25.05.2012 19:22 | Meine Presse Merkliste 0

Besser regulieren statt noch mehr Geld ausgeben

MICHAEL LOSCH (Die Presse)

Würde Keynes heute auf Staatsausgaben als Konjunkturmotor setzen? Replik auf Stephan Schulmeisters „Spectrum“-Essay vom 4.2.

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Stephan Schulmeisters Analyse der Finanzmärkte, deren Entkoppelung von der Realwirtschaft und mangelnde Regulierung sind scharf und treffend. Seine konjunkturpolitischen Aussagen sind aber zu hinterfragen.

Nach Ausbruch der Finanzkrise 2008, markiert durch die Pleite der Lehman-Bank, entwickelte sich ein globaler keynesianischer Konsens, motiviert durch die Lehren aus der Krise der 1930er-Jahre. Die EU-Kommission empfahl Konjunkturpakete von zuerst zwei Prozent des BIPs, im Gleichklang mit den USA dann sogar von drei Prozent und mehr. Österreich lag mit seinem Konjunkturpaket 2009 und 2010, das je nach Berechnung zwischen drei bis 4,5 Prozent ausmachte, im Spitzenfeld. Im Vergleich zu den Staaten, die auf Konjunkturpakete verzichteten, z.B. Estland, wurde die Rezession, und damit reale individuelle Härten, abgefangen.

Allerdings zum Preis einer erhöhten Staatsschuldenquote, die nun mit 73Prozent deutlich über dem 60-Prozent-Maastricht-Kriterium liegt und hohe Zinszahlungen an inländische, aber leider auch an ausländische Geldgeber zur Folge hat. Diese Zahlungen sind für den österreichischen Wirtschaftskreislauf erst mal verloren.

Nicht nur wegen der offensichtlichen Budgetkrisen in Griechenland, Portugal und Italien, sondern auch im besten keynesianischen Sinne, dass nämlich Deficit Spending nur antizyklisch und nicht dauerhaft stattfinden kann, wird daher in der aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussion aus meiner Sicht zurecht und trotz schwieriger Konjunkturentwicklung der Fokus auf Budgetkonsolidierung gelegt.

Schulmeister kritisiert das und schreibt in einem warnenden Rückblick aus der Zukunft: „Der Versuch, die eigene Lage nach ,schwäbischer Hausfrauenart‘ zu verbessern, führte das Gesamtsystem in eine Katastrophe.“ Sich weiters auf die deutsche Wirtschaftspolitik einschießend wird die Verbesserung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit durch Reallohnsenkungen zwischen 2000–2007 als zunächst unbemerkter protektionistischer Schachzug gebrandmarkt. Dazu sei Widerspruch erlaubt.

 

Keine „Splendid Isolation“ mehr

1.Die Theorie, dass mehr Staatsausgaben mit mehr Einkommen gleichzusetzen sind, und dies idealerweise noch mit Multiplikatoreffekten verstärkt wird, geht vom Modell einer geschlossenen Volkswirtschaft aus, welches seit den Globalisierungswellen der letzten Jahrzehnte mit der Realität komplexer internationaler Wertschöpfungsketten nicht mehr zutrifft. Ein Zurückkehren in eine „Splendid Isolation“ von heute, wo Österreich beinahe 60 Prozent seines BIPs aus Exporten erwirtschaftet, ist unrealistisch, könnte sogar gefährlich repressive Züge annehmen.

2.Die seit der Griechenland-Krise diskutierte Idee, die Spannungen innerhalb der Eurozone dadurch zu verringern, dass Exportländer wie Deutschland, Österreich oder die Niederlande ihren Leistungsbilanzüberschuss abbauen, indem die Exportunternehmen höhere Löhne zahlen mögen, geht an der komplexen multilateralen Handelsrealität vorbei. Wenn Deutschland dadurch weniger wettbewerbsfähig wird, führte dies dazu, dass Griechenland statt deutscher Produkte noch mehr chinesische, indische und sonstige importiert. Damit ist niemandem in Europa geholfen.

3.Schließlich schränkte sogar Keynes selbst die Wirksamkeit von kredit- oder steuerfinanzierten Staatsausgaben auf sehr spezifische Konstellationen ein, die als „Investitionsfalle“ oder „Liquiditätsfalle“ beschrieben werden. In Normalzeiten würden auch im keynesianischen Modell Staatsausgaben ein Crowding-out von privatem Geld verursachen, d.h. letztlich in einem Nullsummenspiel zulasten der privaten Einkommen enden.

Die Frage ist also zunächst, ob sich die Wirtschaft derzeit in einer solchen „Investitionsfalle“ oder „Liquiditätsfalle“ befindet. Bei der „Investitionsfalle“ tätigen Unternehmer aufgrund negativer Zukunftserwartungen keine Investitionen und reagieren auch nicht auf Impulse durch Zinsänderungen. Bei der „Liquiditätsfalle“ ist eine Zinsuntergrenze erreicht, bei der die Sparneigung nicht weiter durch sinkende Zinsen gebremst werden kann, und Privathaushalte dennoch möglichst hohe liquide aber unproduktive Anlageformen (Gold, Immobilien) wählen und damit weder Konsum ankurbeln, noch der Wirtschaft aus Angst vor Kursverlusten günstiges Investitionskapital zur Verfügung stellen. Die Realität scheint zumindest teilweise diesen Konstellationen nahezukommen.

Dies lässt sich auch aus verschiedensten Untersuchungen ableiten, die Staatsausgaben einen Multiplikator von 0,2 bis 0,4 zumessen. Das bedeutet, Staatsausgaben von einem Prozent des BIPs stimulieren gerade einmal zu einem Drittel Wachstum. Der größere Teil ist eine Mischung aus Verdrängungseffekt, Mitnahmeeffekt, Sparquote und wiederum Abfluss ins Ausland durch Importe. Der Effekt ist somit weitaus geringer als der Idealfall im Lehrbuch, der einen Multiplikator von eins und darüber postuliert.

Zusammenfassend muss sowohl der positive makroökonomische Effekt weiterer Staatsausgaben als auch, in der Gegenrichtung, der potenziell negative Effekt von Einsparungsmaßnahmen relativiert werden – nicht in einer neoliberalen, sondern selbst in einer keynesianischen Logik. Für eine Einsparungspolitik spricht hingegen, dass in Österreich sowohl die Staatsschuldengrenze als auch die Steuerbelastungsgrenze im internationalen Vergleich erreicht ist. Intelligente, mit Strukturreformen verbundene Einsparungen müssen folglich nicht in Einkommensverluste durchschlagen, sondern können durch Effizienzsteigerungen sogar Wachstum fördern.

Eine größere wachstumspolitische Gefahr als von der Haushaltskonsolidierung könnte von einer zunehmenden Kreditklemme ausgehen. Wenn Banken und Finanzmärkte der Realwirtschaft weniger Mittel zur Verfügung stellen, liegt dies an systemischen und regulatorischen Fehlentwicklungen. Anders als nach der überraschenden Lehman-Pleite Ende 2008 kann es bei bekannten Mängeln keine nachhaltige Lösung sein, mit Steuergeld für eine Kreditklemme einzuspringen. Hier müssen vielmehr die Regulierungsmechanismen richtig gestaltet werden.

Wenn die derzeitigen Regeln („Basel II und III“) Banken vorschreiben, für Staatsfinanzierung im Euroraum null Prozent Kapital als Sicherheitspolster zu halten und auch für Kredite an Großunternehmen mit einem Rating einer Ratingagentur deutlich weniger als für Kredite an beste, langjährig bekannte mittelständische Unternehmen zu halten, darf es nicht wundern, wenn Geld spärlicher in die mittelständische Wirtschaft fließt.

Diese Regeln zu ändern ist mühsam, weil auf internationaler und EU-Ebene verhandelt wird. Ein wenig Optimismus ist erlaubt, seit gerade die USA mit dem Dodd-Frank Act im Juli 2010 einen Rahmen setzen, der klare Lehren aus der Krise zieht, die auch in der EU ein Echo finden könnten.

Beispielsweise sind nun sämtliche US-Behörden verpflichtet, möglichst alle Verweise auf Agenturratings abzuschaffen. Damit verlieren langfristig die Ratingagenturen an Einfluss auf Anlage- und Finanzierungskonditionen.

Wenn Banken und Eigenkapitalgeber wieder vermehrt auf Eigenanalyse und Eigenverantwortung in der Einschätzung ihrer Kunden setzen, anstatt sich auf vorgegebene A-B-C-Schemata zurückzuziehen, würden lokale Strukturen wieder an Wert gewinnen, mittelständische Unternehmen wären nicht kategorisch gegenüber Großunternehmen benachteiligt.

Eine weitere Strategie kann die Nutzung innovativer Systeme zum direkten Kontakt zwischen Anlegern und Finanzierungssuchenden sein – etwa via internetbasierten Plattformen oder Bürgerbeteiligungsmodellen zur Finanzierung kommunaler Projekte, wie dies jüngst in Pöchlarn und Obergrafendorf in Niederösterreich zur Finanzierung von Fotovoltaikanlagen vorgezeigt wurde. Nachhaltiges Wachstum ist eben nicht durch dauerndes Deficit Spending, sondern durch faire Markt- und Spielregeln, die Innovation und Wettbewerb zulassen, sowie durch nachhaltig finanzierbare Zukunftsinvestitionen in Bildung, Forschung und Umwelttechnologien zu erreichen.


Michael Losch ist Sektionschef für Wirtschaftspolitik, Innovation und Technologie im Wirtschaftsministerium. Der Artikel gibt ausschließlich seine persönliche Meinung wieder.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)

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8 Kommentare
makaberich
12.02.2012 18:24
0 0

Wer Keynes gelesen hat,

... weiss, dass das deficit spending als Maßnahme gedacht war, das Pfund abzuwerten, um die überhöhten Gehälter aus dem WK 1 (!) runterzukriegen.
Er hätte nie im Leben daran gedacht, dass irgendjemand diese Theorie für die "reale Wirtschaft" verwendet.
Zumindest die Dam- und Herrschaften der WU sollten in diesem Forum aufzeigen.

Gast: TEST TEST TEST
12.02.2012 11:13
0 0

Mein Gott: wie ich Entkoppelung gelesen habe

wusste ich, hier schreibt eine Blockflöte von Stamme Nimm-Schwarz-Rot. Wenn ich Tonnen an (Geld)Schmiermittel in die Wirtschaftsmaschine schütte, wird sich der Anteil der Schmiermittel an der Realwirtschaft auch entkoppeln. Und an Schulmeister kann man genau den Stellenwert Österreichs 2012 erkennen. Im Jahr 1911 war die Wiener Schule der Ökonomie weltweit führend, 2012 haben wir einen Schulmeister als Ökonomen.

Realist7
12.02.2012 07:21
4 0

Kann man Keynes nicht endlich...

... in den Mülleimer der Wirtschaftsgeschichte werfen? Dass die Manipulation der Zinsen zu Fehlallukationen des Kapitals durch falsche Marktanreize an die Wirtschaftssubjekte führt, sollte doch mittlerweile nach Great Depression, New Economy Bubble und Housing Bubble mehr als offensichtlich sein.

Dieses ganze BIP-Wachstum um das man, leider auch in Österreich, wie um das goldene Kalb tanzt, ist großteils das Resultat von fehlallokierten Ressourcen, die, anders eingesetzt, den wahren und vor allem leistbaren Bedürfnissen von Konsumenten hätten dienen können, uns so allerdings von Krise in Krise stürzen, wenn wir diesen Nonsense nicht so schnell als möglich stoppen.

"Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems kommen soll." - Ludwig von Mises

Dieses kleine Land sollte sich endlich auf seine großen, aber ignorierten Denker verlassen und ein Leuchtturm liberaler Politik werden! Es klappt in Hongkong, Singapur, in geringerer Intensität in der Schweiz und in Liechtenstein - warum nicht auch hier?

Das wäre zugleich die einzige Möglichkeit für die ÖVP eine Zukunft zu haben. Ron Paul zeigt in den USA vor, dass radikaler Freiheitswille bei der Jugend gut ankommt!

Gast: tigerauge
12.02.2012 05:19
0 1

es wär ja schon geholfen

wenn deutschland & co den griechischen export durch gezielten import ankurbeln würden, natürlich im rahmen der griechischen möglichkeiten und stärken. ebenso für alle pigs.

es ist eh nicht einzusehen wieso wir unbedingt chinesisches gemüse essen sollen, schon wegen dem klimaschutz. auch im textilbereich war südeuropa früher sehr stark.

die niedrigen löhne in der privatwirtschaft nützen der wirtschaftsbilanz der staaten, und den großen konzernen, aber sonst niemandem.
was haben wir, die bevölkerung, denn von einem hohen BIP?
wenn man sich anschaut wie viel geld der österreicher für horrende steuern und abgaben abliefern muß und wie viel geld er am monatsende übrig hat:
von reichtum ist das sehr weit entfernt, es reicht gerade noch zum leben, für größere und auch dringend notwendige reparaturen und investitionen ist kein geld da und die liste der unerfüllten wünsche ist lang. der luxus des staates und der reichen konzerne, der topmanager, banker, höheren beamten und der sonstwie reichen kann den ausfall der nachfrage der breiten masse, die nur am zu geringen nettoeinkommen scheitert, nicht wettmachen. die üblichen kennzahlen für wirtschaft und staatshaushalt zeigen die realität der bevölkerung nicht einmal annähernd.

Antworten periskop
12.02.2012 08:47
0 0

Re: es wär ja schon geholfen

"die griechischen Möglichkeiten" sind genau das Problem! Die Griechen schaffen es ja nicht einmal ihr Olivenöl selbst zu vermarkten, sondern verschleudern es an die Italiener, die es dann zum Konsumenten bringen. Eine solche Volkswirtschaft kann niemals so viele teure Euros verdienen um damit leben zu können. Entweder leben die Griechen auf Pump - seit dem widersinnigen Sparpaket, das ihnen die EU aufgezwungen hat, müssen sie sogar mehr neue Schulden machen denn je - oder sie haben eine Währung, die zu weniger Importen führt aber die griechische Inlandsnachfrage steigen lässt, sodass sich die dortige Wirtschaft erholen kann. Leider verhindert die EU das konsequent, was den Griechen jede Zukunftsaussicht nimmt!

Wo sehen Sie "niedrige Löhne in der Privatwirtschaft"? Das deutsche verarbeitende Gewerbe zahlt hinter Belgien die höchsten Löhne der Welt und unsere sind zwar etwas niedriger, sie sind aber immer noch hoch genug, damit wir zu den "Reichen" gehören!

Antworten Antworten Gast: tigerauge
12.02.2012 09:41
1 0

Re: Re: es wär ja schon geholfen

es werden ständig von irgendwelchen experten niedrigere löhne gefordert, angeblich um mit kinderarbeit und billiglohnländern mit allerniedrigsten standards konkurrieren zu können, aber in wahrheit wohl aus anderen, sehr unedlen gründen.

die meisten österreicher haben am monatsende kein geld übrig und können nicht alles kaufen was nötig wäre. unter reich stell ich mir was anderes vor.

Antworten Realist7
12.02.2012 07:34
1 0

Re: es wär ja schon geholfen

Haha, jetzt sollen für diese surreale Klimareligion Handelskriege mit China geführt werden? Na da werden sich die europäischen Staaten aber anschaun, wenn wir anfangen den Import von chinesischen Waren mit Zöllen oder gar Embargos zu stoppen! China hat leider die Trümpfe in der Hand - und zwar deshalb, weil dort mit harter Arbeit Wert geschaffen wird, während hier über Umverteilung und anderen sozialistischen Unsinn debattiert wird.

Tut mir leid, nicht mit mir. Zumal: mir sind die Chinesen lieber als die Griechen. Warum nicht deren Exporte durch gezielte Importe unterstützen? Oder gar die Äquatorialguineär, die sind mir am aller-allerliebsten!

Es sind genau solche planwirtschaftlichen Ansätze, die uns in dieses Chaos gestürzt haben, noch mehr Wirtschaftszentralismus würde dem Ganzen wohl endgültig den Garaus machen. Haben Sie schon mal überlegt, dass es einen Grund gibt, warum die Exporte aus China steigen und die aus Griechenland fast inexistent sind? Das ist die Summe individueller Konsumentenpräferenzen, die nunmal Produkte aus dem fernen Osten Oliven und Schafskäse vorziehen. Da können Sie auch mit einer Brüssler Notverordnung nichts dran ändern. Und ich will mir von niemandem vorschreiben lassen, was ich kaufen soll, nur damit die Griechen ihr verseuchtes System weiter vor sich her tümpeln lassen können.

Gast: radis
11.02.2012 16:52
1 0

Sehr gute Analyse.


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