25.05.2012 19:26 | Meine Presse Merkliste 0

Eine „abgestimmte“ Hexenjagd

ROLF HOCHHUTH (Die Presse)

Zum Fall Christian Wulff: Unaussprechliche Banalitäten waren fast drei Monate lang lang das zentrale Thema der deutschen Medien.

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Hat man schon einmal seit Gründung des Bonner Staates eine derart einheitlich „abgestimmte“ Hexenjagd der deutschen Presse auf einen und denselben Menschen erlebt wie zuletzt auf Christian Wulff? Ich nie.

Saturiert seit dem Wirtschaftswunder ab 1950, auch kulturell angeödet, weil in Deutschland nichts los ist, „benötigt“ die Volksseele – wie ekelerregend die periodisch immer aufs Neue obenauf kommt, konnte ich zuletzt als Neunjähriger erleben, als unsere jüdischen Mitbürger in die Vernichtung wegwaggoniert wurden –, vor allem aber benötigen die Medien Unterhaltungsstoffe.

 

Allerniedrigste Instinkte

Ich vergleiche nicht die Vernichtung der Juden mit dem einstimmigen Hass-Feldzug gegen Christian Wulff – ich sage nur, die Öffentlichkeit, jeder von uns gehört auch zu ihr, braucht immer ein neues „Thema“, ihre allerniedrigsten Instinkte „an den Mann“ zu bringen.

Vorbildlich und klassisch gültig hat Bundespräsident Gustav Heinemann das im Fernsehen gezeigt: Er streckte den Zeigefinger aus und kommentierte: „Wer das tut, soll nie übersehen, drei Finger seiner Hand zeigen auf ihn selbst.“

Lese ich, was man dem inzwischen abgetretenen Bundespräsidenten alles anhängt, muss auch ich mich der totalen Korruption bezichtigen: Ich habe vor Jahrzehnten, ohne mir das heute noch erklären zu können, mehrmals vor Bundestagswahlen für die FDP optiert, ohne je ihr Mitglied gewesen zu sein. Daraufhin wurde ich vom damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher wiederholt zu Überseereisen aufgefordert, weil der Außenminister offenbar einen Vertreter der Kunst dabei haben wollte, auch in Opposition zu der Tatsache, dass ja die Bundesrepublik bei ihrer Gründung nicht für nötig gehalten hat, überhaupt an ein Kulturressort zu denken.

Ich habe für diese Reisen samt Übernachtung nie einen Pfennig bezahlt und erwarte nun von der schweinischen Crew, die Herrn Wulff aus dem Amt vertrieben hat, auch noch zur Nachzahlung aufgefordert zu werden. Denn der Höhepunkt der Absurditäten: Man zeigte ja zuletzt auch Frau Wulff an, weil sie an einem Sonntagabend zu einem Staatsempfang eine Freundin eingeladen hatte: Das Ehepaar Wulff aber hat dasselbe Recht wie jedes andere auf einen freien Sonntagabend. Opfert es diesen Abend dem Amt – so kann es doch selbstverständlich auch Freunde mitnehmen. . .

Dass solche unaussprechlichen Banalitäten fast drei Monate lang das zentrale Thema der deutschen Presse waren, ist schon verächtlich genug! Doch das Verächtlichste, dass deutschen Journalisten nicht einmal mehr auffällt, was sie da mitmachen: bei der Stasi-artigen Durchsuchung der Privatsphäre, auf die Politiker den gleichen Anspruch haben wie jedermann.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Rolf Hochhuth (*1.4. 1931 in Eschwege) ist Dramatiker, der sich in seinen Werken immer wieder mit dem Verhältnis der Deutschen zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzt. Er mischt sich aber auch engagiert
mit Stellungnahmen in die Tagespolitik ein. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2012)

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13 Kommentare
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Opferrolle?

Eine hohe Position im öffentlichen Bereich verleiht Macht, Ansehen und materiellen Wohlstand. Um dieser Position gerecht zu werden, wäre der Idealzustand, dass der jeweilige Amtsinhaber besondere moralische Ansprüche lebt. Vor allem auch als Selbstschutz. Da der Platz an der Spitze eng ist, gibt es eben zwangsläufig Neider und Missgünstige, die permanent Wege suchen, einen zu Fall zu bringen. Die Neider werden aber nur erfolgreich sein, Wenn die Personen an der Spitze einfach gewisse moralische Ansprüche aus den Augen verlieren. So brauchen sie sich nicht wundern, wenn sie früher oder später darüber stolpern. Sich danach als armes Opfer zu gerieren, stimmt nur bedingt. Opfer? Ja! Der eigenen Gier und Dummheit. Und, Herr Hochmuth, wenn Sie von Herrn Genscher zu einer Reise als Vertreter der Kultur eingeladen wurden, ehrt Sie das. Wenn Sie sich aber als Ministerpräsident eine private Urlaubsreise von einem Unternehmer bezahlen lassen, sieht die Sache ein wenig anders aus...

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Re: Opferrolle?

Herr Hochhuth, verzeihen Sie mir bitte die Falschschreibung Ihres Namens.

Gast: Axel Munte
25.02.2012 11:27
1 0

Wulff-Kampagne

Offensichtlich sind wir in D schon wieder so weit, dass man ausländische Zeitungen lesen muss, da die hiesige Presse völlig gleichgeschaltet operiert. Vgl. ähnlichen Artikel in der NZZ vom 18.2.2012 "Zur Strecke gebracht".

Gast: geoopster Heike
24.02.2012 13:24
6 0

ja, so ähnlich sehe ich das auch

nur kann ich nicht so gut formulieren

und bin auch zu Recht nicht so berühmt
wie Rolf Hochhuth
*verbeug*

Gast: Österreicher
22.02.2012 12:12
2 2

Wie war das eigentlich mit der Kreisky-Villa,

die nur ATS 2.000 monatlich gekostet hat. Wenn man den Differenzbetrag auf eine angemessene Monatsmiete umrechnet, ergibt auf Jahrzehnte berechnet eiinen ganz schön großen Betrag, der der Wr.Städtischen entgangen ist!

Aber von solchen "Kleinigkeiten" redet in Österreich niemand!

Antworten Gast: Österreicher (das Original)
22.02.2012 17:16
2 0

Vom Kommentar zitiert - passt auch auf Ihren Eintrag

... ihre allerniedrigsten Instinkte „an den Mann“ zu bringen.

... „Wer das tut, soll nie übersehen, drei Finger seiner Hand zeigen auf ihn selbst.“

... der Höhepunkt der Absurditäten

... solche unaussprechlichen Banalitäten


Gast: extrablatt
22.02.2012 09:58
0 0

toller wachhund der demokratie - mit leinen- und maulkorbpflicht !


Freiheit, zentrales Thema des künftigen BP, ist gut, viel Freiheit ist viel zu gut, zuviel Freiheit ist zuviel des Guten. Wie der Wohlstand, ist sie höchst ungleichmäßig, ungerecht verteilt und die Vielhabenden können der Versuchung nicht widerstehen sie mißbräuchlich zu verwenden. Eine professionell und ethisch hochstehende Presse (durch Medien ersetzbar) wird sich wie selbstverständlich das Äußerste abstecken über welches hinaus nicht gegangen werden darf, in der Gosse scheint die Freiheit zulasten anderer grenzenlos zu sein.
Am Montag lief auf br-alpha ein alpha-Forum mit Hugo Portisch zu seinem 85-ten. 1950, als er ein halbes Jahr in den USA verbrachte, um Journalismus nach anerkannt strengsten Kriterien kennenzulernen, fand er sie als Hospitant in jeder Redaktion als Richtschnur des Handelns angewendet, heute würde er höchstens vier aufzählen können, die so altertümlich, so "outdated" geblieben sind.

Kokopelli
22.02.2012 00:44
5 0

Am Ende des Bürgertums?

Sich selbstgerecht als gut und anständig findend, wird jeder angepatzt, den man als Freiwild zur medialen Hatz auftreiben kann, je höher positioniert, umso lieber! Da ist es schon ein Verbrechen, Freunde zu haben, eine Krawatte zu tragen, oder keine Krawatte zu tragen, verheiratet zu sein oder nicht verheiratet zu sein...tiefer geht's immer. Der eine BP wurde verjagt, der andere, noch nicht einmal gewählte Kandidat, wird bereits ins Visier genommen! Hat er vielleicht Löcher im Socken, oder jemals eine Einladung zu einem Glas Bier angenommen? Man wird was finden, da bin ich mir sicher. Deutschland schafft sich ab. Aber anders als Herr S. es gedacht und geschrieben hat...Hochhut hat mutig geschrieben, Chapeau!

6 1

Hexenjagd

Das ist bei weitem nicht die erste Hexenjagd gewesen, die ich in den letzten Jahren wahrgenommen habe. Nur meist trifft es keine Präsidenten, sondern Journalisten, die sich eine vom Mainstream der politischen Korrektheit abweichende Meinung leisten.

Mir fällt ad hoc Eva Hermann ein, auch bei Sarrazin gab es entsprechende Tendenzen inklusive Verlust des Postens. Auch Möllemann ist seinerzeit nicht aus Jux gesprungen.

Gast: Vogel Strauss
21.02.2012 19:55
0 7

Bezahlter Text???

So eine seltsame Argumentation kann nicht ohne Auftrag sein ...

Gast: Botho JUNG
21.02.2012 19:32
8 0

Haß ohne Ende

Ich fürchte, dass kein deutsches Presseorgan diesen deprimierenden Kommentar nachdrucken wird. Die deutsche Presse - sich selbst gleichschaltend - hat mich in diesen letzten Monaten an Deutschlands schlimmste Zeiten erinnert. Das Volk wurde durch diesen Journalismus in Lynchstimmung geschrieben
Das Resultat: in der "Frankfurter Rundschau" wurde der Bundespräsident als "Lump" bezeichnet. Als Reaktion auf einen verleumderischen Beitrag in der "Tagesschau" rief ein Konsument zum "Erschießen" von Wulff auf und im "Spiegel" verlangte ein Leser bezüglich Bundespräsident "ELIMINIEREN". 65 Jahre nach 1945. Rolf Hochhuts Verzweiflung ist nachvollziehbar. Vielen Dank für seinen Kommentar.

Gast: sancta simplicitas
21.02.2012 19:16
1 7

Krasse Manipulation!

Die vom Autor genannten Banalitäten waren es sicher nicht, die Wulff zum Rücktritt drängten. Da verdrängt der Dichterfürst etwas.

Fehlt nur noch, dass er die Wulffs als die "neuen Juden" bemitleidet.

Gast: 3w4
21.02.2012 19:07
8 0

Neidgesellschaft

Hochhut hat den Finger auf den wunden Punkt gelegt! Wir leben in einer von Neid geprägten Sensationslüsternen Gesellschaft!

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