23.02.2012 12:05 | Meine Presse Merkliste 0

Wie man sich ein Weltbild richtig zurechtbiegt

MICHAEL AMON (Die Presse)

Christian Felber preist seine „Gemeinwohl-Ökonomie“ als „Wirtschaftsmodell der Zukunft“ an. Tatsächlich erinnert sein Modell an dunkle Epochen und trägt den Keim einer neuen Kommandowirtschaft in sich.

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Ende Oktober des Vorjahres hat sich Christian Felber in einem Leserbrief beschwert, von Michael Fleischhacker zwar beschimpft zu werden (Anarchomarxist, neokommunistischer Gemeinwohl-Pseudoökonom, herzjesumarxistischer Enteignungseuphoriker), sein epochales Buch „Gemeinwohl-Ökonomie“ werde in der „Presse“ jedoch ignoriert. Ich beschloss, das Buch endlich zu lesen, um Felber beispringen zu können. Immerhin geht es um die Mehrung des Guten.

Als „Linker“ greift man nach jedem Strohhalm, und Felber verspricht einen Mammutbaum: „das Wirtschaftsmodell der Zukunft“. So kühn war nicht einmal Marx. Der hat nur wenige, sehr allgemeine Sätze über die zukünftige „sozialistische“ Gesellschaft geschrieben (und gab damit leider Scharlatanen von Lenin bis Mao die Möglichkeit, sich auf ihn zu berufen).

 

Im Funktionärs-Quacksprech

Ich begann zu lesen. Statt Erkenntnisgewinn – Ratlosigkeit! Es gibt Thesen, die sind so falsch, dass sie unwiderlegbar sind. Jede Buchseite schreit nach Widerspruch, so detailverliebt entwirft Felber die „Gemeinwohl-Ökonomie“ am Reißbrett. Alles einfach und logisch. Man muss es nur machen, wie er in Vorträgen immer betont.

Die Tatsache, dass er keine adäquate Sprache für seine Anliegen findet, weckt zusätzlich Zweifel. Im Funktionärs-Quacksprech prasseln die Thesen herab. Gleichzeitig beruft er sich auf „wissenschaftliche Erkenntnisse“, um seine Thesen zu untermauern. Erkenntnisse, die häufig nur Verweise auf andere Verweise sind. Theorien, die Felbers Annahmen zuwiderlaufen, werden ausgeblendet. Man hat das Gefühl: Hier biegt sich einer die Welt so zurecht, dass sie seinen Theorien entspricht.

Die „Linke“ tendiert fatal zu „role models“. Jedem Scheitern folgt ein neues Vorbild. Eine endlose Kette böser Irrtümer: Lenin, Stalin, Ho Chi Minh, Guevara, Castro, Mao, Chávez. Jedes dieser Modelle erwies sich als untauglich, da ineffizient und undemokratisch. Nun ist man auf den Felber gekommen und seinen kruden, simpel gestrickten, extrem bürokratiegetränkten Sozialismus, der eklektisch aus der Abverkaufs-Wühlkiste gescheiterter Ismen zusammengebastelt ist: vom frühsozialistischen Robert Owen über Titos „Selbstverwaltung“ zu einer Prise Genossenschaftswesen.

Dazu eine inflationäre Beimengung des Adjektivs „demokratisch“, was dann eher nach Pfeifen im Walde klingt. Angesichts der Fülle an demokratischen Institutionen, die Felber zur Bändigung des Kapitalismus erfindet, wird einem angst und bange.

 

Absurde Detailverliebtheit

Man fragt sich, wann die Leute den Wohlstand der „Gemeinwohl-Ökonomie“ produzieren sollen, wenn sie ihre demokratischen Rechte in den wie Schwammerln aus dem Boden schießenden Einrichtungen ausüben wollen: demokratische Banken, Gemeinwohlkonvent, branchenweise Kooperationsausschüsse, demokratische Bahn, Post, Stadtwerke und Kindergärten. Ein „demokratischer Bankenrat“ besteht aus Vertretern der Bankangestellten, Konsumenten, Schuldnern, regionalen KMUs, Gender-Beauftragten (!) und Zukunftsanwaltschaft.

Kurioserweise vergisst Felber bei dieser absurden Detailverliebtheit auf Vertreter der kleinen Sparer. Mit bürokratischer Versessenheit skizziert er zu schaffende Strukturen: von der kommunalen Ebene über die Länder bis hinauf zum Bund entsteht ein „Demokratischer Banken-Verbund“. Ein „Daseinsvorsorge-Konvent“ definiert jene Bereiche, die dem Gemeinwohlsektor angehören.

Alle öffentlichen Betriebe (er nennt sie „demokratische Allmenden“) funktionieren nach diesem Schema bzw. funktionieren nicht, wie man aus bisherigen Erfahrungen mit solchen Einrichtungen annehmen muss. Wen das ans fehlgeschlagene Rätesystem der Sowjetunion und Planwirtschaft erinnert, der liegt nicht ganz falsch.

Felber unterschätzt sträflich die Differenz zwischen Schreibtisch und Realität und die Tatsache, dass ein Zuviel an Gremien, die direktdemokratische Kontrolle brauchen, genau dieser Kontrolle entgleitet, weil nur eine kleine Minderheit in der Lage ist, in endlosen Gremiumssitzungen Lebenszeit zu vergeuden. Überdosierte Heilmittel machen krank.

 

„Erziehung zu neuen Werten“

Wer sich an die Wiener Arena-Bewegung erinnert, wird wissen, dass der demokratische Anspruch um Mitternacht über Bord ging, wenn die berufstätigen „Arenauten“ die Sitzungen zwecks Ausschlafens verlassen mussten. Die Entscheidungen wurden von der Minderheit jener getroffen, die keiner geregelten Arbeit nachgingen.

Die Felber'schen Konvente (Daseinsvorsorgekonvent, Medienkonvent, Bildungskonvent, Demokratischer Wirtschaftskonvent) klingen erschreckend nach jenem „Wohlfahrtsausschuss“, der zum Instrument jakobinischer Schreckensherrschaft wurde.

Wer Felbers wackelige Thesen zur Konkurrenz bezweifelt, bekommt taxfrei eine „unglückliche Kindheit“ attestiert. So landet er bei einem neuen Schulmodell, das sich nicht der Bildung, sondern „der Erziehung zu neuen Werten“ widmet: Gefühlskunde, Wertekunde, Kommunikationskunde, Demokratiekunde und Naturerfahrungskunde stehen auf dem Stundenplan. Alle, denen das nach Umerziehungslager klingt, haben wohl zu wenig Elternliebe erfahren.

Felber ist unwiderlegbar: Wer seine Thesen für Unsinn hält, hat falsche Werte. Er bedient sich hermetischer Argumentationen, die jeden Gegner seiner Thesen ins Unrecht setzen – ein geschlossenes Weltbild. Hinter den demokratischen Überlegungen lugt das böse Antlitz der Diktatur hervor.

 

Tendenz zu autoritärer Entartung

Fleischhacker hat recht: Felber schwelgt in Enteignungsfantasien und predigt einen pseudoökonomischen Pseudokommunismus. Sein Demokratiemodell trägt den Keim einer neuen Kommandowirtschaft in sich. Nur der Vorwurf „Anarchomarxist“ ist falsch: Die von Felber erdachten pedantischen Vorschriften sind das Gegenteil von Anarchie.

Bei Felber ist halt alles ganz einfach – blöderweise nur, wenn alle Menschen gleichgeschaltet wären und seine Überlegungen teilten. Dies ist angesichts der Unterschiedlichkeit der Menschen unwahrscheinlich. Trotzdem bleibt man als Kenner der Geschichte ökonomischer Modellversuche mit Gänsehaut zurück.

Felbers Gemeinwohl-Ökonomie geht von einem ebenso schlichten, rein ökonomischen Menschenbild aus, wie der von ihm zu Recht bekämpfte Neoliberalismus. Beide Systeme tendieren zu autoritären Entartungen.

„Tänzer“ steht als Felbers Beruf im Klappentext. „Traumtänzer“, möchte man korrigieren. Wie weit es von dort zur Gemeinwohldiktatur ist, will man lieber nicht in Erfahrung bringen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Michael Amon lebt als freier Autor in Wien und Gmunden. Seine Essaysammlung „Nach dem Wohlstand – Politik jenseits der Menschen“ ist bei Molden erschienen. Ab März ist sein neuer Roman, „Der Glanz der Welt“ (Echomedia Verlag), erhältlich, ein absolut realitätsferner und ironischer Krimi über Wirtschaftsverbrechen und die besseren Kreise des Landes. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2012)

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133 Kommentare
 
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Gast: Lupenreiner Demokrat
18.02.2012 15:48
0 0

Pauschalisierende Pseudo-Argumente

Es wäre interessant gewesen, irgendein stichhaltiges Argument in diesem Text vorzufinden - das war der Grund, warum ich diesen Text gelesen habe - leider findet das nicht statt.

Der Autor polemisiert in peinlich berührender Weise, ohne auch nur eine einzige sachliche Argumentation anzuführen - der Inhalt des Textes erscheint nicht weiter kommentierungswürdig, wohl aber die Form - es ist entsetzlich wahrzunehmen, dass solche inhaltsleeren Texte als Replik auf einen detaillierten Vorschlag überhaupt ernst genommen werden - es wäre schon ein gewisses minimales Mass an konkreter inhaltlicher Bezugnahme notwendig, um wenigstens ein wenig Niveau in die Disussion zu bringen - stattdessen extrem flache Pauschalisierungen und plakative Allgemeinplätze, die man eher auf dem Fussball-Platz oder in der Kneipe erwarten würde - ach was, selbst an solchen Orten habe ich schon differenziertere Äusserungen zum Thema vernommen.
Vollends entgleitend dann der Vergleich zu sozialistischen Diktaturen - geradezu bizarr, wie der Autor hier versucht, offensichtlich ein möglichst lärmendes Gegenbild aufzufahren - mangels Inhalten kommt allerdings der Verdacht auf, es könnte sich lediglich um Werbung für sein eigenes Buch handeln...

Beschämend bleibt, dass so ein Baukastentext als Bestandteil der "öffentlichen Diskussion" wahrgenommen werden möchte - die zur Schau gestellte peinliche Kenntnislosigkeit des Autors zu vorgebrachten Details führt nur zu einer Erkenntnis: muss was dran sein an der GWOE!

Gast: Christian49
16.02.2012 11:38
0 0

Gegenüberstellung

Ich würde eine Gegenüberstellung und eine Diskussion von Person zu Person begrüßen. Es ist leicht, ein Buch unter Abwesenheit des Autors zu verreissen.

Gast: donnergurgel
30.01.2012 08:47
1 0

Das Buch muss ich lesen!

Ich haette nicht gedacht dass ich alle 126 Kommentare lesen wuerde, es war doch sehr spannend und pendelte stets zwischen konstruktiver Diskussion und naja, dem Gegenteil davon.
Fast alle Kommentare sind sich immerhin in einem einig: Es muss ein neues System her.
Natuerlich weiss keiner welches, und trotz des innigen Wunsches nach Veraenderung straeuben sich Menschen doch zutiefst davor.
Man will halt nicht alleine dastehen mit seiner Meinung, man will nicht allein sein und Risiken auf sich nehmen die das 'anders sein oder an was anderes glauben' mit sich bringt, und so steckt man doch den Kopf zurueck in den Sand und schwimmt weiterhin brav mit der hirnlosen Masse.
Und Visionaere hatten's doch schon immer schwer.
Uebrigens bin ich der Meinung das Schreibtischarbeit doch einen grossen Teil der Planung fuer ein neues System ausmachen sollte. Die Leute in der 'richtigen' Welt haben doch oft gar keine Zeit sich mit solchen Theorien auseinanderzusetzen. Was nicht heisst das sie nichts beizutragen haben. Davon abgesehen werden Neuerungen wie Felbers in der Geschaeftswelt gebremst, weil sie die Existenzbasis der Elite einschraenken. Theorie ist vollkommen ok, sie muss halt von der Praxis angeglichen werden, wenn die Dinge nicht richtig laufen.
Wann kann ein neues System eingefuehrt werden? Wenn Menschen besser aufgeklaert und weniger aengstlich vor Systemveraenderungen sind und aufgehoert haben erst mal 'nein' zu sagen. Oder wenn alle wesentlich weniger zu verlieren haben.

Gast: Christian Felber
26.01.2012 15:56
3 0

Was steht im Buch?

Geschätzter Michael Amon,

ich respektiere selbstverständlich, was Sie gelesen haben, ich weise aber darauf hin, dass:

- die Gemeinwohl-Ökonomie auf Privateigentum, privaten Unternehmen, Geld und Märkten aufbaut.

- das freie Recht auf Unternehmensgründung und das gleich Recht aller (!) auf Konkurs besteht, im Unterschied zu heute.

- die Gemeinwohlbilanz nichts anderes ist als die Weiterentwicklung und Zusammenführung von Leitbildern, Umweltberichten, Energiebilanzen, Verhaltenskodices und Qualitätsmanagement. Mit dem Unterschied, dass diejenigen, die nichts tun, daraus einen relativen Nachteil erleiden und mit ansteigenden Leistungen für Menschen, Gesellschaft und Umwelt die relativen Vorteile zunehmen.

- durch die verpflichtende Öffentlichkeit der Gemeinwohl-Bilanz eines der Fundamentalversprechen des Marktes - das auf vollständige und symmetrische Information - erstmals einigermaßen erfüllt wird.

- Zuviel Demokratie? Wie lautet Ihre Alternative? Ein Missverständnis ist: Sie müssen sich ja nicht überall demokratisch engagieren, sondern dürfen es dort tun, wo es sie hinzieht. Die einen werden bei der Energieversorgung mitbestimmen wollen, andere beim Wasser, wieder andere beim Geld: Arbeitsteilung statt Überforderung.

- 500 Unternehmen mit bis zu 1850 Beschäftigten aus 13 Staaten unterstützen das Modell - so schrecklich kann es nicht sein. Vielleicht lesen andere das Buch anders:
www.gemeinwohl-oekonomie.org/

Um Sachargumente statt Wertungen wäre ich dankbar.

CF

0 0

Re: Was steht im Buch?

Lieber Christian Felber,

ich bin dafür, daß man die existierende Kapitalverwertungsgesellschaft (Marktwirtschaft würde ich das derzeitige System des Casinokapitalismus nicht nennen) kritisch beleuchtet. Es liegt auf der Hand, daß ewiges quantitatives Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht funktionieren kann.
Auf dem wenigen zur Verfügung stehenden Platz habe ich einige Sachargumente gebracht. Gleichzeitig glaube ich, daß man solche Vorschläge werten muß. Und das habe ich auf der Basis einiger Sachargumente und Hinweise auf die Geschichte solcher Modelle gemacht. Angesichts dieser geschichtlichen Erfahrung bin ich skeptisch gegenüber detaillierten Modellen.
Natürlich wären viele Ihrer Vorschläge sehr einfach umsetzbar (ob sie zielführend sind, läßt sich am Schreibtisch nicht beurteilen, aber mir reicht der große Feldversuch "Neoliberalismus", den wir gerade am eigenen Leib erleben). Das Problem: einfach ist es nur dann, wenn alle der gleichen Meinung über Zweck, Weg, Nutzen der Gemeinwohl-Ökonomie sind. Das ist aber nun wirklich eine utopische Annahme. Ein solches Modell läßt sich nur gegen den heftigen Widerstand einer massiven und starken Minderheit durchsetzen, einer Minderheit, die mit Sicherheit so gut wie alle Bevölkerungsschichten umfaßt. Neue Gesellschaftsformen entstehen aus dem Leben der Menschen, in der Negation, das ist schmerzhaft genug. Aber man sollte sich hüten, sie am Schreibtisch zu entwerfen.
Und ja: 1000 Leser, 1000 Lesarten. So soll es auch sein.

Antworten Antworten Raphae1
01.02.2012 18:06
1 0

Re: Re: Was steht im Buch?

Sie haben recht, dass sich Felber's Modell gegen eine starke Minderheit durchsetzen müsste. Allerdings umfasst diese Minderheit keinesfalls "so gut wie alle Bevölkerungsschichten", sondern besteht aus nur "einem Prozent" Vermögender in dieser Gesellschaft.

Politische Arbeit ist vorwiegend schriftlich, insofern natürlich ein Schreibtisch - eventuell reicht heute auch ein Notebook.

Gast: radius
25.01.2012 21:54
3 1

Herr Amon, ich bin sehr froh darüber, dass sogar

Nicht-Neoliberale den Unsinn der Gemeinwohl-Ökonomie erkennen. Hier kommt wohl der Erzrote im Hubertusmantel daher.

periskop
25.01.2012 15:10
0 0

Was soll "Quacksprech" sein? Quaken kenne ich, aber Quacken?


Gast: Gast543
25.01.2012 13:15
2 0

Marktwirtschaft

"Die Marktwirtschaft ist keine Erfindung des Menschen, sondern eine Entdeckung, das nachträgliche Erkennen einer Ordnung, die immer und überall spontan entsteht, wenn man sie nur entstehen lässt."

Roland Baader RIP (Freiheitsfunken/Aphoristische Impfungen)

Gast: Roksan
25.01.2012 13:12
3 2

neoliberaler schmarrn

amon scheint nicht wirklich gewillt, sich etwas anderes überlegen zu wollen, als das was da ist. das brett vorm kopf erscheint gewaltig.

3 1

Re: neoliberaler schmarrn

Ich weiß nicht, was an meiner Felber-Kritik neoliberal sein sollte. Wenn ich ein Brett vor dem Kopf habe, dann hat die Felber-Glaubensgemeinschaft einen ganzen Holztransporter vor dem Hirn, der sie daran hindert, die Parallelen zwischen Felbers Vorschlägen und diversen gescheiterten Realsozialismen zu sehen. Ich halte vom Neoliberalismus (der so "neo" gar nicht ist) wenig bis gar nichts, aber ich sehe nicht ein, warum ich deshalb gleich zu einer anderen Glaubensrichtung eilen sollte.

Sphinx
24.01.2012 22:12
4 5

Mißverstandenes Gemeinwohl

Zeugt die im Artikel von Ihnen vielzitierte Geschichte nicht auch von radikal anmutendenden Besserwissern, die sich in theoretischen Schlachten durch herabprasselnde Schlagwörter "über" Änderungsmodelle groß getan haben, Herr Amon? Und dann gleichzeitig von Diktatur und Gefahr reden?
Mir fehlt diese Erwähnung hier gänzlich und auch die äquivalente Aussage, durch die ein Weg aus der globalen Ausbeutungsmisere zu finden wäre. Haben Sie, Herr Amon, überhaupt Kenntnis darüber?
Das ist nämlich die Wirklichkeit; ebenso das sehr vielfältig gesehene und einem Gemeinwohl entsprechende "Mensch-Sein"- auch in der Wirtschaft - bei Ch.Felber.
Ich lese aus Ihrem Artikel hier nur eine abwertende, abschreckende Meinung,
untermauert mit je nach Bedarf zusammengesuchten Beispielen und Sachverstand mimenden Begriffen, um sich hier an den in Ihrem Kopf zerschlagenen Bemühungen um das Gemeinwohl zu weiden - oder gehört solch abfackelnde Provokation zu Ihrem Genre?

2 0

Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

"Was wir also heutzutage vermuten können über die Ordnung ... nach der bevorstehenden Wegfegung der kapitalistischen Produktion ist vorwiegend negativer Art, beschränkt sich meist auf das, was wegfällt. Was aber wird hinzukommen? Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlecht herangewachsen sein wird ... Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, daß sie tun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemeßne öffentliche Meinung über die Praxis jedes einzelnen selbst machen - Punktum."
Was Felber macht - und auch Sie von mir einfordern - ist nichts anderes als der Versuch, den "Zukünftigen" vorschreiben zu wollen, wie ihre Gesellschaft dereinst aussehen soll. Und darüber hat schon Friedrich Engels gespottet - von ihm ist nämlich das obige Zitat.

3 0

Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Herr Amon, sie halten tatsächlich Felber für so größenwahnsinnig, dass er sich einbildet, er könne künftigen Generationen etwas VORSCHREIBEN?!

Und Sie selbst halten das tatsächlich für möglich?! Das würde ich für doch leicht bedenklich halten...

Wie wäre es mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise? Felbers Ideen an sich beurteilen und nicht nur Analogien zum Kommunismus oder anderen negativ besetzten Schlagwörtern ziehen? Die Neuerungen in seinen Ideen suchen und schauen, ob sie in Kombination mit alten, nicht funktionierenden Systemen nicht doch funktionieren können?

Ansonsten bleibt ihr Artikel nämlich nur ein schwacher Versuch, Ihre Ad-Hominem-Attacken zu rationalisieren...

Antworten Antworten Sphinx
26.01.2012 00:17
2 0

Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Ich möchte noch daran erinnern, dass wir in einer noch schnell-lebigeren und sich rascher verändernden Zeit leben, sodaß keiner eigentlich so recht wissen kann, was z.B. in 15 Jahren passiert – so verstehe ich auch Christian Felbers Ansätze als Lösungsvorschläge, die sicherlich durch sachliche Debatten darüber zielführend zum Wohle des überwiegenden Teils Gemeinschaft verbessert werden könnten, denn einzig in der Wirtschaft u. Finanzwirtschaft werden noch immer Prognosen erstellt, deren eindeutige Umsetzung in der Gegenwart erwartet und getan werden. Sanft ausgedrückt: nicht immer zum Wohle aller Beteiligten. Daher empfehle ich Ihnen, das Buch von Herrn Felber nochmals auf diesen Gemeinwohl-Wert hin zu lesen und sich äquivalent, menschenwürdig und fair daran zu beteiligen, falls Sie dazu etwas Eigenständiges und Weiterbringendes beitragen können.

Antworten Antworten Sphinx
26.01.2012 00:11
1 0

Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Wenn wir in diesen von F.Engels Erörterungen lesen, muss auch der Bezug zur Scheidung hergestellt werden, die hier als "Wohltat" für die Individuen und die Gesellschaft bezeichnet wird, sobald ökonomische Rücksichten für die Aufrechterhaltung einer Ehe keine Rolle mehr spielen oder sich eine, wenn vorhanden gewesene, Liebe ausgelebt hat. Es handelt sich also bei diesen hier zitierten Zeilen um die Praxis der Ehe (so gesehen meist in vermögenden Kreisen) – in weiterer Folge um die der Familie – deren Fortbestand er in Zukunft in anderer als der sich ihm erschlossenen tradierten Weise sieht. Wobei er die zukünftige Entwicklungsform offen lässt. Vielleicht können wir ihm als eine der inzwischen nachgekommenen Generationen darauf schon eher eine Antwort geben – es gibt schließlich inzwischen auch eingetragene Partnerschaften, aber ich glaube nicht, dass Engels soo weit vorgedacht hat.

Spott sehe ich in diesen Zeilen keinen. Jedenfalls kann ich mich bei Ihnen, Herr Amon, sozusagen bedanken, dass sie mir Anlass gaben, mal wieder in diesen Schriften von Marx bzw. Engels gelesen zu haben. Beachtlich, wie da die Veränderung einiger sehr starr gewesenen Entwicklungen vorausgesehen wurde.


Antworten Antworten Sphinx
26.01.2012 00:09
0 0

Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Warum zitieren Sie hier eine Erörterung Engels im Zusammenhang mit der Monogamie und zukünftigen Familienstrukturen, wo er die Vorherrschaft des Mannes (damals...?) in der Ehe als Folge seiner ökonomischen Vorherrschaft in Zukunft fallen sieht.

Siehe: Friedrich Engels – „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ in: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke. Band 21, II Die Familie, S.36-38

"Was wir also heutzutage vermuten können über die Ordnung der Geschlechtsverhältnisse nach der bevorstehenden Wegfegung der kapitalistischen Produktion ist vorwiegend negativer Art, beschränkt sich meist auf das, was wegfällt. Was aber wird hinzukommen? Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlecht herangewachsen sein wird: ein Geschlecht von Männern, die nie in ihrem Leben in den Fall gekommen sind, für Geld oder andre soziale Machtmittel die Preisgebung einer Frau zu erkaufen, und von Frauen, die nie in den Fall gekommen sind, weder aus irgendwelchen andern Rücksichten als wirklicher Liebe sich einem Mann hinzugeben, noch dem Geliebten die Hingabe zu verweigern aus Furcht vor den ökonomischen Folgen. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, daß sie tun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemeßne öffentliche Meinung über die Praxis jedes einzelnen selbst machen - Punktum."


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Re: Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Weil es wie immer bei Engels um mehr geht. Er verpackt in diesem Buch seine ganze Theorie über das Absterben des Staates. Und er lehnt es ab, zukünftigen Generationen irgendein Modell vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Und zu behaupten, daß Engels das hier wirklich nur für das Privatleben meint, wäre lächerlich und kindisch. Dazu war der Mann viel zu politisch. Daß das Private politisch ist, das wußte er schon ein Weilchen vor den 1968ern. Äußerungen, wie die zitierte, sind bei Engels immer als Statement zu verstehen, das weit über das Private hinausweisend eine allgemein politische Ansage darstellt. Und rein logisch: warum sollte jemand, der es unter Hinweis auf die zukünftigen Menschen und ihre Freiheit ablehnt, ein konkretes Familienmodell zu entwerfen, sich dazu hergeben, diesen Menschen ein detailliertes Gesellschaftsmodell vorzugeben? Engels hat sich im Kern immer auf den Hinweis "einer freien Assoziation freier Bürger" zurückgezogen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Sphinx
26.01.2012 18:09
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Re: Re: Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Bei der Gemeinwohl-Ökonomie geht es nicht um Vorschriften.
„Freie Assoziationen freier Bürger“ sollten dennoch in einem Zusammenhang stehen und für andere nachvollziehbar sein, ohne diese vorher dahingehend manipuliert zu haben. Ich wäre da eher für eine freie Erkenntnis im Bereich des Möglichen – und nicht nur auf den, mir mit ehrenvollen Pflichten bestückt erscheinenden, Begriff „Bürger“ gemünzt.
Es ist bestimmt auch sinnvoll, die Zeilen Engels zu lesen, wie sie gesamt hingestellt wurden, dabei transportierte Emotionen in den Griff zu bekommen und nicht mit den eigenen zu vermischen. Texte also in ihrem konkreten Zusammenhang zu lesen, und keine vorgefertigte, vorgegebene Bewertung durch die Übernahme modellhafter Beurteilungen darüberzustülpen oder Teile davon aus einem vom Autor so gewollten Zusammenhang zu nehmen. Es muss auch nicht durchwegs immer so sein, dass man auf sich stellende Fragen gleich alleinig und selbst eine Antwort parat hat.
Noch anzumerken wäre, dass es in der Zeit, in der Engels seine Schriften verfasste, im Vergleich zu heute andere zeitgenössische Umstände und politische Neuerungen bzw. Restaurationen gab. Hier ins Details zu gehen, wäre zu umfangreich und müsste wohl beim Thema „Staat“ auch bis zu Philosphen der Antike zurückgehen, die damals schon Interessantes zu sagen wussten. Auch wissen andere darüber mehr als ich. Besser, im Hier und Jetzt zu bleiben.

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Re: Re: Re: Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Sie schreiben: "Bei der Gemein-Wohl-Ökonomie geht es nicht um Vorschriften."
Mit Verlaub: das Buch ist einzige, riesige Sammlung von Vorschriften und eine indirekte Anleitung zum Bürokratieaufbau, denn nur massive Bürokratie kann die Unzahl von Gremien und ihre Entscheidungen verwalten und umsetzen.

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26.01.2012 22:11
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Re: Re: Re: Re: Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Wenn sich die Bürokratie, wie wir sie alle kennen und diese täglich, meist geplagt damit, erleben, so noch zusätzlich ausbauen würde, wäre ich die erste, die sich mit Grauen ihrer hier überdimensioniert dargestellten Schilderung, die Widerstand dagegen erzeugt, mit der Hoffnung anschließen würde, dass dies nicht passiert.
Ich denke aber, Sie machen sich zu viele Gedanken um das äußere Gerüst, beziehen aber nicht die sich einer Veränderung unterliegenden Inhalte mit ein. Also, so schlimm wird es mit der Gemeinwohl-Ökonomie schon nicht werden. :-)

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Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Felber beschreibt aber extrem ausführlich und detailliert genau dieses Gerüst. Für mich ist das eine Anleitung zum Bürokratieaufbau (neben den vielen anderen Problemen, die ich sehe). Während des Lesens habe ich mir oft gedacht: Leute, genießt den Kapitalismus, die Gemeinwohl-Wirtschaft wird hart. ;-)

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27.01.2012 14:35
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Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Da wage ich zu bezweifeln, daß Sie verstehen, worüber Sie reden.

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Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Mißverstandenes Gemeinwohl

Wenn Argumente nicht mehr helfen ...
Mit Ihrem Zweifel kann ich leben, aber Sie sollten vielleicht ein wenig von dieser Skepsis auch dem Felber-Werk angedeihen lassen. Aber wie das halt so ist bei Glaubensgemeinschaften und Glaubenswahrheiten ...

Gast: Christian Ruether
24.01.2012 21:12
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pauschale Verurteilung

Ich oute mich gleich mal als Gemeinwohl-Ökonomie Aktivist und finde leider in der Besprechung von Herrn Amon kaum konkrete Zitate/ Hinweise auf den Inhalt.
Der Großteil sind pauschale Verurteilungen und ich finde da wenig sachliche Auseinandersetzung. Das ist schade.
Mir persönlich taugt das Modell sehr und ich würde mir wünschen, dass die Unternehmen dem Gemeinwohl dienen und bestimmte Werte wie Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, Menschenwürde, demokratische Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit leben würden.
Ende Februar erscheint eine Neuauflage, bitte lest es einfach und diskutiert sachlich darüber. Es ist eine alternative Sichtweise, die für mich fundiert und gut durchdacht ist. Und ich würde gerne andere alternative Sichtweisen lesen und besprechen.
Konstruktive Kritik ist gern willkommen - Herr Amon, was ist ihre Alternative zum derzeitigen System!


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Re: pauschale Verurteilung

Ich bin mit Hayek so gut wie niw einer Meinung. Aber in Winem liegt er richtig, wie die Geschichte zeigt: wer neue Gesellschaftsmodelle am Schreibtisch entwirft, geht in die Irre. Der Grundirrtum von Felber besteht darin, zu glauben, man könne sich unter 10 Millarden Menschen darauf einigen, was unter Gemeinwohl zu verstrehen sei. Oder man könne zumindest mit demokratischen Mehrheiten festlegen, was das ist. Eine der großen Erkenntnisse der Sozialdemokratie war es, daß man auch mit 51 % nicht den Sozialismus einführen kann (was immer das ist, wie immer der aussehen sollte), weil das die Rechte der 49 % nachhaltig beschädigen würde. Demokratie bedeutet ja nicht "The winner takes it all!", sondern heißt Kompromisse finden. Das Felber'sche Modell ist nicht kompromißfähig, weil es nur funktioniert, wenn alle Menschen auf dieser Welt das "Gemeinwohl" im selben Sinne interpretieren wie er. Und das ist auszuschließen.
Marx hat übrigens kein "Sozialismusmodell" entworfen, sondern nur ein paar Ideen skizziert (die sich großteils als falsch erwiesen haben). Aber sein Hauptwerk hieß ursprünglich "Zur Kritik der Politischen Ökonomie". Aus der Kritik kann sehr wohl Neues erwachsen, ohne daß man gleich am Millimeterpapier exakte Modelle entwirft. Ein paar Vorschläge, in welche Richtung man diskutieren könnte, finden sich in meinem Buch "Nach dem Wohlstand". Es ist übrigens in Anlehnung an Hayeks Sozialismuswidmung den "Neoliberalen in allen Parteien" gewidmet.

 
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Hinweis

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