25.05.2012 19:27 | Meine Presse Merkliste 0

Falco – oder: Die davon leben, dass er gestorben ist

EGYD GSTÄTTNER (Die Presse)

Gastkommentar. Die verblüffenden Erkenntnisse der zeitgenössischen Germanistik: Falcos Texte sind Literatur, also ist Falco auch ein Literat.

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Ich erinnere mich: In seinem letzten TV-Interview bedauerte der große Falco die Vergänglichkeit von Liedern und beneidete die Literaten und Dichter darum, dass ihre Bücher Bestand hätten. Falcos Gastauftritte in der „Schule der Dichtung“ waren nur ein schwacher Trost.

Jetzt gibt es um seinen Todestag herum jährlich In-memoriam-Dokus ohne Ende (meistens wird termingerecht auch irgendein supersupergeheimes Musikfundstück hervorgekratzt, mit dem man ein bisserl Geld machen kann). Diesmal gab es gerappte Germanistik, pro Germanist ein Satz, pro Adabei ein Adjektiv. Die zeitgenössische Germanistik kommt dabei zu so verblüffenden Erkenntnissen wie der, dass Liedtexte prinzipiell Texte und Texte prinzipiell Literatur sind. Daraus wiederum ergibt sich zwingend: Falcos Texte sind Literatur, Falco ist ein Literat. Na bumm!

Ein Adjektiv bleibt leider ein Adjektiv und nichts weiter, auch wenn Paulus Manker ein noch so bedeutungsexplodierendes Gesicht dazu schneidet. Um zu zeigen, was er so drauf hat, kommt ein Germanist natürlich auch auf Baudrillard, Ödön von Horvath und, und, und. „Who cares?“, um es mit Falco zu sagen.

 

Stocksteife Germanisten

Als ich in den 1980ern Germanistik studierte, war Falco gerade am Höhepunkt seiner Karriere: „Jeanny“, „Amadeus“, „Vienna Calling“ wurden, wie es hieß, „rauf und runter gespielt“. Aber keiner der stocksteifen Germanisten wäre auf die Idee gekommen, sich damit zu beschäftigen oder irgendwelche Vergleiche anzustellen und postmoderne Literaturtheorien zu bemühen. War gar nicht notwendig. Falco ging auch so „rein“, ganz unmittelbar und unvermittelt.

Natürlich sind die Germanisten damals nicht gefragt worden. Keiner der heutigen älteren Herren, die damals Studiomusiker waren, keiner der jetzigen Moneymaker und Leichenausschlachter wäre auf die Schnapsidee gekommen, die Liedtexte, von ihrer Musik befreit, wie bei einer Lyriklesung vorzutragen. Das ist wirklich peinlich bis zum Gänsehautkriegen, und notwendig hat das alles nicht der, der gestorben ist, um zu leben, sondern die, die nur davon leben, dass er gestorben ist.

 

Was ist eine Literaturlegende?

In diesen Dokus melden sich auch große Weggefährten-Dichter zu Wort, die Falcos poetische Gabe bestätigen: Wolfi Bauer etwa. In Amerika habe er, Wolfi Bauer, Falco einmal im Autoradio gehört. Außerdem habe Bukowski auch „nur übers Ficken und Saufen geschrieben, und das sei auch großartige Literatur...“

Im Insert wird Wolfgang Bauer, anders als Falco selbst, weder „Schriftsteller“ noch „Dichter“ genannt, sondern „Literaturlegende“. Was das sein soll? Mittlerweile ist auch er gestorben, ebenso wie H.C. Artmann (der einmal eine Falco-Wortspende gegeben hat) und Ernst Jandl (der nie eine gegeben hat) – und mir fällt auf, dass eine richtige Literaturlegende jemand ist, an dessen Todestag nicht der Hauch einer tele-medialen Erregung inszeniert wird.

Mein (lebender!) Grazer Literaturlegendenfreund Günter Eichberger hat mir einmal gesagt, er habe nach Bauers Tod gemeint, jetzt käme dessen beste Zeit, habe sich mit der Einschätzung aber leider geirrt. Das Leben Wolfi Bauers ist bis heute nicht verfilmt worden (Graz hat sich, wenn ich mich nicht täusche, nicht einmal für seinen Nachlass interessiert), das Leben Ernst Jandls nicht, das H.C. Artmanns ebenso wenig.

Die Todestage der Literaturlegenden nehmen Öffentlichkeit und Medien einfach so hin. Literaturlegenden leben nicht gar so besonders, wenn sie gestorben sind. Da kann Falco also sozusagen von Glück reden, dass er vielleicht doch keine ist?

Egyd Gstättner (* 25.5. 1962) studierte Germanistik und Philosophie. Er ist Schriftsteller und Essayist. Sein neuestes Buch: „Absturz aus dem Himmel“ (Picus Verlag).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2012)

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2 Kommentare

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immer mehr lächerliche Kommentare(siehe Ente und Dings von letzter Woche), die die Reinheit der Literatur fordern - was ist da los? Lesen an sich ist ja schon extrem überbewertet ebenso H.C. Artmann und Jandl.

Gast: tom green
22.02.2012 18:53
0 0

mutter, ...

mutter, der mann mit dem koks war da.

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