Der Frieden der Krippe ist nicht der Frieden der Macht

PAUL SCHULMEISTER  (Die Presse)

Gedanken über die Friedenssehnsucht in einer zerrissenen Welt. „Weihnachtsfrieden“ ist nicht die Ruhe nach einem Konsumrausch.

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Joseph von Eichendorff beschwört in seinem Vierzeiler „Wünschelrute“ jenes Weltgefühl einer Romantik, das sich zum damaligen Zeitpunkt bereits verflüchtigt hatte: „Schläft ein Lied in allen Dingen,/Die da träumen fort und fort,/Und die Welt hebt an zu singen,/Triffst du nur das Zauberwort.“

Auch „Frieden“ kann sich als Zauberwort erweisen. Als Wünschelrute, die zu verborgenen Schätzen führt. Wann „hebt die Welt an zu singen“? Das kann nach Kriegen oder erbitterten Konflikten sein, nach ideenpolitischen Durchbrüchen (wie der Deklaration der Menschenrechte) oder nach Akten unvermuteter Selbsterneuerung (wie beim Konzil vor 46 Jahren).

Der Mensch ist des Menschen Wolf, sagt die unromantische Diagnose seit Thomas Hobbes. Und doch ahnen wir in den spärlichen Lichtungen des Dschungels der Welt, dass die Jesaja-Vision vom „Löwen neben dem Lamm“ mehr ist als nur die Projektion religiöser Träumer. Die Rechnung der neuzeitlichen Aufklärung ist (nach Heinz Zahrnt) nicht aufgegangen, weil die Gleichung Rationalisierung = Humanisierung nicht stimmt. „Die Rationalisierung des Lebens bedeutet nicht auch schon seine Humanisierung. Und so ist die Welt infolge der Säkularisierung zwar ,hominisiert‘, aber nicht ,humanisiert‘“, hat der verstorbene protestantische Theologe und Publizist einmal geschrieben.

 

Die Vergötzung der Macht

Zu den schlimmsten Versuchungen zählen heute Gleichgültigkeit und die Vorstellung, Hoffnung sei grundlos geworden. Wo kein Licht mehr gesehen wird und der Gang der Welt als aussichtslos gilt, nimmt man die vermeintliche Wolfsnatur des Menschen achselzuckend zur Kenntnis; an die Stelle von Paradiesträumen tritt unverhüllt Beutegier.

Nach Alexander Mitscherlich befassen wir uns nicht gern mit Fragen des Friedens, noch viel weniger gern mit unserer eigenen Aggressivität. Zwar würden wir den Frieden als Weltordnung wünschen, ihn aber gewissermaßen auch fürchten: „Das Gefühl, der Möglichkeit kollektiver aggressiver Äußerungen beraubt zu werden, wird unbewusst als ein äußerst bedrohlicher, schutzloser Zustand aufgefasst.“ Ist das die ganze Antwort der Wissenschaft: Friede sei letztlich Chimäre?

Zu welchem Missbrauch hat die Vergötzung der Macht geführt! „Nicht umsonst führen die Staaten mit Vorliebe ein Raubtier im Wappen“ (Carl Spitteler). Da nun die Wissenschaft die scheinbar totale Verfügbarkeit von Mensch und Globus ermöglicht, muss das Gesetz der Macht, die nach Übermacht strebt, zwangsläufig fragwürdig werden. Noch herrschen ökonomischer und militärischer Expansionismus. Wachstum um jeden Preis. Doch die Grenzsituation wird immer klarer erkennbar.

Weder ist unsere Geschichte zu Ende (Francis Fukuyama), noch wird die Geschichte kein Ende haben. Die Offenheit der heutigen Situation ist auf eine tief verunsichernde Weise ausgeweitet. Doch gerade das gibt der Hoffnung Raum. Man darf sich nur nicht von den abgetanen Kulissen und Kostümen von gestern beirren lassen.

Der französische Mystiker und Dichter Charles Péguy hat vor 100 Jahren eine Hymne auf die Hoffnung geschrieben. Die Hoffnung, schrieb er, sei wie ein kleines Mädchen („la petite fille espérance“). Sie sei unscheinbar, oft geringer geschätzt als Glaube und Liebe, die zwei anderen göttlichen Tugenden.

Doch Gott sei die Hoffnung am liebsten. Denn „Glaube sieht nur, was ist./In der Zeit und der Ewigkeit./Liebe liebt nur, was ist./In der Zeit und der Ewigkeit ... Aber Hoffnung liebt, was sein wird./In der Zeit und für alle Ewigkeit.“ Die Hoffnung sei wie ein kleines Mädchen an der Hand ihrer zwei großen Schwestern Glaube und Liebe, sie sei es, die ihre bereits betagten und vom Leben mitgenommenen Begleiterinnen mit sich ziehe.

 

Einüben von Toleranz

Als „seelische Krankheit“ hat Carl Friedrich von Weizsäcker einmal die Friedlosigkeit unserer Tage beschrieben. Doch sie ist heilbar.

Gandhi, Martin Luther King, Mandela haben ebenso wie die drei Friedensnobelpreisträgerinnen dieses Jahres und viele anderen bewiesen, dass man die Politik des Machtwillens zurückdrängen kann, „wenn man ihr entschlossen jene sozialen Werte entgegenhält, die wir innerlich aus der ,logique du cœur‘ zu schöpfen vermögen“, hat der Gießener Sozialpsychologe Horst Eberhard Richter einmal bemerkt.

Das Einüben von Toleranz – nicht eines gleichgültigen „Leben-und leben Lassens“ – ist heute zur entscheidenden Erziehungsaufgabe geworden. Zu Recht stellte Richter fest: „Frieden kann sich immer nur in einem Dialog entwickeln. Frieden ist zu einem guten Teil bereits der Dialog selbst. Er ist die Wiederherstellung einer Beziehung, in die wir – nach Martin Buber – hineingeboren sind.“

Dabei beginnt jeder Friede im eigenen Haus. Die Sanierung der Familien betrifft das Fundament aller Suche nach Frieden. Warum sollte das Ethos der Nächstenliebe, das der Idee nach die gesamte Menschheit umfasst, nicht auch politisch neu wirksam werden?

 

Die Aufgabe der Religionen

Ist eine Schöpfung vom Range der Vereinten Nationen wirklich nur als Kriegsgeburt denkbar? Wurde nicht die Sklaverei durch Bewusstseinswandel besiegt? Hat nicht die „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ in den 1970er-Jahren das „Gespräch der Feinde“ ermöglicht? „Gott ist jünger als alle“, ruft Augustinus den Resignierenden zu.

In einer zerrissenen Welt, wie sie Huntington als „Clash of Civilizations“ beschrieb, kommt den Religionen eine hohe Verantwortung zu. Sie sollten den Bewusstseinswandel vorantreiben – und sie müssten mit einem offenen Dialog untereinander ein glaubwürdiges Beispiel geben.

Frieden ist untrennbar mit Gerechtigkeit und Wahrheit verbunden. Pascals „Logik des Herzens“ ermöglicht es, die Einheit in der Vielfalt zu lieben. Frieden hat also mit einer inneren Einstellung zu tun. Zu dieser Einstellungsänderung fordert uns das Geburtsfest Jesu heraus. Denn Frieden ist in Stall und Krippe eher zu Hause als in den Korridoren der Macht.

 

„Fürchtet euch nicht!“

Jedes Weihnachtsfest wirft immer wieder ein Licht auf jene Grundsehnsucht nach Frieden, „den die Welt nicht zu geben vermag“. Weihnachtsfrieden ist unendlich mehr als die selbstzufriedene Ruhe nach einem Konsumrausch.

Im Lukas-Evangelium verkünden Engel die Geburt des Herrn an armselige Hirten, die „Nachtwache“ [sic!] bei ihren Herden hielten. Erster Adressat waren Menschen am unteren Ende der sozialen Skala.

Die Hirten, die vom kosmischen Einbruch einer ganz anderen Wirklichkeit tief erschreckt waren, mussten von den Engeln beruhigt werden: „Fürchtet euch nicht!“ Die Szene auf dem Feld endet mit ihrem Lobgesang: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade“.

Die Art der Antwort auf diesen Ruf liegt an uns.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Paul Schulmeister ist in der Nacht auf den 5. November nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Der langjährige ORF-Journalist und engagierte Katholik hat über viele Jahre für die „Presse“ die 14-tägig erscheinende Kolumne „Rundschau“ verfasst. Noch vor seinem Tod hat er diesen letzten Text für die Weihnachtsausgabe verfasst. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)

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1 Kommentare

großartig


auch als nicht-christ finde ich an diesen zeilen großen gefallen. was für ein hervorragender, gebildeter mann!

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