Wer sagt, „Arbeitslosigkeit ist per se nichts Schlechtes“, wie AMS-Chef Johannes Kopf in einem „Presse“-Interview (4.2.), dem fehlt nicht nur die Erfahrung, selbst einmal länger auf Jobsuche gewesen zu sein. Es fehlt ihm vor allem das Einfühlungsvermögen in ein nicht bloß arbeitsmarktpolitisches Problem. Jedenfalls dürfte so jemand nicht an der Spitze des AMS stehen. Die Aufgabe ist doch primär, Arbeitslosen zu nachhaltigen Jobs zu verhelfen.
Es ist auch nicht schlüssig, wenn Kopf sagt, dass sich bei Einstellung Älterer die Arbeitslosenrate um ein Prozent erhöhen würde; dies wohl deshalb, weil keine Jungen zum Zug kommen würden. Aber es ist kaum nachweisbar, dass etwa statt einem Älteren zwei Jüngere genommen werden. Nur der Vergleich über einen längeren Zeitraum könnte darüber Aufschluss geben, ob nicht nach Ausscheiden des Älteren wieder Jüngere zum Zug kommen.
Es geht um Eigenverantwortung
Auch die Aussage, dass es ihm lieber sei, wenn die Leute in Pension gehen, als arbeitslos zu sein, gibt zu denken, zumal es ja die Aufgabe sein müsste, Menschen in Beschäftigung zu halten, auch ältere wieder in Beschäftigung zu bringen. Dass dies nicht leicht ist, ist klar. Aber es stünde dieser Musterschülerbehörde gut an, eine längerfristige Strategie zu entwickeln und auch umzusetzen.
Einmal geht es um die Eigenverantwortung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, sich den adäquaten Job zu suchen beziehungsweise den richtigen Mitarbeiter auszuwählen. Nur durch qualitative Personalentwicklung kann sichergestellt werden, dass bei Veränderungen des Aufgabenspektrums die neuen Herausforderungen bewältigt werden.
Ebenso bedarf es einer individuellen Persönlichkeitsentwicklung, um langfristig den betrieblichen Anforderungen zu entsprechen. Das kann nicht ausgelagert werden, nicht an das AMS delegiert werden, wenn es auch ökonomisch attraktiv erscheinen mag. Eine auf Dauer angelegte Personalpolitik vermag nicht nur eine hohe Fluktuation zu reduzieren, sie stärkt auch Teamgeist und Zusammenarbeit, erhöht die Arbeitsfähigkeit und vermeidet damit Folgekosten. Eine zukunftsträchtige Arbeitsmarktpolitik bedarf eben einer ganzheitlichen Sicht und konsensuellen Strategie, die auch einen wesentlichen Beitrag zur Kostenreduktion leisten würde – und zwar nachhaltig.
Beitrag zur Demografie
Ältere in den Arbeitsmarkt zu bringen oder im Arbeitsprozess zu halten wären ein notwendiger Beitrag, um der demografischen Entwicklung Rechnung zu tragen, die Finanzierung des Sozialsystems abzusichern und Menschen eine positive Perspektive zu geben, die nicht die Botschaft des Arbeitsleids und des inhärenten Burn-outs vermittelt.
Arbeit kann und sollte im Regelfall Freude und Zufriedenheit hervorrufen. Arbeit muss als universelles Phänomen angesehen werden, nicht nur als ökonomischer Produktionsfaktor. Arbeit ist auch gleichzeitig ein Bildungsthema, das uns vor Schäden bewahren kann und die Zukunft unserer Jugend sichert.
Drei-Generationen-Sicht
Sowohl im gesellschaftlichen wie im beruflichen Kontext sollte eine Drei-Generationen-Sicht gefördert und entsprechend umgesetzt werden. Hier wären Hebel zu betätigen, die schon lange nicht mehr angerührt, in einer unbeweglichen Sozialpartnerschaft einzementiert wurden.
Deshalb: Raus aus der Komfortzone, bearbeiten wir heiße Eisen, sehen wir der Wahrheit ins Gesicht, handeln entsprechend und schwindeln wir uns nicht irgendwie aus dem Thema heraus!
Alexander Norman ist Karriereberater und seit über 20Jahren mit der Integration Älterer in den Arbeitsmarkt beschäftigt. Davor war er Personalleiter in der produzierenden Industrie.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2012)















