25.05.2012 18:58 | Meine Presse Merkliste 0

Ist der Traum vom vereinten Europa schon ausgeträumt?

IAN BURUMA (Die Presse)

Oberflächlich betrachtet ist die derzeitige Krise in Europa finanzieller Natur. Aber grundsätzlich ist die Krise zutiefst politisch.

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Hatten die Euroskeptiker letzten Endes doch recht? War der Traum vom vereinten Europa – inspiriert von Ängsten vor einem weiteren europäischen Krieg und getragen von der idealistischen Hoffnung, dass veraltete Nationalstaaten guten Europäern weichen würden – eine utopische Sackgasse?

Oberflächlich betrachtet, ist die gegenwärtige Krise in Europa, von der einige meinen, dass sie die Europäische Union noch auseinanderreißen wird, finanzieller Natur. Jacques Delors, einer der Architekten des Euro, behauptet nunmehr, dass seine Idee für eine Einheitswährung zwar gut gewesen sei, die „Umsetzung“ allerdings mangelhaft war, weil die schwächeren Länder zu viele Schulden machen durften.

Grundsätzlich ist die Krise jedoch politisch. In souveränen Staaten mit eigenen Währungen sind die Bürger damit einverstanden, wenn ihre Steuergelder den schwächsten Regionen zukommen. Das ist Ausdruck nationaler Solidarität, ein Gefühl, dass die Bürger eines Landes zusammengehören und bereit sind, ihre eigenen Interessen in Krisenzeiten zugunsten des Gemeinwohls zurückzustellen.

 

Moralpredigten statt Solidarität

Das ist sogar in Nationalstaaten nicht immer selbstverständlich. Viele Norditaliener sehen nicht ein, warum sie für den ärmeren Süden zahlen sollten. Wohlhabende Flamen in Belgien unterstützen arbeitslose Wallonen ausgesprochen ungern. So wie Bürger demokratischer Staaten die Regierung tolerieren, die die letzten Wahlen für sich entscheiden konnte, akzeptieren sie wirtschaftliche Solidarität aber dennoch als Bestandteil der nationalen Einheit.

Da die EU weder ein Nationalstaat, noch eine Demokratie ist, gibt es kein „europäisches Volk“, das der EU über schwierige Zeiten hinweghelfen würde. Reiche Deutsche und Niederländer wollen nicht für das wirtschaftliche Schlamassel bezahlen, in dem sich die Griechen, Portugiesen oder Spanier heute wiederfinden.

Statt Solidarität zu beweisen, halten sie Moralpredigten – als ob alle Probleme im europäischen Mittelmeerraum das Ergebnis der Faulheit seiner Einwohner oder der Korruptheit seiner Bürger wären. Die Moralapostel riskieren somit, das gemeinsame Dach über Europa einstürzen zu lassen und den nationalistischen Gefahren ins Auge zu blicken, die die Entstehung der EU verhindern sollte.

Europa muss politisch wie finanziell in Ordnung gebracht werden. Es ist ein Klischee, aber nichtsdestoweniger wahr, dass die EU unter einem „Demokratiedefizit“ leidet. Das Problem ist, dass Demokratie bisher lediglich in Nationalstaaten funktioniert hat.

Nationalstaaten müssen nicht monokulturell oder gar einsprachig sein. Man denke an die Schweiz oder an Indien. Sie müssen auch keine Demokratien sein: Mir fallen China, Vietnam und Kuba ein. Aber Demokratie setzt voraus, dass Bürger ein Gefühl der Zugehörigkeit verspüren.

Ist das in einem supranationalen Gebilde wie der EU möglich? Wenn die Antwort „nein“ lautet, ist es vielleicht am besten, die Souveränität einzelner europäischer Nationalstaaten wiederherzustellen, die gemeinsame Währung abzuschaffen und einen Traum aufzugeben, der droht zum Albtraum zu werden.

Das ist es, was die radikaleren Euroskeptiker in Großbritannien denken, die den Traum von der EU von jeher nicht geteilt haben. Es ist nicht schwer, das als typischen britischen Chauvinismus abzutun – als Inselmentalität eines Volkes, das in vornehmer Abgeschiedenheit lebt, unter Briten als „splendid isolation“ bekannt. Zur Verteidigung Großbritanniens ist allerdings zu sagen, dass seine Bürger auf eine längere und erfolgreichere Demokratiegeschichte zurückblicken können als die meisten Kontinentaleuropäer.

 

Auflösung der EU käme teuer

Selbst wenn es möglich wäre, Europa aufzulösen, wäre es mit enormen Kosten verbunden. So würde etwa die Abschaffung des Euro dem Bankensystem des Kontinents großen Schaden zufügen und sowohl Deutschland und den wohlhabenden Norden als auch die in Schwierigkeiten geratenen Länder im Süden beeinträchtigen. Und wenn den griechischen und italienischen Volkswirtschaften eine schwierige Erholungsphase im Rahmen der Eurozone bevorsteht, muss man sich nur einmal vorstellen, wie schwierig es wäre, auf Euro lautende Forderungen mit abgewerteten Drachmen oder Lira zurückzuzahlen.

Von den finanziellen Aspekten ganz abgesehen, würde die reale Gefahr bestehen, die Vorzüge wegzuwerfen, die die EU mit sich gebracht hat, insbesondere was das Ansehen Europas in der Welt anbelangt. Isoliert wären europäische Länder von geringer globaler Bedeutung. Als Union besitzt Europa nach wie vor einen hohen Stellenwert. Die Alternative zur Auflösung der EU ist ihre Stärkung – das Zusammenlegen der Schulden und die Schaffung eines europäischen Finanzministeriums. Wenn die europäischen Bürger das akzeptieren sollen, braucht die EU allerdings mehr Demokratie.

 

Europa muss bürgernäher werden

Das hängt wiederum von einem lebendigen Gefühl der europäischen Solidarität ab, das nicht durch Hymnen, Flaggen oder andere Gimmicks aufkommen wird, die sich Bürokraten in Brüssel ausdenken. Zuerst müssen wohlhabende Nordeuropäer überzeugt werden, dass es in ihrem Interesse ist, die EU zu stärken, was definitiv der Fall ist. Schließlich haben sie am meisten vom Euro profitiert, der es ihnen ermöglicht hat, kostengünstig an Südeuropäer zu exportieren.

Während es nationalen Politikern obliegt, die Argumente hierfür zu liefern, müssen die Institutionen der EU in Brüssel, Luxemburg und Straßburg den europäischen Bürgern nähergebracht werden. Vielleicht könnten Europäer Mitglieder der EU-Kommission wählen, und Kandidaten nicht nur in ihrer Heimat Wahlkampf betreiben. Vielleicht könnten Europäer einen Präsidenten oder eine Präsidentin wählen.

Demokratie in einer Gemeinschaft aus 27 Nationalstaaten mag wie ein verrückter Traum erscheinen, und vielleicht ist es das auch. Aber sofern man nicht bereit ist, den Aufbau eines stärker geeinten Europas aufzugeben, ist es dieser Traum unbedingt wert, in Betracht gezogen zu werden.

 

Die Beispiele Arsenal und Chelsea

Und wer kann schon sagen, was möglich ist? Man denke nur an Fußballvereine, die durchaus Gedanken an Stammeskulturen wecken können. Wer hätte vor dreißig Jahren gedacht, dass zwei der populärsten Vereine Londons – Arsenal und Chelsea – einen französischen beziehungsweise portugiesischen Trainer haben würden und Spieler aus Spanien, Frankreich, Portugal, Brasilien, Russland, Serbien, der Tschechischen Republik, Polen, Mexiko, Ghana, Südkorea, Holland, Belgien, Nigeria und Elfenbeinküste? Ach ja, ein oder zwei britische Spieler sind übrigens auch dabei.

Copyright: Project Syndicate, 2011. Aus dem Englischen von Sandra Pontow.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Ian Buruma (*28.12.1951 in Den Haag) studierte chinesische Literatur in Leiden und japanischen Film in Tokio. 2003 wurde er Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College in New York. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt ist als Buch von ihm erschienen: „Taming the Gods: Religion and Democracy on Three Continents.“ [Project Syndicate]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2011)

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8 Kommentare
Gast: Unbeteiligter
31.12.2011 16:22
0 0

Da kann man nur sagen:

Tod der Eu!

Gast: 1. Parteiloser
27.12.2011 15:22
4 0

Ja, ausgeträumt und nicht mehr realisierbar!

Es war eine tolle Idee und konnte eigentlich gar nicht verbraten werden.
Nach mehr als 10 Jahren Europäische Integration stehen wir aber vor einem Scherbenhaufen.

Es ist ein Scherbenhaufen wegen der irren Staatsschulden, welche niemals bezahlt werden können, sondern nur mit einem Raubzug an den Ersparnissen der Bürger bezahlt werden können. Die 10.000 Mrd. Euro brauch ja schon für die Zinsen 500 Mrd. Euro, welche den Bürgern mit Zwangsabgaben abgepresst werden müssen.

Es ist ein Scherbenhaufen aber auch deshalb, weil die EU den Europäern seit mehr als 10 Jahren laufende Reallohnverluste brachte. Die Armutsberichte sprechen eine deutliche Sprache.

Es ist auch ein Scherbenhaufen, weil die EU zu einem korrupten, beamteten, Umverteilungshaufen wurde. Damit wurde der freie Markt und dessen gute Wirkung auf die Versorgung der Gesellschaft in weiten Bereichen ruiniert.

Es ist ein Scherbenhaufen, weil immer größere geschützte Bereiche geschaffen wurden, welche dann durch die Umverteilung von Zwangsabgaben gefüttert wurden. Die Realwirtschaft konnte sich so nicht brauchbar entwickeln.

Es ist ein Scherbenhaufen, weil es immer Staatsunwirtschaft und Finanzunwirtschaft gab, welche die Gesellschaft ausgesaugt hat und die wesentlichen Grundlagen einer reifen Gesellschaft (Freiheit, Eigenverantwortung) immer mehr unterdrückte.

Staatwirtschaft ist immer eine Planwirtschaft und Planwirtschaft ist immer eine Mangelwirtschaft. Das ist das EU Problem, neben der Korruption!

2 0

Man kann die "Vision EU" doch nicht mit Profifußball vergleichen!

Meiner Meinung nach ist es vor allem der Mangel an klar sichtbaren "Mehrwert-Effekten" welchee verhindert, uns zu begeisterten, ja "glühenden" Eurpäernzu machen! Schüssel meinte seinerzeit, daß die Gemeinschaftswährung EURO so "identitätsstiftend sei wie sonst kaum noch etwas"! Aber wie kann man mit einer künstlichen Währung Identitäten schafften? Jugoslawien besaß schließlich mit dem Dinar ebenfalls eine Gemeinschaftswährung, die jedoch nicht verhindern konnte, daß sich die diversen Teilrepubliken auseinander gelebt hatten. Und die Serben, im verzweifelten Versuch, durch hemmungslose Dominanz das Ganze noch zusammen halten zu können, scheiterten.

Zwar wurde uns immer eingredet, daß die EU ein neuer starker Globalplayer gegenüber den wirtschaftlichen Machblöcken USA und Asien zu werden. Tatsächlich wurde der Europa-interne Konkurrenzkampf aber ständig weiter getrieben. Wenn also der Haupt"feind" innerhalb der eigenen Familie zu finden ist, dann wird man schwerlich auch noch nach anderen suchen, die es außerhalb gibt! Dazu auch noch die platten Parolen, daß "Europa keine Festung sein darf"; bzw. daß es "keine Mauern in den Köpfen geben darf"; wie will man auf DIESE Weise noch eine Art "Gemeinschaftsgefühl" entwickeln?

Und dazu auch noch diffuse Gefahren aus dem Finanzmarktspektrum. Alles dreht sich nur noch um die "Befindlichkeit der Märkte". Sie sind die strafenden Götter unserer Zeit. Ihnen gilt es Tribut durch harte Sparprogramme zu zollen. Alles andere ist sekundär...

Gast: Machmuss Verschiebnix
26.12.2011 22:03
0 0

Genau! Die EU scheitert nicht an der Wirtschafts-Krise, sondern an der Reform-Unwilligkeit der nationalen Regierungen !



Da kommt nichts als taktisches Geplänkel, um die Ratingagenturen
hinhalten zu können, aber staatliche Strukturen und Kostenfresser
bleiben weiterhin unangetastet.
Wir brauchen nur einen Blick auf die neuesten Meldungen österreichischer
Politiker zu machen, um den massiven Widerstand gegen Struktur-Reformen
heraus zu hören. Steuern erhöhen ist der Weisheit letzter Schluß - was
für ein Schwachsinn !!!

Wie ein böses Geschwür entzieht der Parteien-Parlamentarismus den
europäsichen Staaten alle Zukunfts-Chancen.
Warum ?
Weil die vielen dringenden Entscheidungen zu spät oder gar nicht kommen !
Das politische System müßte komplett umgebaut werden, anders wird alles
den Bach runter gehen. Kerneuropa ist die einzige Chance dafür, denn bei
dieser Gelegenheit kann man die nationalen Regierungen gleich zum Teufel
jagen - wozu brauchen wir solche Kasperl, die nur Steuern verprassen !

Und Brasilien hat währenddessen Großbritannien vom 6. Platz im
Weltwirtschafts-Ranking verdrängt (!) :
http://www.elpais.com.uy/111226/ultmo-614919/ultimomomento/brasil-se-convirtio-en-la-sexta-economia-mundial/


Gast: augustin.
26.12.2011 20:00
1 0

was man in der Presse nicht alles lesen kann

"als ob alle Probleme im europäischen Mittelmeerraum das Ergebnis der Faulheit seiner Einwohner oder der Korruptheit seiner Bürger wären"

na was denn sonst ???

1 1

Re: was man in der Presse nicht alles lesen kann

Zum Teil mag dieser Vorwurf gewiß stimmen! Aber den Löwenanteil der aktuellen Krise hat nun einmal der Turbo-Casinokapitalismus der internationalen Finanzmarkt-Witschaft zu verantworten! Auf diese Weise verschuldeten sich die eh schon wackeligen Volkswirtschaften noch mehr, als sie das unter "normalen Voraussetzungen" geschafft hätten!

Und wenn schon mehr "Solidarität" mit Griechenland & Co. gefordert wird, so sollte auch die Frage nach der jeweils nationalen gesellschaftspolitischen Solidarität zwischen den Reichen und Superreichen einerseits, und den weniger Begüterten anderseits gestattet sein!

Da wurden bereits bis jetzt Unsummen aus dem Land geschafft und auf internationalen Geheimkonten gebunkert. Während dessen wird die ganze Last einer rigorosen Sparpolitik gerade den Armen und Ärmsten umgehängt. Genau DAS jedoch verleidet inzwischen selbst den Gutwilliigsten die Lust an solchen Rettungsschirmen und Hilfspaketen, welche in Richtung Athen versandt werden. Denn all dies dreistelligen Milliardensummen versickern offenbar nur noch in dunklen Kanälen...

Antworten Antworten joquer
27.12.2011 11:38
3 0

Re: Re: was man in der Presse nicht alles lesen kann

Der "Casinokapitalismus" war vielleicht das Vehikel, aber zu verantworten hat die Schulden immer noch die Politik - sie hat die Schulden aufgenommen und hat letzlich auch das Regelwerk geschaffen, nach dem der Kapitalismus abläuft. Dass die Banken bei Staatsanleihen kein Eigenkapital unterlegen mussten (und müssen) sagt eigentlich schon alles.

Antworten Antworten Gast: augustin.
27.12.2011 08:52
0 0

Re: Re: was man in der Presse nicht alles lesen kann

und wer hat die Regierung in Griechenland gewählt, die das zu verantworten hat ?
Die Österreicher waren ja auch schuld am Wahlergebnis 1938 - oder ?
Die Solidarität erkennt man an den Transferleistungen - ist das immer noch zu wenig ?

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