Ein Kandidat, der beim Volk schon fast als Heilsbringer gilt; eine Wahl, die zwar kein SED-Ergebnis hatte, aber doch eine so breite Mehrheit auswies, dass sie als überzeugender Vertrauensbeweis gelten darf – was will man mehr? Der Gewählte war denn auch fast sprachlos. In der Tat hat Joachim Gauck das Zeug dazu, dem zuletzt ramponierten Amt des Bundespräsidenten wieder Glanz und Würde zu verleihen.
Was in anderen Ländern Grund zu einhelliger Freude wäre – in Deutschland, dem Lande der Nörgler, finden sich immer noch genügend Stimmen, die sofort Bedenken äußern. Dass die Bundeskanzlerin nicht die erste, sondern erst die vierte war, die Gauck gratuliert hat, findet die „Zeit“ bemerkenswert. Und die vielen Stimmen gegen Gauck, so weiß das „Hamburger Wochenblatt“, kommen von dem „Schlingerkurs der Kanzlerin, der Solidarität mit Christian Wulff oder dem konservativen Entsetzen über Gaucks Lebenswandel“.
Bereits vor der Wahl hat sich abgezeichnet, dass linke Ideologen dem inzwischen als „konservativ“ schubladisierten Gauck misstrauen. Hatte er doch das Sarrazin-Buch „Deutschland schafft sich ab“ als „mutig“ bezeichnet und gemeint, Sarrazin habe über ein Problem, das in der Gesellschaft bestehe, offener gesprochen als die Politik. Gauck hat also gegen ein Tabu verstoßen.
Immer schon ein Mahner
Auch die Tatsache, dass Gauck die „Wutbürger“ der Occupy-Bewegung und deren Kapitalismuskritik als „unsäglich albern“ bezeichnet hatte, nahmen die ihm ach so Progressiven sehr übel. Und so war er, der vor zwei Jahren noch als „Brückenbauer“ gerühmt worden war, nun plötzlich „thematisch sehr schmalspurig“ (so die „Süddeutsche Zeitung“).
Dass für diesen Bundespräsidenten, der in einem Unrechtsstaat gelebt und gelitten hat, die Freiheit das Maß aller Dinge ist, wird von manch einem Ideologen vergessen. Anschauungsmaterial für den Gegensatz von öffentlicher und veröffentlichter Meinung.
So meint etwa die „Frankfurter Rundschau“, dass Gauck zwar ein guter Präsident sein werde, aber „alte und neue Linke sehen ihn als neoliberalen Ideologen, der voller Pathos über die Freiheit redet, aber doch nur die Freiheit der Finanzmärkte meint“. Und: Gauck werde ein Präsident der Müllers, Meiers und Schulzes, aber nicht der Yilmaz, Kayas oder Radovics – in Anspielung auf den umstrittenen Satz seines Vorgängers Christian Wulff, zu Deutschland gehöre auch der Islam.
Viel zu wenig wird dabei beachtet, dass sich Gauck schon immer als Mahner hervorgetan hat, dass von ihm zu erwarten ist, von Politikern Mut einzufordern: Mut, sich gegen den Zeitgeist zu stellen, Mut, in der Politik den Begriff der Verantwortung neu zu definieren.
In Deutschland ist in den letzten Jahren zunehmend eine Distanz zwischen Politikern und Bürgern zu beobachten, eine gefährliche Rutschbahn von Politikerverdrossenheit über Politikverdrossenheit zu Demokratieverdrossenheit. Joachim Gauck hat die Fähigkeit, auch die Glaubwürdigkeit und den Mut, dem entgegenzuwirken.
Professor Detlef Kleinert begann seine berufliche Laufbahn beim Bayerischen Fernsehen. Er war unter anderem Südosteuropa-Korrespondent der ARD in Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2012)















