Kindertrainern, die lieber technische Feinheiten vermitteln würden, geht diese Frage oft auf die Nerven. Alle stellen sie, mit leuchtenden Augen und nach jedem geglückten Sprung: „Wia weit wor i?“ Der persönliche Rekord schreibt die Hierarchie im Verein in Landes- und Nationalkadern fest, ist der Trumpf im internen Vergleich. Die Weite ist von Anfang an das faszinierende Maß der Dinge. Die Trainer haben immer alle Hände voll zu tun, den Fokus der Adlerküken auf „Wichtigeres“ zu lenken. Mitten in der adrenalingetränkten Atmosphäre wird leicht übersehen, dass diese Rekorde selten unter vergleichbaren Bedingungen erzielt werden und wenig Brauchbares über Entwicklungsstand und Zukunft der Nachwuchssportler aussagen.
Planica, 15.März 1936: „Dann hoams den Oansar außaklappt!“ Mit gezielt gesetzten Worten ließ uns Sepp Bradl den historischen Moment und den heiligen Schauer, der das atemlose Warten nach seinem ersten Flug über die magischen 100 Meter beendete, nachempfinden. Auf der Anzeigentafel begann mit der improvisiert aufgemalten 1 auf dem Holzschild eine neue skifliegerische Zeitrechnung. Die starken Norweger hatten damals übrigens Startverbot vom eigenen Verband, weil zu Hause eine Schanze gebaut worden war, die den ersten Hunderter im Mutterland des Skispringens hätte sichern sollen.
Vermutlich war das auch die Geburtsstunde eines jahrzehntelangen, von der FIS nur verschämt geduldeten Wetteiferns um die größte Flugschanze der Welt. Die, im Parallelstil immer gefährlicher werdende Rekordjagd, wollte man Jahre später offiziell aber erfolglos beenden. Verschiedene Konstruktionslimits und die bizarre Idee des virtuellen „Einfrierens der Rekordmarke“ bei 191 Metern in den Achtzigerjahren machten die Unbelehrbaren erfinderisch.
Die Faszination des Rekordes wuchs ungehemmt und die Weitenjagd bekam den mystisch verbrämten Beigeschmack des Wilderns. Es kam vor, dass starke Vorspringer außerhalb des Wettkampfes „irrtümlich“ mit zu hoher Anlaufgeschwindigkeit runterbretterten und auf Weltrekordweiten flogen. Manchmal wurden diese Weiten sogar gestanden, von der FIS ignoriert, vom Umfeld aber frenetisch gefeiert und in inoffiziellen Listen genauso verbreitet wie jene 194 Meter des Polen Pjotr Fijas, der in der offiziellen Ergebnisliste nur mit 191 Metern aufscheinen durfte.
Übernächste Woche in Oberstdorf werden sich die Kurven der besten Flieger bei maximal 220 Meter mit dem Sprunghügel schneiden. Eine Woche später, bei der WM in Vikersund, vielleicht jenseits der Weltrekordweite von 246,5 Metern.
Professor Wolfram Müller aus Graz konnte schon vor zehn Jahren glaubhaft nachweisen, dass mit dem V-Stil, der das Skifliegen um Vieles langsamer und sicherer gemacht hatte, Flüge über 300 Meter prinzipiell möglich wären. Das Springer-Ski-System wird beim geglückten Sprung bei ca. 140 km/h geschwindigkeitsmäßig stabil und gleitet mit konstantem Winkel dem Hang entlang, bis es wieder flacher wird – und solange unterwegs nichts passiert.
Der Traum vom ersten 300 Meter-Flug brodelt seither – und von abenteuerlustigen Sponsoren beflügelt – subversiv und ununterbrochen in manchen Köpfen. Auf einer wilden Schanze, außerhalb offizieller Regularien, sollte das Abenteuer steigen. Ein klares Veto kam vom ÖSV und bremste in verantwortungsvoller Weise den Übermut seiner lizensierten Wettkämpfer ein.
Persönlich war ich heuer überrascht und erleichtert zugleich, Adam Malysz am Start der Dakar-Rallye zu entdecken. Erleichtert deshalb, weil er vom Profil her ein idealer Kandidat für den geheimnisumwitterten Versuch am Großglockner gewesen wäre und nach seinem Rücktritt keinen Verband um Erlaubnis fragen müsste.
Adam ist in Polen aber längst unsterblich. Eine Steigerung strebt er beruhigenderweise nicht an.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)















