23.05.2013 13:21 Merkliste 0

Rettet die EU – Griechen raus aus der Eurozone!

ULRICH BRUNNER (Die Presse)

Immer neue Milliardenpakete zur Rettung des maroden Griechenland nützen nur den populistischen EU-Gegnern und gefährden die Europäische Union selbst. Höchste Zeit, dass die Griechen den Euro aufgeben und zur Drachme zurückkehren.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Publizisten und Politiker schwören uns auf Solidarität mit Griechenland ein, weil es gilt, das Friedensprojekt der Europäischen Union zu retten. Das europäische Projekt ist in der Tat einzigartig und eine Rettung aller Mühen wert. Bei all den Appellen wird aber etwas Wesentliches übersehen: Man kann in einer Solidargemeinschaft Solidarität des Starken mit den Schwachen einfordern, nicht aber mit Betrügern.

Griechenland hat sich mit gefälschten Statistiken den Zugang zur Eurozone erschwindelt – und schwindelt noch weiter. Nach allen Nachrichten, die uns vom kranken Land in der Ägäis erreichen, kann Griechenland die restlichen Schulden nie zurückzahlen und wird sich mit dem Euro auch nicht erholen. Es sollte daher die Eurozone verlassen und zur Drachme zurückkehren – oder dazu gezwungen werden.

 

Hauptproblem Steuervermeidung

Das Hauptproblem Griechenlands ist die Steuervermeidung in allen Gesellschaftsschichten. Das hat historische Gründe. Die fast 400 Jahre dauernde osmanische Herrschaft führte dazu, dass die Griechen den Staat als Ausbeuter erlebten, gegen den es sich zu wehren galt und den man hasste.

Diese Einstellung zum Staat hält bis heute an. Die Osmanen haben – anders als die Habsburger – in den von ihnen besetzten Ländern auch keine funktionierenden Verwaltungsstrukturen aufgebaut; das ist bis heute so geblieben. Griechenland hat Verwaltungsstrukturen eines Entwicklungslandes.

Griechenland hat zum Beispiel kein Grundbuch. Die EU hat der griechischen Regierung schon vor Jahren 150 Millionen Euro überwiesen, um ein Katasterwesen aufzubauen, ohne das es keine Grundsteuern, keine Verkehrsfähigkeit und Beleihbarkeit von Immobilien gibt. Nach zwei Jahren wurde das Projekt eingestellt. Nur mit Mühe bekam EU-Kommissar Boltenstein 75 Millionen Euro zurück. Der Rest war versickert.

Griechenland kennt auch keine elektronische Steuererklärung. Gegen entsprechende Vorschläge der EU-Kommission in diese Richtung gibt es von den griechischen Finanzern viele Einwände. Warum das so ist, hat der „Stern“ berichtet: Bei der Einkommensteuererklärung gilt in der Regel das System 40:40:20. 40 Prozent für den Finanzbeamten, 40 Prozent für den Steuerzahler, 20 Prozent für den Staat. Das wird mündlich ausgemacht. Um das System zu ändern, müsste man wohl zu jedem griechischen Finanzbeamten einen ausländischen Aufpasser stellen!

Alle Nachrichten aus Griechenland sind mit Vorsicht zu genießen. Da wurde etwa behauptet, das Pensionsalter sei höher als in Deutschland. Das war natürlich falsch. Das normale Pensionsalter wird durch absurde Regeln für Frühpensionen unterlaufen.

 

Von Bergleuten bis zu Friseuren

530.000 Griechen, die in sogenannten „gesundheitsgefährdenden Berufen“ arbeiten, können in Frühpension gehen (Frauen mit 50, Männer mit 55). Die Liste dieser Berufe hat es in sich: Außer Bergleuten und Hochofenarbeitern, bei denen das verständlich ist, sind das Konditoren, Köche, Kellner, Klofrauen, Taxifahrer, Friedhofswärter, Nachtwächter und viele andere normale Berufe. Nachrichtensprecher gehen ebenso einer „schweren“ Tätigkeit nach wie Friseure. Letztere mit der Begründung, dass sie mit Chemikalien zu tun haben.

 

Die Mitschuldigen am Desaster

Die Regierung will die Zahl der Begünstigten jetzt von 530.000 auf 350.000 senken, allerdings erst ab 2015. Da spielt es budgetär auch kaum mehr eine Rolle, dass tausende Griechen eine Blindenrente kassiert haben, obwohl sie nicht blind waren, und zigtausende Angehörige von Verstorbenen jahrelang die Pension weiterkassierten. Griechenland ist ein durch und durch korrupter Staat.

Wenn jetzt Deutschland und Frankreich an der Spitze der Rettungsbemühungen für Griechenland stehen, muss man daran erinnern, dass diese beiden Staaten auch am Beginn des Schlamassels standen. Schon die Einführung des Euro war eine gemeinsame Entscheidung von Helmut Kohl und François Mitterrand, die überhastet und nicht durchdacht war.

Deutschlands Sozialdemokraten leisteten dann einen noch schlimmeren Beitrag zum Desaster. 2000 intervenierte Kanzler Gerhard Schröder massiv für die Aufnahme Griechenlands in die Eurozone – trotz Bedenken der EZB. Schröder wollte damals den in Athen regierenden Sozialisten helfen. Die griechische Budgetstatistik, die der Aufnahme in die Eurozone zugrunde lag, war allerdings gefälscht. Die Sozialisten wurden abgewählt und der Konservative Karamanlis führte das schon angeschlagene Land vollends in den Bankrott.

Die EU-Gelder und Kredite führten nicht zum Aufbau einer besseren Wirtschaftsstruktur, sondern gingen zur Gänze in den Konsum. Die Griechen schlossen bei den Löhnen zu den mitteleuropäischen Industriestaaten auf, obwohl die Wirtschaft bestenfalls das Niveau eines Schwellenlandes aufweist. Griechenlands Wirtschaftsminister Vassilakis gibt auch zu, dass das Geld der EU kontraproduktiv war: „Diejenigen, die etwas produzierten, schlossen ihre Betriebe und gründeten Importfirmen, weil sich damit mehr verdienen ließ. Das ist das eigentliche Desaster des Landes.“

 

Und was ist mit den Tschechen?

Große Einsparungen wären beim Militärbudget möglich, dort wäre viel zu holen. Griechenland gibt fast vier Prozent des BIPs für das Militär aus. 1500 Panzer und die größte Flotte von Mirage-Flugzeugen außerhalb Frankreichs sollen den türkischen Erbfeind abschrecken – mit dem man allerdings gemeinsam in der Nato ist.

Weder Angela Merkel noch Nicolas Sarkozy haben bisher zu Einsparungen im Rüstungsbereich gedrängt. Die Waffenschmieden der beiden Länder haben nämlich den Löwenanteil an Griechenland geliefert, finanziert zum Großteil von den Banken der beiden Lieferländer. Berlin und Paris sind in diesem Punkt nicht aus der Verantwortung zu entlassen.

Auf die Griechen kommen harte Zeiten zu. Der tschechische Ministerpräsident Petr Nečas hat allerdings darauf hingewiesen, dass der Mindestlohn in seinem Land mit 320 Euro deutlich niedriger ist als in Griechenland, wo er 750 Euro beträgt, obwohl beide Länder wirtschaftlich ungefähr gleich stark seien. Muss man da mit den Tschechen nicht mehr Mitgefühl haben als mit den Griechen?

Europas Optionen sind: Beibehaltung des erschwindelten Wohlstands der Griechen durch immer neue Milliardenpakete und wachsender Unmut der Wähler der Geberländer; das würde nur den EU-Gegnern nützen, vielleicht sogar die EU gefährden. Da ist es allemal besser, Griechenland scheidet aus der Eurozone aus. Sonst könnten Historiker in einigen Jahren schreiben: „Griechenland stand an der Wiege Europas, es stand auch an seiner Bahre.“


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Ulrich Brunner (geboren am 12. 7. 1938 in Wien), war Schriftsetzer, Korrektor und jahrelang innenpolitischer Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“. Seit 1975 im ORF, zunächst in der „Zeit im Bild“ als Reporter, später Ressortleiter Innenpolitik, Chefredakteur im Hörfunk und Intendant des ORF-Landesstudios Burgenland. [Archiv]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

8 Kommentare

Für linke, ökon. Halbgebildete, gibt es nur gute Griechen !!


Die bösen Deutschen, mit ihrer Lohnzurückhaltung, haben Griechenland zerstört !!

Schon der Kohäsionsfond wurde geplündert. Doch 17000, schwer bezahlte Bürokratenärsche in Brüssel kümmerte das alles nicht.

Die kriminelle Dimension der griech. Tragödie wird schlicht geleugnet.


Dass die Griechen mit dem Euro nicht leben können, war von Anfang an eine unleugbare Tatsache!

Die Europäer waren vom "Friedensprojekt" Euro so fasziniert, dass sie alle Vernunft vergesen haben und den Euroraum auch auf völlig ungeeignete Länder ausgedehnt haben.

Für Kohl muss ich eine Lanze brechen: Die Deutschen wussten genau, dass das nicht gut gehen würde, die Franzosen - als Siegermacht des zweiten Weltkriegs - haben aber ihre Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung davon abhängig gemacht, dass die Deutschen dem Euro zustimmen, weil sie es nicht ausgehalten haben, dass die D-Mark immer stärker wird. Da musste in Deutschlsnd natürlich alles andere zurückstehen!

Alle "Rettungsschirme" und sonstigen Geldverschwendungsprogramme der EU lösen gar nichts, alles hängt allein davon ab, dass die Wirtschaft - nicht nur Griechenlands, sondern aller schwachen Länder - wieder auf die Beine kommt. Dafür gibt es aber keine andere Lösung als die Abwertung der eigenen Währung gegenüber den anderen, also den Euro-Austritt.

Von den Politikern, die niemals zugeben werden, dass sie allein an dem Desaster schuld sind, wird ein Euro-Austritt in den schwärzesten Farben gemalt. Es wird natürlich schmerzhaft sein, diesen katastrophalen Fehler wieder auszubügeln, aber das alte Sprichwort: "Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" hat noch immer Gültigkeit!

Die EU hält aber krampfhaft am Schrecken bis zum bitteren Ende fest, in der trügerischen Hoffnung, dass irgendein Wunder geschehen wird, welches alle Probleme löst!

Wettbewerbsfähigkeit!

Griechenland kommt nur mittels Währungsabwertung wieder zu Wettbewerbsfähigkeit, alles Andere verlängert bloß die Rezessionsspirale, verschreckt Investoren und ruiniert weiter die Leistungsbilanz.

Nach einer Währungsabwertung von etwa 40-50% ist ein Wachstum von 7% pro Jahr möglich und das für viele Jahre in Folge einschließlich "Jobwunder" statt Massenarbeitslosigkeit.

1 0

Sie sind sehr höflich!

Sehr guter und aufschlussreicher Kommentar! Sie sind sehr höflich, Herr Brunner, wenn Sie von STEUERVERMEIDUNG schreiben - zutreffender wäre es, dies als ORGANISIERTES VERBRECHEN zu bezeichnen, denn es handelt sich dabei um systematischen Betrug am griechischen Staat und damit am implizit am europäischen Steuerzahler.

Gast: Paul9
12.04.2012 12:38
0 9

lernen sie geschichte herr redakteur!!!!

"lernen sie geschichte herr redakteur!!!!" ... ein euro-austritt athens wäre der griechische untergang; eine soziale und wirt. katastrophe mit unvorhersehbaren konsequenzen für andere "programm-länder". vieles liegt in athen im argen, keine frage, aber einiges an reformen ist schon auch auf schiene gebracht worden. dazu braucht es den hebel aus brüssel und den druck von aussen. europa wird es doch wirklich schaffen einem land wie griechenland (mit rd. 2% der eu-wirtschaftsleistung) wieder auf die beine zu helfen ... alles andere wäre ein armutszeugnis und undenkbar. die lust am untergang ist halt etwas "nettes" und soll v.a. vom eigenen saustall ablenken.

9 0

Gut geschrieben

Doch leider ist die politische Führung Europas im Augenblick eine Katastrophe. Vor allem das Entscheider-Duo Merkel/Sarkozy. Deutschland ist wegen seiner Vergangenheit erpressbar und Frankreich aus purem Eigennutz (franz. Banken sind die größten GR-Gläubiger) für diese katrastrophale Betrügersubvention eingetreten. Der Rest der Politiker sind dümmliche Mitläufer, so wie auch unser Kanzler der noch nie eine eigene Vorstellung formulierte, sondern immer gerade das bewarb was zuvor am EU-Gipfel beschlossen worden war. Die wenigen Politiker die es wagten Widerstand zu leisten (Sulik in der Slowakei), wurden alsbaldig aus dem Weg geräumt.
Darauf das Volk zu befragen hat man wohlweislich verzichtet, denn das hätte diesem Irrsinnspaket der Kollektivverschuldung nur um einen Betrüger durchzufüttern niemals zugestimmt. Doch letztlich wird auch dieses System kollabieren, nur dass dann leider vor allem die Zahler die Dummen sind, denn deren Geld ist unwiderbringlich weg.

Gast: Longhorn
12.04.2012 09:28
8 0

Quo vadis ?

Eine richtige und vor allem realistische Einschätzung der Lage !

Gast: radius
11.04.2012 18:46
4 0

Die einen betrügen, doch schlecht sind die Populisten.

Herr Brunner, Sie sind wohl der Oberpopulist.
Der ganze Süden muss den Euro verlassen, na glauben Sie, was wohl die Mafia in Italien als gemacht hat und noch immer macht oder in Spanien.

Die Südländer hätten niemals nie in den Euro dürfen.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News