Hat man schon einmal seit Gründung des Bonner Staates eine derart einheitlich „abgestimmte“ Hexenjagd der deutschen Presse auf einen und denselben Menschen erlebt wie zuletzt auf Christian Wulff? Ich nie.
Saturiert seit dem Wirtschaftswunder ab 1950, auch kulturell angeödet, weil in Deutschland nichts los ist, „benötigt“ die Volksseele – wie ekelerregend die periodisch immer aufs Neue obenauf kommt, konnte ich zuletzt als Neunjähriger erleben, als unsere jüdischen Mitbürger in die Vernichtung wegwaggoniert wurden –, vor allem aber benötigen die Medien Unterhaltungsstoffe.
Allerniedrigste Instinkte
Ich vergleiche nicht die Vernichtung der Juden mit dem einstimmigen Hass-Feldzug gegen Christian Wulff – ich sage nur, die Öffentlichkeit, jeder von uns gehört auch zu ihr, braucht immer ein neues „Thema“, ihre allerniedrigsten Instinkte „an den Mann“ zu bringen.
Vorbildlich und klassisch gültig hat Bundespräsident Gustav Heinemann das im Fernsehen gezeigt: Er streckte den Zeigefinger aus und kommentierte: „Wer das tut, soll nie übersehen, drei Finger seiner Hand zeigen auf ihn selbst.“
Lese ich, was man dem inzwischen abgetretenen Bundespräsidenten alles anhängt, muss auch ich mich der totalen Korruption bezichtigen: Ich habe vor Jahrzehnten, ohne mir das heute noch erklären zu können, mehrmals vor Bundestagswahlen für die FDP optiert, ohne je ihr Mitglied gewesen zu sein. Daraufhin wurde ich vom damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher wiederholt zu Überseereisen aufgefordert, weil der Außenminister offenbar einen Vertreter der Kunst dabei haben wollte, auch in Opposition zu der Tatsache, dass ja die Bundesrepublik bei ihrer Gründung nicht für nötig gehalten hat, überhaupt an ein Kulturressort zu denken.
Ich habe für diese Reisen samt Übernachtung nie einen Pfennig bezahlt und erwarte nun von der schweinischen Crew, die Herrn Wulff aus dem Amt vertrieben hat, auch noch zur Nachzahlung aufgefordert zu werden. Denn der Höhepunkt der Absurditäten: Man zeigte ja zuletzt auch Frau Wulff an, weil sie an einem Sonntagabend zu einem Staatsempfang eine Freundin eingeladen hatte: Das Ehepaar Wulff aber hat dasselbe Recht wie jedes andere auf einen freien Sonntagabend. Opfert es diesen Abend dem Amt – so kann es doch selbstverständlich auch Freunde mitnehmen. . .
Dass solche unaussprechlichen Banalitäten fast drei Monate lang das zentrale Thema der deutschen Presse waren, ist schon verächtlich genug! Doch das Verächtlichste, dass deutschen Journalisten nicht einmal mehr auffällt, was sie da mitmachen: bei der Stasi-artigen Durchsuchung der Privatsphäre, auf die Politiker den gleichen Anspruch haben wie jedermann.
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Rolf Hochhuth (*1.4. 1931 in Eschwege) ist Dramatiker, der sich in seinen Werken immer wieder mit dem Verhältnis der Deutschen zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzt. Er mischt sich aber auch engagiert
mit Stellungnahmen in die Tagespolitik ein. [AP]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2012)















