Ende gut, alles gut – na ja, nicht ganz. So erfreulich es ist, dass sich die demokratischen Parteien auf den besten aller möglichen Kandidaten geeinigt haben, so bleibt doch ein schaler Nachgeschmack beim Rückblick auf das unsägliche Spektakel, das Deutschland wie eine Bananenrepublik erscheinen ließ.
Nun wird also Joachim Gauck nächster Bundespräsident – ein Mann, der aufgrund seiner Persönlichkeit, seiner Integrität und seines Intellektes dem angeschlagenen Amte wieder Glanz verleihen kann. „Präsident der Herzen“ ist er ja schon, seit er vor nicht einmal zwei Jahren die Wahl verloren hatte.
Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hatte mit der Zustimmung für Gauck lange gezögert, sie sieht – zu Recht – in dieser Entscheidung eine Demütigung ihrer Person. Sie hatte gegen alle Vernunft bis zum Schluss an Christian Wulff festgehalten, wollte oder konnte nicht erkennen, dass sie vor zwei Jahren eine falsche Wahl getroffen hatte.
Unglückliche Personalpolitik
Wieder einmal zeigt sich, dass sie, was Personalpolitik angeht, ein denkbar schlechtes Händchen hat (man sehe sich nur das Kabinett der Kanzlerin an!). Dass sie nun doch über ihren Schatten gesprungen ist, dürfte weniger ihrer politischen Einsicht, sondern eher ihren arithmetischen Fähigkeiten zuzuschreiben sein.
Dass sich Frau Merkel so vehement gegen Gauck gestellt hat, ist umso weniger zu verstehen, da doch beide in der gleichen Region aufgewachsen sind und die Schrecken des DDR-Regimes erlebt haben. Merkel jedoch viel weniger als Gauck, der sich nicht mit der SED-Diktatur arrangiert hat, sich weigerte, FDJ-Mitglied zu werden und deshalb nicht Germanistik und Geschichte studieren durfte, was eigentlich sein Wunsch gewesen war.
Ein weiterer Gegensatz: Frau Merkels Vater war beim SED-Regime angesehen, Gaucks Vater wurde wegen „antisowjetischer Hetze“ zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt.
Der Bundespräsident hat in Deutschland eine nur auf den ersten Blick wenig politische Funktion. In Wirklichkeit sollte er ein Funktionsträger sein, der den Menschen Orientierung vermittelt – in einer Zeit der weltweiten Krisen eine unschätzbare Aufgabe, nur eben keine für einen Privilegienritter.
Deutsche Neigung zur Hysterie
Gaucks Mission ist es nun, dem Amt jenen Respekt, jene Würde zurückzugeben, die es in den letzten Monaten verloren hat. Er hat bisher durch sein Wirken und durch seine Reden gezeigt, dass er der richtige Mann am richtigen Platz ist. Was noch wichtiger ist: Er hat sich bisher nicht vom Zeitgeist vereinnahmen lassen, er hat – ein Mut, der Respekt verdient – Thilo Sarrazin verteidigt und gegen die „politische Korrektheit“ in den Reden der Politiker Stellung bezogen.
Mit seinem neuen Buch, „Freiheit. Ein Plädoyer“, wirbt er erneut für ein Land, in dem eine veröffentlichte Meinung – im Gegensatz zur öffentlichen Meinung – den Menschen Zukunftsangst einreden will. Er spricht im Gegensatz dazu von einem Leben in Freiheit, von den Möglichkeiten für ein erfülltes Leben. Die deutsche Neigung zu Hysterie und Angst nennt er „abscheulich“.
„Verwirrt und überwältigt“
Welch ein Gegensatz die Hausherren im Schloss Bellevue von gestern und morgen trennt, mag ein Blick aufs Atmosphärische verdeutlichen: Während Wulff selbst in seiner Rücktrittsrede noch präpotent auftrat, wirkte Gauck bei der Pressekonferenz der Parteichefs demütig. Er sei „verwirrt und überwältigt“, meinte er. Es sieht so aus, als habe man eine gute Wahl getroffen.
Professor Detlef Kleinert begann seine berufliche Laufbahn beim Bayerischen Fernsehen. Er war unter anderem Südosteuropa-Korrespondent der ARD in Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2012)















