20.06.2013 03:52 Merkliste 0

Leser im Bann der Titelseite: Was hat die Zeitung heute zu bieten?

ENGELBERT WASHIETL (Die Presse)

Ausbruchsversuche. Geübte Leser nehmen ihre „Presse“ neugierig zur Hand – und bleiben oft an der Illustration hängen. Sie scheint also wichtig zu sein.

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Die optische Darstellung gestaltet sich, wie die journalistischen Kunstschaffenden zugeben, täglich zur Quadratur des Kreises. Irgendwann fällt die Entscheidung über Bild oder Grafik. Sieben Mal in den vier Beobachtungswochen schlägt „Die Presse“ den Platz für eine eigenständige und vom Hauptartikel unabhängige „Bildgeschichte“ frei: für Edvard Munchs „Schrei“, die 1.-Mai-Feier, die Uni-Besetzung, die politischen Spatenstecher am Semmering-Tunnel, die Buwog-Affäre im U-Ausschuss und den Tanz der Bayern vor dem 85-jährigen Papst Benedikt.

Elegante Lösungen wie diese lenken von den Mühen des Alltags ab, zumal unsere derzeitigen Alltage nicht leicht zu illustrieren sind. Seit 2008 füllt die Weltwirtschafts- und Finanzkrise die Blätter, aber darstellbar ist sie eigentlich nur mit dunkel gekleideten Krawattenträgern plus Angela Merkel. Höchstens Griechenland steuert noch die Akropolis als Symbol der finanzpolitischen Ruine bei. Abwechslung ist das nicht.

Deshalb die Ausbruchsversuche in Richtung Grafik und Zeichnung. Ein aus der Nuklearwaffen-Statistik emporwachsender Atompilz fängt das Auge ein. Nicht ganz so gut klappt es, wenn Österreichs Wahl-Schicksalsjahr 2013 in großen Ziffern den Zeitungsrand hin-unterläuft und im schwarzen Teppich oder Sumpf ausrinnt. Und bei der Auffädelung von Rechtecken, die Spitzensteuersätze zeigen sollen, hilft auch die eingeblendete Rolls-Royce-Kühlerfigur nichts, das Thema bleibt grafisch und inhaltlich trostlos.

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Noch ein zweiter visueller Höhepunkt wird auf Seite 1 geboten: die Ankündigung rechts vom großen Titelkopf „Die Presse“. Die Journalisten nennen den prominenten Platz „das Ohr“. Übers Jahr triumphieren dort weibliche Sterne und Sternchen aus dem Theater-, Film- und Showgeschäft. Das gefällt, kann aber auch Anlass geben, die Nase zu rümpfen. Auffallenderweise kämpft die Zeitung an der Stelle nun fast schon 30 Tage lang für die Männerquote und serviert einen Battleship-Rambo, einen Jodeldiööö beim Amadeus-Award und gräulich wirkende Trojanerkrieger. Die maskuline Häufung lässt das geschlechtsspezifische Manko der Männer hervortreten: Wenn sie Blicke auf sich ziehen sollen oder wollen, schaffen sie es halt doch nicht so gut.

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In Wien-Stammersdorf leben Ziesel und Tierschützer nebeneinander und machen Bauplanern Umstände. Die Zeitung widmet dem Problem eine Menge Platz, aber ein Kästchen, in dem das niedliche Erdhörnchen näher beschrieben wird, hätte auch noch hineingepasst. Ziesel laufen einem selten über den Weg. Auf dem beigestellten Foto sieht das (oder der) Ziesel aus wie ein Feldhase ohne Ohren.

Knausrigkeit im Umgang mit Information ist auch im Bildtext zu einer Geschichte über den amerikanischen Moderator Letterman am Werk. Er wird mit Michelle Obama abgebildet, doch wird die First Lady mit keinem Wort und auch keinem Namen erwähnt (12.4.).

Manchmal ist die Illustration ein Missgriff. Zu Großbritanniens Kommunalwahlen hängt die Zeitung nicht etwa die britische Flagge aus, sondern die englische Fahne (5.5.). Mit dieser identifizieren sich Schotten und Waliser nicht.

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Sehr knapp fällt der einzige Bericht über einen außergewöhnlichen Unfall bei einer Bergrettung aus (12.4.). Gibt es über die Aktion mit Rettungshubschrauber, dessen Pilot drei Bergeleute abwirft, wobei einer zu Tode kommt, im Nachhinein nicht mehr zu vermelden?

Genauer könnte „Die Presse“ auch das berichten, was der norwegische Attentäter Anders Breivik vor Gericht über FPÖ und Jörg Haider sagte. Nicht dass dies viel wäre, aber man will ja erfahren, wie wirre Gedankengänge made in Austria international im Kreis gehen können. Das Thema wird mit Verspätung bloß nebenbei gestreift.

Zweimal hintereinander hebt sich der Sport angenehm von der allgemeinen Betriebsblindheit in dieser Mediensparte ab. Er berichtet kritisch über Pferderennen, die vermutlich nicht nur in Großbritannien manchmal in Tierquälerei ausarten (16.4.). Und geht in einem Kommentar mit der fragwürdigen Entscheidung Bernie Ecclestones ins Gericht, den Formel-1-Grand-Prix in Bahrain durchzuführen, ohne sich um die Menschenrechtslage in dem Golfstaat zu kümmern. „Es geht um viel Geld, verdammt viel Geld.“ (15.4.). Erst danach wandert die Bahrain-Affäre richtigerweise auch ins politische Ressort.

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Farben eignen sich in Grafiken hervorragend, um Unterschiede zwischen einzelnen Kategorien zu kennzeichnen. Neuerdings lässt die Klarheit zu wünschen übrig – eine einzige Grundfarbe wird graduell zerlegt, wobei die Unterschiede stellenweise verschwimmen wie in der Leistungsbilanz-Grafik (5.5.) oder kaum wahrzunehmen sind (Steuerschraube, 25.4.) Die Leser schätzen aber keine Information, die in Suchbildform serviert wird.
Ergibt ein Vergleich zweier Größen eine Differenz, so werden die Teile mit „als“ verbunden. Falsch ist somit: „Es gebe ohnehin nirgends auf der Welt ein günstigeres und effizienteres Feuerwehrwesen wie in Österreich“ (21.4.)

Im deutschen Satz steht das Subjekt zumeist am Beginn. Tut es das nicht, muss der Sinn erst logisch erkundet werden wie hier: „Nur Wahlen fürchten Politiker mehr als die Urteile der gestrengen Prüfer von Standard & Poor's, Moody's und Fitch.“ Umständlich ist immer auch unschön.

Bei einem Blutbad in Ägypten lässt „Die Presse“ Schrottkugeln fliegen, so als wäre die Munition schon rostig. Aber Schrotkörner, egal, ob aus Metall oder Getreide, haben nur ein t.

Die beim European Newspaper Congress ausgezeichnete Zeitung „Berlingske“ erscheint nicht in Norwegen, sondern in Dänemark.

Die Aufstellung einer Mariensäule auf Prags Altstädter Ring wird zwei Millionen Kronen kosten. Das sind umgerechnet nicht 800.000, sondern 80.000 Euro.

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Die heiterste Überschrift des Monats lautet: „Österreich verschuldet sich so günstig wie noch nie“ (9.5.). Der unglaubwürdigste Satz lautet: „Noch nie war es im April in Österreich so heiß wie gestern“ (29.4.).

Abschließend folgt der Kartoffelgeschichte zweiter Teil. Ich kämpfte in meinem April-Artikel wieder einmal um das „n“ im dritten Fall und vermisste dieses im Titel „Zahnärztin schält Kartoffel“. So eine Blamage, die Kartoffeln stehen da gut erkennbar im Akkusativ. Auch dort wird zwar das -n gebraucht, ich ziehe mich aber, Entschuldigungsfloskeln mit Akkusativ-n murmelnd, zurück und vergesse nicht, mich für erstaunlich viele Mails zu bedanken, die mich auf den Lapsus aufmerksam machten. Auch für jenes von Wolfgang A., der richtig erkennt, dass man auch eine einzige Kartoffel schälen kann, ganz ohne -n. In einem Single-Haushalt würde der Erdapfel sogar für einen Öko-Feiertag reichen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2012)

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1 Kommentare
Gast: ökono-mist
13.05.2012 00:09
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"Sowie als auch": Grammatikalische Blaulichthaberer?


Ein Feuerwehr(un?)wesen, in dem das (antrainierte?) mediale Erklären des chronischen Löschwassermangels offensichtlich zur massenmedialen Pflichtübung der Feuerwehrkommandanten verkommen ist, könnte ja effizienter nicht sein...

Man wartet angesichts einer solchen Effizienz nur noch auf die erste Pleite einer politischen Brandschadenversicherungsanstalt - wegen des Fehlens einer diesbezüglichen politischen "Brandschadenförderungsmittel"-Transparenzdatenbank...

P. S.: Brennt z. B. eine Müllverbrennungsanlage (sic!) ab, gibt's zum Politikergeburtstag von der Versicherung eine neue...
In ein solches System auch noch Grammatik einbringen zu wollen, könnte eine gefährliche Kollision mit dem
Amtsdeutsch der politischen Schadensmeldungen bedeuten...

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