Die Auferstehung von Karl May im arabischen Frühling

INGRID THURNER (Die Presse)

Immer dort, wo es ein Machtvakuum zu besetzen gilt wie jetzt in Libyen, tauchen plötzlich wieder die Stämme auf.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Plötzlich taucht ein Begriff wieder auf, der eher in Vergessenheit geraten schien: Stämme. Es geht dabei um islamische Länder: Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia, Sudan, Libyen. Es sind Länder, in denen staatliche Strukturen bereits im Zerfallen sind oder zumindest in Gefahr, in denen Präsidenten und deren Getreue im Wesentlichen noch die Hauptstädte und das Umland kontrollieren.

Dieses neue Stammesdenken erinnert an die alte Ethnologie – jene Wissenschaft, die zunächst Völkerkunde genannt wurde und die sich die außereuropäische Welt handlich in Stämme oder Ethnien einteilte. Diese wurden dann auf Landkarten an Flüssen und Nebenflüssen eingezeichnet. Aber dass die Flüsse in Staatsgebilden lagen und dass die an ihnen lebenden Menschen kolonialen und politischen Einflüssen ausgesetzt waren, wurde lange Zeit ignoriert.

Afrikanische Intellektuelle hatten mit dieser Einteilung gar keine Freude. Sie wussten, dass sie zu simpel ist und sozialen Realitäten nicht gerecht wird. Sie lehnten den Biologismus solcher Konstruktionen ab und warfen der Ethnologie Tribalismus vor, den es zu überwinden gelte. Denn Menschen leben nicht isoliert nebeneinander, sondern sie teilen Lebensräume und Ressourcen, gehen Symbiosen, Allianzen, Konflikte und Heiraten ein.

 

„Stammeskrieg in Europa“

Als der Zerfallsprozess in Jugoslawien begann, gaben sich afrikanische Medien einer kleinen Schadenfreude hin und übertitelten Analysen gern mit den Worten: „Stammeskrieg in Europa“. Aber der Balkan liegt uns näher als Afghanistan oder Libyen, und daher wissen wir, dass die Sozialgefüge komplexer sind, dass neben ethnischen auch religiöse, politische, ökonomische und verwandtschaftliche Interessen ins Gewicht fallen. Und jetzt tauchen plötzlich wieder Stämme auf, immer dort, wo es ein Machtvakuum zu besetzen gilt, zuletzt in Libyen.

 

Stereotype Konstrukte

Niemand kann derzeit sagen, entlang welcher Bruchlinien Interessenkonflikte angesiedelt sind und Verteilungskämpfe drohen. Daher werden Stämme ausgepackt. Die werden stereotyp gedacht als monolithische Blöcke, hierarchisch organisiert, fortschrittsresistent, waffenstrotzend, frauenfeindlich – als wären sie von Karl May erfunden. Solche stereotypen Konstrukte erinnern fatal an jene der alten Völkerkunde. Will man damit wieder einmal ein Überlegenheitsgefühl zum Ausdruck bringen?

Gesellschaften im 21. Jahrhundert sind komplexe Gebilde, die sich nicht einfach entlang von ethnischen Zugehörigkeiten definieren lassen. Selbst wenn es Gruppen gibt, die sich selbst als Stämme beschreiben, sind da auch noch die religiösen Kräfte, Bruderschaften, die Säkularen ebenso wie die Islamisten, die links Orientierten, die neoliberal Denkenden, familiäre und verwandtschaftliche Bande, individuelle Wünsche, Gegensätze zwischen Alt und Jung, zwischen Stadt und Land.

Den Libyern ist es gelungen, im Kampf gegen ihren Diktator Partikularinteressen hintanzustellen. Das werden sie auch versuchen, wenn sie ihren neuen Staat aufbauen. Dabei muss man sie unterstützen. Aber es nützt ihnen gar nichts, wenn pessimistisch Kräfte heraufbeschworen werden, die jede Entwicklung angeblich behindern.

Ingrid Thurner ist Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und Mitglied der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

10 Kommentare
0 0

Einfach Thurner-einfach dämlich

Da hilft auch eine Uni-Berufung nicht.

Gast: Niederösterreicher
07.09.2011 16:05
0 0

Welche "Wissenschaftlerin" verleugnet einfach Fakten?

Libyen mußte sich in den rd. 40 Jahren seit dem Sturz von König Idris durch Gaddafi vom Mittelalter in die Neuzeit entwickeln. Das geht halt nicht so schnell. Uralte Strukturen wie Berberstämme mit ihrer Selbstverwaltung in den Dörfern, aber auch die Religion (vermutlich zu Frau Thurners Entsetzen) erhalten sich. Dazu eine forcierte Bildungsreform mit den Öl.Milliarden... Wenn wunderts, wenn die großteils akademisch gebildete Jugend sich da nicht orientieren kann und revoltiert?

Mit Thurners Thesen ist jedenfalls niemandem geholfen, weder den alten noch den neuen Eliten!

Widersprüche

Das alles wäre zu bedenken?

"familiäre und verwandtschaftliche Bande" - zeichnen ja Stämme gerade aus

"...die links Orientierten, die neoliberal Denkenden..." - europäische Zuschreibungen, die für Afrikaner irrelevant sind

"... die Säkularen ebenso wie die Islamisten..." - im Islam gibt es keine "Säkularen", höchstens Gemäßigte, die zB. statt Burka nur auf Kopftuch bestehen oder in Touristenzentren heimlich einen heben

..." Gegensätze zwischen Alt und Jung..."
kann es auch in einer Familie geben - ist diese deshalb keine?

Antworten Gast: schlÄchter
07.09.2011 17:20
0 0

Re: Widersprüche

sg arethas!

+
so ist es.

bezeichnend auch, dass sie den jugoslawienkonflikt als stammeskrieg -wie von den afrikanischen intellektuellen bezeichnet - wahrnimmt. gerade der bosnienkrieg war ja ein konfessionskrieg zum,al kroaten, serben und bosniaken sich weder in sprache noch abstammung unterscheiden sondern lediglich in ihrer religiösen/konfessionellen zugehörigkeit: katholisch-orthodox-moslemisch. aber das zählt nicht im kulturrelatibvistischen weltbild sondern nur klassenunteschied/wirtschaftliche ungleichheit-heilbar durch die leghren ausschließlich des "propheten" karl marx und nicht karl mays.

frau prof thurner schreibt sich die gegebenheiten gemäß ihres weltbildes zurecht und da haben archaische unterscheidungen wie stammes-oder clanzugehörigkleit keinen wert.

mfg
s.

Gast: mens sana
07.09.2011 11:43
4 0

Kleine Frage am Rand

Lie Frau Thurner,

wie gut kennen Sie Arabien eigentlich?


1 0

Präambel der Weimarer Verfassung

"Das Deutsche Volk, einig in seinen Stämmen [...]"
Ein echt stereotypes Konstrukt, diese Weimarer Republik...

2 0

Die Stämme tauchen nicht auf

Und wieder ein Kleinod der politisch korrekten Realitätsverweigerung. Nur: die Stämme tauchen nicht einfach auf, sie waren schon die ganze Zeit da und haben eine wesentlich größere Rolle gespielt als sich die zentralstaatsfixierten Medien eingestehen wollten.
Offensichtlich darf man Gesellschaften nur noch als homogenen Einheitsbrei unter staatlicher Leitung darstellen - sonst haben wohl Politker und ihre Apologeten keine Existenzberechtigung.

Gast: schlÄchter
07.09.2011 09:19
2 0

sg frau dr. thurner!

und bei ihnen ist wiedereinmal karl marx auferstanden.

irgendwann werden sie es vuielleicht merkebn, dass auch mit bildung (verstand), wirtschaftl. umverteilung (körperl. wohlbefinden) andere bindungen wie tradition/sprache/religion/familie-clan-stamm dennoch bestehen bleiben bzw ein grundbedürfdnis von uns menschen ist.
sie können solche "kulturelölen" bindungen nicht "abkaufen" oder mitteles bildung (welcher) relativieren.

grußlos
s.

Demokratie und Ethnie

Die Bekämpfung des Tribalismus durch afrikanische Eliten war immer nur halbherzig um nicht zu sagen, heuchlerisch. Klar wollten die afrikanischen Eliten koloniale Machtstrukturen in ihre neuen Staaten hinüberretten. Immerhin hatten sie jahrzehntelang gesehen, wie glamourös die europäischen Kolonialbeamten in diesen Machtstrukturen leben konnten und sie wollten diese Schicht und ihren Lebensstil beerben. Demokratische Stammesstrukturen waren aber den künstlichen Staatsgebilden des Kontinents immer feindlich. Immer wenn durch Krisen bedingt, der Druck der ausbeuterischen Zentrale wegfiel, organisierten sich die Menschen demokratisch, und das heißt, tribal. Aber die neugebackene Elite wollte ja den Kolonialismus nicht zerstören sondern beerben. Darum war sie dem Tribalismus feindlich. Wenn es aber um die Besetzung der wichtigsten Pfründe in der Exkolonie ging, dann dachte dieselbe formal antitribale Elite, immer tribal, das heißt, die lukrativsten Posten waren der eigenen Großfamilie oder zumindest dem eigenen Stamm vorbehalten. Im übrigen, als Abschlußbemerkung, versuchen sie mal, als Nichttiroler, sich für einen höheren Posten in der Tiroler Landesverwaltung zu bewerben.

Antworten Gast: schlÄchter
07.09.2011 09:53
2 0

Re: Demokratie und Ethnie

sg ugacaka!
völlig richtig - sehr guter beitrag. ich erlaube mir folgenden zusatz:
nichtumsonst hat die OAU die beibehaltung der kolonialen grenzen beschlossen, die bekanntlich nicht/sehr selten nach ethnischen prinzipien von den kolonialmächten gezogen worden sind. die eliten- wie von ihnen sehr schön beschrieben- betreiben ein e doppelstrategie: stützen sich innenpolitisch auf ihren stamm (zb ibo) und parallel dazu innen- und außenpolirtisch auf ein nationalbewußtsein (nigeria) um so an der macht zu bleiben.

die familien-clan und stammeszugehörigkeit spielt in den afrikanischen gesellschaften eben eine große rolle - gerde wenn in einem artifiziellen staat verscheidene solcher stämme zusammengefasst sind, werden
politische parteien, gewerkschaften usw. meist nach diesen tribalen gesichtspunkten organisisert. das gilt aber auch außerhalb afrikas, gerade auch in china-wo aufgrund der konfuzianischen philosophie und alter ahneneverehrung - die gentry-die clan-und familienzusammengehörigkeit die größten loyalitätsbande ausformt.
ebenso natürlich-wenn auch in abgeschwächter form-hier bei uns.

der mernsch hat eben auch ein bedürfdnis sich über abstammung-familie-ethnie/sprache - gem. tradition zu definieren.

mfg
s.


Top-News

AnmeldenAnmelden