25.05.2012 19:26 | Meine Presse Merkliste 0

Und wo bleiben die Strukturreformen in der Gesundheitspolitik?

ILONA ROST (Die Presse)

Eine absurde Situation: Derzeit verhandeln neun Gebietskrankenkassen mit neun Ärztekammern neun verschiedene Tarife.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Solange keine echten Strukturreformen durchgeführt werden, ist eine weitere Belastung auch der Besserverdiener nicht akzeptabel. Im Gesundheitssystem sehe ich als Ärztin bisher noch keinen sinnvollen Ansatz für solche Strukturreformen.

Dass die Gebietskrankenkassen ihr Defizit abbauen konnten, liegt leider nicht an strukturellen Maßnahmen, sondern daran, dass der Zugang zu nötigen Untersuchungen verzögert wurde und dass besonders Wahlarztpatienten, die wegen der 80-Prozent-Regelung bei der Rückvergütung ohnehin schon geringere Kosten für die Krankenkassen verursachen als Kassenpatienten, manche Medikamente nicht mehr bewilligt bekommen.

Eine strukturelle Reform muss Spitäler und den niedergelassenen Bereich gleichzeitig behandeln. Grundvoraussetzung ist eine Finanzierung aus gleichen Quellen.

Derzeit wird der niedergelassene Bereich nur durch die Krankenkassen finanziert (Ausnahmen Vorsorgeuntersuchung und Mutter-Kind-Pass). Das führt dazu, dass die Kassen möglichst viel in den stationären Bereich verlagern, da dort die Kassen nur 35 Prozent, Land und Bund (also eigentlich die Steuerzahler) die restlichen 65 Prozent begleichen. Damit werden die Gesundheitskosten sicher nicht gesenkt. Und wie mir eine Chefärztin der Wiener GKK erklärte, ist das der Krankenkasse egal, solange die GKK weniger zahlen muss.

 

Neunklassensystem

Übrigens, wir brauchen auch keine neun Gebietskrankenkassen, die mit neun Ärztekammern neun verschiedene Tarife verhandeln, und somit österreichweit ein Neunklassensystem kreieren.

In Österreich zahlt jeder Angestellte mit dem gleichen Einkommen auch gleiche Krankenkassenbeiträge. Was er dafür von der Krankenkasse bekommt, ist allerdings unterschiedlich. Das stellt für mich eine Ungleichbehandlung der Bürger dar, die nie zur Sprache kommt. Es wird immer nur von der Zweiklassenmedizin „Sozialversicherung gegen Privatversicherung“ gesprochen. In der Privatversicherung aber zahlt ein Teil der Bevölkerung zusätzlich ein, um sich Arzt und Krankenhaus aussuchen zu können. Ich sehe daran nichts Anstößiges, weil manchem die Gesundheit eben mehr wert ist.

 

Fünf konkrete Maßnahmen

Als Betreiber eines Ärztezentrums muss ich immer wieder feststellen, dass auch im Privatversicherungsbereich Hürden auferlegt werden, wenn man in der Ordination operative Leistungen günstiger anbietet als im Krankenhaus.

Wir brauchen eine strukturelle Reform des Gesundheitswesens, ganz konkret brauchen wir:
• Erstens eine Finanzierung des stationären und niedergelassenen Bereichs aus einem Topf.
• Zweitens eine Aktualisierung des Leistungskataloges.
• Drittens eine Vernetzung des stationären und niedergelassenen Bereiches mit klaren Aufgabentrennungen; alle ambulanten Diagnosen und Therapien haben im Spital nichts zu suchen.
• Viertens eine Verlängerung der Öffnungszeiten in den Ordinationen durch brauchbare Modelle von Ärztekooperationen.
• Fünftens eine Aufteilung der Spitäler in Akutspitäler und Rehab-Spitäler. In Letzteren können Patienten, die nicht mehr rund um die Uhr den Facharzt brauchen, aber vermehrter Pflege bedürfen oder auf einen Pflegeplatz warten, kostengünstiger betreut werden.

Wenn unsere Politiker vielleicht einmal doch an die Menschen denken, die sie vertreten sollen, dann wäre unser Anreiz, gültig zu wählen, wieder gegeben. Derzeit fühle ich mich als Ärztin und als Patientin von der Gesundheitspolitik im Stich gelassen.

Ilona Rost ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und ärztliche Leiterin der Villa Medica in Mödling.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

3 Kommentare
nachdenken
11.04.2012 11:09
0 0

Die Reformen werden vom Beamtenapparat behindert!

Ob in der Verwaltung, in der Medizin, in der Bildung, überall dort, wo unzählige Beamte und ÖBD auf Parteitickets "herumsitzen" kann es keine Reform geben!

Anders gesagt, solange die GROKO und die FPÖ in Kärnten das sagen hat wird sich im Sinne von Mitterlehner "was mach ma dann mit den zigtausend Arbeitslosen?" genau nichts substantiell ändern!


derpradler
11.04.2012 09:34
1 0

Keine Angst,

Krankheit wird schon bald privatisiert! Dann seit Ihr endlich am Ziel!

c.ebner
22.02.2012 22:30
0 0

Gut auf den Punkt gebracht!

Die Forderungen decken sich 1:1 mit langjährigen BZÖ-Forderungen!

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News