Hasspredigten gegen den Islam und ihre Folgen für den Westen

Gastkommentar. In den krausen Horrorvisionen des Anders Behring Breivik meldet sich ein neuer christlich-konservativer Euroradikalismus zu Wort.

Der Terrorist von Oslo und Utøya, Anders Behring Breivik, hat ein 1518 Seiten umfassendes Kompendium seiner Ideen und Motive im Internet verbreitet. Von manchen wurde diese „European Declaration of Liberation“ als krauses Sammelsurium von realitätsfremden Hirngespinsten einer kranken Persönlichkeit abgetan, das die entsetzliche Massenmordtat eines Einzelgängers illustriert, vielleicht als anamnestisches Hilfsmittel einer psychiatrischen Beurteilung dienen wird.

In einem krassen Gegensatz dazu steht ein formelles Gerüst, das nicht wie sonst in geschlossenen Zirkeln üblich einfach plagiiert, sondern großen Wert auf das Einhalten von Zitierregeln legt, auch wenn die Quellen- und Literaturangaben unwissenschaftlicher Herkunft sind.

Schon aus seinen Online-Referenzen geht hervor, dass diese Bezüge und direkten Textbausteine zu allermeist von rechtsextremen Plattformen und Foren stammen. Diese sind schon seit Jahren zunehmend im Internet verbreitet und intendieren durch ihre (meist englischsprachige Abfassung) gesamtwestliche (vor allem europäische und nordamerikanische) Verbreitung. Breiviks Text (und wohl auch Tat) ist daher auch international (gesamteuropäisch nationalistisch) zu verstehen.

 

Ein Spinnennetz von Postings

Eine der wichtigsten Bezugsquellen ist die Website „Gates of Vienna“ eines Edward May, der sich auch nach der Fiktionsfigur „Baron Bodissey“ nennen lässt. Als solcher wird er auch als eine (angebliche) Kontaktperson von der FPÖ-Rednerin Elisabeth Sabaditsch-Wolff genannt. Diese wiederum betreibt eine eigene Homepage namens „Mission Europa. Netzwerk Karl Martell“, die versucht, eine paneuropäische Antwort auf die „Gefahr durch den Islam“ zu finden.

Sie befindet sich hier auch implizit im ideologischen Zentrum Breiviks und des bisher unbekannten Bloggers Fjordman. Vielfältige Querverweise verknüpfen dieses Spinnennetz von Internet-Postings mit der vielfältigen gesamteuropäischen und amerikanischen radikal-antiislamischen Szene und alten nationalistischen historischen Topoi, die im Einzelnen zu untersuchen sich lohnen würde.

Angemerkt sei hier ausdrücklich, dass sich sowohl „Fjordman“ als auch Sabaditsch-Wolff von dem als psychopathisch bezeichneten Attentäter energisch distanzieren. Die Letztgenannte sagt, sie lehne als eine „Frau des Wortes“ Gewalt kategorisch ab, gibt aber zu, von Breivik fälschlicherweise vereinnahmt worden zu sein.

Im Zentrum des Programms, das sich um Breivik kondensiert hat, steht ein Katastrophenszenario, das den baldigen Untergang der „christlich-europäischen Kultur“ durch die Unterwanderung durch den Islam imaginiert, wenn nicht neue „Tempelritter“, wie Breivik einer sein will, aufstehen und die Gefahr aus dem Osten und Süden radikal bekämpfen. Nicht nur islamistische Terroranschläge und internationale politische und finanzielle Kräfte, sondern auch im Inneren sind die Feinde Europas und dessen christlicher Kultur, wie er betont, schon tätig. Das sind die Humanisten, kapitalistischen Globalisten, Fremden- und Zuwanderungsfreunde, Feministen, Homosexuelle, Umweltaktivisten und vor allem deren gefährlichsten politischen Verfechter – die „kulturell-marxistische/multikulturelle intellektuelle Elite“.

In diesem Sinne nennt er ganz besonders die Sozialdemokraten und die Grünen, aber auch christlich-konservative Parteien, die ihr ursprüngliches Anliegen aufgegeben oder verwässert hätten.

 

An den „Gates of Vienna“

Anders als hartgesottene Neonazis distanziert sich Breivik vielfach klar vom Nationalsozialismus und vom Holocaust. Er will dagegen eine breite antiislamische Koalition von den christlichen Religionen über die Juden und Israel bis zu den Hindus. Warnend listet er eine Reihe von Genoziden auf, die nun durch den Islam in Europa fortgeführt würde.

Als Vorbild einer jahrhundertelang erfolgreichen Abwehr der islamischen Gefahr sehen Breivik und seinesgleichen die Niederlage der Türken vor den „Gates of Vienna“. Über viele Seiten beschäftigen sich diese Autoren mit einer Nacherzählung der Geschichte von 1683, der „Türkenbefreiung“ aus einer „vorgestrigen“ historischen Sicht.

Die „Türkengefahr“ sei in neuem Gewande aufgetaucht, als Jihad, islamistischer Terror und islamische demografische Unterwanderung. Aus einem blutigen dreiphasigen europäischen Bürgerkrieg würden schließlich 2083 die antiislamischen Kräfte Europas als Sieger hervorgehen.

Ein derartiger Antiislamismus hat nichts mit Skepsis gegenüber der Ganzkörperverschleierung, einem EU-Beitritt der Türkei, einer unkontrollierten Zuwanderung zu tun. Er hat allerdings sehr viel gemein mit den antitürkischen Karikaturen der FPÖ und Straches geradezu zu Gewalt auffordernden Propagandaslogans gegen türkische Kinder im Wiener Gemeinderatswahlkampf von 2005. In Wien fällt dergleichen jedoch aufgrund der immer noch nachlebenden „kollektiven Erinnerung“ an die Türkenbelagerung von 1683 auf fruchtbaren Boden.

 

Rechtsradikalismus, neu gestrickt

Die krausen Ideen Breiviks gehen also nicht nur Norwegen, sondern auch Österreich und ganz Europa etwas an – nicht als „klassischer“ alter Neonazismus, von dem ihn die Zurückweisung antijüdischer Einstellungen und Politiken trennt, dessen formellen Denkstrukturen jedoch wiederum annähert; anstelle der Juden und des slawischen Ostens sind nur der Islam und die arabischen Länder getreten. Der deutsche (dann ins Kontinentaleuropäische sich ausweitende) Radikalnationalismus ist durch ein gesamteuropäisches Versatzstück ausgetauscht.

Die EU soll ebenso wie der Kulturmarxismus und der Islam zerstört werden. Zu denken allerdings geben sollte, dass sich in Breiviks Tat und Programm ein neuer christlich-konservativ gestrickter Rechtsradikalismus zu Wort gemeldet hat, der nicht isoliert als Tat eines Einzelnen und/oder Geisteskranken gesehen werden soll.

 

Klima der Verteufelung

Er findet direkte Unterstützung auf der internationalen Ebene der virtuellen radikal antiislamischen Fremdenfeindlichkeit und einen gewissen nationalen – meist – indirekten Rückhalt bei einer Reihe von europäischen rechtspopulistischen und Rechtsparteien: von der norwegischen Fortschrittspartei und den Schwedendemokraten über die Schweizerische Volkspartei, die Front National oder den Vlaams Belang bis zur FPÖ, selbst zum BZÖ, die Breivik alle als geistesverwandt genannt hat.

Man sage nicht, dass die Worte noch nicht töten können. Sie können es sehr wohl, indem sie Feindbilder verfestigen und ein Klima der Verteufelung schaffen, das dann die Voraussetzung für Mordtaten psychisch labiler Fanatiker schafft, wie es in der Ersten Republik Österreich mehrfach der Fall war und wie es auch in der Anerkennung der Gefährlichkeit islamistischer Hassprediger gesehen wird. Auch antiislamistische Hassprediger sind gefährlich.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)

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