25.05.2012 18:49 | Meine Presse Merkliste 0

Mit breiter Ethikdebatte heraus aus dem Korruptionssumpf

ANTON A. BUCHER (Die Presse)

Angesichts der aktuellen Ereignisse wäre an den Schulen ein Fach „Ethik und Religionskunde“ für alle dringender denn je.

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Einige zehntausend Euro für einen lokalen Fußballverein, noch mehr für genüssliche Jagd, gesponsert von Unternehmen an Politiker, die daraufhin Gesetze in die gewünschte Richtung steuern. Involviert sind alle Parteien. Kein Wunder, dass viele Mitbürger, die von solchen Beträgen normalerweise nur träumen, von Politik noch mehr enttäuscht sind.

Aber was tun? Der Leiter der Antikorruptionsakademie, Martin Kreutner, argumentiert in die richtige Richtung: Eine breite Ethikdebatte muss geführt werden.

 

Wo lernt man das „gute Leben“?

Sofort schließt sich die Frage an: Wo lernt unsere nachwachsende Generation Ethik – das „gute Leben“, wozu Wahrhaftigkeit und Unbestechlichkeit unverzichtbar gehören? Wohl nur bedingt beim Betrachten des öffentlichen Lebens. Am nachhaltigsten gewiss in der Primärsozialisation, von Müttern und Vätern, welche ihrem Nachwuchs aber nur zu oft zu erkennen geben müssen, wie korrupt Politik geworden ist.

Prädestiniert ist jedoch die Schule – und in dieser das Fach Ethik. Mit dem Beginn dieses Schuljahres ging in unserer Republik ein Schulversuch ins vierzehnte Jahr, der in allen anderen EU-Staaten längst im Regelschulwesen implementiert ist: Ethik.

Im Auftrag der früheren Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer evaluierte der Verfasser dieser Zeilen bereits im Jahre 2000 die damals noch jungen Ethikschulversuche (mittlerweile sind es bereits um die 200 geworden).

 

Vertane Chance

Dabei trat zutage: Ethikschüler mögen mehrheitlich dieses Fach, sie registrieren Lerngewinne, die nützlich für ihr (Zusammen-)Leben sind, sie neigen weniger zu ausländerfeindlichen Stereotypen, halten mehr auf Prinzipien wie Toleranz und Wahrhaftigkeit.

Moralpsychologisch ist erwiesen: Im Jugendalter kann Erziehung ethische Einstellungen noch in wünschenswerte Richtungen beeinflussen. Aber gerade diese Chance wird für so viele junge ÖsterreicherInnen vertan, weil sie im Café sitzen können, während – mittelfristig immer weniger – Mitschüler in Religion gehen.

 

Die kostengünstigste Lösung

Im Mai 2011 fand eine parlamentarische Enquete zum Ethikunterricht statt. Durchgehender Konsens bei dieser Veranstaltung: Ethische Bildung ist wichtig, sagt inzwischen auch die katholische Kirche, die Ethikunterricht gebremst hatte und offiziell (Presseerklärung der Bischofskonferenz im Jahre 2009) erst für ihn eintrat, als sich gewichtige Stimmen (auch Bundesministerin Schmied) für Ethik als Pflichtfach für alle SchülerInnen starkmachten.

Ohnehin – ein Fach „Ethik und Religionskunde“ für alle, bestenfalls verantwortet vom Staat und den Religionsgemeinschaften, wäre die bildungsmäßig angemessenste Lösung: die eigene Tradition in der Begegnung mit anderen tiefer kennenlernen, Orientierung an einem die Religionen verbindenden Weltethos (H. Küng). Und die kostengünstigste dazu, weil in vielen Schulklassen nicht mehrere Lehrer (Religionen, Ethik) zu besolden wären.

 

Woran es sich spießt...

Woran es sich spießt, dass wieder nichts weitergeht: am Geld! Davon abgesehen, dass die angedachte Lösung, selbst in der Innerschweiz längst realisiert, günstiger ist – Korruption kostet. Viel! Was sich mit mehr Unbestechlichkeit einsparen ließe, könnte flächendeckenden Ethikunterricht finanziell mitermöglichen.

Dr. Anton A. Bucher (*21.9.1960 in Altbüron, Schweiz), ist Erziehungswissenschaftler und Religionspädagoge und Buchautor. Er lehrt Praktische Theologie an der Universität Salzburg. Evaluator der Ethikschulversuche,


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2011)

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6 Kommentare
teifl eini
23.09.2011 17:37
1 0

ethikunterricht in der schule ist jedenfalls besser als garnichts

noch wirkungsvoller wäre jedoch eine gnadenlose vorgehensweise der justiz! wenn diese korrupten elemente (endlich) einmal für ein paar jährchen hinter gitter müssten, dann hätte das eine 100x bessere signal wirkung als jede ethik-lehrstunde, jede corporate-governance-regel oder jede ethik-kommission.

was derzeit fehlt, ist das zur verantwortung ziehen der schuldigen. die bankenkrise ist dafür das beste beispiel: zwei jahre später genehmigen sich die herren wieder höchste boni und betteln auf der anderen seite um erneute staatshilfen ...

Murray
23.09.2011 12:39
2 0

Und wofür?

Die einen betrügen, die anderen müssen sich deswegen Ethikvorträge anhören. Als ob irgendeiner von den Tätern der Meinung gewesen wäre, die Handlungen seien moralisch vertretbar gewesen.
Mit Ethik ist es wie mit Seife: sie reinigt nur dann, wenn man sie auch verwendet.

Gast: DonCarlos
23.09.2011 08:58
3 0

Küng!

Wer mit Küng argumentiert ist auf dem Holzweg. Die 68er sind vorbei. Wenn einem gar nichts mehr Originelles einfällt, muss Hans Küng her. Leider ist da niemand, der ihn vor sich selbst schützt. Darum darf Küng immer wieder vorführen, was es heißt, erschreckend hinter den eigenen Fähigkeiten zurückzubleiben und sich dabei selbst für unfehlbar zu halten.


Gast: Dr. Ortner
23.09.2011 08:54
0 0

S.g. Dr. Bucher

Da hätte ich aber eine Frage: Wie soll Religion in einem mit Ethik gemischten Fach umfassend gelehrt werden? Natürlich, wenn man das auf jenem Niveau tut, auf welchem die heutige Religionspädagogik und Theologie praktiziert werden, funktioniert das (Desinteresse der Schüler für Religionen inklusive). Es wäre mir auch nicht bekannt, dass die Schüler in den anderen von Ihnen genannten EU-Staaten sich zu gesellschaftlichen Vorbildern entwickelt hätten seit Einführung des Ethikunterrichts.

vondelpark
22.09.2011 22:35
0 0

Nein

Bitte keine Religionslehrer als Ethiklehrer - nicht bevor sie eine philosophische Ausbildung machen! Ethik ist schließlich keine Disziplin der Theologie, sondern der Philosophie, auch wenn es dem Machtstreben der institutionellen Religion ähnlich sieht, dies zu verdecken...

Antworten Gast: Rapunzel
23.09.2011 08:25
0 0

Re: Nein

und bitte keine Religionslehrer im Religionsunterricht mehr. Sie nämlich nicht wovon sie sprechen.

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