25.05.2012 20:24 | Meine Presse Merkliste 0

„Komm her, ich erzähl dir jetzt eine Geschichte“

FOLKE TEGETTHOFF (Die Presse)

Gastkommentar. Ein Vorschlag, was wir unseren Kindern und Jugendlichen täglich sagen sollten: Lesen erfüllt eine tiefe Sehnsucht in uns.

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Armes Pisa: Dein Turm ist so schief, weil deine Basis ein Problem hat. Armes Österreich: Deine Bildungspolitik droht zu kippen, weil die Verantwortlichen (wir alle!) nicht kapieren, dass die Ursachen für das Problem Lesen an der Basis liegen.

Wir wissen seit Langem, dass Vorlesen und Erzählen ab dem zweiten Lebensjahr Wortschatz- und Grammatikbildung enorm beeinflussen. Neueste Studien haben bewiesen, dass Vorlesen weitaus wichtiger ist, als man bisher angenommen hat: Es fördert nicht nur die Sozialkompetenz des Kindes, sondern auch die Konzentrations-, die Zuhör- und die Wahrnehmungsfähigkeit. Also genau die Grundvoraussetzungen für sinnerfülltes Lesen, um einen Text wirklich verstehen zu können!

 

Die Macht des erzählten Wortes

Wir wissen weiters, dass Kinder, denen zwischen zwei und sechs Jahren viel vorgelesen wurde, in der Folge bessere und intensivere Leser werden! Vorlesen bedeutet nämlich primär Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken. Bedeutet das Gegenteil von „vor den Fernseher gesetzt werden“.

Seit dem Augenblick, als Menschen begannen, ihre Gedanken und Gefühle, ihre Ängste und Sehnsüchte in Worte zu kleiden, werden Geschichten erzählt. Sie werden erzählt, weil unsere Intuition uns sagt, dass dann das Gegenüber automatisch besser zuhört. Das praktiziert jeder Mensch, jeden Tag und immerzu. Und jeder Mensch weiß, wie hoch der Frustrationsgrad ist, wenn dem Erzählenden nicht zugehört wird.

Dieses Wissen um die Macht des erzählten Wortes sollten wir uns zunutze machen: wenn wir vorlesen, wenn wir erzählen. Damit schaffen wir in weiterer Folge erhöhte Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit – eben die Grundvoraussetzungen zum nächsten Schritt: dem Lesen!

Hinzu kommt noch, dass wir uns inmitten eines umfassenden Paradigmenwechsels im Bereich Lesen befinden. Wir werden in Zukunft zwei sich stark abgrenzende Begriffe von „Lesen“ haben: ein Arbeitslesen, das darauf abzielt, möglichst rasch, möglichst effizient Inhalte auf gedruckten bzw. elektronischen Seiten zu dechiffrieren; und die Fähigkeit, diesen Inhalt für die jeweilige, zweckgerichtete Nutzung abzuspeichern.

 

Lesen erzeugt Wellnessgefühl

Auf der anderen Seite das Genusslesen. Genusslesen, das, womit die jetzige Generation aller über 30-Jährigen, die noch mit dem Buch als etwas Hehrem, Wertvollem aufgewachsen sind, „Lesen“ assoziieren. Studien haben gezeigt, dass 75 Prozent aller befragten Erwachsenen angeben, nur noch im Urlaub zum (literarischen) Lesen zu kommen. Diese Form des Lesens wird zu einem exklusiven „Wellnessgefühl“, zu einem Luxusgut, mutieren.

Mit diesem Bewusstsein müssen wir Lesen auch bei unseren Kindern und Jugendlichen propagieren: Lesen erfüllt eine tiefe Sehnsucht in uns – nicht die nach einem literarischen Text (das ist nur das Transportmittel), sondern nach den berühmten drei Erfahrungen!

Wir müssen ihnen „verkaufen“, dass dies mit nichts anderem als mit einem Buch (egal, ob gedruckt oder elektronisch) erreicht werden kann. Nicht mit dem Fernseher, nicht bei einem Konzert, am nächsten kommt noch der Blick von der Spitze eines Berges...

 

Wie man Gefühle richtig kleidet

Wir müssen ihnen klarmachen, dass wir Wortschatz und Grammatik benötigen, um unsere Gefühle und Gedanken in Worte kleiden zu können. Denn nur dann werden wir auf einer emotionalen Ebene kommunizieren – ein Arbeitslesen kann dies nicht erreichen. Und dies alles beginnt mit einem Satz, der seit tausenden von Jahren Menschen prägt: „Komm her, ich erzähl dir eine Geschichte!“

Folke Tegetthoff (56), Autor von mehr als 30 Büchern, Geschichtenerzähler und Organisator des Erzählkunstfestivals „Fabelhaft! Niederösterreich“.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2011)

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