25.05.2012 19:09 | Meine Presse Merkliste 0

Die rechtsmoralische Lähmung

GEORG VETTER (Die Presse)

Von der Bawag über Meinl European Land bis zur Telekom: Vieles läuft im Schatten einer Justiz ab, die pflichtgemäß ihre Arbeit erledigt.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Krisen sind immer Zeiten großer Umwälzungen. Dies gilt auch für die sogenannte Finanzkrise, in der Geldmengen ungewohnten Ausmaßes verschoben werden. Manchmal finden derartige Verschiebungen auch im Schatten einer Justiz statt, die pflichtgemäß ihre Arbeit erledigt.

Nehmen wir als erstes Beispiel das Verfahren um die Bawag. Nach jahrelanger juristischer Aufarbeitung – die noch immer nicht abgeschlossen ist – gehört die frühere Gewerkschaftsbank nunmehr einem amerikanischen Fonds, den die seinerzeitigen ÖGB-Eigentümer zu anderen Zeiten wohl als Heuschrecke bezeichnet hätten.

Ähnlich ging es Meinl European Land – einer Gesellschaft, die im Zuge des Strafverfahrens gegen ihren Namensgeber ebenfalls in ausländische Hände geriet. Das Strafverfahren, das mittlerweile vier Jahre dauert, ist offensichtlich von einem juristischen Ergebnis weit entfernt. Die ökonomischen Tatsachen haben sich allerdings stark verändert.

Besonders pikant erscheint die Affäre um die österreichische Telekom. Während diese Gesellschaft lange als stabiles Unternehmen mit einer ÖIAG-Kernbeteiligung galt, erscheint nunmehr die Übernahme durch einen x-beliebigen Akteur als wahrscheinlichste Variante. Ein österreichischer Investor sammelt in aller Offenheit Aktien ein, erhebt den Anspruch, seine Vertrauensleute in Position zu bringen und verlangt bereits eine Korrektur der Dividendenpolitik.

 

Desinteressierte Öffentlichkeit

Mit anderen Worten: Er bereitet den großen Schnitt vor. Er braucht dabei das Unternehmen gar nicht selbst sturmreif zu schießen – das besorgen die öffentliche Diskussion, die Staatsanwaltschaft und das Parlament, denen jede Instrumentalisierung als Hirngespinst erscheinen wird.

Während in den erstgenannten Fällen der Eigentümerwechsel hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wurde, vollzieht sich die Übernahme der Telekom vor den Augen einer offensichtlich desinteressierten Öffentlichkeit. Widerstand gibt es nicht. Die, die dazu fähig wären, fürchten den Makel, in die Nähe von Korruption gerückt zu werden. Die Politik ist mit sich selbst beschäftigt, und die ÖIAG schaut in ihrem Selbstreinigungsprozess nach hinten.

Im Ergebnis führt die Lust an der tiefgreifenden Analyse zur wirtschaftspolitischen Indifferenz. Der Wille ist gebrochen, Wunden werden geleckt, Gleichgültigkeit regiert. Gerechtigkeit wird hochgehalten, auch wenn die Welt daran zugrunde geht. Fiat iustitia et pereat mundus.

Nur wenige sind der Ansicht, dass wir uns in einem großen Wirtschaftskrieg befinden, in dem wir durch rechtsmoralische Lähmung die Zukunft verspielen. Wenn sich die Folgen lang gezogener Ermittlungstätigkeiten für den Wirtschaftsstandort Österreich langfristig als schädlicher erweisen als die mutmaßlichen Korruptionsfälle selbst, dürften wir etwas falsch machen. Werden wir uns von der nächsten Generation, der wir den größten Schuldenberg der Geschichte hinterlassen, den Vorwurf der Naivität und Selbstgerechtigkeit gefallen lassen müssen?

Dr. Georg Vetter ist Rechtsanwalt in Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

3 Kommentare
Gast: 1. Parteiloser
02.02.2012 19:26
1 1

Eine unglaublich weltfremde Betrachtung!

Das Bawag Verfahren dazu verwenden um eine gute Arbeit der Justiz zu begründen, das ist doch eine Verhöhnung aller Österreicher. Das Verfahren muss, nach sehr vielen Jahren, wieder neu aufgerollt werden. Heute sitzt auch keiner der Verbr.echer ein. Der Flöttl wird wohl bis an sein Ableben auf die Inhaftierung warten müssen. Das Bawag Verfahren ist doch ein gutes Beispiel für das Totalversagen der Justiz.

Das gleiche Totalversagen der Justiz kann bei der Buwog Affäre beobachtet werden, bei der HGAA Affäre (der Staatsanwalt hat so schlecht gearbeitet, dass der Richter freisprechen musste).

Das Versagen der ÖIAG würde dringend einer Handlung der Justiz brauchen. Da wird, mit Ausnahme der OMV, laufend massiv an Eigenkapital abgebaut, die Unternehmen einfach nur ausgeraubt. Sogar bei den komischen Schlaff Geschäften wurde die Justiz nicht aktiv.

Dazu noch Flughafen Wien, Strasser, NÖ Wohnbaugelder, Privatstiftung Wien, etc. etc.

Wenn man von einem jährlichen Korruptionsschaden wie TI ausgeht, dann geht es um 3.000 bis 6.000 Mio. Euro pro Jahr. Nicht 1% der Korrupten werden gefangen und nicht 1% der Gelder gefunden.

Das liegt sicher nicht an der Gleichgültigkeit der Bevölkerung, das liegt am Totalversagen der Pragmatisierten, welche die Aufgabe auch nicht im Ansatz erfüllen.

Die Darstellung des Dr. Vetter entspricht doch eher einem Marketingmanager oder einem Spin Doctor, nicht aber einem hochgebildeten Menschen im Bereich Recht.

Antworten Gast: luzifer
03.02.2012 02:37
1 1

Re: Eine unglaublich weltfremde Betrachtung!

Weltfremd sind wohl Sie, weil Sie die taktischen Spielchen der Grünen (die übrigens Jörg Haider erfunden und damit den Unwillen von Vranitzky erregt hat) nicht durchschauen!! Oder glauben Sie, die Staatsanwaltschaft würde so lange ermitteln, wenn "die Suppe nicht gar so dünn" wäre? Die trauen sich einfach nicht einzustellen, weil sie den Wutschrei der Grünen und der Medien, die um ihre zugkräftigsten Themen gebracht würden, fürchten!

Dr. Vetter war mit seiner Meinung für meinen Geschmack ohnehin sehr zahm!

Antworten Antworten Gast: 1. Parteiloser
03.02.2012 08:38
0 1

Re: Re: Eine unglaublich weltfremde Betrachtung!

Wenn man sich das Strasser Video anschaut, auch die Vorgänge bei der Übernahme der MAV Cargo, oder auch die Korruptionsberichte von TI betrachtet, dann geht es nicht ums Einstellen als Fehler, das geht es nur um fehlenden Inhaftierungen.

Die Totalversager bei der Justiz schaffen es ja nicht einmal die rechtsgültig verurteilten Verbr.echer(passiert selten genug!) in Haft zu nehmen. Der Kosum Gerharter sitzt noch immer nicht, die Herberstein auch nicht!

Die Suppen sind nicht dünn und können gar nicht dünn sein. Das, weil es einen jährlichen Korruptionsschaden zwischen 3.000 und 6.000 Mio. Euro gibt.

Ich würde auch meinen, dass die Inseratenaffäre eindeutig ein korrupter Vorgang war und eine sofortige Inhaftierung nach sich ziehen hätte müssen. Leider ist aber die Gesetzgebung schon sehr schwach, weil solche Geschäfte ja nicht eindeutig als Korruption definiert werden.

Es ist doch höchste Zeit zum Aufräumen mit dem Misthaufen der Parteibonzen, die Farbe darf keine Rolle spielen. Wenn es die Justiz nicht schafft und auch die Parteikorrupten nicht zur Besinnung kommen, dann wird es zur Reinigung / Heilung der Gesellschaft wohl Volkstribunale brauchen.

Nicht einstellen nur noch Inhaftieren.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News