwegs linken Sozialwissenschaftlern offensiv propagiert.

Unsere demokratischen und rechtsstaatlichen Normen sind lediglich in einem kleinen der Welt verwirklicht - nämlich in europäischen oder europäisch-basierten Gesellschaften in Übersee. Das Gros der Menschheit lebt in sanften oder harten autokratischen Regimen oder in brutalen Diktaturen. Wir dürfen gegenüber der Welt nicht "offen" sein. Hier gilt im wahrsten Sinne des Wortes: Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht!

Sinnvoll dagegen wäre "Weltkenntnis". Man sollte schließlich auch über den eigenen Feind Bescheid wissen.

Niveau

In der Printausgabe der Presse sieht man über dem Kommentar von Frau Reiskopf eine Karrikatur von Österreich vorgestellt als Haiti und Dominikanische Republik.
Ich befürchte, mit "Wissenschaftern" die solche Texte wie Frau Reiskopf verfassen, ist der Weg auf das Niveau Haiti/Dominkanische Republik nicht weit.

Gast: Leser der Heiligen Schriften
17.02.2011 20:27
3 0

Noch so eine Expertin

"Es stört Sie, dass Menschen in Ihrer Umgebung einen anderen Kleidungsstil bevorzugen als Sie? Oder dass sie sich einer Religion zugehörig fühlen, von der Sie höchstens denken, sie zu kennen?"

Wenn in 57 Staaten dieser Welt die Zustände so sind, wie sie eben sind, und wenn die Organisation in diesen Staaten ziemlich genau dem entspricht, was in jenen heiligen Büchern steht, auf die sich diese Staatengemeinschaft beruft, und wenn zudem noch sämtliche namhaften Theologen in diesen Staaten der Meinung sind, dass die staatlichen Organisationen in eben jenen Staaten dem entsprechen, was die heiligen Bücher vorschreiben, dann will ich einfach nicht mehr lesen, was von unseren Damen und Herren Linksschreibern so aufgetischt wird.

Es ist ja auch bemerkenswert, dass Kommentare mit Quellverweisen zu hoch angesehenen Theologen und zu offiziellen Homepages von Religionsinstituten hier nicht erscheinen dürfen (Nein, nicht Wikipedia!).

Zum Thema Kleidung:
Dass es für Sie kein Problem darstellt, wenn Sie Menschen mit Bomberjacken, Schnürschuhen mit weißen Schuhbändern, Glatze und diversen Tätowierungen begegnen zeigt Ihre Weltoffenheit. Leider kann da nicht jeder mithalten.

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