Heldenplatz: Spielplatz welcher „Helden“?

Verteidigungsminister Norbert Darabos spricht sich für ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure aus – aber nicht auf dem Heldenplatz. Dabei gibt es viele Argumente, warum es kaum einen passenderen Ort gäbe.

In Österreich gibt es keinen geeigneteren Ort für ein Deserteursdenkmal als den Heldenplatz. Er war im und nach dem Habsburger Reich der zentrale Ort für Waffenschauen, Siegesparaden und Festumzüge, er war und ist der Ort für unterschiedlichste „Kriegshelden“ von Prinz Eugen über Erzherzog Karl bis zu den Mördern in den Reihen der Waffen-SS. Deshalb braucht es genau hier einen Kontrapunkt, es braucht – zumindest auch – Platz für andere Helden.

FPÖ-Chef Strache lehnte zuletzt – wenig überraschend – ein Denkmal für Deserteure aus der Wehrmacht ab: „Was ist das insgesamt für eine Vorbildwirkung, auch für unser heutiges Bundesheer?“ Die Frage kann beantwortet werden: Ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure ist eine Erinnerung an mündige Bürger, denen ihr Gewissen mehr galt als bedingungslose Pflichterfüllung und Kadavergehorsam. Und ein Zweites: Nur verbohrte Deutschnationale sehen das Bundesheer in der Traditionsfolge der Wehrmacht. Alle anderen sehen – und wünschen – es als ein Instrument des demokratischen Österreich. Gerade die Angehörigen des Bundesheeres sollten somit einem Denkmal für die Opfer der NS-Wehrmachtsjustiz positiv gegenüberstehen.

 

Fragezeichen für den Gehorsam

Verteidigungsminister Norbert Darabos ist daher zu Recht dafür, ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure zu errichten. Das zeigt, dass er sich nicht vor den Karren revisionistischer Politiker und Offiziere spannen lässt. Nicht einverstanden ist Darabos mit dem Heldenplatz als Standort des Denkmals.

Vielleicht lässt er sich durch Argumente überzeugen. Das Denkmal soll ja nicht Ungehorsam allgemein verklären, es soll auch nicht als pazifistisches Denkmal schlechthin geplant sein. Vielmehr soll es jene ehren, die aus unterschiedlichen Gründen das Richtige getan haben: indem sie den Dienst in einer Armee, die verbrecherische Ziele verfolgte, verweigert oder sogar Widerstand geleistet haben. Es soll also jene Fragezeichen hinter Konzepte absoluten Gehorsams und autoritärer Gewalt setzen, die in einem demokratischen Staat notwendig sind. Verweigerung und Ungehorsam können die richtige Entscheidung in Kriegen sein – sie sind es ganz sicher in Kriegen, die von verbrecherischen Regimen mit verbrecherischen Zielen geführt werden.

Da kommt der Heldenplatz ins Spiel. Hier hat Adolf Hitler im März 1938 den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich verkündet und somit die „Ostmark“ in die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und den Holocaust involviert. Hier gab es den bis heute nachhallenden massenhaften Jubel für Hitler und seine Entourage, hier betrauern rechtsextreme Burschenschafter und die FPÖ alljährlich am 8. Mai die Niederlage Nazi-Deutschlands, und genau hier, nämlich in der Krypta, wird ja neben Wehrmachtssoldaten auch der SS-Angehörigen in „Ehren gedacht“, weil sie „in Erfüllung ihres Auftrages...ihr Leben (ließen)“. Was war das noch einmal für ein Auftrag, denn die SS da erfüllt hat und den wir heute ehren sollen?

 

Zwei Deutungen der Geschichte

Auf dem Heldenplatz stehen einander zwei Versionen der Geschichtsbetrachtung gegenüber – jene der „nationalen“ Ewiggestrigen und jene des demokratischen Österreich. Deshalb ist hier der richtige Platz, um jene zu ehren, die sich auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Motiven gegen Vernichtungskrieg und Rassenwahn entschieden haben.

Es wäre zudem eine Art Rückeroberung des Platzes durch das demokratische Österreich. Denn in der Mitte des 19. Jahrhunderts war der Heldenplatz auch Ort eines selbstbewussten Bürgertums, ein Ort des demokratischen Protests, ein Ort, an dem sich die Zivilgesellschaft gegen die autoritäre Staatsmacht versammelte. Diese Tradition des demokratischen Protests setzte sich bis in die jüngste Vergangenheit fort – etwa mit dem Lichtermeer gegen das ausländerfeindliche „Österreich zuerst“-Volksbegehren oder mit den Kundgebungen gegen Schwarz-Blau im Jahr 2000.

Der Begriff des „Helden“ oder der „Heldin“ ist im deutschsprachigen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg und der verbrecherischen NS-Herrschaft etwas aus der Mode gekommen. Unbelastet war er nur noch im zivilen Bereich – für Lebensrettung, den Sport, „stille Helden“ usw. Zu stark hallte der Missbrauch des Begriffes nach, zu diskreditiert waren nach Goebbels und Hitler „Kriegshelden“ oder gar „Heldentod“.

 

Neue „Helden“ braucht der Platz

Warum aber geben wir dem Heldenplatz durch andere „Helden“ nicht eine andere Bedeutung? Warum gedenken wir dort nicht Persönlichkeiten wie des Feldwebels Anton Schmid?

Schmid wurde 1942 hingerichtet, weil er die jüdische Widerstandsbewegung in Vilnius und Warschau unterstützt, Hunderte von Juden vor dem Zugriff der Einsatzgruppen in Sicherheit gebracht und dadurch viele von ihnen gerettet hatte. Schließlich musste er desertieren, wurde verhaftet, standrechtlich zum Tode verurteilt und hingerichtet. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, er habe „nur als Mensch gehandelt“. Seine Haltung wurde von der deutschen Bundeswehr gewürdigt. In Schleswig-Holstein gab es bis zu ihrer Auflösung 2010 eine „Feldwebel-Schmid-Kaserne“.

Und das österreichische Bundesheer? Immerhin war Schmid Österreicher! Hier aber gibt es zwar eine nach dem verurteilten Kriegsverbrecher Alois Windisch benannte Kaserne in Klagenfurt, aber keine Anton-Schmid-Kaserne. Angesichts der mehr als problematischen Traditionspflege unseres Heeres wäre eine solche Namensgebung ebenso überfällig wie andere Signale.

Warum nicht eine Kaserne nach Kaplan Emil Bonetti benennen, warum nicht nach August Weiß? Beide gerieten als Deserteure in die Mühlen der NS-Wehrmachtsjustiz. Warum gibt es seitens des Bundesheeres kein Gedenken an den Oberösterreicher Franz Jägerstätter oder den Vorarlberger Gitarrenbauer Ernst Volkmann? Beide verweigerten sich aus ihrem katholischen Glauben heraus der Hitler-Armee, beide wurden deshalb hingerichtet.

 

Ein Anfang für die Rückbesinnung

Denkmäler sind Orte des kollektiven Gedächtnisses, Orte, an denen das Verständnis von Geschichte und das Selbstverständnis der Gesellschaft abgelesen werden können. Deshalb stehen Denkmäler auf stark frequentierten Plätzen, inmitten des öffentlichen Raumes. Gerade deshalb ist auch der Widerstand gegen ein „Deserteursdenkmal“ auf dem Heldenplatz so groß.

Und gerade deshalb ist genau hier der richtige Ort. Denn ein Denkmal für die Opfer der Wehrmachtsjustiz auf dem Heldenplatz wäre ein Anfang der Rückbesinnung des „offiziellen Österreich“ auf jene, die als Mitglieder der Wehrmacht das Richtige und damit Vorbildliches getan haben: nämlich die Teilnahme an einem verbrecherischen Krieg zu verweigern.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Harald Walser ist Nationalratsabgeordneter und Bildungssprecher der Grünen. Walser ist (karenzierter) Direktor am Gymnasium Feldkirch.
www.haraldwalser.at
[Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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