25.05.2012 19:10 | Meine Presse Merkliste 0

Warum eine Steuer auf Finanztransaktionen sinnvoll ist

ALGIRDAS ŠEMETA (Die Presse)

Wenn der einfache Bürger höhere Steuern zahlen muss, darf man erwarten, dass auch der Finanzsektor seinen Teil beiträgt.

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Die europäische Finanztransaktionssteuer kommt ihrer Verwirklichung Stück für Stück näher. Bei vielen Aspekten des Kommissionsvorschlags gibt es bereits Konsens. Gleichzeitig hat sich unter den Bürgern massive Unterstützung aufgebaut. Ihnen ist klar, was diese Steuer bringen kann: eine gerechtere Verteilung der Steuerlast, einen stabileren Finanzsektor und erhebliche zusätzliche Einnahmen.

Je näher wir aber der Verwirklichung der Finanztransaktionssteuer kommen, desto schriller wird die Rhetorik der Gegner. Sie verdrehen die von der Kommission vorgelegten Zahlen, schüren Ängste bezüglich der Folgen für Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit. Es ist höchste Zeit, mit einigen Mythen, die sich um unseren Vorschlag ranken, aufzuräumen.
•Erstens: Die Finanztransaktionssteuer wird in der EU weder Wachstum noch Wettbewerbsfähigkeit schädigen, noch zu Beschäftigungsverlusten führen. Die Kosten der Finanztransaktionssteuer sind gering und angesichts der enormen Unterstützung, die der Finanzsektor in den vergangenen Jahren erhalten hat, völlig legitim. Zudem müssen die Kosten mit positiven Effekten durch Einnahmen aus der Steuer verrechnet werden.

 

Positive Auswirkungen

Wenn die voraussichtlich 57 Milliarden Euro jährlich zur Konsolidierung der nationalen Haushalte, zur Senkung anderer Steuern oder zur Investition in öffentliche Dienste und Infrastrukturen verwendet werden, nehme ich stark an, dass sich die Finanztransaktionssteuer positiv auf Wachstum und Beschäftigung auswirken wird.
•Zweitens: Der einfache Bürger und das einfache Unternehmen werden nicht die Hauptlast der Steuer zu tragen haben. Ihre Finanztätigkeiten fallen nicht in den Anwendungsbereich der Steuer. Von den betroffenen Umsätzen werden 85 Prozent ausschließlich zwischen Finanzinstituten abgewickelt. Sollte der Finanzsektor, auf den die Steuer abzielt, einen Teil der Kosten auf seine Kunden abwälzen, dürfte auch das nicht unverhältnismäßig sein. Wer etwa für 10.000 Euro Aktien kauft, wird sich zehn Euro Steuern auf diese Transaktion wohl leisten können.

 

Massenflucht der Finanzmärkte?

•Schließlich haben jene, die behaupten, dass die Finanztransaktionssteuer zu einer Massenflucht der Finanzmärkte aus Europa führen werde, den Kommissionsvorschlag entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Um dies zu verhindern, enthält der Vorschlag Maßnahmen zur Risikominderung: den niedrigen Steuersatz, die breite Bemessungsgrundlage und das „Ansässigkeitsprinzip“. Wenn Finanzunternehmer die Finanztransaktionssteuer vermeiden wollen, müssen sie auf ihre europäischen Kunden verzichten.

Wer gegen die Finanztransaktionssteuer ist, muss sich zudem die Frage gefallen lassen, welche Alternativen es gibt. Viele Mitgliedstaaten erreichen die Grenze dessen, was an Sparmaßnahmen zumutbar ist. Sollte diese geringfügige Steuer zulasten des Finanzsektors für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit wirklich schlimmer sein als eine weitere Erhöhung der Einkommen- und Körperschaftsteuer oder tiefere Einschnitte bei öffentlichen Ausgaben? Wenn der einfache Bürger höhere Steuern auf Löhne, Lebensmittel und Kraftstoff hinnehmen muss, kann man dann nicht erwarten, dass auch der Finanzsektor seinen Teil beiträgt?

Die Finanztransaktionssteuer eröffnet die Möglichkeit, eine bedeutende zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen und die Steuerlast neu auszutarieren – sodass diese von jenen getragen wird, die es sich leisten können.

Algirdas Šemeta, Mitglied der Europäischen Kommission für Steuern und Zollunion, Audit und Betrugsbekämpfung


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2012)

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5 Kommentare
Gast: Heinz1
06.03.2012 04:29
0 0

Gegenvorschläge

Hallo mitnand.
Alle einer Meinung soweit ich sehe....
Eure Argumente klingen stark motiviert, zum inhaltlichen habe ich noch Fragen:
Wie würde das der reiche Steuerflüchtige denn genau machen? Das läuft ja heute nicht mehr mit Banknoten und Koffern und so - oder ?
Und wie ist Eure Kritik an dem Artikel jetzt einzuordnen - seid Ihr grundsätzlich gegen die Steuer (wenn ja, warum "grundsätzlich" dagegen?) oder denkt Ihr, dass der eingeschlagene Weg nicht funktioniert und das anders angegangen werden muss?
Mit freundlichen Grüßen,
Heinz Posch

periskop
03.02.2012 17:50
1 0

Der glaubt offenbar an eine Fata Morgana!

Die meisten großen Player haben ihren Sitz gar nicht in der EU und für die hiesigen kann es doch kein Problem sein, ihre Transaktionen über eine außereuropäische Tochtergesellschaft abzuwickeln.
Dran glauben wird wieder der kleine Mann, der es mit ein paar Aktien versuchen will. Da werden aber niemals 57 Milliarden zusammenkommen, sondern höchstens ein paar Millionen!

gms_
03.02.2012 11:24
3 0

Re.: "Ansässigkeitsprinzip"


Ach?! Und London, Singapur, Hong Kong und New York werden ganz gewiß, weil Šemeta das so haben will, hinter jeder Transaktion die "Ansässigkeit" ermitteln, die Steuer einheben und artig nach Europa überweisen.

Ebenso glaubt Šemeta, all die europäischen Finanzhäuser, die derzeit schon ihren Handel in Töchtern außerhalb Europas betreiben, würden gewiß diese Verlagerung ins Ausland nicht weiter forcieren.

Drittens wird gewiß, weil der Glaube doch Berge versetzt, der Handel mit europäischen Staatsanleihen, die von Investoren insbesondere aufgrund ihrer Handelbarkeit mit geringen Aufschlägen beim Umschichten gezeichnet werden, nicht reduziert werden und der Schuldenkrise damit auch kein weiteres Hemmnis auferlegt.

Grenzenlose (pardon the pun) Naivität scheint mitterdings Vorraussetzung zu sein, um in der Kommission reüssieren zu können. Zur Gepflogenheiteit, das europäische Volk zu betrügen, kommt nun noch verschärfter Selbstbetrug hinzu.

Gast: logiker
03.02.2012 10:48
1 0

Finanztransaktionssteuer

womit wieder sehr eindrucksvoll bewiesen ist, dass diese EUDSSR nur ein Hort Kommunisten ist und die linke Reichenhetze betreiben. Sparen und ihre aufgeblähten unnützen Quatschbuden zu reduzieren, hat in diesen Köpfen keinen Platz.

AOttitsch
03.02.2012 10:13
2 0

Hier stellt sich einer "einfältiger" als er wohl wirklich ist.

"Wenn die voraussichtlich 57 Milliarden Euro jährlich zur Konsolidierung der nationalen Haushalte, zur Senkung anderer Steuern oder zur Investition in öffentliche Dienste und Infrastrukturen verwendet werden...."

Wenn der wenn net wär...

Man kann - leider - getrost davon ausgehen, dass diese Annahme unberechtigt ist, womit sich der Rest des Artikels erübrigt. Die Einführung der Finanztransaktionssteuer wird zur Kürzung keiner einzigen anderen Steuer führen, inbesondere, da die Finanztranaktionssteuer primär als Finazierungsquelle für das EU-Budget und NICHT für nationale Budgets angedacht ist.

Ausserdem gibt der EU-Beamte vor, nicht zu durchblicken, dass "der Finanzsektor" nicht auf dieser Steuer wird sitzen bleiben wollen. Auf die eine oder andere Weise wird schlussendlich im Artikel zitierte "der einfache Bürger" (alleine die Verwendung dieses Ausdrucks, zeigt, dass sich der Autor dieser Gruppe nicht zugehörig fühlt), bezahlen.


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