23.05.2013 10:22 Merkliste 0

Eine Investition – und keine Haushaltsbelastung

JÜRGEN RAINER (Die Presse)

Experten prüfen ständig neue Sparmöglichkeiten. Dabei profitiert von jeder Investition in die Bildung auch die Finanzministerin.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Österreich gibt laut jüngsten Zeitungsberichten sehr viel Geld – in den Augen mancher sogar zu viel Geld – für Bildung aus. Experten prüfen ständig neue Sparmöglichkeiten, und wiederholt hört man die Forderung nach längerer Anwesenheit der Lehrenden in den Klassenzimmern. Dabei geht es vorrangig um Senkung der Ausgaben, denn zehn Prozent mehr Unterricht in der Klasse bedeuten gleichzeitig zehn Prozent weniger Lehrer und damit auch zehn Prozent weniger Kosten. Pardon, nur sechs Prozent, denn die Kosten für Verwaltung und Unterrichtsmittel betragen weiter 40 Prozent des Gesamtbudgets.

Nun, ist Bildung in Österreich tatsächlich so teuer? Und wie und in welchem Ausmaß profitieren die Bildungswilligen und die Finanzministerin von Investitionen in unser Schulwesen? Ja, Investitionen und nicht Ausgaben und Kosten. Denn es ist höchst an der Zeit, das Bildungsbudget als Investition zu betrachten. Solange dieses als Haushaltsbelastung und nicht als Investition gesehen wird, fällt es unter das Spardiktat der Regierung. Mit der Frage nach dem „return on investment“, der Rendite der Investition, berechnet die OECD mittels Kapitalwertmethode die staatlichen Erträge von Investitionen in qualifizierte Abschlüsse im Oberstufenschulwesen: Kosten und Nutzen während des gesamten Lebens werden dabei auf den Zeitpunkt zurückgerechnet, an dem mit der Investition begonnen wurde.

Während der Nettoertrag eines Arbeitnehmers mit Sekundarschulabschluss II im OECD-Durchschnitt 2007 durch höhere Steuern und Sozialabgaben, geringere Arbeitslosigkeit etc. 63.966 US-Dollar und einen Kapitalwert von 36.301 US-Dollar ergab, erwirtschafteten Österreichs Absolventen für den Staat einen Gesamtnutzen von 128.205 und einen Kapitalwert von 79.637 US-Dollar. An zweiter Stelle rangiert die USA mit einem Gesamtnutzen von 102.029 und einem Kapitalwert von 70.497 Dollar. Im letzten Drittel rangiert Finnland (Gesamtnutzen 40.991, Kapitalwert 18.362 Dollar).

Aber nicht nur der Nutzen für den Staat, auch der persönliche Nutzen für einen Absolventen in Österreich ist mit 131.073 US-Dollar beachtlich und liegt weit über dem Durchschnitt (67.902). Konkret heißt das: Direkt in den Beruf eintretende Absolventen des mittleren und höheren Schulwesens verdienen im Lauf ihrer Karriere mehr als 130.000 US-Dollar mehr als Arbeitnehmer mit einem geringeren Ausbildungsniveau. Dieses überragende Ergebnis erzielte Österreich laut OECD-Bericht trotz sinkender öffentlicher „Ausgaben“ für Bildungseinrichtungen. So wurden 2007 gerade einmal 5,4 Prozent des BIP in Bildung investiert, womit Österreich deutlich unter dem OECD-Schnitt von 6,2 Prozent lag. Und noch etwas weiß die OECD zu berichten: Die Finanzministerin bekommt das Dreifache ihrer Investitionen über Steuereinnahmen zurück. Denn: Je mehr in Bildung investiert wird, desto größer ist für alle der Nutzen.


E-Mails an: bildung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

5 Kommentare
0 0

Bildung und Investition

Bildung und Ausbildung können Menschen zum einen einen individuellen Nutzen bringen wie sie auch zum allgemeinen Wohlstand beitragen können. Im Prinzip lassen sich Bildungsmaßnahmen als Investitionen verstehen. Aber halt nur im Prinzip.
Denn nach den kindlich-naiven Vorstellungen der OECD funktionieren Investitionen wie ein Getränkeautomat: oben wirft man Geld rein, unten kommt verläßlich was raus. Wenn man nach diesem Schema ein Unternehmen gründet, ist man schneller insolvent als man "Eröffnungsbilanz" aussprechen kann.
Darüber hinaus investiert man nicht in eine Einheitsausstattung, sondern in Güter, die dem individuellen Geschäftszweck dienen - das genaue Gegenteil einer "Investition" in das Bildungssystem, das immer mehr vereinheitlicht wird. Wenn sich Bologna einmal wirklich durchgesetzt hat, gibt es am Ende auch keine individuellen Absolventen mehr sondern nur noch ISO-9000-Humanoide mit Software-Upgrade gemäß dem Bildungsreferenzrahmen (wenn Sie meinen, dass ich schamlos übertreibe, dann betrachten Sie doch einmal einen Europass-Lebenslauf).
Das, was eine Investition wertvoll macht, sind im übrigen die Absichten des Investierenden, seine Kreativität und sein Engagement. Und Kreativität und Engagement haben in unserem Bildungssystem wenig Platz...

0 0

Na ja

Investitionen in Ausbildung können sich lohnen: was könnte man zum Beispiel im Berufsleben ohne Lesen, Schreiben und Rechnen anfangen? Qualitativ läßt sich hier leicht ein Zusammenhang herstellen, dazu bedarf es keiner OECD-Daten.
Mutig finde ich die Aussage, dass der Barwert eines Sekundarabschlusses 63.699 US-dollar beträgt. Man berechnet aus unsicheren Einzahlungen und unsicheren Auszahlungen eine Differenz (die aufgrund des Fehlerfortpflanzungsgesetzes eine noch viel höhere relative Unsicherheit zeigt) und zinst die Differenz über ca. 40 Jahre ab. Aber mit welchem Zinssatz? und heraus kommen nicht 63.698 oder 64.000 Dollar, nein, ganz genau 63.699. Dabei liegt der Wert wahrscheinlich bei 64.000 plus/minus 25.000 Dollar. Zahlenfetischismus und rationale Wissenschaft sind offensichtlich nicht unvereinbar.
Dass man die Abschlüsse international inhaltlich so gut wie nicht vergleichen kann (bedenken Sie ganz einfach die Differenzen im Abiturniveau in den diversen deutschen Bundesländern), ist dabei noch gar nicht berücksichtigt. Wäre ich boshaft, würde ich auch glatt darauf hinweisen, dass die OECD ganz einfach einen Shareholder Value für Bildung errechnen will (ist nämlich das gleiche Berechnungsprinzip) und dass man keineswegs "Kosten" und "Nutzen" gegenüberstellt, sondern nackte Ein- und Auszahlungen. Den Nutzen von Bildung einfach als Barwert von Cash-flows darzustellen, halte ich nun doch für eine unzulässige Reduktion.

Gast: 1. Parteiloser
16.01.2012 18:57
2 0

Muahahahahaha!

Die Österreicher investieren doch schon in 2,2 Lehrpersonen pro Schulklasse und zahlen für die Grundschulen um 54 % mehr als die Deutschen!

Diese Investitionen nutzen aber nichts, weil ja 28% der Absloventen (nach 9 Jahren Schulplficht!) nicht sinnerfassend lesen können. Auch haben 23 % der Absloventen erhebliche Probleme mit den Grundrechenarten.

Dieser arrogante Misthaufen der Lehrpersonen Österreichs, inzwischen auf 124.000 Versagern angewachsen, die geben der Gesellschaft einfach nicht die Gegneleistung zurück. Die Asozialen schreien nur nach höheren Investitonen um die Österreicher bei Geringleistung noch mehr ausräumen zu können.

Die ganze Darstellung in diesem Artikel geht auf dieses grausige Versagen überhaupt nicht ein und hat nur den Zweck in eigener Sache Propaganda zu machen. Da war auch mal ein Propagandaminsiter in den 40ern, welcher sicher nicht grausiger war, als der Autor dieses Artikels. Ein grausiger Nehmer, welcher noch nie was für die Gesellschaft gemacht hat, immer nur genommen hat.

Pfui!

Wunderliche Rechenkunststücke:

Was nützt jetzt jemand, der den Sekundärabschluss II hat, also Absolvent von dort ist, dem Staat? 36.301 oder 79.637 Dollar?

Wenn ein österreichischer Absolvent 131.073 Dollar Nutzen hat und das "mehr als 130.000 US-Dollar mehr als Arbeitnehmer mit einem geringeren Ausbildungsniveau" ist, dann haben minder Ausgebildete in Österreich überhaupt keinen Nutzen von ihrer Arbeit! Da ist wohl die Mindestsicherung so hoch, dass sich Arbeiten für solche Leute nicht mehr lohnt!

Wer soll sich da auskennen?

0 0

Re: Wunderliche Rechenkunststücke:

Gemeint ist wohl ein Mehrnutzen verglichen mit einer Situation ohne die entsprechende Bildungsmaßnahme. Das bedeutet ja nicht, dass die anderen schlecht verdienen.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News