25.05.2012 19:23 | Meine Presse Merkliste 0

Republik der Kims: Wie der Vater, so der Sohn

KO YOUNG HWAN (Die Presse)

Gastkommentar. Nordkorea ist ein Land, in dem einem Verstorbenen ungleich mehr Bedeutung zukommt als unzähligen Lebenden. Aber die geschundene Bevölkerung wird sich ihrer tristen Lage immer mehr bewusst.

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Die nordkoreanische Diktatur hängt an ihren Ritualen: Kaum war der am 17. Dezember verstorbene Machthaber Kim Jong-il begraben und sein 28-jähriger Sohn Kim Jong-un als Nachfolger installiert, entschied die neue Staatsführung: Kim Jong-ils Körper wird einbalsamiert, dauerhaft konserviert und im ganzen Land sind Statuen und Porträts zu seinen Ehren aufzustellen.

Genauso ist es schon 18 Jahre früher einmal abgelaufen. Nach dem Tod von Staatsgründer Kim Il-sung im Juli 1994 ließ dessen Sohn und Nachfolger, Kim Jong-il, den Körper seines Vaters mumifizieren, um ihn für die Ewigkeit zu bewahren. Der Kumsusan-Versammlungssaal, der Kim Il-sung als Bürogebäude gedient hatte, wurde für 890 Millionen US-Dollar in den Kumsusan-Gedenkpalast umgestaltet.


Der „beschwerliche März“ 1994

Die Einbalsamierung von Kim Il-sungs Körper wurde von sieben Experten aus Russland durchgeführt, was eine Million US-Dollar kostete. Der Leichnam wird noch heute im Kumsusan-Gedenkpalast, der sich über eine Fläche von 3,5 Millionen Quadratmeter erstreckt, feierlich aufgebahrt.

Im Sommer 1994 litt Nordkorea unter einem „beschwerlichen März“. Damals soll Jeon Byeong-ho, ein Sekretär für Militärlogistik der regierenden Arbeiterpartei, dem ehemaligen Parteisekretär Hwang Jang-yeop mitgeteilt haben, dass in jenem Frühjahr rund zwei Millionen Nordkoreaner an Hunger gestorben seien.

Pjöngjang aber investierte 891 Millionen US-Dollar in die Einbalsamierung und Aufbewahrung von Kim Il-sungs Körper für die Ewigkeit. Dabei hätte das viele Geld dafür verwendet werden können, sechs Millionen Tonnen Getreide im Ausland zu kaufen: Genug, um die gesamte Bevölkerung von Nordkorea für drei Jahre ernähren zu können.

Nach dem Tod seines Vaters errichtete Kim Jong-il eine Schreckensherrschaft, um die Kontrolle über die nordkoreanische Bevölkerung, die unter der Nahrungsmittelknappheit litt und in extremem Elend lebte, aufrechtzuerhalten. Er befahl seinen Untergebenen, „Gewehrschüsse im ganzen Land erklingen“ zu lassen. Verzweifelte, die aus purem Hunger einige Maiskolben von den Feldern gestohlen hatten, ließ er öffentlich exekutieren.

Andererseits versuchte er, den Menschen einen Schimmer Hoffnung zu geben. Das sollte seinem groß angelegten Ziel dienen, aus Nordkorea noch vor 2012 – dem Jahr, in dem sich der Geburtstag von Kim Il-sung zum 100. Mal jährt, eine der „stärksten und wohlhabendsten Nationen der Welt“ zu machen. Kim Jong-il versprach, die hungernde und verarmte Nation innerhalb von 14 Jahren zur Weltmacht umzugestalten. Aber das erwies sich als Lüge.


Ein riesiges Konzentrationslager

Seine Herrschaft verwandelte Nordkorea in ein riesiges Konzentrationslager und einen Ort öffentlicher Exekutionen. Dreizehn Jahre nach der Bekanntmachung des Ziels, eine „starke und wohlhabende Nation“ zu schaffen, erlebte die nordkoreanische Wirtschaft nur permanente Rückschritte.

Ende 2011 war die nationale Industrieproduktion – einschließlich Stahl, Maschinen, Energie und Dünger – um 80 bis 90 Prozent unter das Produktionsniveau der 1980er-Jahre gesunken, als Kim Jong-il seine Macht ausbaute.


Kein chinesischer Weg

Was Kim Jong-il seinem dritten Sohn, Kim Jong-un, hinterlassen hat, ist ein verarmtes Land am Rande des Zusammenbruchs. Sogar die nordkoreanische Führung, die die Propaganda meisterhaft beherrscht, sah keinen anderen Ausweg mehr, als im „Rodong Sinmun“ (offizielles Sprachrohr der Arbeiterpartei) zuzugeben, dass sich die Errungenschaften der Herrschaft Kim Jong-ils auf „Kernwaffen, Satelliten, und geistige Macht“ beschränkten.

Kim Jong-il steuerte das Land nicht nur an den Rand des Zusammenbruchs, sondern übergab auch die Macht an seinen Sohn wie in einer feudalistischen Dynastie. Gemäß dem alten Ausspruch „Wie der Vater, so der Sohn“, war das Erste, was Kim Jong-un tat, nachdem er rechtmäßiger Erbe geworden war, die Errichtung eines Herrenhauses in Pjöngjang um 170 Milliarden koreanische Won (ca. 119 Mill. Euro) in Auftrag zu geben.

Die Politik seines Vaters fortsetzend, ließ auch Kim Jong-un sogleich den Körper Kim Jong-ils einbalsamieren und ordnete die Errichtung von Bildsäulen und Porträts des Verstorbenen überall im Lande an.

Dies alles kostet enormen Aufwand, viel Blut und Schweiß der Bevölkerung und auch viele Staatsmittel. Die Beamten und Bürger werden die Denkmäler für Kim Jong-il verzweifelt errichten, weil ihre Leben davon abhängen wird. Auch Kim Jong-un wird nicht imstande sein, eine ähnliche Reform- und Öffnungsbewegung wie in der Volksrepublik China vorzunehmen, der sich schon sein Vater heftig widersetzt hatte. Stattdessen wird er die „Militär-zuerst-Ideologie“ Kim Jong-ils befolgen. Er wird also das Militär und die Männer in Uniform zufriedenstellen, die Wirtschaft und die Bevölkerung aber vernachlässigen. Staatliche Mittel werden in einen Kult um seine Person und in das Militär investiert werden. Das wird Nordkorea noch tiefer in die Krise stürzen.


Spott über „Republik der Diät“

Es gibt aber ein Problem. Die nordkoreanische Bevölkerung wird sich ihrer tristen Lage immer mehr bewusst. Südkoreas populäre Kultur und die Nachrichten über die raschen Entwicklungsfortschritte Chinas, die durch die Reform- und Öffnungspolitik eingeleitet wurden, sickern über die Grenzen zur nordkoreanischen Bevölkerung durch. Auch Bauernmärkte und Mobiltelefone spielen eine Rolle bei der Unterminierung der staatlichen Kontrolle über die Gesellschaft.

Der Widerstand der Leute wird stärker und es wird schwieriger für Spitzel und Agenten des Sicherheitsministeriums. Die Kader der Arbeiterpartei werden auf den Märkten scharf gegen die Bauern vorgehen. Beim Anblick ausgezehrter Nordkoreaner verhöhnt sogar die Bevölkerung Chinas, die als Brudernation angesehen wird, das Nachbarland im Nordosten als „Republik der Diät“. Eine russische Zeitung wiederum beschrieb Kim Jong-un sarkastisch als „General, der begabter als Napoleon oder als General Suworow ist“.

Gravierender für Nordkorea ist, dass am 16. Februar, dem Geburtstag des verstorbenen Kim Jong-il, das große Gedenkfest zu einem Zeitpunkt stattfindet, zu dem die internationale Staatengemeinschaft die erbliche Machtfolge in Nordkorea über drei Generationen scharf kritisiert.

Nordkorea ist ein Land, in dem einem Verstorbenen ungleich mehr Bedeutung zukommt als unzähligen Lebenden. Wird außerhalb Nordkoreas irgendwo auf der Welt eine schrecklichere Komödie aufgeführt?


E-Mails an: debatte@diepresse.com
Zum Autor

Ko Young Hwan war ein nordkoreanischer Diplomat, der 1987/1988 dem damaligen Machthaber Kim Jung-il wiederholt persönlich begegnet ist. 1991 flüchtete er nach Südkorea. Er ist derzeit Senior Research Fellow am „Institut für nationale Strategie“ in Seoul – einer Denkfabrik, die für die südkoreanische Regierung arbeitet. [Internet]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2012)

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2 Kommentare
Gast: Gerne nur Gast
16.02.2012 00:03
1 0

Danke für diesen profunden Bericht!


Gut dass Sie Herr Hwan nicht wissen, dass der österreichische Sozialist Heinz Fischer ein großer Freund Koreas ist - nein, nicht Südkroeas sondern Nordkroeas.

Und dass es in Wien einen SPÖ-nahen Ex-Museumsdirektor gibt (Herr Noever), der die staatlichen Maler Nordkoreas ausgestellt hat: Hauptthemen der Bilder sind der große Führer und die glücklichen proletarischen Untertanen.
Ach ja: auch ein Herr Fischer war bei der Eröffnung und sehr beeindruckt.

Antworten heinz.pohl
16.02.2012 14:13
0 0

Re: Danke für diesen profunden Bericht!

Da sieht man wieder, wie mit zweierlei Maß gemessen wird ...

Bald können wir uns vielleicht über ein Kim-Denkmal freuen -- das von Che Guevara haben wir ja schon.

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