Als Caritas sind wir an den Brennpunkten der Gesellschaft tätig. Und wir sehen dort Tag für Tag: Bildungsarmut geht oft mit materieller und in der Folge mit seelischer Not einher. Zugleich werden Bildung und Bildungsarmut vielfach vererbt: Nur 15 von hundert Kindern aus bildungsfernen Schichten wechseln nach der Volksschule in ein Gymnasium, bei Kindern von AkademikerInnen sind es 65. Manche Kinder beginnen den Bildungswettlauf hundert Meter hinter der Startlinie.
Wir wünschen uns ein Bildungssystem, das die Qualitäten und Talente aller jungen Menschen erkennt, fördert und fordert. Bildung braucht faire, gleiche Chancen. Gute Bildung ist ein Menschen- und ein Kinderrecht. Es muss dabei Chancengerechtigkeit geben. Und das heißt: Jeder Mensch soll von Anfang an dabei unterstützt und gefördert werden, Begeisterung am Lernen zu finden. Lernen begleitet das Leben von Anfang an. Richtig verstandene Bildung zielt immer auch auf Gesellschaftsveränderung ab, stellt Machtstrukturen infrage und befähigt zum Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft. In einer breiten Allianz fordern wir im Rahmen der neuen Bildungsplattform „Zukunft.Bildung“ Kindergärten und Schulen, die alle Potenziale und Begabungen erkennen, entwickeln und die eine individuelle Förderung und Forderung möglich machen.
Und hier kommt gerade dem Elementarbereich entscheidende Bedeutung zu. Denn er legt ein Fundament für erfolgreiches, gelingendes Lernen und für den Ausstieg aus der Armutsspirale.
Die aktuelle Bildungsdiskussion fokussiert stark auf Mittel- und Oberstufe. Dabei wäre eine Reform im Bereich Kindergarten und Volksschule für gerechtere Chancen vorrangig. Dorthin gehört der Fokus der öffentlichen Debatte! Das heißt auch: heraus aus dem ideologischen Streit und eine klare, entschiedene Orientierung am einzelnen Kind und Jugendlichen mit seinen oder ihren Stärken. Mit einem Beispiel: Wenn ein Schüler in der Oberstufe in Geografie schwach ist, wird er wohl kein Geograf werden. Mangelt es jedoch an der entsprechenden Vermittlung im elementaren Bereich, fehlt eine wesentliche Basis für die Zukunft. Sollten wir nicht Wertigkeiten und Anerkennung auf den Kopf, oder besser die Füße stellen? Zentrale Wertschätzung für Kindergartenpädagoginnen und Volksschullehrer – von denen viele heute schon Großartiges leisten, aber oft unter schwierigsten Rahmenbedingungen und mit beschämenden Gehältern!
Eine aufgeheizte Bildungsdebatte, die sich an Begrifflichkeiten wie dem Für und Wider der Gesamtschule aufhängt, sehe ich als ideologische Sackgasse.
Was wirklich zählt, sind die Interessen der Kinder. Jedes Kind hat das Recht auf beste Bildung, auf Entfaltung der individuellen Talente. Mit Markus Hengstschläger: Es geht darum, Stärken zu stärken, bei den Begabungen, nicht den Defiziten anzusetzen. Und dann vom Reden endlich zum Tun zu gelangen, denn es mangelt nicht an Ideen, aber an der Bereitschaft, diese umzusetzen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2012)















