Jede Äußerung eines Ökonomen wird von den öffentlichen Kommentatoren sofort in ein ideologisches Raster gezwängt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Berichterstattung über die Vergabe des diesjährigen Nobelpreises an die beiden US-Ökonomen Thomas Sargent und Christopher Sims.
Das „Handelsblatt“ spricht vom „Ritterschlag für die Theoretiker des freien Marktes“ und „Die Presse“ (11.10.) meint, das Nobelpreis-Komitee habe in ein „ideologisches Wespennest“ gestochen. Sie zitiert dabei die Aussagen von Karl Aiginger, dem Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo), der über die Vergabe der Preise „schwer enttäuscht“ ist, während Forscher des Instituts für Höhere Studien (IHS) „begeistert“ seien.
Die ideologische Debatte entzündet sich meist an der Frage nach der Notwendigkeit staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft. So hat laut Aiginger „die Krise gezeigt, wie wichtig der regulierende Eingriff des Staates ist“, während die Preisträger, so wird suggeriert, dagegen wären. Solche Äußerungen sind irreführend in dreierlei Hinsicht. Erstens verkennen sie völlig, wofür der Preis vergeben wurde, nämlich für Verbesserungen der methodologischen Grundlagen der empirischen Wirtschaftsforschung, nicht für spezifische Modellinhalte.
Verzerrtes Bild der Debatte
Zweitens geben sie ein verzerrtes Bild ab vom Gegenstand der Debatten zwischen den verschiedenen ökonomischen Richtungen. Kein Ökonom bezweifelt, dass staatliche Regulierungen in vielen Bereichen notwendig sind. Dass der Finanzsektor überzogene Risken eingegangen ist, was zur Finanzkrise nach der Lehman-Pleite führte, liegt an mangelnder oder falscher staatlicher Regulierung.
Der Streitpunkt (zu dem auch die Preisträger Stellung bezogen haben) betrifft dagegen typischerweise die Wirksamkeit staatlicher Konjunkturprogramme. Die Konjunkturprogramme der Obama-Regierung kosten den Steuerzahler hunderte Milliarden Dollar. War das Geld zur Vermeidung einer noch tieferen Rezession gut angelegt? Oder sind die Folgewirkungen der Staatsverschuldung schlimmer als die Rezession?
Drittens geben solche Äußerungen eine völlig verkürzte Darstellung der wissenschaftlichen Auffassungen der Preisträger. Ein beliebtes Angriffsziel der Kommentatoren ist dabei die Annahme der „rationalen Erwartungen“, die als symptomatisch betrachtet wird für alles, was in der modernen Makroökonomie nicht funktioniert.
Tatsächlich war Tom Sargent, neben dem früheren Nobelpreisträger Robert Lucas, maßgeblich beteiligt an der Etablierung der rationalen Erwartungen als Standardannahme in der ökonomischen Theorie. Vorher wurde typischerweise angenommen, dass wirtschaftliche Akteure (Haushalte und Unternehmen) ihre Erwartungen nach festen mechanischen Regeln bilden. Der Staat, der das weiß, kann dieses Verhalten dann ausnutzen – zum Beispiel in der Geldpolitik.
Unter rationalen Erwartungen folgen die Akteure keinen mechanischen Regeln. Aber sie verstehen, dass sie bei höherer Staatsverschuldung irgendwann einmal zur Kasse gebeten werden. Und sie verstehen, dass höhere Inflation droht, wenn die Notenbank zu viele Staatspapiere aufkauft. Die wichtigste Konsequenz rationaler Erwartungen ist, dass die staatliche Wirtschaftspolitik nicht auf der dauerhaften, systematischen Täuschung der Bürger beruhen kann.
Natürlich sind rationale Erwartungen eine extreme Annahme. Aber gerade die beiden Preisträger haben wichtige Beiträge zu einer realistischeren Modifikation dieser Annahme geleistet. (Siehe dazu auch die Aussage des Nobelpreis-Komitees: „In fact, the defining characteristic of Sargents overall approach is not an insistence on rational expectations, but rather the essential idea that expectations are formed actively, under either full or bounded rationality.“)
Kritik an extremen Annahmen
Sargent ist ein Pionier in der Modellierung des Lernens ökonomischer Agenten. Wie passen Haushalte, Unternehmen, Zentralbanken ihre Erwartungen an, wenn sie mit neuen Informationen konfrontiert werden? Chris Sims' aktuelle Forschung zur rationalen Unaufmerksamkeit behandelt, wie Menschen sich in einem Umfeld verhalten können, das mehr Informationen bietet, als sie noch verarbeiten können.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Sargent und Sims in vielen ihrer theoretischen Arbeiten die extremen Annahmen wie perfekte Informationen, rationale Erwartungen oder die unbegrenzte Fähigkeit, Entscheidungen durchzudenken, kritisieren und alternative Annahmen analysieren. Aber kommen wir noch einmal auf die Leistung zurück, für die der Preis vergeben wurde: „...für ihre empirische Forschung über Ursache und Wirkung in der Makroökonomie“. Was meint das Nobelpreis-Komitee damit?
Ursache und Wirkung
Es ist oft schwierig, Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten. Zwei eng miteinander verbundene Konzepte sind etwa Zinsen und Preise. Zentralbanken verwenden kurzfristige Zinssätze typischerweise, um Preissteigerungen in Schach zu halten. Ein Anheben des Zinssatzes reduziert die Nachfrage nach Investitionsgütern, kühlt die Konjunktur ab und führt so zu weniger stark steigenden Preisen.
Eine vorausschauende Zentralbank wird diese Schritte schon dann setzen, wenn sie Preissteigerungen erwartet, und nicht erst, nachdem diese eingetreten sind. Aber genau dies macht das Auseinanderdividieren von Ursache und Wirkung so schwierig. Sind Preise weniger gestiegen, weil die Zinsen erhöht wurden? Wie stark reagiert die Zentralbank auf (erwartete) Preissteigerungen?
Chris Sims' Herangehensweise wäre in diesem Fall, Unterschiede in der Preis- und Zinsdynamik zu suchen. So ist es wahrscheinlich, dass kurzfristige Zinsen viel schneller auf unerwartete Ereignisse reagieren, als Preise dies können. Mit dieser Einsicht und ein wenig höherer Mathematik kann man in diesem Beispiel Ursachen und Effekte auseinanderdividieren und die Effektivität der Geldpolitik verschiedener Notenbanken untersuchen.
„Gute“ und „böse“ Ökonomen
Wer meint, die Methoden der Preisträger wären ideologisch belastet, ignoriert völlig, dass sowohl die „guten“ Makroökonomen (die modernen „Keynesianer“, die staatliche Konjunkturprogramme und eine aktive Geldpolitik befürworten) als auch die „bösen“ Makroökonomen (die „Neoklassiker“, die diese Programme meist ablehnen) in ihren empirischen Arbeiten dieselben Methoden verwenden – nämlich die, die von Tom Sargent und Chris Sims wesentlich geprägt wurden.
Diese Methoden ermöglichen uns, empirische Schlussfolgerungen zu ziehen in einer Welt, in der Erwartungen nicht nach blinden Regeln gebildet werden. Damit haben die beiden die moderne empirische makroökonomische Forschung erst ermöglicht.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
Christian Haefke (*1972), PhD Economics, University of California, San Diego. Institut für Höhere Studien (IHS), Lead Economist und Director of Graduate Studies, Abteilung Ökonomie.
Tamás Papp (*1980), PhD Economics, Princeton University. IHS, Economist, Abteilung Ökonomie.
Michael Reiter (*1962), Doktorat Universität München. IHS, Lead Economist, Abteilung Ökonomie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2011)















