25.05.2012 18:52 | Meine Presse Merkliste 0

Sind die Erwerbslosen alle einfach nur faul?

KERSTIN KELLERMANN (Die Presse)

Keine Pension für „Handaufhalter“: Sollen die Arbeitslosen künftig mit Ausschluss aus der Gesellschaft bestraft werden?

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Die Neuigkeit, dass ab 2013 die Arbeitslosenzeiten nicht mehr für die Pension angerechnet werden sollen, hat keine großen Wellen in der Öffentlichkeit geschlagen. Vizekanzler Michael Spindelegger befleißigte sich selbst eines zweifelnden Untertons, als er in der ORF-„Pressestunde“ verkündete, dass diese „Ausschusszeiten“ in Zukunft nicht mehr für die Pension zählen werden. Sozialminister Rudolf Hundstorfer hätte dies vorgeschlagen.

Eine interessante Neuigkeit, denn: Sollen die Pensionsantrittszahlen nun auf diese Weise gedrückt werden? Soll die hohe Zahl der Früh- oder Invaliditätspensionisten reduziert werden? Die Statistik geschönt? Und wie ändern sich die finanziellen Zusammenhänge?

 

Immer mehr Gerichtsprozesse

Ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung tritt vom Arbeitsmarktservice aus in die Pension über, das AMS unterstützt natürlich, wenn das möglichst früh geschieht. Aber viele haben schon jetzt zu wenig Anrechnungszeiten (Bundeskanzler Schüssel änderte den Anspruch fundamental), um überhaupt nur die Mindestpension zu rekurrieren.

Es gibt vermehrt Gerichtsprozesse, um einen Pensionsanspruch durchzusetzen. Denn die Lebensarbeitszeiten haben sich geändert – großteils nur bei Telekom, Post oder den ÖBB sind noch Angestellte vorhanden, die bereits ab dem 15.Lebensjahr durchgehend gearbeitet haben.

 

In der sozialen Hängematte

Seit Jörg Haiders Sager von der „Gemeinschaft der Fleißigen und Tüchtigen“ gab es wenig menschenverachtendere Aussagen als die unseres Vizekanzlers, der anscheinend annimmt, dass Erwerbslose faule Menschen seien – gewillt, „die Leistungsträger“ auszubeuten und gemütlich von der „sozialen Hängematte“ aus von niedrigen Löhnen und fleißiger Steuerzahlerei zu profitieren. Dabei werden Arbeitslose in Wirklichkeit doppelt und dreifach bestraft: Nicht nur, dass sie mit wenig Geld von der Gesellschaft ausgeschlossen sind, nein – während andere sich über die Erschöpfungsgrenze hinaus deppathackeln dürfen, die Wichtigkeit der eigenen Person mit Arbeitssucht und Unentbehrlichkeitswahn unterstreichen, dürfen Arbeitslose den Sinn des Lebens in ihrem kargen Selbst finden.

 

Fehlgeleiteter Schutzinstinkt

Dabei will jeder Mensch als Teil der Gesellschaft etwas Sinnvolles beitragen und leidet darunter, wenn er oder sie zu Hause sitzen muss. Finanzministerin Maria Fekter wollte in ihrem fehlgeleiteten Schutzinstinkt „die Reichen“ vor diesen anspruchsvollen Armen verteidigen.

Was der Vizekanzler zu erwähnen vergaß, ist, dass endlich offengelegt werden sollte, welche Unternehmen es eigentlich sind, die diese hohen Zahlen an Früh- und Invaliditätspensionen produzieren, und welche Arbeitsumstände womöglich die Ursache sind. Die Beamtenministerin sollte sich einmal genauer anschauen, an welchen Krankheiten (Krebs!) ab welchem Alter (40!) gewisse Beamten, die wie Ausschussware behandelt wurden, eigentlich leiden.

 

Riskante Abdrängung

Die AUVA sollte endlich ihre uralte Liste mit Berufskrankheiten zumindest um die Folgen von Callcenter-Arbeit erweitern, die zu Bergwerken unserer Zeit geworden sind. Auch wenn nun Unternehmen Prämien für ältere Dienstnehmer erhalten sollen, ist es gesellschaftspolitisch riskant, wie viele ältere Menschen derzeit in die Mindestsicherung abgedrängt werden – in ein System, das unter einer anderen Regierung leichter als gesetzliche Ansprüche auf Arbeitslosengeld und Pension abgeändert werden kann.

Kerstin Kellermann ist freie Journalistin. Für die Obdachlosenzeitung „Augustin“ arbeitet sie als Reporterin.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2011)

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3 Kommentare
Gast: Sylvia Kreye
17.10.2011 17:04
0 0

Kommentar zum Artikel "Sind die Erwerbslosen alle einfach nur faul?", DIE PRESSE, Print-Ausgabe vom 14.10.2011

Sehr geehrte Frau Kellermann,
Sehr geehrtes PRESSE-Redaktionsteam,

ich möchte Ihnen, vor allem Frau Kerstin Kellermann, auf diesem Wege gratulieren zu diesem gelungenen Artikel, mit dem Sie voll ins Schwarze getroffen und mir aus der Seele gesprochen haben!

Wie Sie völlig zu Recht schreiben, werden immer mehr „ältere“ Menschen in die Mindestsicherung (oder Notstandshilfe) abgedrängt! Dies gilt offensichtlich für alle Branchen. Mit über 40 gehört man schon zum „alten Eisen“! Sofern man nicht schon durch die Belastungen im Job krank geworden ist (Burn-out, Rückenleiden, Herzinfarkt, Krebs – um nur einige zu nennen), wird man spätestens mit Anfang bis Mitte 50 aus den Betrieben herausgemobbt oder aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen gekündigt! Es gibt offensichtlich nur wenige Unternehmen, die diesbezüglich eine rühmliche Ausnahme bilden!

Doch damit nicht genug – es soll ja noch schlimmer kommen: keine Anrechnung von Arbeitslosigkeit und Krankenständen auf Pensionszeiten, Zwangsrehabilitation für Arbeitsunfähige (statt Frühpension), Zwangsarbeitsprogramme für Arbeitslose (statt seriöser Maßnahmen zur Existenzsicherung)!

Angesichts der oben genannten Zustände obendrein noch von einer Anhebung des Pensionsalters (in Österreich gnädigerweise auf „nur“ 60 Jahre, in Deutschland sogar auf 67 Jahre!) und anderen "Maßnahmen" zu reden, zeugt von blankem Zynismus und Menschenverachtung!

Gut, dass sich nun endlich Widerstand regt und wir angefangen haben, uns zu wehren!


Gast: Prometheus 141
14.10.2011 03:49
0 1

Sind die Erwerbslosen alle einfach nur faul?

wir können die nachteile aufzählen, die arbeitslose erfahren, wir können die vorteile nennen, wie mindestsicherung, hunger auf kultur, möglichkeiten in sozialmärkten einzukaufen, in sozialküchen zu essen usw. wir können sehen, dass regierungen keinen wirklichen einfluss haben, sondern die lobbyverbände, so wie das jüngst noch horst seehofer in bayern bekannte. und was wollen diese lobbyverbände? das was sie innerhalb des zinseszinssystem müssen, den gewinn steigern damit sie am markt bleiben. so wird zuviel produziert, ressourcen werden verschleudert und wir bewegen uns auf ein Ende des Geldes zu, dazu Franz Hörmann: http://www.youtube.com/watch?v=a4p4pA8ivZo Aus jedem einen Gewinner machen, erst das ermöglicht den Dialog auf Augenhöhe

1 0

Re: Sind die Erwerbslosen alle einfach nur faul?

Ich finde es reichlich zynisch,was Sie als vermeintliche "Vorteile" der Arbeitslosigkeit aufzählen.Der einzige eventuelle Vorteil besteht in mehr Zeit,und das ist für viele Menschen ein Nachteil.
Wie und was man dabei gewinnen soll,ist mir rätselhaft,was das reale regieren durch Lobbyisten betrifft,gebe ich Ihnen Recht.

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