25.05.2012 19:11 | Meine Presse Merkliste 0

Die unsinkbare Titanic und der Luxusdampfer Europa

ANDREAS SCHINDL (Die Presse)

Wie schon vor 100 Jahren: mit zu hohem Tempo in unsicheren Gewässern unterwegs und nur zögerlich anlaufende Rettungsmaßnahmen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Gründe für den sich in wenigen Wochen zum 100. Mal jährenden Untergang der als unsinkbar geltenden Titanic sind dieselben wie für die seit drei Jahren herrschende Finanzkrise: zu hohes Tempo in unsicheren Gewässern und zu zögerliche Rettungsmaßnahmen.

Am 14.April 1912 war die Titanic trotz mehrerer Warnungen vor einem riesigen Eisfeld mit voller Kraft unterwegs. Ein Grund für die zu hohe Geschwindigkeit dürfte der Wunsch des an Bord befindlichen Geschäftsführers der White Star Line gewesen sein, den Zielhafen New York aus Prestigegründen einen Tag früher als geplant zu erreichen. Kapitän Smith, dem aufgrund von Kommunikationsmängeln auch nicht alle Eisbergwarnungen bekannt waren, hatte sich also wirtschaftlichen Einflüssen untergeordnet.

Ähnliche Gegebenheiten herrschten in den USA und Europa vor dem 15.September 2008, als Lehmann Brothers mit dem Eisberg der Subprime-Krise kollidierte. Bereits ab 2006 hatte sich das Wirtschaftswachstum in den USA abgeschwächt. Trotzdem setzen die amerikanischen Banken weiter auf Turbowachstum und finanzierten auch finanzschwachen Kunden ihre Häuser.

Diese faulen Kredite packten sie dann in Geschenkpapier ein und verkauften sie als todsichere Finanzprodukte europäischen Finanzinstituten. Diese kauften die Mogelpackungen gern, weil sie sich davon noch schneller noch höhere Gewinne versprachen.

 

Zu wenige Rettungsboote

Durch das Ausweichmanöver schrammte die Titanic den riesigen Eisberg. Dadurch entstanden Lecks unterhalb der Wasserlinie, die zur Flutung von fünf wasserdichten Abteilungen führten. Obwohl der Mannschaft das Schadensausmaß schnell klar war, ging die Evakuierung zu langsam vor sich, weil das Schiff kaum Schräglage hatte. Was die Passagiere anfangs dazu veranlasste, auf dem ihnen sicher erscheinenden Schiff zu bleiben, statt in die Rettungsboote zu steigen. Außerdem spielte das Bordorchester weiter, um Panik zu vermeiden.

Prozentuell gesehen kamen vor allem die Heizer (100Prozent) sowie Männer aus der dritten (84Prozent) und aus der zweiten Klasse (92Prozent) ums Leben. Insgesamt gab es zu wenige Rettungsboote (ein Umstand, der allerdings damals gesetzeskonform war), und die Mannschaft war auch schlecht geschult.

 

Wer die Zeche zahlen wird

In Analogie dazu waren die meisten Banken und Staaten der westlichen Welt mit zu wenig Eigenkapital (Rettungsbooten) zu schnell in einem Eisfeld neokapitalistischen Ursprungs unterwegs. Die Kapitäne, sprich Politiker, hatten sich längst dem Diktat der Wirtschaft und der Finanzmärkte gebeugt und zeigen anlässlich des volllaufenden Schiffes nur zeitverzögert und halbherzig Führungskompetenz. Dazu kommt, dass die Bordorchester unserer Spaßgesellschaft mit einer Castingshow nach der anderen die Bevölkerung in Sicherheit wiegen.

Noch ist unklar, ob der Luxusdampfer Europa unter dem Druck des einströmenden Wassers schwimmfähig bleiben kann. Fest steht aber, dass die Zeche die kleinen Konsumenten (Heizer), die Passagiere der dritten Klasse (Migranten, schlecht Gebildete) und der Mittelstand (2.Klasse) zahlen werden. Zu ihnen kommt der Kuckuck, während sich die Brandstifter unter die Fittiche der Staatsadler retten werden.

Eine Verhinderung des Untergangs gelingt nur durch eine Wiederherstellung des Primats der Politik und deren rasches, solidarisches Handeln. Um künftig ähnliche Katastrophen zu verhindern, bedarf es ausreichender Sicherheitsmaßnahmen (genügend Eigenkapital) und einer nachhaltigen Kurskorrektur Richtung Nachhaltigkeit und Umverteilung.

Dr. Andreas Schindl, 42, arbeitet als Dermatologe in Wien. Er hat Medizin und Photobiologie in Wien und Italien studiert.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

3 Kommentare
Fritz
03.02.2012 19:29
1 0

umgekehrt !

"....sprich Politiker, hatten sich längst dem Diktat der Wirtschaft und der Finanzmärkte gebeugt"

Herr Doktor, es war wohl umgekehrt!
Die Politiker und die Wähler wollten mehr Geld ausgeben, als einnehmen!
Wer das tut, muss sich mit den Geschäftsbedingungen der Gläubiger arrangieren!

6 0

Werter Herr Schindl !!

Könnte es sein, dass die Bankster u. "übersoziale", aber ökonomisch halbgebildete Politiker Geistesverwandte sind ??

Die einen gieren nach Profit, die anderen nach Wiederwahl !

"Es gibt kaum eine Fehlentwicklung, die sich nicht auf staatlichen Einfluss rückführen lässt", mein A. F. von Hayek.

Somit brauchen wir einen STARKEN, SUPERSCHLANKEN STAAT (nicht einen IRRE aufgeblähten u. schwer überbezahlten Moloch mit vielen unnötigen Ebenen).


ADAXL
02.02.2012 19:10
3 0

Primat der Politik

Das Primat der Politik - ich kann nur lachen, wenn ich das höre!

Es waren die Politiker, die jahrelang Schulden gemacht haben (wenn auch unterstützt von dummen Wählern). Das Geld kommt eben nicht aus dem Bankomaten, und die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Was man ausgeben will, muss man vorher verdienen. Man kann gezielt Kredite für Investitionen aufnehmen, aber das Leben auf Pump geht nicht.

Bis das die Politik begreift, wird es z spät sein.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News