25.05.2012 19:14 | Meine Presse Merkliste 0

Pflegebedürftige, Behinderte: Machen wir es ihnen leichter

MARTIN SCHENK (Die Presse)

Gastkommentar: Pflege, die Zukunft der Jugend und die Schnittstelle Gesundheit/Soziales stellen zentrale Herausforderungen der Sozialpolitik dar.

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Wir haben zu Jahresbeginn Pflegebedürftige, Engagierte in der Jugendarbeit und Menschen mit Behinderungen gefragt, was heuer auf sie zukommen könnte. Denn Fragen, die Pflegebedürftige, Jugendliche oder Behinderte angehen, sind nicht zweitrangig. Pflege, die Zukunft der Jugend und die Schnittstelle Soziales/Gesundheit stellen zentrale Herausforderungen der nächsten Jahre dar.

Heuer wird von Regierung und Bundesländern am Pflegefonds gearbeitet. Es geht um Dienstleistungen, die die bestehende Pflegelücke schließen und die Familien entlasten sollen: von Besuchsdiensten über Teilzeitbetreuung bis zur Übergangspflege, Tageszentren, betreutes Wohnen.

Das bringt Vorteile für alle: Sowohl volkswirtschaftlich, weil neue Jobs entstehen, sozialpolitisch, weil Lücken geschlossen werden, wie auch familienpolitisch, weil mehr soziale Dienstleistungen im Haushalt erfolgen, und Betreuung mit Beruf und Familie besser vereinbart werden kann. Es gibt eine Pflegelücke, es gibt aber auch Modelle, sie zu schließen. Was kommen soll: Wir brauchen ein Pflegenetz, das die Belastungen trägt.

 

Schnittstellen verbinden

Die verminderte Konjunktur wird die Arbeitsmarktchancen verschlechtern, besonders für Einsteiger. Das trifft Jugendliche. Und macht es für die, die es jetzt schon schwer haben, noch schwerer.

Notwendig wäre ein flächendeckender Ausbau von schulunterstützender Sozialarbeit und Maßnahmen an den Schnittstellen zwischen Schule und offener Jugendarbeit. Sinnvoll wäre ein Aktionsplan, der Bildungsministerium, Sozialministerium, Wirtschaftsministerium und Jugendagenden zusammenbringt.

Es geht darum, die Schnittstellen zwischen Schule, sozialer Arbeit und Ausbildung zu sichten und zu verbinden. Übrigens: In der österreichischen Jugendwohlfahrt wird noch immer mit neun unterschiedlichen Gesetzen, neun unterschiedlichen Qualitätsstandards und neun unterschiedlichen Kategorisierungen von sozialen Dienstleistungen gearbeitet. Eine Vereinheitlichung der Gesetzgebung ist überfällig.

 

Die wichtigen ersten Jahre

Was kommen muss: Mit assistierenden Technologien können Menschen mit Behinderungen einen Computer nutzen, einer Arbeit nachgehen und soziale Kontakte pflegen, also ein selbstbestimmtes Leben führen.

Rund 63.000Menschen mit Beeinträchtigungen der Lautsprache sind in ihrem Kommunikationsverhalten von ihren Angehörigen abhängig. Die Organisations- und Finanzierungswege, um entsprechende technische Hilfsmittel zu bekommen, sind langwierig, da unterschiedliche Stellen vom Bund über Länder und Sozialversicherungsträger zuständig sind. Ein Rechtsanspruch auf Geräte wie etwa eine Augensteuerung oder ein Computer mit größeren Tasten sowie angepasste Abläufe in der Inanspruchnahme könnten vielen Menschen mühsame Wege ersparen. Und es würde sichergestellt: Niemand ist sprachlos.

Das Vorschulalter bietet große Chancen, Kinder spielerisch und individuell zu fördern. Eine integrative Pädagogik ist in dieser Phase ein schützender und stärkender Faktor für das Selbstbewusstsein der Kinder. Ein guter Start in den ersten Jahren ist wichtig. Wenn das nicht klappt, geht es darum, Eltern so früh wie möglich umfassend bei der Aufgabe zu unterstützen, ihre Kinder gut und verlässlich zu versorgen und eine sichere wie liebevolle Bindung zu ihnen aufzubauen. Aus der Forschung wissen wir, wie wichtig für die Entwicklung des Kindes die Frühphase des Lebens ist.

Die Betreuung rund um die so wichtige Zeit von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett weist aber in Österreich deutliche Lücken auf. Besonders für Familien mit weniger Einkommen ist eine gute Begleitung oft nicht leistbar.

Was heuer endlich angegangen werden soll: Medizin- und Sozialsystem müssen besser integriert werden, die Trennung zwischen ärztlichem Cure-Bereich und sozial-pflegerischem Care-Sektor muss überwunden werden. Diese einander in Finanzierung und Organisation gegenüberstehenden Systeme verhindern gute integrierte Lösungen für alle. Das betrifft Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige und Frauen/Kinder rund um die Geburt.

 

Alltagsnahe Pflege

Beispiel Behinderung: Um eine alltagsnahe Pflege zu ermöglichen und die Hospitalisierung von Menschen mit schwersten Behinderungen zu vermeiden, braucht es pflegerische und soziale Kompetenzen in betreutem Wohnen. Das ist jetzt nicht möglich.

Beispiel Pflege: Wird im Krankenhaus noch auf hohem Niveau für uns gesorgt, sind wir/gelten wir als „austherapiert“, auf uns allein gestellt. Die pflegerische und soziale Betreuung ist unterfinanziert.

Rund um Schwangerschaft und Geburt ist es ähnlich: Die medizinische Betreuung ist ausreichend finanziert, anderes Gesundheitshandeln wie Hebammendienste oder Wochenbettpflege ist nicht abgedeckt. Folge ist, dass es diese Hilfen zu wenig gibt oder sie für Betroffene nicht leistbar sind.

Fast alles davon erfordert Strukturreformen. Vieles sind Investitionen mit hohem „return of investment“. Ein investierter Dollar bei frühen Hilfen beispielsweise entspricht einer Rendite von acht Dollar, hat Nobelpreisträger James Heckmann errechnet. Bei benachteiligten Kindern beträgt sie sogar 16 Dollar. Genug zu tun also.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Mag. Martin Schenk (*1970) studierte Psychologie an der Universität Wien. Er ist Sozialexperte der Diakonie Österreich, Mitinitiator der österreichischen Armutskonferenz und Lehrbeauftragter am Fachhochschul-Studiengang Sozialarbeit am Campus Wien. Aktuell erschienen: „Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut“ (Deuticke Verlag). [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)

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