25.05.2012 18:40 | Meine Presse Merkliste 0

Schüssel-Ära: Geldsegen brachte keinen Kindersegen

CHRISTINA AUMAYR-HAJEK (Die Presse)

Unter Bundeskanzler Schüssel wurde Familienpolitik zur Scheckbuchpolitik. Folge: eine unverändert niedrige Geburtenrate.

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Der statistisch niedrige Kinderwunsch von Männern wurde zuletzt heftig thematisiert. Wolfgang Mazal, Leiter des Instituts für Familienforschung, gab dazu ein standard.at-Interview und „Die Presse am Sonntag“ titelte „Männer sind die neuen Frauen“.

Mazals Vorschlag nach mehr Familienzeit für Männer und mehr Erwerbsarbeit für Frauen erscheint sinnvoll. Zurückhaltend bleibt er hingegen beim Erwähnen seiner eigenen Rolle und Verantwortung als Architekt der heutigen Familienleistungen. Denn welches Erbe wurde uns durch die familienpolitische Ära von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Mazal, seinen damaligen Berater in Familienfragen, hinterlassen?

2002 wurde ein Systemwechsel vollzogen: von der Versicherungsleistung Karenzgeld für Arbeitnehmerinnen hin zur Transferleistung Kinderbetreuungsgeld für alle. Frauen sollten ihre Kinder bis zum Kindergarten zu Hause betreuen, und diese Leistung sollten finanziell belohnt werden. Die damalige Annahme: Geldsegen sorgt für Kindersegen.

Die Erfolgsbilanz des Kinderbetreuungsgeldes lässt bis heute auf sich warten. Wir haben mit 1,4Kindern pro Frau unverändert eine der niedrigsten Geburtenrate in Europa. Der Rechnungshof kritisiert die Unübersichtlichkeit der Familienleistungen, und die Teilzeitarbeit für Frauen wurde staatlich subventioniert.

 

Männliche Verweigerung

Die Kombination aus Kinderbetreuungsgeld, Zuverdienstgrenze und fehlenden Kinderbetreuungsplätzen hat ihre Spur gezogen: Unter den 30- bis 44-jährigen Frauen werken hierzulande 62 Prozent in Teilzeit. Das Problem an der Teilzeit? Sie schafft weder interessante Berufslaufbahnen noch finanzielles Auskommen. Braucht es ja auch nicht, dafür sind schließlich die Väter zuständig.

Das Ergebnis von Fokusgruppen mit Müttern von Kleinkindern zur Zufriedenheit mit den Familienleistungen ergab drei Jahre nach Einführung des Kinderbetreuungsgeldes den Wunsch: mehr Geld bei längerer Bezugsdauer, mehr Kinderbetreuungsplätze, engagierte Väter zu Hause bei gleichbleibendem Familieneinkommen.

Was noch fehlte, war, Schwangerschaft und Geburt an den Staat zu delegieren. Die Erwartungshaltung vieler Frauen ist eine hohe, viele Männer schrecken heute vor der Familiengründung zurück. Verständlich, warum soll Mann sich das antun?

 

Ein New Deal ist gefragt

Scheckbuchpolitik ersetzte unter Schüssel nicht nur Familienpolitik, sondern hat Eltern zu transferfixierten, sicherheitsverliebten und unzufriedenen Suderanten degradiert. Paare scheinen sich heute nur mehr für ein Kind zu entscheiden, wenn eine satte Geburtenprämie winkt und garantiert keine finanziellen Entbehrungen folgen. Die monetäre Familienpolitik, von Mazal damals mitgedacht, hat uns in die Sackgasse manövriert.

Konservative Denker täten gut daran zu realisieren: Geldsegen schafft keinen Kindersegen, und Politik hat nicht in die Privatsphäre einzugreifen. Wie Paare ihre Familienrollen definieren, haben diese selbst zu definieren. Mehr Realitätssinn wäre dabei hilfreich, die Transferpolitik seit 2002 hat diesen aber eher vernebelt.

Hinter dichtem Nebel verbergen sich auch die Leistungen der 2006 gegründeten Familie & Beruf Management GmbH (FBG). Mit der FBG sollte eine Koordinierungsstelle für Vereinbarkeitsmaßnahmen geschaffen werden. Tatsächlich handelt es sich wohl eher um ein Dasein in der Bedeutungslosigkeit. Positiver Nebeneffekt für Mazal: Mit der Familie&Beruf Management GmbH wurde dem Institut für Familienforschung als wissenschaftlicher Kooperationspartner eine stolze Basisfinanzierung in Millionenhöhe garantiert.

Christina Aumayr-Hajek ist zweifache Mutter und Unternehmerin. Die studierte Kommunikationswissenschaftlerin war 2005 Pressesprecherin im Sozialministerium.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2011)

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4 Kommentare

It's the economy stupid

Wenn die Zuversicht fehlt, dass über über hinreichend lange Zeiträume ausreichendes Einkommen erworben werden kann - dann gibt es keine Kinder - ganz klar.

Außerdem - 4 Millionen Ösis sind genug - es wird sich alles einpendeln...


Rinnhofer
28.07.2011 17:59
1 0

Wertefrage

Die Frage ist keineswegs eindimensional - pekuniär zu betrachten, sondern ein Werte-problem: In der Familie ist man exponierter, auf Minimalkonsens über Werte angewiesen, in der Arbeitswelt kann man tendenziell- bei allen Härten –auf Gesetze rekurrieren; daher "Flucht ins Erwerbsleben" in werteerodierter Gesellschaft,

Entscheidung zum Kind „bindet“ länger als früher, da Ausbildungswege lang geworden sind und die nächste Generation spät „auf eigenen Füßen“ steht. Gelungenes Familienleben ist gewiss befriedigendste Lebensform; sich zu ihr zu entschließen, ist mit irreversiblem Risiko verbunden.

Grundsätzlich solle „die Gesellschaft“ nicht für Folgen eigener freier Entscheidungen zu welchen Lebensformen auch immer haftbar gemacht werden –mögen diese auch gesellschaftlich wert voll sein. Zunächst ist muss auf persönliche Verantwortung zu verweisen.

Auch sollte sie sich nicht wegen der angeblichen „demographischen Katastrophe“ erpressen lassen: Länger arbeiten ist sicher geboten; Hinterfragen des „Umlagesystems“ auch. Doch: Es wurde durch längere Lebenserwartung eine ganze Generation gewonnen; immer nur in “Bevölkerungswachstums“ (Analog: Wirtschafts-...)-Kategorien zu denken ist längst obsolet staatlich besoldete Berufsmütter samt „Wurfprämien“ sind eine unwürdige Vorstellung.

Forderungen nach mehr Geld (auf Kosten ungefragter Dritter) sind unverschämt. Familienleistungen sind sehr großzügig. Mehr zu fordern, ständig über zu wenig Geld zu jammern ist unangebracht.

Gast: znefjo
28.07.2011 11:42
1 1

Wie sieht die Alternative aus?

Es ist leicht Rundumschläge zu erteilen, wenn man keine Alternative anbietet. Tatsache ist, das einzige Problem beim Kinderbetreuungsgeld ist die Zuverdienstgrenze. Diese gehört ersatzlos gestrichen, wenn man keinen politischen Zwang zum Zuhause bleiben haben will. Das Kinderbetreuungsgeld hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Armut von Familien geringer wird. Wahrscheilich will Frau Christina Aumayr-Hajek arme, im Sozialsystem dahergekrochene demütig gemachte Bettelerfamilien, die man dann aus den Sozialtöpfen speist und wieder von der Politik abhängig macht.

wmaurer
28.07.2011 09:48
1 0

der Schüssel wars-

dümmer gehts nimmer. Die "modernen Frauen" haben im Verein mit den dazupassenden Medien den "neuen Mann" in jahrelanger Arbeit nach ihrem Idealbild geformt. Nun ist dieser neue Mann zu nichts zu gebrauchen, nicht als Partner und schon gar nicht zum Kindermachen, nicht zum Windelwickeln auch nicht zum Stillen. Seine Fähigkeiten für die Aufgabe, in der Entwicklungsphase da zu sein, wo er mit seinen Anlagen bestgeeignet wäre, sind verkümmert und dann hat er sich oft längst frustriert vertschüsst. Liebe "neue Frauen" Euer Konstrukt funktioniert einfach so nicht. Denkt einmal nach, wie das war, als es noch funktionierte. Nur zu sagen "der Schüssel wars" ist zu billig.

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