25.05.2012 18:54 | Meine Presse Merkliste 0

Die Erinnerungsweltmeister

STEPHAN GRIGAT (Die Presse)

In Österreich und Deutschland hieß Erinnern schon immer Solidarität mit den toten Juden – mit den lebenden aber hat man Probleme.

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Pflichtbewusst wird mittlerweile in den Nachfolgestaaten des „Dritten Reiches“ an die nationalsozialistische Judenverfolgung erinnert. Aber Erinnern hieß in Österreich und Deutschland schon immer Solidarität mit den toten Juden. Mit den lebenden hat man hingegen bis heute seine Probleme – insbesondere, wenn sie sich anschicken, Vernichtungsdrohungen gegen den jüdischen Staat, wie sie immer wieder in Teheran geäußert werden, nicht tatenlos hinzunehmen.

In der Bundesrepublik geriert man sich schon länger als Erinnerungsweltmeister: „Vergangenheitsbewältigung ist ein Meister aus Deutschland“ würde die postnazistische Zivilgesellschaft am liebsten als neuestes Motto der Nation ausgeben, um Paul Celans Diktum „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ ein für alle Mal vergessen zu machen.

Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten zu jenem Holocaust-Mahnmal in Berlin, von dem der frühere SPD-Kanzler Gerhard Schröder sich gewünscht hatte, es solle ein Denkmal sein, „zu dem man gerne hingeht“, verkündete ein renommierter deutscher Historiker: „Im Ausland beneidet man uns um dieses Denkmal.“ Man weiß heute offenbar, was man am Massenmord an den europäischen Juden hat und wie politischer Mehrwert aus seiner vergangenheitspolitischen Bewirtschaftung gezogen werden kann: Je mehr öffentliche Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, desto besser kann man den ehemaligen Opfern der Deutschen Vorschriften machen und den Israelis erklären, wie sie sich zu verhalten hätten. Je mehr Gedenken an ermordete Juden, umso hemmungsloser kann man sich den Antisemiten von heute an den Hals schmeißen.

 

Juden als Opfer für alle Zeiten

Ein Resultat der modernisierten Vergangenheitspolitik in Österreich und Deutschland ist die Transformation jenes Diktums „Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg“ in das Dogma „Nie wieder Krieg gegen Antisemitismus“, das Juden für alle Zeiten auf ihre Opferrolle festlegen möchte.

Vielleicht wird man in Österreich und Deutschland eines Tages ja erschrecken, wenn man eingestehen muss, einen erneuten Massenmord an Juden nicht nur nicht verhindert, sondern durch den fortgesetzten Handel mit dem Holocaust-Leugner-Regime in Teheran mit befördert zu haben. Aber was soll's. Man kann ja wieder Denkmäler bauen und end- wie folgenlose Symposien über das Erinnern, Warnen und Mahnen abhalten.

Das iranische Regime arbeitet unbeirrt an seinem Nuklearwaffen- und Raketenprogramm. Die letzten Zweifel daran sollten durch den neuen IAEO-Bericht endgültig beseitigt sein. Gleichzeitig verkünden Chefideologen des Regimes: „Die Front unseres Krieges befindet sich nun überall auf der Welt.“

Es wird sich zeigen, ob sich die europäischen Regierungen nun endlich zu Sanktionen gegen das iranische Regime durchringen, die diesem die Fortsetzung seiner Projekte verunmöglichen – also Sanktionen gegen die Zentralbank und Boykott des Öl- und Gasexports.

Falls das nicht passiert oder nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt, sollte niemand überrascht sein, dass Israel sich genötigt sieht, eigenständige Vorbereitungen zur Beendigung des iranischen Atomprogramms zu treffen.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Mitherausgeber des Bandes „Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung“ (Studienverlag 2010).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2011)

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15 Kommentare
Gast: Paulis
14.11.2011 13:06
1 0

Ein derartiger Ton steht Ihnen nicht zu, Herr Grigat!

Für einen Lehrbeauftragten an der wichtigsten österreichischen Universität ist also unser Land ein "Nachfolgestaat des Dritten Reiches".

Mein Vater war Student, als das Naziunheil über Österreich hereingebrochen ist, und er hat mir von den Repressionen erzählt, denen er als christlicher Student und wegen seiner zum Teil auch jüdischen Freunde ausgesetzt war. Er hat mir erzählt, wie sich damals Spreu vom Weizen der Freunde trennte. Die Zeit hat ihn bis zu seinem Tod nicht ruhig seien lassen.

Und er wäre regelrecht empört, wenn er noch erlebt hätte, wie ein naseweiser Nachgeborener sein Österreich als "Nachfolgestaat des Dritten Reiches" bezeichnet hätte, und er hätte daran erinnert, wie er in der Nacht vor Hitlers Ankunft mit Freunden durch die Wiener Innenstadt gelaufen ist und gerufen hat "Gott schütze Österreich!", was nicht ganz ungefährlich war - aber solche Tatsachenmitteilungen passen sicher nicht in den selbstgerechten Mikrokosmos des Autors.

Im Namen meines Vaters und seiner damaligen Freunde weise ich die völlig unqualifizierte Schreiberei des Herrn Grigat, der sichtlich nicht weiß, wovon er spricht, energisch zurück.

Gast: geterni
14.11.2011 12:19
1 0

Widerlich!


So einen hasstriefenden Kommentar zu lesen tut geradezu körperlich weh. Und so jemand unterrichtet unsere Jugend.

Gast: Monika_K
10.11.2011 17:55
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Danke, Stefan Grigat! Israel soll leben!

Gestern habe ich einen Kommentar geschrieben. Warum wird der nicht abgedruckt ???

Gast: Monika_K
09.11.2011 18:33
0 0

Danke, Stefan Grigat! Israel soll leben!

Iran sagt: Israel müsse vernichtet werden. Und das betreibt er auch. Von allen Seiten.
Israel hat Frieden mit Jordanien und Ägypten geschlossen, vor 30 und vor 40 Jahren! Das sind Beweise, dass Frieden mit Israel möglich ist!
Israel ist das einzige demokratische Land im Nahen Osten. - Ahmadinejad sieht vielleicht seine Diktatur im Wanken. Die Revolution von vielen Mutigen in Iran hat er brutalst niedergeschlagen, und tut es weiterhin.
Wenn er die erste Atombombe wirft, oder andere Raketen, ist das winzig-kleine Ländchen Israel zerstört. Sein Name auf der Landkarte passt noch nicht einmal ins Land hinein.
Es wäre schrecklich, wenn eine einzige Bombe fallen würde, von welcher Seite auch immer.
Alle Menschen sollen leben, in Frieden !!!

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Iran-Vortrag am 17.11. in Wien

Am Donnerstag, den 17. 11. hält der Iran-Experte Emanuele Ottolenghi am Uni Campus, Hörsaal D, Altes AKH in Wien einen Vortrag über die iranischen Revolutionswächter : http://at.stopthebomb.net

Ka_Sandra
09.11.2011 13:26
1 1

Respekt!

Stefan Grigat bringt es auf den Punkt; habe selten so einen zutreffenden Artikel zum Thema gelesen.

Nur schade, dass online die zum Gastbeitrag gehörende ebenso brillante Karikatur von Peter Kufner nicht abrufbar ist.

Sie zeigt einen Architekten mit Designerbrille und schwarzem Rollkragenpullover vor dem Reißbrett. Seine Worte: „Ich habe vorsichtshalber schon einmal einen Entwurf für ein Israel-Vernichtungsmahnmal vorbereitet.“

Kommentar überflüssig.

Antworten Gast: Luzifer
09.11.2011 13:43
1 1

Re: Respekt!

Ein paar Fakten hat Herr Grigat übersehen!
Das Verbrechen des Holocaust verpflichtet die Rechtsnachfolger des "Deutschen Reiches" zur Wiedergutmachung auf eigene Kosten, nicht aber auf Kosten anderer Völker. Das wäre neuerliches UNRECHT!

Israel hat sich - im Gegensatz etwa zu den mitteleuropäischen Staaten selbst wehren, weil es selbst (verbotenerweise) Atomwaffen besitzt. Es wird nicht nur massiv von den USA finanziell und technisch unterstützt, sondern auch militärisch verteidigt. (Man stelle sich bloß vor, 2 od. drei österr. Bundesländer würden eine der stärksten Armeen im Nahen Osten unterhalten und ein benachbartes Territorium wie Slowenien militärisch besetzt halten. Ohne Unterstützung durch eine große Militärmacht ginge das nicht).

Wovor fürchtet sich Israel eigentlich?

Israel hat vielmehr Sorge, daß es zu einer Verschiebung des Kräfteverhältnisses im Nahen Osten zu seinem Ungunsten kommen könnte. Und das würde bedeuten, daß es die Palästinenser nicht für weitere Jahrzehnte an der Nase herumführen kann, bis der Traum von "Großisrael" verwirklicht ist!

Ka_Sandra
09.11.2011 13:24
0 1

Respekt!

Stefan Grigat bringt es auf den Punkt; ich habe selten so einen zutreffenden Artikel zum Thema gelesen.

Nur schade, dass online die zum Gastbeitrag gehörende ebenso brillante Karikatur von Peter Kufner nicht abrufbar ist.

Sie zeigt einen Architekten mit Designerbrille und schwarzem Rollkragenpullover vor dem Reißbrett. Seine Worte: „Ich habe vorsichtshalber schon einmal einen Entwurf für ein Israel-Vernichtungsmahnmal vorbereitet.“

Kommentar überflüssig.

Antworten Gast: schlÄchter
09.11.2011 17:24
1 0

Re: Respekt!

sge kassandra!
zur atomaren bedrohung israels durch den iran eine aussage von peter scholl latour:
(auszug aus einem interview):
"Ob die Iraner überhaupt auf die Atombombe verzichten werden, weiß man nicht, aber wir müssen uns darauf einstellen, daß in absehbarer Zeit eine iranische Atombombe existieren wird. Die wird nicht benutzt werden, um auf die USA Raketen abzuschießen – das ist ein völlig blödsinniger Gedanke, und ich weiß gar nicht, wie man so etwas abdrucken kann. Und auch Israel ist nicht durch iranische Atombomben bedroht, obwohl es das behauptet. Denn Israel hat inzwischen genügend Atompotential auf seinen U-Booten, um den ganzen Iran zu zerstören, abgesehen davon, daß die Amerikaner dann auch den Iran auslöschen würden. Im übrigen wäre eine Atombombe in der Hand einer stabilen, wie auch immer gerichteten iranischen Regierung oder Armee sehr viel weniger zu befürchten als die pakistanische Atombombe. Denn der Unruheherd, der uns bei mehr beängstigen muß, ist Pakistan."
mfg
s.

Antworten Antworten Ka_Sandra
09.11.2011 19:48
0 1

Re: Re: Respekt!

Sg. Herr Schlächter,
Natürlich stellt auch Pakistan eine Bedrohung dar, der Artikel bezieht sich aber auf die Beziehung Israel – Iran.

Und dass ein Präsident wie Ahmadinedjad seit Jahren keine Gelegenheit auslässt, um aggressiv gegen Israel zu hetzen, dass er den Holocaust frech leugnet und keinen Platz für Israel im Nahen Osten sieht, steht wohl außer Zweifel.

Das umstrittene Zitat, Israel müsse von den Landkarte getilgt bzw. ausradiert werden, klingt - auch wenn es auf Persisch abgeschwächt formuliert wurde – auch nicht unbedingt sehr ermutigend. Dass Israel nicht abwartet, bis der Iran tatsächlich die Bombe hat, verstehe ich sehr gut.

Diktatoren vom Schlage eines Ahmadinedjad sind unberechenbar, deshalb kann man auch nicht normale Maßstäbe anlegen, was die Berechtigung vorbeugender Maßnahmen bedrohter Staaten betrifft.

Antworten Antworten Gast: Luzifer
09.11.2011 18:12
0 0

Re: Re: Respekt!

Großes Plus!

mfg

Luzifer

Gast: Hubertus
08.11.2011 22:19
1 1

Seltsam

Kaum ist El Baradei weg und schon beschreibt die IAEO die Lage in Teheran deutlich anders. Beweise gibt es keine, aber "Hinweise". Wahrscheinlich wie bei den Massenvernichtungswaffen im Irak. Wie hat Sarkozy in vermeintlich privater Offenheit so schön gesagt: Netanyahu ist ein Lügner. Und Peres alles andere als eine Friedenstaube. Das sind Brüder vom gleichen Geiste. Europa und die Welt sollten sich nicht von Israel in einen neuen Krieg hineinhetzen lassen.

Antworten branko
09.11.2011 02:21
0 0

El Baradei hat die Welt getäuscht

El Bradei wusste dasselbe, was wir heute wissen, nur, dass er die akten bewusst umgelogen bzw. interpretiert hat!

Für eindeutige Hinweise, dass der Iran Atombomben baut, wenn man 1 + 1 zusammenzählen kann, sagte Baradei "Das ist kein Beweis!", weil er nicht 1+1 zusammenzählen konnte oder wollte...

El Baradei war eindeutig proiranisch.

http://www.haaretz.com/print-edition/features/how-elbaradei-misled-the-world-about-iran-s-nuclear-program-1.2900

Antworten Antworten Gast: Luzifer
09.11.2011 18:19
1 0

Re: El Baradei hat die Welt getäuscht

"Haaretz" brauchen wir erst gar nicht zu lesen, denn auch so wissen wir, daß die bösen Ureinwohner von Palästina und ihre Freunde IMMER unrecht und die braven Israelis, die ein ganzes Volk dort in Knechtschaft halten, IMMER Recht haben! Das ist die logische Folge des Holocaust, das Ost- u. Mitteleuropäer im u. nach dem 2.WK veranstaltet haben...
Daher Nachkommen der Verfolgten immer RECHT!

Antworten Antworten Antworten Gast: Englbert
11.11.2011 20:14
0 0

Re: Re: El Baradei hat die Welt getäuscht

So ist es also, der Holocaust ist nicht von Deutschen, sondern von Ost- (!) und Mitteleuropäern begannen worden.

Na servas..

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