25.05.2012 19:22 | Meine Presse Merkliste 0

Heldenplatz: Spielplatz welcher „Helden“?

HARALD WALSER (Die Presse)

Verteidigungsminister Norbert Darabos spricht sich für ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure aus – aber nicht auf dem Heldenplatz. Dabei gibt es viele Argumente, warum es kaum einen passenderen Ort gäbe.

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In Österreich gibt es keinen geeigneteren Ort für ein Deserteursdenkmal als den Heldenplatz. Er war im und nach dem Habsburger Reich der zentrale Ort für Waffenschauen, Siegesparaden und Festumzüge, er war und ist der Ort für unterschiedlichste „Kriegshelden“ von Prinz Eugen über Erzherzog Karl bis zu den Mördern in den Reihen der Waffen-SS. Deshalb braucht es genau hier einen Kontrapunkt, es braucht – zumindest auch – Platz für andere Helden.

FPÖ-Chef Strache lehnte zuletzt – wenig überraschend – ein Denkmal für Deserteure aus der Wehrmacht ab: „Was ist das insgesamt für eine Vorbildwirkung, auch für unser heutiges Bundesheer?“ Die Frage kann beantwortet werden: Ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure ist eine Erinnerung an mündige Bürger, denen ihr Gewissen mehr galt als bedingungslose Pflichterfüllung und Kadavergehorsam. Und ein Zweites: Nur verbohrte Deutschnationale sehen das Bundesheer in der Traditionsfolge der Wehrmacht. Alle anderen sehen – und wünschen – es als ein Instrument des demokratischen Österreich. Gerade die Angehörigen des Bundesheeres sollten somit einem Denkmal für die Opfer der NS-Wehrmachtsjustiz positiv gegenüberstehen.

 

Fragezeichen für den Gehorsam

Verteidigungsminister Norbert Darabos ist daher zu Recht dafür, ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure zu errichten. Das zeigt, dass er sich nicht vor den Karren revisionistischer Politiker und Offiziere spannen lässt. Nicht einverstanden ist Darabos mit dem Heldenplatz als Standort des Denkmals.

Vielleicht lässt er sich durch Argumente überzeugen. Das Denkmal soll ja nicht Ungehorsam allgemein verklären, es soll auch nicht als pazifistisches Denkmal schlechthin geplant sein. Vielmehr soll es jene ehren, die aus unterschiedlichen Gründen das Richtige getan haben: indem sie den Dienst in einer Armee, die verbrecherische Ziele verfolgte, verweigert oder sogar Widerstand geleistet haben. Es soll also jene Fragezeichen hinter Konzepte absoluten Gehorsams und autoritärer Gewalt setzen, die in einem demokratischen Staat notwendig sind. Verweigerung und Ungehorsam können die richtige Entscheidung in Kriegen sein – sie sind es ganz sicher in Kriegen, die von verbrecherischen Regimen mit verbrecherischen Zielen geführt werden.

Da kommt der Heldenplatz ins Spiel. Hier hat Adolf Hitler im März 1938 den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich verkündet und somit die „Ostmark“ in die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und den Holocaust involviert. Hier gab es den bis heute nachhallenden massenhaften Jubel für Hitler und seine Entourage, hier betrauern rechtsextreme Burschenschafter und die FPÖ alljährlich am 8. Mai die Niederlage Nazi-Deutschlands, und genau hier, nämlich in der Krypta, wird ja neben Wehrmachtssoldaten auch der SS-Angehörigen in „Ehren gedacht“, weil sie „in Erfüllung ihres Auftrages...ihr Leben (ließen)“. Was war das noch einmal für ein Auftrag, denn die SS da erfüllt hat und den wir heute ehren sollen?

 

Zwei Deutungen der Geschichte

Auf dem Heldenplatz stehen einander zwei Versionen der Geschichtsbetrachtung gegenüber – jene der „nationalen“ Ewiggestrigen und jene des demokratischen Österreich. Deshalb ist hier der richtige Platz, um jene zu ehren, die sich auf unterschiedliche Weise und aus unterschiedlichen Motiven gegen Vernichtungskrieg und Rassenwahn entschieden haben.

Es wäre zudem eine Art Rückeroberung des Platzes durch das demokratische Österreich. Denn in der Mitte des 19. Jahrhunderts war der Heldenplatz auch Ort eines selbstbewussten Bürgertums, ein Ort des demokratischen Protests, ein Ort, an dem sich die Zivilgesellschaft gegen die autoritäre Staatsmacht versammelte. Diese Tradition des demokratischen Protests setzte sich bis in die jüngste Vergangenheit fort – etwa mit dem Lichtermeer gegen das ausländerfeindliche „Österreich zuerst“-Volksbegehren oder mit den Kundgebungen gegen Schwarz-Blau im Jahr 2000.

Der Begriff des „Helden“ oder der „Heldin“ ist im deutschsprachigen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg und der verbrecherischen NS-Herrschaft etwas aus der Mode gekommen. Unbelastet war er nur noch im zivilen Bereich – für Lebensrettung, den Sport, „stille Helden“ usw. Zu stark hallte der Missbrauch des Begriffes nach, zu diskreditiert waren nach Goebbels und Hitler „Kriegshelden“ oder gar „Heldentod“.

 

Neue „Helden“ braucht der Platz

Warum aber geben wir dem Heldenplatz durch andere „Helden“ nicht eine andere Bedeutung? Warum gedenken wir dort nicht Persönlichkeiten wie des Feldwebels Anton Schmid?

Schmid wurde 1942 hingerichtet, weil er die jüdische Widerstandsbewegung in Vilnius und Warschau unterstützt, Hunderte von Juden vor dem Zugriff der Einsatzgruppen in Sicherheit gebracht und dadurch viele von ihnen gerettet hatte. Schließlich musste er desertieren, wurde verhaftet, standrechtlich zum Tode verurteilt und hingerichtet. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, er habe „nur als Mensch gehandelt“. Seine Haltung wurde von der deutschen Bundeswehr gewürdigt. In Schleswig-Holstein gab es bis zu ihrer Auflösung 2010 eine „Feldwebel-Schmid-Kaserne“.

Und das österreichische Bundesheer? Immerhin war Schmid Österreicher! Hier aber gibt es zwar eine nach dem verurteilten Kriegsverbrecher Alois Windisch benannte Kaserne in Klagenfurt, aber keine Anton-Schmid-Kaserne. Angesichts der mehr als problematischen Traditionspflege unseres Heeres wäre eine solche Namensgebung ebenso überfällig wie andere Signale.

Warum nicht eine Kaserne nach Kaplan Emil Bonetti benennen, warum nicht nach August Weiß? Beide gerieten als Deserteure in die Mühlen der NS-Wehrmachtsjustiz. Warum gibt es seitens des Bundesheeres kein Gedenken an den Oberösterreicher Franz Jägerstätter oder den Vorarlberger Gitarrenbauer Ernst Volkmann? Beide verweigerten sich aus ihrem katholischen Glauben heraus der Hitler-Armee, beide wurden deshalb hingerichtet.

 

Ein Anfang für die Rückbesinnung

Denkmäler sind Orte des kollektiven Gedächtnisses, Orte, an denen das Verständnis von Geschichte und das Selbstverständnis der Gesellschaft abgelesen werden können. Deshalb stehen Denkmäler auf stark frequentierten Plätzen, inmitten des öffentlichen Raumes. Gerade deshalb ist auch der Widerstand gegen ein „Deserteursdenkmal“ auf dem Heldenplatz so groß.

Und gerade deshalb ist genau hier der richtige Ort. Denn ein Denkmal für die Opfer der Wehrmachtsjustiz auf dem Heldenplatz wäre ein Anfang der Rückbesinnung des „offiziellen Österreich“ auf jene, die als Mitglieder der Wehrmacht das Richtige und damit Vorbildliches getan haben: nämlich die Teilnahme an einem verbrecherischen Krieg zu verweigern.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Harald Walser ist Nationalratsabgeordneter und Bildungssprecher der Grünen. Walser ist (karenzierter) Direktor am Gymnasium Feldkirch.
www.haraldwalser.at
[Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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8 Kommentare
0 0

Desertion von der Nazi-Wehrmacht war Widerstand

Und zwar in seiner reinsten Form. Nur mit der Wehrmacht konnten Hitler und seine Bande ihre verbrecherische Politik über ganz Europa ausbreiten. Jeder, der diese Maschinerie, aus welchen Motiven auch immer, durch Desertion geschwächt hat, war ein Widerstandskämpfer.

kawa
18.02.2012 20:03
0 1

Heldentat

Wer den Dienst an der Waffe verweigert hat und dafür bestraft wurde (aus welchen Gründen auch immer), hat es aus innerster Überzeugung getan.
Diesen Idealisten ist es auch egal ein Denkmal zu bekommen, denn sie leben in den Herzen ihrer Angehörigen weiter.
Deserteuren ist kein Denkmal zu setzen, aus welchen Grund auch immer.
Verklärte Neoisten sollten nicht über die damalige Zeit ein Urteil fällen.
PS: Desertion ist auch heute noch ein Verbrechen und wird im Einsatz mit bis zu 10 Jahren Haft bestraft.
Ein Widerstandsdenkmal sollte, so wie das Hrdlicka Denkmal, einen eigenen und gebührlichen (ganzen) Platz in der Innenstadt bekommen.

Politicus1
11.02.2012 13:42
6 0

Glückwunsch!

den Lehrern, Schülern und Eltern des Gymnasiums Feldkirch, dass ihr Direktor karenziert ist.
Wenn jemand den Unterschied zwischen Widerstandskämpfern und Deserteuren nicht erkennt, sollte er möglichst lange einer Bildungsanstalt fern gehalten werden.

2 0

Man sollte Deserteure der Wehrmacht nicht zu Helden aber auch nicht zu Verbrechern machen!

Am Heldenplatz ist so ein Denkmal nicht angebracht. Der Herr Darabos sollte es in Kroatisch-Minihof aufstellen.

Sebifredi
10.02.2012 15:39
1 0

Bei den Sparmaßnamen der Regierung kommt doch sicher Geld

genügend Geld rein, um so ein wichtiges Denkmal zu errichten.Dr. Walser hält dann die Einweihungsrede-für die Kriegsdienstverweigerer und die Deserteure......
Keine anderen Sorgen hat das Land!

9 0

desateure sind keine helden!

ihnen ein denkmal am heldenpaltz zu errichten ist also ein widerspruch

ich lehne es ab deserteure mit echten kriegshelden wie walter nowotny,erich hartmann,uvm gleichzusetzen

denn eines sollte klar sein, deserteure sind meist nicht aus ablehnung gegenüber dem regime davongelaufen, sondern aus angst um ihr leben, was ich ihnen natürlich nicht verübeln kann, mein großonkel ist ende 44 als er in der hj war und nach ungarn zur front geschickt wurde vom lastwagen gesprungen und hat sich bis kriegsende versteckt, ich würde ihm deswegen natürlich nie vorwürfe machen, dennoch ist diese handlung nicht eines denkmal würdig

Noch eine bitte an herrn walsner:
schlagen sie dies doch einmal den russen vor!
die russischen deserteure wurden nämlich auch verfolgt und hingerichtet, und haben ebenso für ein verbrecherregime gekämpft.

Gast: radius
10.02.2012 00:15
7 0

Wir brauchen kein Denkmal für Deserteure.

Setzen wir das Geld ein für ein funktionierendes Heer mit Grundwehrausbildung.

Arethas
09.02.2012 20:31
12 1

Nicht verwunderlich

"...nämlich die Teilnahme an einem verbrecherischen Krieg zu verweigern."

Dass ein Mensch wie Dr. Walser den Unterschied zwischen Verweigerer (niemals mitgemacht) und Deserteur (Eid geschworen und mitgemacht, dann aus welchen Gründen auch immer weggelaufen) nicht kennt, ist klar.

Dass er aber Deserteure so gerne mag, entzieht sich meinem Verständnis, forderte doch Gesinnungsgenosse Trotzki die Todesstrafe für Deserteure, und bei Stalin reichte es schon, sich gefangennehmen zu lassen, um noch nach Kriegsende exekutiert zu werden.

Oder hängt es damit zusammen, dass die UdSSR für Walser kein Unrechtsstaat, sondern ein erstrebenswertes "Paradies der Werktätigen" war?


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