Vor 23 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Seit neun Jahren sind Österreichs östliche Nachbarstaaten Mitglieder der EU, innerhalb der es freien Waren-, Dienstleistungs- und Personenverkehr gibt. Zuletzt war dies in der Donaumonarchie der Fall.
Eine gemeinsame Wirtschaft und Währungspolitik hatte unsere Vorfahren eng zusammenrücken lassen. Grenzen waren damals Binnengrenzen. Die Hauptstadt Wien lockte hunderttausende Menschen aus verschiedenen Teilen der Monarchie an.
Die Wirren des Ersten Weltkriegs und der Zerfall der Donaumonarchie verringerten den regen kulturellen Austausch zwischen den Ländern Mittel- und Osteuropas. Der Zweite Weltkrieg und die darauf folgende Teilung Europas versetzten der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit endgültig den Todesstoß. „Ein Eiserner Vorhang senkte sich von der Ostsee bis zur Adria herab“, stellte Winston Churchill 1946 warnend fest.
Verfehlte Verkehrspolitik
Durchzugsgegenden, in denen die Menschen vom Handel mit ihren Nachbarn lebten, fanden sich plötzlich am Ende der Welt wieder. Straßen wurden aufgelassen, Brücken abgerissen und Stacheldrahtzäune errichtet. Für knapp 40 Jahre gab es nahezu keinen Kontakt zwischen den Nachbarregionen.
Doch wo stehen wir heute nach dem Fall des Vorhangs und der (Re-)Integration der Nachbarn in eine gemeinsame Union?
Auf dem Papier leben wir in einem gemeinsamen Staat. Tschechen, Slowaken und Österreicher haben denselben (EU-)Pass, man kann arbeiten, wo man will und ohne Passkontrollen Grenzen passieren – eine Situation also ähnlich der vor 100 Jahren. Einem Zusammenwachsen Mitteleuropas steht eigentlich nichts im Weg – oder?
Leider ist das falsch gedacht. Häufig sind Grenzorte ideologisch weiter von ihren Nachbarn entfernt als weiter im Hinterland gelegene Gemeinden. Grenzüberschreitende Kontakte werden nur selten geknüpft. Woran liegt das?
Hauptverantwortlich für das äußerst schleppende Zusammenwachsen der Regionen ist eine verfehlte Verkehrspolitik. Zugegeben, in letzter Zeit wurden immer mehr Hauptverkehrsrouten errichtet. Ein gutes Beispiel ist die nagelneue Nordostautobahn nach Bratislava.
Diese neuen Verbindungen sind wichtig für den überregionalen Austausch von Waren, Informationen und Personen. Vielen Wienern wurde erst in den letzten Jahren die Nähe zu Bratislava bewusst. Dank neuer Straßen, Regionalzüge und Schnellboote trifft man in Bratislava bereits häufiger auf österreichische Besucher.
Diese „Grenzüberquerer“ stammen allerdings nur selten aus direkt angrenzenden Regionen. Man sieht in Bratislava nur wenig Kittseer, Marchegger oder Hainburger, obwohl diese Gemeinden praktisch Vororte der Stadt sind. Wie erwähnt liegt das an der verfehlten Verkehrspolitik.
Profitieren – vom Gegensatz
Während Hauptverkehrsrouten zwischen großen Städten ausgebaut werden, gibt es nahezu keine Straßen zwischen den meisten kleineren Grenzorten. Die Slowakei grenzt mit über 91 Kilometern an Österreich. An dieser Grenze trifft eine strukturschwache ländliche Region in einem relativ reichen Staat auf eine wohlhabende, infrastrukturell gut erschlossene urbane Region in einem relativ armen Staat. Von diesem Gegensatz könnten beide Regionen profitieren – sowohl wirtschaftlich als auch kulturell.
„...in diesem Fall ausweichen!“
Eine sinnvolle Regionalpolitik sollte daher beide Regionen so gut wie möglich miteinander verbinden. Stattdessen gibt es auf der gesamten Länge der Staatsgrenze lediglich vier (!) Grenzübergänge für den Individualverkehr. Drei davon befinden sich auf einem Gebiet von etwa fünf Kilometern in der Nähe Bratislavas.
Im gesamten Raum nördlich der Donau finden willige „Grenzgänger“ lediglich einen Übergang in Hohenau unweit der tschechischen Grenze. Daraus ergibt sich die paradoxe Situation, dass man entlang des Großteils der slowakisch-österreichischen Grenze an keiner Stelle die Grenze passieren kann. Die einzige Ausnahme bildet eine Autofähre bei Angern an der March. Diese Form der Grenzübersetzung ist allerdings kostspielig, zeitaufwendig und erinnert eher an vergangene Zeiten.
Bezeichnend für die Altertümlichkeit dieser Art der Grenzüberschreitung ist auch folgender Hinweis der Gemeinde: „Der Grenzübergang Angern kann bei Hochwasser, extremem Niedrigwasser und Eisbildung nicht benützt werden, in diesem Fall müssen Sie über den Grenzübergang Berg ausweichen!“ Tritt also besagter Fall ein, oder will man einfach nur nach 22 Uhr in den Nachbarort Zahorska Ves auf der anderen Seite der March, muss man einen Umweg von etwa 100 Kilometern in Kauf nehmen.
Ähnliche Situationen ergeben sich für nahezu alle Orte an der österreichisch-slowakischen Grenze. Die 600-Einwohner-Gemeinde Deutsch-Jahrndorf am südlichsten Ende der Grenze liegt weniger als drei Kilometer von dem suburbanen aufstrebenden Ort Rusovce entfernt. Die Bewohner Deutsch-Jahrndorfs können problemlos von den Gärten ihrer Häuser nach Rusovce hinüberblicken. Wenn sie jedoch dorthinfahren möchten, um durch die Parkanlagen von Schloss Karlburg zu flanieren oder in den Geschäften des Ortes einzukaufen, müssen sie einen 23 Kilometer langen Umweg in Kauf nehmen.
Mit der Randlage abgefunden
Es wird den Bewohnern von Grenzorten also nicht leichtgemacht, am Zusammenwachsen von Grenzregionen zu partizipieren. Es verwundert daher auch nicht, dass die Bewohner dieser Orte die Chancen und Möglichkeiten der neuen Situation noch nicht erkannt haben. Häufig haben sie sich mit der ehemals tristen Randlage ihres Wohnortes abgefunden.
Bezeichnend ist auch, dass es in den Geschäften von Bratislava oder den Shops des österreichischen Outletcenters Parndorf durchwegs möglich ist, in beiden Sprachen verstanden zu werden. In Rusovce oder Deutsch-Jahrndorf hingegen wird dies deutlich schwieriger. Dabei brächte eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden ungleichen Regionen enorme Vorteile für beide Seiten.
In Bratislava gibt es deutschsprachige Schulen und Universitäten. In Zukunft soll mit der Goethe-Universität sogar eine rein deutschsprachige höhere Bildungsinstitution geschaffen werden. Auch die Löhne in der slowakischen Hauptstadt steigen immer weiter. Es könnte für Österreicher also interessant sein, in Bratislava zu arbeiten oder zu studieren.
Über 2000 österreichische Firmen haben die Chancen längst erkannt und eine erfolgreiche Kooperation vorgemacht. Es lohnt sich also, über ein Zusammenwachsen nachzudenken und 23 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs endlich Brücken zu schlagen – baulich wie auch ideologisch.
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Philipp Strobl studierte Geschichte an den Universitäten New Orleans und Innsbruck. Derzeit arbeitet er als Österreich-Lektor an der Wirtschaftsuniversität Bratislava sowie als freier Historiker. Er ist Autor verschiedener Artikel und Bücher zum Thema Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Migrationsgeschichte. [Privat]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)















